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Ein RADIX-8-Röhren-Batterie-Super - oder

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Michael Grzonka
 
 
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08.Jun.03 11:40

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Reply  |  You aren't logged in. (Guest)   1 Ein RADIX-8-Röhren-Batterie-Super -
oder doch "nur" ein Bastelgerät?

Michael Grzonka, Kirchheim

http://www.radiomuseum.org/forumdata/upload/ACFCCAWfaaUx.jpg
Bild 1: Geräteansicht von außen.

Recherchen über längere Zeit hinweg ergaben kein klares Bild über die Herkunft einer nicht näher bezeichneten 8-Röhren-Truhe. Vielleicht können Leser dieses Artikels zur Klärung beitragen.

Gedanken zur Überschrift

Zunächst seien einige Gedanken zu dem in der Überschrift verwendeten Begriff "Bastelgerät" gestattet: Wann ist ein Gerät ein "Bastelgerät"? Ist ein durch einen mehr oder weniger handwerklich begabten Laien zusammengesetzter Bausatz (also von einem Hersteller/Anbieter in Einzelteilen gelieferten Radios) ein "Bastelgerät" - oder gilt dies nur für ein Radio, das nach einem Schaltbild z.B. aus einer Zeitschrift von der selben Person wie zuvor, unter persönlicher, individueller Auswahl der Einzelteile zusammengebaut wurde? Wie sieht es mit Geräten aus, die nach Baumappen, wie in Katalogen angeboten, aufgebaut wurden?

Die Beantwortung dieser Fragen ist mir leider nicht möglich, denn sie bereitet mir, wie vielleicht dem einen oder anderen Sammler auch, einige Schwierigkeiten. Anzumerken bleibt, dass ich mit Geräten ohne Firmenbezeichnung (gleichgültig, in welcher der zuvor aufgeführten Varianten) in keinster Weise weder ein sammlerisches, noch ein persönliches Problem habe. Schließlich waren irgendwann einmal Selbstbaugeräte hoch in Mode, wenn vielleicht auch nur aus finanziellen Gründen.

Der nachfolgende Bericht soll verdeutlichen, dass "Bastelgeräte", in welcher Variante auch immer, ein interessantes Sammelgebiet sein können. Die Gründe für das heute leider noch hie und da auftauchende Verschmähen von "Bastelgeräten" entziehen sich meinem Verständnis. Gerade jedoch die jüngeren Sammler aus unserem Kreise "müssen" sich meist mit diesen Geräten zufrieden geben, sofern sie überhaupt Radios aus den 20er Jahren zu einem vernünftigen Preis bekommen. Sie sollten jedoch nicht den Eindruck erhalten, dass diese Geräte minderwertig sind, nur weil Unbekannte sie fertigten. "Bastelgeräte" prägten jene Epoche - sie sind Zeitgeschichte!

Das Gerät - eine Kurzbeschreibung

http://www.radiomuseum.org/forumdata/upload/ACFECAYfaaUx.jpg
Bild 2: Chassis von oben.





Das nicht industriell gefertigte Chassis (Bild 2) ist in einer Eichenholztruhe mit den Ausmaßen BxHxT von 770 x 290 x 330 mm eingebaut, beides zusammen wiegt etwa 15 kg. Den verwendeten Bauteilen zufolge müsste das Baujahr um 1927/28 liegen, wobei ein Großteil der Bauelemente von drei verschiedenen Herstellern stammt:

Förg: Drehkondensatoren mit Feintrieb, Röhrenfassungen, Konzert-Transformatoren Type T. 5. (1:4 und 1:2)

Radix: BINOCLE OSCILLATOR, HF-Filter, HF-Übertrager (SUPERHET TRANSFORMER)

Schaub: Heizregler

Die Röhrenbestückung ist wohl typisch für ein solches Gerät und besteht aus folgenden Typen: 1 x RE 074 d, 4 x RE 074, 1 x RE 084, 1 x RE 114 und 1 x RE 134. Jede Röhre hat "ihren" eigenen Heizregler, sogar mit entsprechender Bezeichnung (von links nach rechts am Gerät abgenommen):
D.R. OSZ. Z.R. Z.R. Z.R. A. N.F.1 N.F.2



Dieser Überlagerungsempfänger für Batterieanschluss dient gemäß Beschriftung zum lückenlosen Empfang der Wellenlängen von 200 m bis 3000 m (100 kHz bis 1,5 MHz); der Wellenbereich ist dazu in zwei Bereiche unterteilt: 200 - 600 m und 600 - 3000 m. Praktisch werden diese Frequenzen nicht ganz eingehalten.

