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Das restlose Entfernen von Lacken auf Radiogehäusen aus Holz

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Martin Renz
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22.Feb.05 07:43

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Das restlose Entfernen von Lacken auf Radiogehäusen aus Holz

Beim Entfernen der Lacke von Radiogehäusen aus Holz kommt man um Versuche nicht herum. Man kann die verwendeten Lacke grob vereinfacht in 2 Gruppen einteilen: Lacke, die nicht vernetzen und nur durch Verdunsten des Lösemittels erhärten und Lacke, die durch eine chem. Reaktion vernetzen und oft mit einer 2. Komponente, meist "Härter" genannt vermischt werden, die mit der Hauptkomponente chemisch vernetzt. Vernetzung kann auch durch Reaktion mit Sauerstoff oder Wasserdampf aus der Luft erfolgen, die Zugabe einer 2. Komponente entfällt hier.

Physikalisch trocknende Lacke

Die Lacke der ersten Gruppe lassen sich meist mit geeigneten Lösemitteln erweichen und so entfernen. Bezeichnungen für diese Lacke sind zum Beispiel Nitrocelluloselack, Nitrokombi-Lack, Schellack und Kopal u. Ä.. Da handelsübliche Verdünnungen dem Holz und dem Leim normalerweise keinen Schaden anrichten, wird man die ersten Entfernungsversuche hier beginnen. Handelsbezeichnungen für Lösemittel sind beispielsweise Aceton, (Brenn-)Spiritus, (Wasch-)Benzin, Universalverdünnung, Nitroverdünnung, Waschverdünnung. Am erfolgversprechendsten sind Universal-/Nitro-/Wasch-Verdünnung, Spiritus(Alkohol) und Aceton, sowie Mischungen davon. Da die Zusammensetzung der Verdünnungen durch die Hersteller ziemlich willkürlich gewählt werden kann, ist eine allgemeingültige Empfehlung nicht möglich. Wichtig ist, dass in einer gut gelüfteten Umgebung, am besten im Freien gearbeitet wird, und dass die Hände mit Handschuhen geschützt werden. Handschuhe aus Latex sind wenig geeignet, besser sind solche aus Nitril. Ein Augenschutz sollte ebenfalls nicht fehlen. Es können Einwirkzeiten von einer Stunde oder mehr erforderlich sein. Damit sich die Lösemittel in dieser Zeit nicht verflüchtigen, wird die Lackfläche mit getränkten Baumwolltüchern bedeckt und das Gehäuse am besten in einen Sack aus Poly-Ethylen gepackt. Für diese Lackarten ungeeignete Mittel sind "Terpentin", und die diversen Aromatenbenzine. Abgesehen von Reparaturen sollten von dieser Gruppe nur Nitrolacke bzw. Nitrokombis auf Radiogeräten vorkommen.

Vernetzte Lacke (meist Zweikomponentenlacke)

Lässt sich der Lack nach einer längeren Einwirkzeit mit der obigen Methode nicht erweichen, handelt es sich wahrscheinlich um einen Reaktionslack der 2. Gruppe. Die vernetzten Verbindungen können mit den obengenannten Lösemitteln nicht mehr "geknackt" werden. Manchmal neigen diese Lacke nach Jahren zu starker Rissbildung, insbesondere bei einer dicken Lackschicht. Die Entfernung dieser Lacke ist problematischer. Im Handel gibt es eine Reihe von Mitteln zur Entlackung speziell für diese Gruppe. Die meisten werden aber auf Grund Ihrer Gefährlichkeit nur an Gewerbebetriebe abgegeben. Eine gute Übersicht über Hersteller und Informationen über mögliche Gefahren habe ich hier gefunden: Gisbau (PDF)

Soweit ich ermitteln konnte, stellt die Firma Kluthe auch Produkte für den Do-it-Yourself Markt her : Grüneck 2000 Entschichter

Dieser dürfte im Fachhandel für jedermann erhältlich sein. Die Wirksamkeit habe ich nicht überprüft.

