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Bisamberg Österreichs Großsender auf Mittelwelle

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Wolfgang Lill
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21.Nov.18 19:08

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Der Bisamberg im Werden, so lesen wir es in der "Sudeten Radio Woche" vom 1. Jänner 1933.

Ich möchte aus diesem spannenden Artikel der Radiowoche ausschnittweise zitieren.

Die erste Fage damals , warum dieser Standort bei Wien ?

Die Wahl des Aufstellungsstandortes geschah auf Grund umfassender Ausbreitungsmessungen mit einem Versuchssender, welcher der Reihe nach an  acht verschiedenen Punkten Wiens zur Aufstellung kam. Auf ihre Eignung als Standort für die neue Station wurden untersucht; Die Gegend von Laxenburg, zwei Orte im Osten Wiens zwischen Schwechat und Schwadorf, ferner Deutsch- Wagram und Seyring im Marchfeld, ein Ort in der Nähe von Stockerau und schließlich im Wienerwald, jedoch das dominierend gelegene Hochroterd.

Die Versuche ergaben, wie es eigentlich auch zu erwarten war, daß der Wiener Wald ein sehr beträchtliches Ausbreitungshindernis darstellt, das alle Aufstellungsorte östlich des Wiener Waldes ausschließt, weil er sich dort der Breite nach als Barriere vor die Hauptstrahlrichtung nach dem Westen Osterreichs legt,

Die Aufstellungsorte westlich des Wiener Waldes kamen nicht in Frage, weil sich der Wald vor Wien und den dichtbesiedelten Alpenostrand legt  und zu einer merklichen Verschlechterung der Empfangsverhältnisse in diesen Gebieten geführt hätte.

Von den verbleibenden Plätzen im Nord- Osten und Nord- Westen erwies sich der Bisamberg als der geeigneteste, weil sich der Wiener Wald , von ihm aus gesehen, am schmalsten darstellt und sein Schatten nicht in dichtbesiedeltes Alpenvorland, sondern in schwach besiedeltes Bergland fällt.

Foto : My Friend  von 2009 ( Wikipedia) ... diese Sendemasten standen 1933 noch nicht, es geht hier aber um den Standort des Senders 

Das automobilisierte Meßgerät hat bei den sieben Monaten dauernden Messungen 14000 Km zurückgelegt!

Die Frage, warum man den Bisamberg nicht schon früher zum Aufstellungsplatz des derzeitigen Rosenhügelsenders gewählt hat,beantwortet sich damit, daß die bisherigen Stationen für diesen Aufstellungspunkt zu schwach gewesen wären, um Wien und die südlich gelegenen Städte genügend zu versorgen.

Hier ein Luftbild aus dem Jahre 1933, der Bisamberg im Werden tituliert ( Radio Woche Heft 1/1933 , kein Fotograf angegeben).

Ein Blick in den verschneiten Hof auf die Baustelle Ende 1932 . Foto wie zuvor.

Die Leistung

Dazu lesen wir" der neue Sender ist für 120 KW dimensioniert, wird aber nur bis 100 KW ausgenützt, damit er auch bei stärkster Modulation vollkommene Verzerrungsfreiheit behalte."

Die Antennen- Anlage

"Die Antennen- Anlage des Bisambergsenders wird in zwei wesentlichen Punkten von den bisher verwendeten Antennenformen abweichen. Erstens wird an Stelle einer Kupfer- Reuse, die bisher von zwei oder mehreren Stahlmasten getragen wurde, d e r  M a s t  s e l b s t  a l s  A n t e n n e   dienen. Zweitens wird der Sender nicht , wie gewöhnlich, eine einzige Antenne besitzen, sondern deren  zwei, die in einem Abstand von 100 m - es ist dies ein Fünftel der Betriebswellenlänge - errichtet werden.

Die zweite Antenne hat dabei den Zweck, jenen Teil der Strahlung, der nach Osten gerichtet ist und daher für die österreichischen Hörer verloren ginge, nach Westen zu reflektieren und damit die Strahlung der Antenne in die Hauptstrahlrichtung zu verstärken.

