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Reparatur von Lackschäden und Kratzern auf Radiogehäusen?

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Andreas Reuther
Andreas Reuther
 
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15.Jan.04 11:25

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Ich habe folgendes immer wiederkehrendes Problem beim Restaurieren von alten Radios: In den 50er Jahren stellte das Rundfunkgerät oftmals das Gute Stück in den Wohnzimmern dar. Die Gehäuse waren oftmals aufwendig hergestellte Möbelstücke mit hochwertigen Schleiflackpolituren und wurden gehegt und gepflegt. Manchmal wurden sie aber auch gemeinsam mit den Blumen gegossen, die das Radio zierten...

   Nachdem das Radio ausgedient hatte und auf dem Dachboden deponiert wurde, entstehen dann die gefürchteten Kratzer, die durch achtlos auf das Radio gestapelte Kisten erzeugt werden.

 Mein Problem ist, daß ich bisher kein Verfahren gefunden habe, wie man mit einfachen Mitteln die Kratzer entfernen kann, die meist nur in  der Klarlackpolitur sind. Das darunterliegende Echtholzfurnier ist meistens noch vollkommen intakt. Ich habe schon mit allen möglichen Polituren mein Glück versucht, mit Silber- und Alupoliermitteln - ohne Erfolg. Wer kann mir sichere Ratschläge geben?

Andreas Reuther

Eilert Menke
 
Editor
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19.Jan.04 09:00

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In der Vergangenheit hatten wir bereits eine ähnliche Problematik:

http://www.radiomuseum.org/dsp_forum_post.cfm?thread_id=6953

Vielleicht kann Herr Renz als Fachmann etwas zu diesem Thema sagen.

Grüße an Alle

E.M.

 

 

Martin Renz
Martin Renz
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19.Jan.04 20:21

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Sichere Ratschläge sind so eine Sache...
Aber ich gebe gerne einige Tipps weiter:

Die beste Vorgehensweise ist stark von verschiedenen Faktoren abhängig:
1- was für ein Lack wurde verwendet?
2- wie tief ist die Beschädigung der Oberfläche?
3- soll ein dem Original entsprechender Zustand erreicht werden oder soll das Radio einfach wieder gut aussehen?
4- wie hoch darf der Aufwand sein, der betrieben wird?

zu 1: (was für ein Lack wurde verwendet?)

An einer unauffälligen Stelle (hinten, unten) tragen Sie eine kleine Menge Nitro-/Waschverdünnung mit einem Läppchen auf. Wenn der Lack weich wird und schmierig, lässt er sich mit einer entsprechenden Menge Verdünnung komplett abwaschen. Beizen werden dabei meist nicht entfernt, wurde jedoch Patina zum Einfärben des Furniers benutzt, wird diese ebenfalls abgewaschen und muss anschließend erneut aufgetragen werden. Ebenso werden Zierstreifen aus goldener Farbe etc. ziemlich sicher entfernt. Das ganze sollte im Freien oder in einem Lackierraum mit Absaugung geschehen, wegen der Explosions- und Gesundheitsgefahr der Dämpfe!

Bleibt der Lack dagegen hart und lässt sich so nicht entfernen, handelt es sich um einen Reaktionslack, also einen Lack der auf chemischem Weg ausgehärtet ist. Sogenannte "Polyesterlacke" wurden seit Anfang/Mitte der 50er Jahre von der Industrie eingesetzt und lösten Nitrocelluloselacke und andere Lacke auf Lösemittelbasis ab. Sie haben den Vorteil, sehr widerstandsfähig zu sein und sind weitgehend resistent gegen Wasserflecken. Nachteilig ist die hohe Sprödigkeit der frühen Reaktionslacke, die nach Jahren oft zu Rissen im Lack führt. Abbeizen ist oft selbst mit aggressiven Mitteln nicht möglich. Es bleiben 2  Alternativen: Mechanische Entfernung ("abschleifen") oder der Versuch einer Reparatur des Lackes. Beim Abschleifen wird zwangsläufig auch die Farbe der Beize im Furnier beeinträchtigt und es besteht die Gefahr des Durchschleifens der dünnen Furnierschicht (wenige Zehntel mm!)Dies erfordert schon viel Erfahrung und bedeutet einige Stunden Arbeit auch für den Fachmann.

zu 2: (wie tief ist die Beschädigung der Oberfläche?)

