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Markennamen und Firmen zu DDR-Radiogeräten

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Wolfgang Eckardt
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07.Dec.16 12:25
 
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Markennamen und Firmen zu DDR-Radiogeräten

Bis 1945 war es relativ einfach, wenn man sich zu Firmennamen und Marken über Radios verständigen wollte. Der Eine bevorzugte Telefunken, der zweite Graetz, der dritte Mende und ein vierter schwor auf Staßfurt ... 26 Radioproduzenten  gab es bis 1939 in Deutschland.

Nach 1945, mit der Teilung Deutschlands, änderte sich das so, dass zwar die meisten Firmen wieder „auftauchten“, jedoch wegen kriegsbedingter Verlagerungen oft nicht mehr an ihrem früheren Standort. In den drei „Westzonen“, die spätere Bundesrepublik, wurden diese bekannten Firmen- und auch Markennamen weiter verwendet oder auch etwas verändert, z.B. Mende -> Nordmende  –  und natürlich entstanden auch neue Betriebe und Markennamen.

Im Ostteil Deutschlands, der „Sowjetischen Besatzungszone“ (SBZ), die spätere DDR, verlief das anders. Die großen namhaften Firmen, die z. T. Konzernen zugeordnet werden können und im Ostteil Deutschlands Produktionsstätten besaßen, wurden grundsätzlich enteignet, verstaatlicht nach sowjetischem Vorbild, zu Sowjetischen Aktiengesellschaften (SAG) umgewandelt oder „in Volkseigentum überführt“. Kleinere Privatbetriebe bestanden vorerst oft weiter und neue Kleinbetriebe wurden gegründet.
(Es gab aber auch verschiedene Ausnahmen, z.B. Lorenz AG Werk Leipzig, wegen ausländischem Kapital, auf die aber hier nicht weiter eingegangen werden soll.)  
Anfang 1946 brach man in mehr als 200 Betrieben die Demontage ab und erklärte diese zu sowjetischem Eigentum als SAG! Dann wurden die unrentabelsten Betrieb relativ schnell wieder zurückgegeben, die lukrativsten aber erst 1952/53.

Diese ganze Entwicklung verlief in mehreren Etappen: zuerst 1946 bis 1953 und als letzte bis 1972, als auch der letzte Privatbetrieb zum VEB (Volkseigener Betrieb) wurde. Das alles sind Besonderheiten, die sich von der Entwicklung in der alten Bundesrepublik wesentlich unterscheiden.
Bereits 1949 kam in „Das Radiomagazin“ H.10/1949 ein Autor eines Messeberichtes aus Leipzig zu der Erkenntnis: „Die technischen Konstruktionen der ostzonalen Radioindustrie sind ohne die Kenntnis der wirtschaftlichen Struktur ... bzw. der wirtschaftlichen und politischen Lage ... nicht ohne weiteres verständlich.

Dazu möchte ich ein paar Beispiele nennen zu Firmen- und Modellnamen, die auch das einordnen bestimmter Radiomodelle erschweren.

Die größten Betriebe der Funktechnik, die auf ostdeutschem Boden standen, hatten auch früher diese „klangvollen Namen“, waren also „Altbetriebe“, und waren natürlich auch die lukrativsten und wurden schrittweise über eine SAG zum VEB:.

  • Graetz AG in Rochlitz –> VEB Stern-Radio Rochlitz
  • Staßfurter Rundfunkgesellschaft mbH in Staßfurt –> VEB Stern-Radio Staßfurt
  • AEG-Zweigbetrieb in Köppelsdorf –> EAK Köppelsdorf –> VEB Stern-Radio Sonneberg
  • Loewe-Opta AG in Berlin –> Phonetika –> VEB Stern-Radio Berlin
  • Opta-Radio AG in Leipzig –> VEB Stern-Radio Leipzig
  • Sachsenwerk in Niedersedlitz –> VEB Elektromaschinenbau Sachsenwerk

um nur einige zu nennen.