Der Schutz von Haut und Augen ist bei diesen Mitteln ebenfalls äußerst wichtig! Die Anwendung erfolgt nach der Beschreibung der Hersteller, ein eventuell empfohlenes Nachwaschen sollte nach Vorschrift durchgeführt werden, damit die anschließende Lackierung gelingt.

Ablauger auf wässriger und alkalischer Basis sind nicht unbedenklich in Ihrer Wirkung auf das Holz. Insbesondere sind Verfärbungen bei gerbsäurehaltigen Hölzern wie Eiche oder Nussbaum zu befürchten, auch wird sich das Furnier vom Untergrund lösen. Gänzlich ungeeignet ist Natronlauge (NaOH) Diese eignet sich bedingt zum Ablaugen von Bauernmöbel aus Fichte, niemals jedoch für furnierte Möbel, vor allem aber ist sie übel gefährlich für Haut und Augen. Natronlauge bzw. Ammoniak entfernen Alkydharzlacke ("Kunstharzlack") recht gut, aber wie gesagt wird Leim davon angegriffen und diese Lacke kommen auf Radios kaum vor, am ehesten als "Überlackierverbrechen" späterer Zeiten.

Andere Verfahren

Alternativ können diese Lacke natürlich auch abgeschliffen werden, auf Grund Ihrer Härte ist dies jedoch schwierig. Maschinelles Abschleifen mit grobem Schleifmittel führt zwar rasch zum Ziel, das weiche und nur wenige zehntel Millimeter dicke Furnier darunter wird jedoch mit großer Sicherheit erheblichen Schaden nehmen und an vielen Stellen durchgeschliffen sein. Von Hand erfordert es viel Durchhaltevermögen und das Risiko des Durchschleifens besteht dennoch.

Versuche mit einem Heißluftföhn werden ebenfalls kaum gelingen. Die Gefahr, dass das Holz Brandstellen bekommt, ist zu groß.

geölte Oberflächen

Einen Sonderfall stellen Oberflächenbehandlungen mit trocknenden Ölen dar. Obwohl diese Methode schon sehr lange bekannt ist, wurde sie für Möbeloberflächen wenig angewandt. Bekannt ist zum Beispiel Leinölfirnis. Erst seit etwa 20 Jahren wurde diese Technik in größerem Maße wieder entdeckt und weiterentwickelt. Da die Öle tief in das Holz eindringen und sich weniger auf der Oberfläche befinden, ist eine Entfernung nicht möglich, aber auch nicht nötig. Diese Art der Oberflächenbehandlung lässt sich verhältnismäßig einfach durch Reinigen und erneuten Auftrag von geeigneten Ölen auffrischen. Gleiches gilt für Mittel aus Wachsen und Mischungen aus Wachs und Ölen.

Lutz Jänicke
Lutz Jänicke
 
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22.Feb.05 17:36

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Reply  |  You aren't logged in. (Guest)   2 Hallo Herr Renz,

wo ist das Abbeizen einzuordnen ? Habe bisher nur mit handelsüblichem Abbeizer aus dem Baumarkt gearbeitet (z.B. CLOU universal) und beste Ergebnisse erzielt. Holz und Leim wurden nicht angegriffen und der alte Lack war schnell und restlos entfernt. Sowohl bei Geräten aus den 30ern als auch den 50er Jahren, also verschiedene Lackarten.

Ist Abbeizer letztendlich nicht auch nur "verdickte" Verdünnung ? Auf den Baumarkt-Flaschen sind ja leider keine Bestandteile angegeben, nur der Hinweis "frei von Chlorkohlenwasserstoffen".