Das Problem bei Kratzern ist, dass sich das Licht darin bricht und Schatten entstehen. Auch setzt sich Dreck darin fest. Dadurch werden sie störend sichtbar. Wenn es gelingt den Dreck aus den Kratzern zu entfernen und wieder eine glatte Oberfläche herzustellen, sind sie nicht mehr oder nur noch schwach sichtbar. Dazu kann entweder der Lack in seiner Dicke reduziert werden (Kratzer rausschleifen oder polieren) oder ein zusätzlicher Lackauftrag ebnet die Fläche wieder ein. (aufpolieren oder überlackieren) Beim Schleifen sollte man vorsichtig mit einer Körnung von 240 beginnen und dann mit 280, 400 und 600 die entstandenen Schleifspuren entfernen. Erst dann ist es sinnvoll mit Politur weiter zu arbeiten. Eventuell verbessert sich das Aussehen durch einen Überzug mit vorzugsweise 2-Komponenten Reaktionslack (DD-Lack) nochmals. Vorher unbedingt gründlich entfetten und auf das Polieren (Polituren sind oft mit Silikonöl versetzt!) verzichten. Dies sollte vorzugsweise mit einer Spritzpistole geschehen, eventuell einen Tischler bitten, bei Gelegenheit mit einem anderen Auftrag mitzulackieren. Dadurch entsteht für ihn kein allzugroßer Aufwand.

Sind die Risse und Kratzer tief, bleibt bloß vollständiges Entfernen mit entsprechendem Aufwand , oder Überlackieren mit einem weniger perfekten Ergebnis. Ich verzichte übrigens völlig auf sogenannte "Wasserlacke". Sie bereiten Schwierigkeiten bei der Benetzung auf alten Oberflächen und haben andere Eigenschaften bezüglich der Transparenz und dem "anfeuern" von Oberflächen. Sie sind auch völlig untypisch für alte Lackoberflächen.

Bei sehr alten Oberflächen bis in die 40er Jahre wurden bei hochwertigen Geräten bisweilen Lackpolituren auf Nitrocellulosebasis oder Schellackbasis verwendet. Sie lassen sich mit Alkohol (Brennspiritus) lösen und sind daran erkennbar). Diese sollten in der Regel aufpoliert werden, wobei sich dieses Aufpolieren grundlegend von dem Polieren mit "Auto- oder Möbel-Politur unterscheidet! Es handelt sich vielmehr um einen Auftrag von hauchdünnen Schichten Lack mit Hilfe eines Baumwollballens. Dabei sind schöne hochglänzende Oberflächen erzielbar, das Ganze erfordert jedoch Übung.

Sehr alte Geräte wurden jedoch oft auch mit Wachsen oder Ölen behandelt, um die Oberfläche zu schützen. Man erkennt dies an dem wachsigen Griff der Oberfläche oder eine Lackschicht ist nicht erkennbar. (Öle dringen in das Holz ein). Seit vielen Jahren ist diese Technik wieder aufgegriffen worden und es gibt heute eine Vielzahl von ausgereiften Ölsystemen, vornehmlich in Ökobauläden, aber auch immer mehr in Baumärkten und im traditionellen Farbhandel. Der Auftrag erfolgt 2x dünn! mit einem Lappen (nach Gebrauch ausbreiten, andernfalls Brandgefahr durch Selbstentzündung!) und lässt sich auch von Laien gut ausführen. Nach dem ersten Auftrag mit 240er Papier leicht zwischenschleifen.

Punkt 3 und 4 erklären sich aus dem Obengesagten von selbst

Noch 2 Links für weiterführende Informationen:

http://www.clou-holzlacke.de/
gibt gute Tips im Umgang mit verschiedenen Lacken und auch Schelllackpolituren

http://www.radiomuseum.org/forumdata/upload/292%2D307%5FReparieren%2Epdf
enthält ebenfalls ausführliche Infos

Wenn spezielle Fragen auftauchen, gebe ich auch gerne gezielt Auskunft, sofern sich dies über dieses Medium leisten läßt.

mit Grüßen an Alle

Martin Renz

  
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