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Radio Vltava, Radio Moldau Geheimsender aus der DDR

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Forum » Radio- and technical History » Decades of broadcasting » Radio Vltava, Radio Moldau Geheimsender aus der DDR
           
Wolfgang Lill
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21.Aug.18 18:03
 
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Heute, vor genau 50 Jahren, am 21. August 1968, wurde der Prager Frühling in der Tschechoslowakischen Sozialistischen Republik gewaltsam durch den Einmarsch sowjetischer,  polnischer  und ungarischer Truppen beendet.

Die DDR- Truppen durften nicht mit einmarschieren, die Soldaten und Offiziere der Nationalen Volksarmee hatten ja die Wehrmachtsuniformen mehr oder weniger übernommen und diesen Anblick wollte man wohl den Tschechen und Slowaken  ersparen. So zog Breshnew in Moskau  die Notbremse und bereits geplante Truppen der NVA wie die 7. Panzerdivision blieben in Grenznähe auf DDR- Seite in Bereitschaft.

Aber es gab natürlich neben der Nachschubsicherung auch ideologische Aufgaben zu erledigen.

Ganz wichtig ist die Rundfunkpropaganda. Ein idealer Standort in Grenznähe war hier Wilsdruff bei Dresden.

Rohrmast Wilsdruff Foto Hajo Böhme

Erfahrungen hatte man ja bereits mit solchen "Geheimsendern", der Deutsche Freiheitssender 904, die Stimme der Kommunistischen Partei Deutschlands ( verboten in der BRD)  oder auch der sowohl bei den Soldaten  der Bundeswehr als auch der Nationalen Volksarmee beliebte Deutsche Soldatensender auf Mittelwelle 935 KHz. 

Zunächst gab es im Juli 1968 Überlegungen  bei der SED Führung und der zuständigen Abteilung des Ministeriums für Staatssicherheit,  welche Übertragungsmöglichkeiten für die Rundfunkpropaganda die wirksamsten sind.

Einbezogen wurden die Langwellensender Zehlendorf damals auf 185 KHz ( Deutschlandsender), der Sender Wolga, der von Burg bei Magdeburg auf 263 KHz mit einem 200 KW Tesla- Sender  sendete sowie auch die Frequenzen 1430 und 1511 KHz ( Radio Berlin International) aus Wilsdruff und Königswusterhausen . 

Im Zeitraum 23. bis 26. Juli 1968 fuhren leitende Mitarbeiter des Funkamtes Wilsdruff mit privatem PKW und neben Autoradio auch mit Kofferradios versorgt, quer durch die CSSR , um die Empfangsbedingungen der infrage kommenden Sender im Zielland zu ermitteln. 

Radio Berlin International meldete sich ab dem 22. Juli 1968 früh von 5,00 Uhr bis 5,30 Uhr  und abends nochmal von 18,00 Uhr bis 18,30 Uhr in Tschechischer Sprache und ab 31.Juli kam im Anschluß noch eine 30 minütige Sendung in Slowakisch dazu. Von Wilsdruff wurde früh und abends  auf 1430 KHz mit dem 250 KW- Sender gestrahlt. ...allerdings ausschließlich tschechische Blasmusik von Schallplatten. 

Letztendlich entschied man sich für Radio Vltava , die Kennmelodie war auch schon startklar, das Moldauthema von Smetana. 

Ein Zeitzeuge des Technischen Dienstes erinnert sich:

Ende Juli, es war Frühdienst, kam der Leiter des Funkamtes mit mehreren Herren in den Sendesaal und erklärte uns , das wir den Anweisungen der Genossen Folge leisten müssen. Über alles, was jetzt passieren würde, darf nichts nach aussen dringen, die Mitarbeiter durften das Gebäude nicht mehr verlassen. 

250 KW Endstufe Sender Wilsdruff Foto Hajo Böhme

Die Tür war verschlossen davor eine Wache der Volkspolizei - Betriebsschutz.  Mobile Studiotechnik wurde hereingebracht und eine Art Notstudio errichtet sowie die notwendigen Verbindungen zur NF- Vorstufe des Senders hergestellt. Die Modulation erfolgte über die Modulationsverteilung im Sendereingangsgestell.Die Herren waren nach Aussage des Zeitzeugen auch bewaffnet.

Man machte Übertragungsversuche durch Übertragung von Zahlenkolonnen, dabei konnte der Zeitzeuge nicht sagen, ob diese Durchsagen in Tschechisch oder Russisch erfolgten.

Auf jeden Fall testete man den Sender im Grenzleistungsbereich, Röhrenüberschläge und das Ansprechen des Überlastsschutzes wurden dabei in kauf genommen.

Am 18.08. wurde in Moskau die Besetzung der CSSR zum 21. August beschlossen.                  Erich Honecker persönlich befahl am 20.August die Herstellung der Sendebereitschaft über den Sender Wilsdruff. 

In den Studios  der Nalepastraße in Berlin wurden die Sendungen produziert. 

Foto Andreas Steinhoff, 2005 . Redaktion von Radio Vltava ( Moldau) saß in Berlin Nalepastraße

An eine Sache hatte man aber wohl in der Vorbereitung nicht gedacht, Sprecher zu organisieren, die richtig tschechisch oder deutsch können. Zunächst sprachen Sorben und Sudetendeutsche mit deutlichem Akzent. Auch die nachfolgenden Nachrichtensprecher konnten die Umlautsprache nicht richtig flüssig vortragen.... so kam es der CSSR dazu, das man den Sender hörte, um sich an der Aussprache zu belustigen. Andere Leute mit weniger Humor schalteten einfach ab.