Wie Messungen ergaben, arbeitet das Gerät mit einer Zwischenfrequenz von etwa 52,6 kHz. Diese ZF gilt für beide Wellenbereiche gleichermaßen.

Vermutungen

- Betrachtet man den HF-Teil, also den BINOCLE OSCILLATOR (Radix, Abb. 3), das HF-Filter (Radix) und die HF-Übertrager (Radix) als das Herzstück des Empfängers, so liegt es nahe, dass es sich um ein Radix-Gerät handeln dürfte; der Rest der Bauelemente ist dann, wenn auch dringend erforderlich, nur Beiwerk. Aber leider findet sich an keiner Stelle des Gerätes ein entsprechender, expliziter Hinweis auf die Firma Radix.


Bild 3: Detailansicht "RADIX BINOCLE OSCILLATOR", Förg-Drehkondensator, RE074d.

- Sämtliche Bezeichnungen der Frontplatte sind äußerst sauber eingraviert, was nicht gerade auf ein "Bastelgerät" hinweisen dürfte. Denn welcher Bastler hätte sein Eigenbaugerät mit derartigen, zudem fachmännischen (siehe oben) Abkürzungen versehen, wo doch das Gravieren eine nicht gerade preisgünstige Auftragsarbeit ist? Hätte es eine Numerierung der Heizregler von "1" bis "8" für ein "Bastelgerät" nicht auch getan? Für unwahrscheinlich halte ich es, dass die Industrie Frontplatten mit Gravierung für Bastelbedarf herstellte, ohne die dazugehörende Schaltung mitzuliefern.

- Verdrahtung: Die mit versilberten Vierkantdrähten ausgeführte Verdrahtung macht einen etwas "chaotischen" Eindruck. Es sieht nach einer geübten, aber dennoch irgendwie laienhaften Ausführung aus.

Und es spielt doch!

Um so mehr erstaunt es, dass das Gerät, versehen mit Rahmenantenne und Lautsprecher - von einigen Wehwehchen abgesehen - einwandfrei spielt. Von einer hohen Schwingneigung, wie es bei einem derartigen dichten Aufbau mit acht Röhren ohne jegliche Abschirmung der (HF-)Leitungen und der einzelnen Stufen zu erwarten wäre, ist glücklicherweise keine Spur.

Zusammenfassung

Ein Batteriegerät um 1927/28 ohne Firmenbezeichnung mit professionellem Äußeren, dessen Innenleben einen laienhaften Eindruck vermittelt und funktionsfähig ist (obwohl es kaum zu erwarten gewesen wäre!). Ob ein Bausatz, ein nach einer Baumappe oder nach einer anderen Vorlage gebautes Gerät vorliegt, konnte bislang nicht eindeutig geklärt werden.

Eine abschließende Bitte: In der Funkschau-Ausgabe von 1929, Seite 16, (zweites Januarheft) findet sich der Bericht "Erfahrungen mit Supern" inklusive einem Schaltbild, das dem der zuvor beschriebenen Truhe sehr ähnlich ist. Jener Bericht bezieht sich auf das Jahr 1928 und verweist auf die Funkschau-Ausgaben Nr. 18, 19, 24 und 25. Leider hatte ich bislang keine Gelegenheit, diese Ausgaben zu prüfen, da sie mir nicht zur Verfügung stehen. Wer könnte mir da bitte helfen?

Ich habe die Hoffnung, dass der eine oder andere Leser ähnliche Geräte kennt oder Informationen dazu hat und sich mit mir in Verbindung setzt. Konkret suche ich alles, was damit in Zusammenhang steht, beispielsweise Kopien von Schaltplänen, Bauanleitungen, Prospekten, Bedienungsanleitungen, Blaupausen, usw.


Bild 4: Schaltbild des 8-Röhren-Supers 1927/28 mit unabgeschirmtem ZF-Teil.

Einen besonderen Dank möchte ich unserem GFGF-Mitglied Michael Meyer aus Stuttgart für die Neuzeichnung des Empfänger-Schaltbildes sagen, sowie Herrn Dr.-Ing. Herbert Börner für die redaktionelle Bearbeitung der Bilder und des Textes.

P. S.: Dieser Artikel ist noch nicht in der Funkgeschichte veröffentlicht, wird aber dort erscheinen.

Attachments:

This article was edited 08.Jun.03 11:50 by Michael Grzonka .