Viele Grüße
Lutz Jänicke
Georg Schön
 
 
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23.Feb.05 09:54

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Hallo Hr. Jänicke,
"Abbeizer" ist inzwischen ein Wort 
ohne fachliche Bedeutung, "handelsüblich" 
ist auch kein Kriterium mehr, sondern eher eine 
Quelle von Verwirrung.
Mit Abbeizer wurden im Lackier-Handwerk Präparationen
aus NaOH, Soda, Ammoniak, Seife etc. bezeichnet, mit
denen man Ölfarben, Kunstharzanstriche oder Schellack
lösen konnte.
"Beize" war traditionell schon mehrfach belegt:
- Beize für Schinken (Kochsalz)
- Beize zum Einlegen von Braten
- (Chrom-)Alaun zum Färben
- Säuren zum Dekapieren von Metall
- Salze etc. zum Färben von Metall
- s. O. für Ölfarben
Ich interpretiere das so, daß man in vielen
"Gewerken" alles, was ein wenig aggressiv war,
als Beize bezeichnete.
Inzwischen ist der Begriff inkompetenterweise auf Lackentferner und
Pinselreiniger übertragen worden, die nur aus Lösemitteln
(evtl angedickt) bestehen.
Dies war bis vor ca. 10 Jahren fast immer Methylenchlorid
mit ca. 10% Methanol und Zusätzen zum Verdicken
und Verdunstungsschutz.
Inzwischen ist Methylenchlorid "out" wegen Gesundheitsrisiken,
es werden Lösemittelmischungen ähnlich "Nitroverdünnung"
mit Verdicker als "Abbeizer" angeboten, allerdings bedeutend
weniger wirksam als die Alten aus Methylenchlorid.
Grüße
Georg Schön

Dieser Link gibt einen guten Überblick
über Abbeizer "Grüneck" (sowie alle nichtgenannten):
http://www.gisbau.de/download/gisbauaktuell/dichlorm.pdf

This article was edited 23.Feb.05 13:12 by Georg Schön .

Christoph Jänichen
 
 
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23.Feb.05 10:31

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Reply  |  You aren't logged in. (Guest)   4 Hallo Herr Renz, hallo an alle Leser dieses Artikels,

danke für Ihre ausführlichen Informationen zu diesem Thema. Ich habe die besten Erfahrungen mit Grüneck-Abbeizer gemacht. Vorab: Der Abbeizer stinkt, ist gesundheitsschädlich und der Geruch hält sich lange in geschlossenen Räumen. Im Freien verarbeiten! Das Gel braucht eine lange Einwirkzeit, etwa 2 Stunden, je länger desto besser, etwaige Wiederholungen je nach Erfolg. Während der Einwirkzeit soll man die eintrocknenden Ecken oder Flächen immer wieder "befeuchten", also mit dem Pinsel etwas Abbeizer oder tatsächlich Wasser (wenigst!) nachstreichen. Alternativ kann auch zum Schutz vor Austrocknung eine Folie umgelegt werden. Der Abbeizer ist wasserlöslich. Zum Entfernen des Abbeizers habe ich auf allen Flächen einen feinen Edelstahlspachtel zum Abziehen verwendet und ansonsten den ganzen "Schmadder" mit feuchten Lappen und Schwämmen herausgewischt (Gummihandschuhe!). Nach einigen Gängen dieser Nachreinigung ist das Holz sauber und roh. Danach Trocknung und Lüftung. Die Oberflächenveredlung gebe ich an einen Möbelrestaurator.

mfg Jaenichen
Martin Renz
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23.Feb.05 15:39

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Hallo Herr Jänicke, Herr Jänichen und Herr Schön,

laut Sicherheitsdatenblatt ist der wirksame Hauptbestandteil des Clou Universal-Abbeizers n-Butylacetat (25-50%) sowie weitere organische Lösemittel. Somit eignet er sich auch zur Entfernung von Reaktionslacken, entsprechend wie Herr Jänichen für den Grüneck-Abbeizer ausgeführt hat. Es werden Handschuhe aus Neoprene oder Polychloroprene empfohlen. Die Dämpfe sollten nicht eingeatmet werden, am besten im Freien arbeiten. Bei Kontakt mit der Haut oder den Augen mit viel Wasser abwaschen, im Falle der Augen danach einen Augenarzt aufsuchen. Daher empfielt sich das Tragen einer Schutzbrille, die billig in jedem Baumarkt oder Fachgeschäft erstanden werden kann.