Die beiden Masten werden je 130 m hoch sein. Der 61 m hohe, 7 m breite, 4- kantige Gitterträger läuft nach unten und oben spitz zu und ruht an seinem unteren Ende mit einem isolierten Kugelgelenk auf einem Betonfundament. Durch vier Abspannungsseile, die gleichfalls in 61 m Höhe angreifen und an den großen Betonblöcken verankert sind, wird der Mast in seiner senkrechten Lage gehalten. "

Noch einige Ergänzungen zum damaligen Artikel;

der Reflektormast für den auf Frequenz 517,2 m (580 KHz) arbeitenden Sender entstand in 115 m Entfernung erst im Herbst 1933.  Ab  15.Januar 1934 wurde laut Luzerner Wellenplan die Frequenz auf  594 KHz geändert. Übrigens wurden auf die 130 m hohen Masten noch verstellbare Spitzen montiert, diese konnten bis 6 m ausgefahren ( 136 m ) oder eingefahren ( 130 m) werden.  Damit war eine Leistungsoptimierung möglich.                          

Diese Montagearbeiten durften übrigens nur in Sendepausen ausgeführt werden, wegen sonst auftretender sogar lebensgefährlicher Induktionsströme.

Der Sendemast selbst ist ein Blow Knox ( Patent USA ) . Die Montage des unteren Teiles erfolgte am Boden und er wurde dann mittels eines Hilfsgerüstes in die Senkrechte gezogen.Der obere Teil ist dann mit einem nach oben mitwandernden elektrischen Auslegerdrehkran montiert worden. 

Diese Arbeiten führte die Wiener Stahlbaufirma Ignaz Gridl aus.  Den Reflektor errichteten die Kollegen der Waagner- Biro A.G. 

Mit der Abwärme der Dieselaggregate konnten sogar während der Heizperiode die Räumlichkeiten im Sendergebäude und im Wohnkomplex beheizt werden. Erst im Jahre 1939 wurde der Sender an das öffentliche Stromnetz angeschlossen.

Der Sender selbst kam in einigen Komponenten  aus Berlin von der Firma Telefunken. Es war jedoch vereinbart, das alles was man in Österreich dazu bauen kann, einheimische Firmen zuliefern. Das hat letztendlich funktioniert !

Die Endröhren in der 7. Stufe waren doppelt vorhanden und für 300 KW ausgelegt um eine Ausfallsicherheit zuhaben. 

Die Gegengewichtsanlage

"Um von den Schwankungen des Erdwiderstandes zwischen feuchter und trockener Jahreszeit frei zu sein, wird die Anlage an Stelle einer natürlichen Erdung mit einem Gegengewicht ausgerüstet werden , d.h. es wird der fehlende Grundwasserspiegel duch ein über der Erde weit verspanntes weit verzeigtes Kupfernetz ersetzt werden. Dieses Kupfernetz, dessen Herstellung 12 Km Kupferdraht benötigt, wird von 36 kleinen Masten getragen.

Holz oder Stahltürme ?

"Diese Frage wurde im Laufe des Sommers durch Versuche geklärt und zu Gunsten der Stahlmasten entschieden.

Verglichen wurde eine Ideal- Antenne ( eine Kupfer- Reuse), die von einem Fesselballon hochgehoben wurde, und ein gleichhoher Stahlmast. Der Vergleich ergab nahezu Gleichwertigkeit der beiden Anlagen und damit die Möglichkeit der Verwendung von Stahl anstelle von Holz. 

Da die Beständigkeit eines 130 m hohen Bauwerkes bei Verwendung von Stahl viel gesicherter erscheint, als bei Verwendung von Holz und da der Vergleich elektrische Gleichwertigkeit ergeben hatte, entschied man sich für Stahl ."

Sendeanlage und Kraftzentrale

Die elektrische Energie des Senders ( 1400 PS) wird in einem aus drei großen Hallen bestehenden Betriebsgebäude erzeugt. Der Besucher betritt zunächst die Dieselhalle ( 19 x 14 x 10,6 m), die drei große Dieselmaschinensätze von 500, 500 und 400 PS, zusammen 1400 PS Leistung enthält ( Gewicht 82000 Kg ! ) 

Direkt mit diesen Maschinen gekoppelt sind die Dynamomaschinen, die den Strom erzeugen.

Foto wie zuvor  ( leider sind diese Bilder nicht besser zu machen )

"In einem als Kellergeschoß ausgeführtem Anbau liegen die Wasser- Reservoire ( Inhalt 200 m3 ). Sie werden durch Hochdruckpumpen  ( 15 atmosphärig), die 150 m tiefer im Donautal stehen, gefüllt und können den Bedarf der Station für einige Tage decken.

Der weitaus größte Teil des Wassers dient der Kühlung der Dieselmotoren und der Senderöhre. Da das Wasser abnormal hart ist, muß es vorher in einer Enthärtungsanlage, die ebenfalls in dem Souterrain- Anbau untergebracht ist, künstlich enthärtet werden. 