Reinhard Bittner
 
 
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Reply  |  You aren't logged in. (Guest)   2 ...es liegt mir fern, jemanden zu düpieren. Ich hatte auch nicht vor etwas herunterzumachen. Meinen Beitrag habe ich daher gelöscht.

This article was edited 31.Jul.05 18:50 by Reinhard Bittner .

Wolfram Zylka
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Reply  |  You aren't logged in. (Guest)   3

Möchte den Faden von Herrn   Grzonka aufnehmen.

 

Die Firma Radix war in den 20er Jahren ein Hersteller von hervorragenden Bauteilen für den Bau von Radioempfängern.

Die bevorzugte Zielkundschaft war nach meinen Recherchen der geübte Heimwerker.

 

Das sieht man auch an Ihrem Beispiel. So ein Gerät baute kein unbedarfter Amateur.

Ein weiteres Beispiel ist die Radix Panzer-Solodyne-Schaltung.

 

 Bausatz bestehend aus:  Radix-Antennentrafo, HF-Trafo, Audion-Transformator mit Rückkopplung, Umschaltknopf, elastische Kupplung, HF-Drossel, 2 Mikrodone, Blockkondensator 3 x 0,5 µF, Sperrkreis (Spule mit Kondensator).

 

Der motivierte Bastler musste sich darüber hinaus alles weitere separat beschaffen: Röhren, Fassungen, NF-Trafos, Drehkondensatoren und Aufbaumaterial.

 

Meine Meinung ist, dass sogenannte Bastlererzeugnisse genau so Zeitgeschichte sind wie Industriegeräte. Gleichgültig ob diese auf einem Bausatz oder Katalogteilen basiert.

Siehe  auch das Modell Radix Panzer-Solodyne

Vielleicht gibt es noch mehr schöne Beispiele.

 

Gruß

Wolfram Zylka

This article was edited 29.Jul.05 22:14 by Wolfram Zylka .

Konrad Birkner † 12.08.2014
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Reply  |  You aren't logged in. (Guest)   4  Die Radix Innenansicht macht mir keineswegs einen laienhaften Eindruck, verglichen mit zeitgenössischen Industriegeräten. Bei Mende z.B. sieht es da ganz fürchterlich aus.

 Die Ablehnung von "Bastelgeräten" kommt zum Großteil aus der Unsicherheit in der Beurteilung und fehlender Dokumentation und Vergleichsmöglichkeit.
 
 Das bleibt jedem persönlich überlassen, aber es berechtigt nicht dazu, diese Sparte herunterzumachen.  Gerade Bastler, seinerzeit Amateure genannt, waren in den 20er Jahren der Industrie (zumindest einigen Firmen, auch namhaften) um Längen voraus.
 
 Und die ausgefeiltesten Bastelgeräte sind deshalb Unikate, weil sie vom Erbauer erdacht und verwirklicht wurden, bestenfalls anhand eines Vorschlags. Solche Vorschläge findet man z.B. in dem Büchlein "Super-Heterodyne Receivers" von 1924, wo Charles Leutz,einer der fähigsten Superhet-Entwickler (nicht Erfinder !) genau beschreibt, worauf es ankommt. Sein "Radio Experimenters Service" empfahl den Bau von Superhets schon seit 1921! Da schliefen die bekannten Weltfirmen noch.

 Auch die erste Ozeanüberbrückung per "Amateurfunk" im Dez.1921 erfolgte auf der Empfangsseite mit einem Superhet, den Paul F.Godley entwickelt hatte. Es gab absolut nichts gleichwertiges oder auch nur ähnliches auf Seiten der Industrie....

Wer nur oder überwiegend auf den materiellen Wert blickt oder gar es als reine Investition ansieht, für den sind diese Geräte natürlich nicht geeignet. Lassen wir sie ruhig ihr Geld für D-Züge etc. ausgeben. Ich habe damit kein Problem. Es ist eine andere Art der Sammlermotivation, die man nicht zu teilen braucht. 
 
Wer von der Technik fasziniert ist, kommt am Bastelgerät nicht vorbei. Und eine "Fälschung" ist hier viel leichter zu erkennen als bei einem geschickt gemachten Replikat. Es lohnt nämlich nicht den Aufwand, weil kein solcher Gewinn daraus erschwindelt werden kann.
 
Ausserdem erfordert selbst eine gute Nachempfindung eine gründlichere Kenntnis der Zeit, als bei einem katalogisierten Gerät, das oft auch noch zum Vergleich in einer Sammlung steht.

Fazit: Jedem das seine!

This article was edited 16.Mar.08 15:07 by Konrad Birkner † 12.08.2014 .

  
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