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NVA: Atomfreies Wochenende und gutes Westbild

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Wolfgang Scheida
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15.Mar.09 15:43

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Atomfreies Wochenende und gutes Westbild

Atombombenfreies Wochenende und ein gutes Westbild

Dies war eine inoffizielle Grußformel fürs Wochenende bei ehemaligen NVA Angehörigen und dies obwohl der Westempfang strikt verboten war.

(Quelle: Gespräch mit dem Bundeswehr Hauptfeldwebel Berthold Birka vormals NVA Angehöriger in der TV Dokumentation:  "NVA-Soldaten in der Bundeswehr - Ich hätte geschossen - damals" / BR alpha D 1997)

Weiß noch jemand ab welchen Zeitabschnitten sich inoffiziell der Zugang zum West TV -der allabendlichen Republikflucht zunehmend und stillschweigend durchgesetzt hat?

Es erscheint auch die hohe Priorität des (guten) Westempfangs gleich nach der Atom(krieg)freiheit als bemerkenswert.  

 

Sammlerkollege Herr Lill sendet mir sozusagen aus erster Hand selbst erlebtes auszugsweise zu:

 
.........Laut DDR Regelungen war es den Angehörigen bewaffneter Organe und des Ministeriums für Staatssicherheit verboten, "Feindsender" zu hören und zu sehen.
 
Da gab es noch mehr Einschränkungen, die bei der späteren Auswahl der Kader für diese Arbeiten, entsprechend beachtet wurden.
 
Zum Beispiel durften die Mitarbeiter keine Westverwandtschaft haben.
 
Die Kriterien verschärften sich nach dem 17. Juni 1953 ( Aufstände in der DDR) . Mein Vater war 1947 in die KVP eingetreten ( Kasernierte Volkspolizei) und es wurde neu gesiebt.
 
Mein Vater war in US Gefangenschaft  in den letzten Kriegswochen geraten und sprach dazu auch noch gut englisch.
 
Das war schon ein Gefahrenpotential für die DDR geworden, wohingegen einer aus Sowjetischer Gefangenschaft, der ja sogar einige Worte Russisch sprach, die besseren Karten hatte, da er ja bereits "umerzogen " wurde.
 
Vom Stalinismus selbst trennte man sich in der DDR nicht so schnell. Die nächste Säuberungswelle wurde nach 1961 organisiert, da wurden die FDJler strukturiert, bestimmte Antennen von den Dächern zu holen.
 
Ich weiß das noch von AUE in Sachsen. Dort wurden 1961 die sogenannten Ochsenkopfantennen (Ochsenkopf ARD Kanal 4) Zielscheiben der Vernichtung.
Nicht wenige wurden runtergeholt.
 
Im Raum Dresden stellte sich dieses Problem nicht so, da wir ARD waren (Außer  im Raum Dresden konnte das Westfernsehen in der DDR nahezu überall empfangen werden).
 
Bei der Nationalen Volksarmee, wo ich 1973 als Reservist Motschütze in Marienberg /Erzgebirge einrückte, wurden wir grundsätzlich belehrt, das das sehen von Westfernsehen und das hören von Westsendern strengstens verboten ist.
 
In meiner Gruppe war u.a. ein Herzspezialist (Professor), der sich das nicht gefallen lassen wollte... er hatte damals den Mut zu sagen, er kommt seiner staatsbürgerlichen Pflicht nach mit dem Reservistendienst, aber er kann Musik hören, welche er will.....er wurde dann zur Zielscheibe der Politagitation und hat es sein gelassen.
 
Schlimmer war, das wohl jemand versehentlich die Plombe am TV entfernt hatte und damit Westfernsehen in die Fernsehstube flimmerte...das wurde dann gründlich untersucht und es kam ein älteres Modell (schwarz-weiß TV) mit Trommelkanalwähler zum Einsatz.... da ging nur noch DDR 1.
 
Ich habe das Problem Westfernsehen 1988 (!) selbst angepackt und wir haben in der Firma einen (SAT)Spiegel berechnet und auch laminiert.... der war im Durchmesser 1,56 m.
 
Den Receiver lies ich mir von Verwandten schicken ( damals tauschte ich 1:8 ...1 Mark West für 8 Ostmark) um an das begehrte Teil zu kommen. Aber wir bauten einige Spiegel und hatten zumindestens offiziell keine Schwierigkeiten damit.
 
Die DDR ließ die Receiver (DDR BRD war Warenverkehr zollfrei) im Paket passieren.... und auch seitens unseres Hausverwalters gab es keine Einwände gegen das Anbringen des Spiegels.
 
Offiziell sagte ich natürlich, das wir damit das sowjetische Fernsehen (Gorizont 4 GHz) sehen können.....
 
Aber geglaubt haben das sicher nur wenige.....
 
Für die o.g.Berufsgruppe war es zumindestens bis Ende November 1989 weiterhin untersagt, Westfernsehen und Rundfunk zu hören..... Dann löste es sich alles von alleine....
 
 
MFG Wolfgang Lill

Anmerkung: Im Raum Dresden hat sich vor Torschluß ebenso eine Bürgerinitiative für den "besseren Fernsehempfang von DDR2" eingesetzt und erste Kabelnetze verlegt. 

Mit dem ZDF auf UHF aus Berlin über einen Parabolschirm als Abschirmung gegen das CSSR TV vom Süden her montiert auf einem von netten Genossen der Interflug per Helikopter aufgestellten Gittermast. Verteilverstärker von SEL aus dem Westen, und Grundig STR201 SAT Receiver als Kopfstelle für RTL & SAT1. 

Kabellegearbeiten wurden wie das "Netz einer giftigen Spinne des Westens" in Eigenleistung der zukünftigen Teilnehmer als Feiertagsarbeit durchgeführt. Das war im wahrsten Sinn des Wortes VEB! Heute sind diese Netze zumeist im Portfolio eines internationalen Global Players der ab und an mal die Preise erhöht.......

(Quelle: Eine Funkschau aus den 1990ern - Wird bei Gelegenheit nachgetragen)   

 

Ein Filtrat an Erinnerungen zum Thema Westfernsehen in der DDR gibt dieser LINK

 

Dazu passender Beitrag siehe auch Selbstbau von UHF Konvertern für das Westfernsehen in der DDR:

http://www.radiomuseum.org/forum/ddr_selbstbau_uhf_converter.html

Wer über die Sache mit SECAM und dem Farbfernsehen in der DDR bescheid wissen will wird hier fündig: 

http://www.scheida.at/scheida/Televisionen_DDR_Color20.htm

W. Scheida 3/09

This article was edited 21.Mar.09 10:37 by Wolfgang Scheida .

Michael Seiffert
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16.Mar.09 11:19

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Ich kenne die angesprochene Redewendung eher aus dem Zivilleben. Die Kollegen wünschten sich das mitunter nach Arbeitsende am Freitag für die kommenden freien Tage das Wochenendes. Bei der NVA habe ich den Spruch nie gehört, obwohl da so manche Floskeln umgingen. Es kann aber durchaus sein, das der Spruch durch Soldaten im Grundwehrdienst mit in die NVA eingeschleppt wurde oder  umgekehrt. Der Ursprung wird sich wohl kaum noch herausfinden lassen. Westfernsehen war in der DDR von offizieller Seite nirgens gern gesehen und das "atomfreie Wochenende" war wohl eher sarkastisch gemeint.

This article was edited 16.Mar.09 11:20 by Michael Seiffert .

  
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