Der Rohölvorrat für einen Monat von rund 60000 Litern Dieselöl befindet sich in zwei großen Tanks unter dem Hof- Planum.

In den anschließenden Maschinenhalle, die von der Dieselhalle durch zwei große Schalttafeln getrennt ist, stehen die Umformer und die Gleichrichter, welche die verschiedenen, von der Netzspannung abweichenden Stromarten und die erforderliche Gleichspannung von 12000 Volt für den Betrieb des Senders erzeugen.

Entlang der einen Seitenwand sind zur Unterbringung der Hochspannungs- Transformatoren, der Ölschalter und der Drosseln Zellen untergebracht, an der anderen Längsseite befindet sich eine Werkstatt und ein Materiallagerraum.

Der zweigeschossige Sendertrakt enthält im Obergeschoß den radio- technischen oder wie der Fachmann sagt, den hochfrequenten Teil des Senders; die Spulen und Kondensatoren, aus denen die Schwingkreise bestehen, die Abstimmmittel und die Senderohre verschiedenster Größe.

Foto wie zuvor >>> zwei Ansichten der Sendeeinrichtung am Prüfstand der Siemens & Halske AG.- G. Wien 

Die vom Sender erzeugte Energie wird nämlich nicht in einem einzigen Stromkreis erzeugt, sondern, beginnend vom sogenannten Steuersender, in insgesamt sieben Stufen, die immer größere Röhren benützen , bis zur Nennleistung von 100 KW verstärkt. 

In der letzten Stufe arbeiten zwei Riesenröhren, von denen jede für sich 300 KW Maximalleistung abgeben kann, In dem Steuersender wird ein kleines Quarzblättchen durch einen Thermostaten auf Bruchteile eines Grades genau auf konstanter Temperatur gehalten und drückt das erste Senderohr, das nicht viel größer ist, als die Röhren eines Empfängers , der Senderschwingung den Rhytmus auf.

Beachten Sie bitte : Originaltext von 1933

Zwei in den Sendesaal eingebaute Räume enthalten den Verstärker. Sie verstärken die aus der Stadt durch ein Spezialkabel auf den Bisamberg geleiteten Sprechströme auf das notwendige Maß. 

Auch ein Oszillograph ist dort, an dem man durch einen bewegten Floureszenzfleck die Sendung auch mit den Augen  beobachten kann.

Dem Sender gegenüber steht das große Zentralschaltpult, das die ganze Anlage beherrscht.

Im Untergeschoß des Sendertraktes sind die zum Sender gehörigen Kühl- und Starkstromanlagen untergebracht. Die in den Senderöhren umgesetzte Energie ist so groß, daß die Metallteile der Röhre, wenn sie nicht andauernd von gekühltem Wasser umspült, sofort inWeißglut geraten und schmelzen würden. 

Der Grundriß der Anlage ist auf reine Zweckmäßigkeit abgestellt und so angelegt, daß der Längsachse des ganzen Betriebsgebäudes entlang ein dem Rückrat des menschlichen Körpers vergleichbarer Leitungsgang führt. Darin werden Kabel aller Kaliber und Rohrleitungen fein säuberlich an Decke und Wand entlang und dann auf kürzestem Wege rechts und links zu ihren Anschlußstellen geführt. 

In den Räumen selbst sind die Leitungen nicht zu sehen, da sie in überall zugänglichen Kabelkanälen verlegt sind.

Die Speiseleitung der Antennen

Die Energie wird von der letzten Sendestufe zur Antenne durch eine cirka 200 m lange Leitung geleitet, die aus einem armdicken Kupferrohr besteht. Dieses enthält in seinem Innern, zentrisch angeordnet, ein dünneres, das aber durch eine spezielle Insolierung von jeder Berührung mit dem Aussenmantel bewahrt wird.

Beschäftigung des Inlandes

Der Sender ist, von einigen kleinen Einzelteilen, die in keinem innländischen Werk hergestellt werden können, abgesehen, samt seinen Hilfsmaschinen im Inland erzeugt worden. 

Die Herstellung der gesamten Senderanlage , außer der den Sender liefernden Firma, erfolgte durch regionale Firmen. Aufträge führten aus zwei Baufirmen, zwei Stahlbaunternehmen. Es waren große Elektrofirmen beteiligt und eine große Zahl kleinerer Betriebe. Sie alle hatten über 7 Monate und länger voll zu tun. An das Betriebsgebäude selbst schließt sich gegen Osten ein Wohntrakt an, welcher für das Bedienungspersonal des Senders errichtet wurde. 