Aufgenommen in einer Ausstellung im Museum Wilsdruff, Quelle Umweltbiliothek Großhennersdorf e.V.

Trotz der guten Sendebedingungen erreicht man die Zielgruppe nur bedingt, Ursache sind die Moderatoren ohne die notwendige Sprachausbildung.

Der 250 KW- Sender war übrigens auf 1043 KHz  und übertrug das Programm von Radio DDR1  , der kleienre Sender mit 20 KW  sendet auf 1430 KHz. Man tauschte die beiden Sendefrequenzen. 

Ich kann mich erinnern, das Radio Vltava auch kurzzeitig einmal auf 1043 KHZ gesendet wurde.

Wichtig war die Information, daß die Bruderländer einer Gruppe aufrechter Kommunisten zur Seite geeilt sind und konterevolutionäre Elemente entfernen werden.....

Am 26.8. 1968  gab es einen weiteren Befehl, ein mobiler 20 KW- Sender sollte im Gebiet Lugstein - Altenberg aufgebaut werden,wegen der Grenznähe und damit noch günstigeren Ausbreitungsbedingungen. Aber in Betrieb wurde dieser nie gesetzt. 

 Auch an Störsender auf die Frequenzen noch arbeitender tschechischer Sender wurde gedacht. Auf 701 KHz arbeitet noch Usti n.L. , dieser sollte von Altenhain bei Chemnitz mit 701,8 KHz mittels Wobbler gestört werden.  Praktisch ist das jedoch nicht erfolgt.

Foto; Wolfgang Lill

So blieb es beim einzigen Propagandasender der DDR, der für diese Aktion eingesetzt wurde.

Da ja in der DDR die sowjetischen Truppen immer noch das Sagen hatte, darf auch eine Sache nicht vergessen werden,

am 10 09.1968 landeten ein sowjetischer Hubschrauber unmittelbar in der Nähe des Senders Wilsdruff und drei bewaffnete Offiziere versuchten in Erfahrung zu bringen, was da für ein merkwürdiges Programm in tschechisch und slowakisch gesendet wird.... Die Sowjets wurden an die zuständigen staatlichen Organe verwiesen. 

Später erklärte Hermann Axen, ZK Sekretär für internationale Beziehungen, den tschechischen Genossen, das es sich um den vom Territorium der DDR aus agierenden Sender um keinen des staatlichen Rundfunkkomitees der DDR handelte.  >>> der Freiheitssender 904 lässt grüßen ! . 

Auch in der Nalepastraße in Berlin , wo im Funkhaus 21 politische Mitarbeiter , 24 Übersetzer und Sprecher sowie zwei Abhörspezialisten , sechs Sekretärinnen und zwei Sendefahrer tätig waren, verneinte man eine solche Tätigkeit gegenüber den Tschechoslowakischen Genossen.

Aber auch Leserbriefe erreichten die Redaktion:

Hier ein Auszug aus einem Brief 

Werte Freunde,

sehr gern hören wir Ihre Nachrichten. Senden Sie öfter! Einen solchen Spaß haben wir schon lange nicht mehr gehabt. Es ist zu sehen, das Ihnen die Linie genügt und sie schon marschieren, wie man es Ihnen sagt, egal ob Hitler oder die UdSSR...Hauptsache das man für etwas kämpfen kann.

Mit Gruß

die Ihnen ergebenen Konterevolutionäre...zwei Unterschriften...

 

So hat doch zumindestens der Geheimsender Wilsdruff der Zielgruppe etwas Spaß gemacht und die Genossen in der DDR hatten neue Erfolgserlebnisse !

Foto Wolfgang Lill

Ich bedanke mich ganz herzlich bei Herrn Hajo Böhme aus Berlin. Ohne ihn wäre dieser Beitrag nicht zustande gekommen.

 

 

 

 

 

 

 

This article was edited 19.May.19 13:19 by Wolfgang Lill .

Wolfgang Lill
Wolfgang Lill
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22.Aug.18 12:08

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Inzwischen gibt es einige Stellungnahmen aus Tschechien:

Ja, das wußten wir damals. Einer der Sprecher war ein ehemaliger Sudetendeutscher. Er beherschte zwar die tschechische Sprache, aber mit deutschem Akzent. Die Deutschen beherrschen nicht den Unterschied zwischen "weichen" P und "harten" B, sowie zwischen T und D. Ganz einfach, hier liegt der wichtigste Zauber der tschechischen Sprache.

Der prosowjetische Propagandasender verbreitete damals lauter Lügen!

Erich Naus Teplice

das haben mir auch Josef Jonasek aus Hulin und Erich Lederer aus Usti n.L. in ähnlicher Form bestätigt.

Herr Jan Nemec, Direktor des Kreisarchives aus Decin schreibt mir:

Lieber Herr Lill,
vielen Dank, das ist sehr interessant! 


Versuch der Übersetzung  der Funkmeldung, da muß man im letzten Satz ein bißchen ausbessern: "...wänn uns niecht Lojse (Läuse) auffressen!"

This article was edited 23.Aug.18 11:28 by Wolfgang Lill .

  
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