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Mikrostrahlen über dem Aermel-Kanal (1931)

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Georg Richter
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Aus "Das Rundfunkwesen" Heft 14/VIII vom 03.04.1931


Mikrostrahlen über dem Aermel-Kanal

Von Hans Joachim

     Auf einer Klippe bei Lavernock Point am Ärmelkanal kauern fünf Männer, unter ihnen der deutsche Professor Slaby, in einer Holzkiste, in die sie sich des starken Windes wegen verkrochen haben. Abwechselnd starren sie auf einen in der Kiste stehenden Empfangsapparat und dann wieder nach dem 5 Kilometer entfernten Eiland Fiatholm hinüber. Jetzt geht dort eine Flagge hoch, das verabredete Zeichen, daß man zu senden beginnt. Und dann fängt auch der Ticker in der Kiste an zu arbeiten. Tick, tick, tick, täh. . .  Tick, tick, tick, täh. . .  gibt er das Morsezeichen für den Buchstaben "V".

     Am 10. Mai 1897 war es, als das geschah, als zum ersten Male eine funktechnische Verbindung über solche Entfernung glückte. Für immer ist dieser denkwürdige Tag in der Geschichte der drahtlosen Telegrafie verzeichnet. Ein anderer, der 31. März des Jahres 1931, hat sich jetzt nicht minder bedeutsam neben ihn gestellt. Gelang doch an ihm ein zuverlässiger telefonischer Verkehr mit Ultra-Kurzwellen von nur 18 Zentimetern Länge zwischen Dover und Calais. Eine stattliche Versammlung von Regierungs- und Pressevertretern war es diesmal, denen die Ingenieure der International Telephone and Telegraph Laboratories in Dover und die Techniker von Le Materiel Telephonique in Calais die neue Verbindung mit Mikrostrahlen vorführten.

     Mikrostrahlen! Der Name kennzeichnet das Wesen dieser elektromagnetischen Ultra-Kurzwellen, die sich hinsichtlich der Brechung und Reflexion schon ganz wie Lichtstrahlen verhalten und sich durch metallische Reflektoren als geschlossene Strahlenbündel in die Ferne senden lassen. Unser Bild 1

Bild 1. Schematische Darstellung der UIltrakurzwellen-Verbindung über den Aermal-Kanal

gibt das Schema der Anlage. In Dover ein Sender, dessen Strahlung durch einen Parabolspiegel von drei Metern Durchmesser auf einen ebensolchen Spiegel in Calais geworfen wird. Im Brennpunkt dieses französischen Spiegels die Empfangsapparatur. In Calais nur 100 Meter von diesem Empfänger entfernt, ebenfalls ein Sender, der seine Strahlung auf einen Empfängerspiegel in Dover wirft. In Dover sowie in Calais Empfänger und Sender, durch eine Umschalteinrichtung der üblichen Art in Verbindung gebracht, so daß man mit dem normalen Telefonapparat gleichzeitig hören und sprechen kann. Dabei sowohl die Verbindung Dover—Calais wie diejenige Calais—Dover mit der gleichen Wellenlänge von 18 Zentimetern betrieben, ohne daß irgendeine gegenseitige Kopplung oder sonstige Störung der beiden Verkehrsrichtungeu eingetreten wäre. Bild 2

Bild 2. Schematische Darstellung eines Senders

gibt die schematische Darstellung eines Senders. Rechts der große parabolische Reflektor. In dessen Brennpunkt die Mikro-Radio-Röhre. In ihr wird die zugeführte Gleichstromenergie in Hochfrequenz von 1,6 Milliarden Schwingungen pro Sekunde umgewandelt, und mit Hilfe eines Mikrofons im Rhythmus der Sprechschwingungen moduliert. Auf dieser Röhre eine winzige Doppelantenne von je zwei Zentimetern Länge. Aus diesen Drähtchen strahlt Sendeenergie im Betrage von einem halben Watt. Es ist die gleiche Energiemenge, die etwa eine Taschenlampe braucht. Ein Teil der Antennenstrahlung fällt direkt auf den großen Parabolspiegel. Der andere Teil wird von einem zweiten kleineren links von der Röhre befindlichen Kugelspiegel aufgefangen und ebenfalls auf den Parabolspiegel geworfen. Von diesem aus flutet dann der gesamte Energiestrom in Form eines geschlossenen Strahlenbündels über die See hin zu dem fernen Empfänger. Dort die gleiche Einrichtung. Nur im Brennpunkt der beiden Spiegel eine Mikroröhre anderer Art, welche die ankommenden Impulse gleichrichtet, verstärkt und zum Telefon weitergibt. Bild 3