Jeder dieser VEB war ein eigenständiger Betrieb, der allerdings nach zentralen Planvorgaben arbeiten musste, und auch dem Firmenverbund RFT angehörte. Aber jeder Betrieb war natürlich bestrebt, seine Produkte mit einem guten Namen, sozusagen als „gute Marke“ den Kunden anzubieten. Und so versuchte jeder dieser Betriebe mit einer eigenen Art  „Marktstrategie“ die vorgegebenen Planziele zu erfüllen oder gar überzuerfüllen, da nur dann auch die notwendigen Mittel und Materialien von zentraler Stelle geliefert wurden.

Allein die Tatsache, dass fünf dieser Großbetriebe sich „STERN-RADIO“ nannten, dazu noch VEB waren und auch zu RFT gehörten, zwang dazu, die Geräte auch äußerlich für den Käufer attraktiv zu gestalten und auch mit einem typischen „Markenzeichen“ (Label würden wir heute wohl sagen) zu versehen. Für einen „Nichtkenner“ dieser Zusammenhänge beginnen wohl hier die Probleme der Zuordnung von Modellnamen zu den Firmen.

Stern-Radio Sonneberg gab vielen seiner Modelle nach der ursprünglichen üblichen „Nummernvergabe“ Namen von Thüringer Städten: Oberhof, Schwarzburg, Weimar, Erfurt, Ilmenau, Naumburg (Ausnahme, liegt in Sachsen-Anhalt)  stand auf der Frontseite, dazu meistens noch eine Zahl, die die Typenvielfalt unterstreichen sollte. Auch gab es Modelle, die erhielten den Namen „Sonneberg“ (65/52 W und GW, später aus der 5000er- und 6000er- Reihe).
Auf einigen Modellen – nicht bei allen - brachte man nach 1955 auch zusätzlich den Firmennamen an, aber nicht etwa den unübersichtlich langen Namen „VEB Stern-Radio Sonneberg“ sondern einfach „Sonneberg“. Das sollte dem Käufer signalisieren „Ich bin aus Sonneberg“. Als sich die Firma den Markennamen SONRA gab, prangte dieser nun kurzzeitig von Ende 1957 bis Anfang 1960 vorn statt „Sonneberg“. War wahrscheinlich keine gute Idee...? Sonneberg war einprägsamer als Marke und bekannter für den Kunden.

Stern-Radio Berlin machte es ähnlich, nur wurden Namen aus dem Berlin-Brandenburger Raum verwendet: Nauen, Potsdam, Werder, Weißensee oder auch Berlin. Der Firmenname "Berlin" war nicht an der Front zu sehen. Wenn da Berlin stand, dann war es das Modell "Berlin" - oder eines aus der Berlin-Reihe von Autoradios. Damit gibt es auch kaum Zweifel bei der Identifikation eines Modells, höchsten mit den reichlich vergebenen Zusatz-Buchstaben bei verschiedenen Modellen, die immer irgend einen kleinen Unterschied bedeuten. So gibt es allein beim Modell "Potsdam"  mindestens 10 verschiedene Versionen (die bisher noch nicht alle exakt dokumentiert sind in RM.org). Und als die Zeit der Kofferempfänger in Berlin begann, dann hießen die Geräte meistens „Stern ....“

Stern-Radio Rochlitz war bekannt für hochwertige und anspruchsvolle Modelle, die anfangs hauptsächlich als Reparationsleistung in die Sowjetunion gingen. Interessant ist, dass 1947 noch Geräte ausgeliefert wurden, an denen entweder an der Front oder auf der Rückwand der alte Firmenname „Graetz“ zu sehen war. Auf der Schallwand den kompletten Herstellernamen „Stern-Radio Rochlitz“ Anfang der 1950er Jahre anzubringen (z.B. 7E84, 9E91)  war wohl auch nicht so einprägsam, so dass man dazu überging, doch einen klangvollen Modellnamen dort anzubringen, ab 1954 Namen bekannter Musiker oder Komponisten, bis dahin typische Nummerierung, verschiedentlich ist mal „Stern ....“ zu finden.

Stern-Radio Staßfurt war ebenfalls bekannt für hochwertige Geräte, Großsuper und Musikmöbel, anfangs auch als Reparationsleistung für die Sowjetunion. Modellnamen wurden nicht vergeben, nüchterne Nummerierung nach Röhren- und Kreiszahl + Zusatzbuchstaben. Eine Ähnlichkeit mit der Typbezeichnung aus Rochlitz ist zu erkennen, so dass es zu Verwechslungen kommen kann. Aber es gibt sogar Zusammenarbeit zwischen Rochlitz und Staßfurt: die Musikschränke  9E92 und 9E95 mit Empfänger-Chassis 9E91 aus Rochlitz.