Am 9.Mai 1933 wurde erstmals über die Antenne versuchsweise gesendet. Offiziell wurde der Sender am 28.Mai 1933 eröffnet.

Der zuvor für Wien und Umgebung sendende 15 KW- Sender vom Rosenhügel wurde damit eingestellt, aber noch als Reserve vorgehalten, jedoch 1935 nach Linz umgesetzt.

Nach wie vor erscheinen in den Programmzeitschriften die zwei Sender Rosenhügel ( 15 KW) und Bisamberg (100 KW).  Hier ein Programmausschnitt vom  6.August 1933

Der Bisamberg war nun der attraktivste und leistungsstärkste Mittelwellensender Österreichs und dies wurde unter anderem mit dieser Postkarte anlässlich der Jubiläumsausstellung der RAVAG mit Sonderstempel vom 2.Dezember 1934, und auf der Vorderseite die Senderansicht, gewürdigt. Im Jahre 1934 feiert man auch das erste große Jubiläum, am 30.September1924 startete er offiziell, 10 Jahre Österreichischer Rundfunk !

Nochmal kurz in das Jahr 1924, wir schreiben den 30. September. Die Wiener Tageszeitungen überschlagen sich mit Informationen.

Mit Aufnahme der planmäßigen Sendungen 1,5 KW- Sender hatten in Wien, der 2- Millionen- Stadt, 7000 Radioabonnenten eine Empfangsmöglichkeit. Diese ersten Sendungen wurden 3 x täglich ausgestrahlt, es waren hauptsächlich musikalische Darbietungen mit kurzen Meldungen der Amtlichen Nachrichtenstelle und Wetterberichten. Aber schon gab es Pläne, die Sendezeiten und Inhalte zu erweitern mit Wirtschaftsnachrichten und Sportübertragungen. Das Ziel war erkannt, das Radiowesen populärer zu machen und schnell aus den "Kinderschuhen" herauszubringen      ( so zu lesen in der Kleinen Volks- Zeitung am 30.Sept. 1924 ). 

Am 24.Dezember 1925, wurde die erste Baustufe der Sendeanlage auf dem Rosenhügel fertiggestellt. Dort befand sich damals der größte Wasserspeicher Wiens, Fassungsvermögen 150000 m3 ! Direkt darüber wurde die Dreieckflächen- Antenne mit 3 je 85 m hohen Sendemasten errichtet.

Offiziell ging diese Anlage dann am 30. Januar 1926  auf 565 KHz mit einer Sendeleistung von 7 KW in Dauerbetrieb. ...Aber es gab Anfragen und sogar Proteste, der Sender war vieler Orts, selbst im Nahbereich schlecht zu empfangen. So musste der 1,5 KW  Sender "Am Stubenring" auf 515 KHz wieder eingeschaltet werden. 

Am 8.Mai 1928 wurde der Rosenhügelsender, nunmehr auf 14 KW verstärkt , nach 4-wöchiger Umbaupause wieder eingesetzt.  Auch Bildfunkversuche machte man in den Jahren  1926 bis 1930 von dort. Aber in der Praxis bestand dafür zu wenig Interesse, so das diese Versuche eingestellt wurden.

Im Jahre 1929 wird eine Baracke erichtet und es wird zwischen zwei Masten eine Vertikalantenne montiert. Der erste Kuzwellensender geht im April 1929 versuchsweise auf Frequenz 6072 KHz unter dem Rufzeichen UOR 2 mit starken 10 Watt !!! auf Sendung. 

Der Sender "Am Stubenring" wird im Mai 1928 endgültig ausser Betrieb genommen. Eine Umsetzung auf einen anderen Standort ist nicht überliefert.

Nun entstand, wie bereits zuvor berichtet, die Großsendeanlage auf dem Bisamberg. Diese war dann bis zur teilweisen Zerstörung am 13.April 1945 durch die SS in Betrieb. 

Der Rosenhügelsender wurde 1935 nach Linz umgesetzt, wo er mit entsprechenden Instandsetzungen bis 1965 arbeitete. 

 

Heutige Einfahrt zum ehemaligen Sendergelände 

Ende des ersten Teiles  - Teil 2 folgt 

This article was edited 24.Nov.18 17:25 by Wolfgang Lill .

  
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