Nach dem Entfernen des Lackes sollte das Holzgehäuse komplett mit Verdünnung abgewaschen werden, um alle Reste des Lackentferners und der Lackschichten zu entfernen. Dies ist der Hauptgrund, warum ich bei Nitrolack auf den Lackentferner verzichte, er ist hier schlicht überflüssig. Wirksam ist Lackentferner natürlich auch bei Nitrolack.

Informationen zu Produkten der Firma Clou gibt es unter http://www.clou.de . In der Rubrik "Industrie & Handwerk" gibt es unter "downloads" eine Merkblattmappe im PDF-Format, in der viele interessante Produkte für die Restaurierung beschrieben sind. Unter anderem Schelllack, Mattierungen, Beizen ect. Diese Produkte sollten auch für Laien im Fachhandel zu bekommen sein, unser örtliches Malergeschäft bietet jedenfalls einiges davon an.

Viel Erfolg beim Entlacken
Martin Renz

Stefan Bauer
Stefan Bauer
 
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23.Feb.05 20:17

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Reply  |  You aren't logged in. (Guest)   6 Nicht unerwähnt beim Entfernen alter Lacke sollte die gute alte Ziehklinge bleiben. Besonders bei etwas spröde gewordenen Lacken bei Geräten der 30er Jahre kann man sehr schonend meist in einem Arbeitsgang erfolgreich sein.
Sinn macht der Einsatz auch,wenn z.B. nur eine Fläche erneuert werden muß. Man erspart sich dann den Schuzt der übrigen Flächen vor aggressiven Abbeizmitteln.
Außerdem ist bei guter Arbeit die Holzoberfläche unmittelbar für nachfolgende Lackierarbeiten vorbereitet.

Der Umgang mir der Ziehklinge verlangt allerdings etwas Übung und vor allem ein gutes Werkzeug. Ziehklingen werden aus hochwertigem Stahl in verschiedenen Formen angeboten.
Wichtig bei der Arbeit ist das regelmäßige Nachschärfen durch Ausziehen eines feinen Grates an der Ziehklingenkante mit einem speziellen Ziehklingenstahl. Eine gut geschärfte Ziehklinge geht "wie Butter" über die Oberfläche. Ein Abstumpfen wird sofort bemerkt.
Außerdem wird die Ziehklinge nicht gezogen sondern entgegen der Namensgebung vom Körper weggeschoben. Dabei wird die Klinge leicht gewölbt, um Beschädigungen der Oberfläche durch die Ecken der Klinge zu vermeiden.

Herr Erb hat die Methode auch ausführlich in seinem Buch "Radios von Gestern" beschrieben.

Viele Grüße

Stefan Bauer
Hans Pierrel
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09.Mar.14 17:43

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Hallo Herr Bauer,

vor kurzem habe ich einen Graetz W162 restauriert. Der Lack war gänzlich verdorben, wie durch ein Wunder ließ sich der Lack an allen Stellen mit der Ziehklinge entfernen.

Im Nachhinein bin ich auf Ihren Beitrag gestoßen und kann jedem diese Prozedur empfehlen wo sie durchführbar ist. Bei allen Oldies wird dies sicher nicht anwendbar sein. Bei meinem Siemens M47 mußte die chemische Keule herhalten.

Stefan Bauer
Stefan Bauer
 
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11.Mar.14 16:03

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Hallo Herr Pierrel,

es freut mich, dass Sie mit dieser Methode so erfolgreich waren. Natürlich ist das ganze von der Art des Lackes sehr abhängig. Aber man merkt sehr schnell, ob der Einsatz der Ziehklinge erfolgversprechend ist oder nicht. Für mich ist es zunächst immer die erste Wahl, auch wenn man manchmal im Umgang damit etwas "Kondition" braucht.

Speziell die oft sehr minderwertigen Lacke amerikanischer Geräte aus den 30ern lassen sich besonders leicht entfernen, wobei bei guter Technik der anschließende Feinschliff sogar entfallen kann.

Viele Grüße

Stefan Bauer

  
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