Bild 3. Ansicht einer Küstenstation

gibt die Ansicht einer Station. Verschwindend gering die Sendeenergie, die hier eine Strecke von 40 Kilometer über brücken muß. Und doch gibt es eine Verständigung, wie sie klarer und lautstärker durch das beste Telefonkabel nicht zu erreichen wäre. Keine Störungen, weder durch atmosphärische Entladungen noch durch das übelberüchtigte Fading. Die Ultra-Kurzwellen scheinen immun gegen diese Einflüsse zu sein, die dem Verkehr auf langen Wellen so große Schwierigkeiten bereiten.

  Nach Beendigung der Funkgespräche bewies eine weitere Vorführung noch andere Anwendungsmöglichkeiten der Mikrowellen. Es wurden an beiden Stationen die Apparate des neuen Faksimile-Telegrafie-Systems an die Verbindung  angeschlossen. Diese Faksimile Telegrafenapparate wurden in der Richtung von Calais nach Dover in Betrieb gesetzt; in Calais in die Apparate eingeführte Seiten von gedrucktem Text konnten in Dover mit einer Geschwindigkeit von ungefähr einer Seite in der Minute wiedergegeben werden, was nicht nur einen großen Fortschritt gegenüber der Geschwindigkeit bestehender Telegrafiesysteme darstellt, sondern auch eine wesentliche Ersparnis in der Bedienung, da kein Abschreiben durch Maschinentelegrafen oder keine sonstigen Vorbereitungsarbeiten erforderlich sind, um das Telegramm  zu übertragen.

     Die Vorführung am 31. März hat endgültig bewiesen, daß der Wellenbereich von 10-100 cm nunmehr dem praktischen und kommerziellen Verkehr zugänglich gemacht ist. Was das in seinen letzten Auswirkungen bedeutet, läßt sich im Augenblick noch nicht übersehen. Eine gewisse Beschränkung scheint vorläufig darin zu liegen, daß Sende- und Empfangsstation wegen der gradlinigen Ausbreitung der Mikrostrahlen in gegenseitiger Sicht liegen müssen. Erst weitere Versuche können zeigen, wie weit man von dieser Bedingung abweichen darf. Aber auch wenn man zunächst an ihr festhält, ergeben sich doch sofort zahlreiche Anwendungsmöglichkeiten. Man braucht nur an die Benutzung derartiger Ultra-Kurzwellen-Sender als Funkleuchtfeuer für Navigationszwecke und für den direkten Verkehr zwischen in gegenseitiger Sicht befindlichen Schiffen zu denken. Gelingt es aber, diese Ultra-Kurzwellen, deren vollkommen technische Beherrschung jetzt jedenfalls gelungen ist,   auch für die eigentlichen Rundfunkzwecke dienstbar zumachen, so hat die ganze Wellen- und Äthernot mit einem Schlage ein Ende. Denn unter der bekannten Annahme eines Frequenzbandes von 9000 Hertz für den einzelnen Sender lassen sich in dem Wellenbereich von 10-100 cm neunmal soviel Sender unterbringen, als auf dem ganzen heute dem Rundfunk zur Verfügung stehenden Langwellenbereich. Unter allen Umständen bedeutet die Vorführung in Dover-Calais daher einen Markstein in der Geschichte der Wellentechnik, denn sie eröffnet Ausblicke und Möglichkeiten, die vor kurzem als Utopien gelten mußten.

  
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