Man setzte ab etwa 1954 auf den Namen „Stassfurt“ als Marke, und die sollte vorn zu sehen sein, entweder

  • schlicht auf der Schallwand als Schriftzug,
  • als „RADIO-STASSFURT“ auf der Skala oder
  • in goldenen Lettern auf dem Holzgehäuse,

und hat nichts mit dem Modellnamen zu tun! Der potenzielle Käufer sollte sich für eine Marke entscheiden, und die war in der verwirrenden „Stern-Radio“-Vielfalt eben der Name des Standortes: „Stassfurt“ (oder auch Sonneberg oder Rochlitz...).

(Viele Käufer in der alten BRD z.B. entschieden ja beim Kauf sicher auch nach dem Firmennamen – und der war gleichzeitig Marke: Ich kaufe einen „Grundig“ oder einen „Saba“ – und das war vorn deutlich zu lesen!)

Nur vereinzelt bekamen anfangs die Geräte zusätzlich zur Marke „Stassfurt“ noch einen Modellnamen z.B. aus der Opernszene: Tosca, Carmen, Aida, ab 1955 aber wohl durchgängig: Traviata, Onyx, Diamant. 
Nur Exportgeräte hießen dann wirklich auch  „Stassfurt ....“ (z.B. 4D62 und 4D63) und nicht „Libelle“,  oder der „Stassfurt 600“ -  aber auch der „Stassfurt 62“,  das letzte Radiomodell 1962 von dort – als Abschiedsname von der Radioproduktion?

Aus für mich aus nicht nachvollziehbaren Gründen tragen nicht alle Geräte des gleichen Modells die Kennzeichnung als Schriftzug auf der Schallwand, dass sie aus „Stassfurt“ stammen:  verloren gegangen? – eingespart? – Lieferengpass des Zulieferers? – abmontiert? ....??
Aber wenn „Stassfurt“ vorn drauf steht, dann kommt das Gerät von dem Staßfurter Betrieb und heißt nicht so! Was sollten diese VEB auch für andere Markennamen einsetzen? Ihr Standort war Marke und hatte bei den Radio-Kunden und potenziellen Käufern  einen mehr oder weniger guten Ruf!
(Und wenn bei einem Gerät „Grundig“ vorn zu lesen ist, weiß jeder, dass stammt von der Firma „Grundig“ und kam mal aus Fürth – heute könnte das auch aus Fernost oder Polen kommen....).

(Hier noch eine Bemerkung zur Schreibweise: Der Ort heißt „Staßfurt“ (mit ß), als Markenname auf der Front des Geräte schreibt man aber „Stassfurt“, auch auf den Rückwänden, um sich internationalen Gepflogenheiten anzupassen, denn dort ist das „ß“ nicht bekannt.)

Wer sich noch mehr für diese Besonderheiten der Radiobetriebe in der SBZ und DDR interessiert, der kann sich in der Literatur informieren. Günther Abele und Dr. Herbert Börner haben dazu Interessantes recherchiert und geschrieben:

  • Abele, G.F.: Historische Radios, Band IV, S. 148 ff
  • Börner, H. : Rundfunktechnik in der SBZ/DDR.  „Funkgeschichte“ Nr. 128 (1999), 131, 133, 134 (2000).

Ich bin mir bewusst, dass meine Aufstellung und Argumentation nicht vollständig ist, doch soll es ein Versuch sein, den Freunden alter Radiotechnik, die mit der Radioproduktion im Osten Deutschlands – der DDR – nicht so vertraut sind, Denkanstöße und ein paar Hinweise für die Systematisierung ihrer Sammlung zu geben. Das könnte natürlich noch auf andere Betriebe erweitert werden (REMA, Gerufon, HELI, Goldpfeil, Funkwerk Dresden, Sonata...), doch sind dort die „Entschlüsselungen“ der Typen eindeutiger.

Wolfgang Eckardt

This article was edited 08.Dec.16 12:55 by Wolfgang Eckardt .

  
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