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Rias Berlin und seine Störsender

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Wolfgang Lill
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25.Aug.19 19:25
 
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Foto

RIAS Berlin ist ein Sender im der amerikanischen Besatzungszone Berlins, der am 5.September 1946 unter diesem Namen startete.

Mir geht es jetzt nicht darum, die Sendergeschichte neu zu schreiben, darüber gibt es genügend Veröffentlichungen...aber die Störsender auf dem Gebiet der DDR sind interessant. Welche Effekte hatten diese und war es ein Grund des RIAS nicht zu hören ?

Der Rias sendete zunächst auf Mittelwelle mit einem Kleinsender von 800 Watt, sozusagen als Berliner Stadtsender. Im Juni 1947 wurde dieser  ersetzt durch einen alten 20 KW Wehrmachtssender, zunächst auf 610 KHz. Im Jahre 1949 wurde die Leistung auf 100 KW erhöht und auch von Hof kam inzwischen ab 1.11.1948  der RIAS auf Mittelwelle über einen 20 KW Sender. Die Übertragung von Westberlin erfolgte übrigens per Kabel durch die sowjetische Besatzungszone / DDR nach Hof.

 So hatten auch viele Bürger der sowjetischen Besatzungszone die Möglichkeit den Rundfunk aus dem amerikanischen Sektor zu hören.

Dazu kam ein Kurzwellensender vom Standort Britz auf 6005 KHz und stundenweise wurde die Langwellenfrequenz der Stimme Amerikas vom Standort Erching, auf 173 KHz  ,Sendeleistung 1000 KW !, bei München, genutzt. 

Mit diesem starken Sender konnte das gesamte ostdeutsche Gebiet erreicht werden.

Im Mai 1952 begann der RIAS auch auf UKW 89,6 MHz von Britz und mit Sendebeginn RIAS2 kam auf dem gleichen Standort ein weiterer UKW Sender dazu auf 94,3 MHz.

Die Kurzwelle und UKW waren relativ schwierig störsendertechnisch zu beherrschen. Dazu kam auch die Sichtweise der DDR. Dort hatte man in dieser Zeit hauptsächlich Empfänger mit Mittel- und Langwelle. 

Das war neben dem Hörverbot für DDR- Bürger, das von staatlichen Behörden sehr scharf überwacht wurde, der Hauptschwerpunkt in der Abwehr. Das Hören der Mittel- und Langwellensender mußte unmöglich gemacht werden. 

In der Internetzeitschrift RADIO 5/2018 erschien dazu eine interessante Veröffentlichung von Karel Honzik, die ich hier auszugsweise übernehmen darf:

Hier dieMittelwellenfrequenzen 

Mittelwelle Berlin RIAS 1  auf 989 KHz, ab 15.01.1953 Sendeleistung 300 KW. Damit damals der leistungsstärkste Mittelwellensender Europas !

Mittelwelle Berlin RIAS 2 auf 737 KHz ( später 855 KHz) ,Sendeleistung 50 KW, Sendestart am 1.11.1953 

Mittelwelle Hof RIAS 1 auf 737 KHz , Sendeleistung 40 KW . Die Frequenz wurde mehrfach geändert !

Hier nochmal eine Übersicht: 

Berlin 300 kW: 989 kHz durchgängig (ab 1953)
Berlin 100 kW: 989 kHz durchgängig (bis 1953), 683 kHz tags (ab 1953), 854 kHz nachts .
Berlin 20 kW: 737 kHz nachts (1953-58), 854 kHz nachts (1958-61)
Hof 40 kW: 683 kHz durchgängig (1950-53), 737 kHz tags (ab 1953), 683 kHz nachts (ab 1958, mit Ausblendung Belgrad)
Von 1953 bis etwa 1963 stundenweise über Langwellensender.

es gibt dazu eine CIA Veröffentlichung, welche nach 50 Jahren freigegeben wurde.

 

Auf dem Gebiet der DDR sollen laut dieser Studie 60 Störsender im Einsatz gewesen sein.

CIA Central Intelligence Agency (CIA) ist ein US-amerikanischer Geheimdienst mit einem externen Tätigkeitsbereich ( d.h. einem Spion), der auch die Aufgabe hat, Operationen für die USA weltweit durchzuführen. Er wurde am 18.September 1947 nach dem National Security Act, unterzeichnet vom Präsidenten Harry S. Truman, gegründet. Er ist der Nachfolger von OSS (Office of Strategic Services).

INFOBericht v 6.Mai 1955  Fall-Land; Ostdeutschland                                                                  Thema: Störsender und Anweisungen  in Ostdeutschland

1.Ungefähr 90 % der absichtlichen Störungen der aufkommenden DDR werden an die RIAS- Station weitergeleitet. Die Standorte der Störsender und die von ihnen abgedeckten Gebiete sind auf der Karte ( oben) aufgeführt. Diese Karte wurde vom Hauptsitz der DDR- Post und Telekommunikation erstellt ( Post und Fernmeldetechnisches Zentralamt - PFZ) und wurde auf der Grundlage von Ergebnissen gezogen, die mit Meßfahrzeugen im Gebiet erzielt wurden. 

2. Die russischsprachigen Programme wurden für die Störung der 173 KHz- Frequenz verwendet. Der Sender befand sich in Königs-Wusterhausen und arbeitete nach einem engen Zeitplan. 

Die Frequenzen 989, 737 und 683 KHz wurden vom Sender vor Ort unterbrochen, Beeskow sowie das Berliner Programm. Die Modulation wurde von UKW - Sendern übernommen. 

Ein Nauen- Sender mit einer Leistung von 5 KW störte die 6005 KHz- Frequenz.

3.Die Kontrolle der Störsender liegt in den Händen der Ostdeutschen, die zuvor unter sowjetischem Kommando gearbeitet hatten. Die von Radecki (fnu) unterzeichnete Weisung wurde von der Hauptverwaltung Funk ausgestellt. Geplante Störbefehle wurden zwei bis drei Tage im Voraus erteilt und basierten auf den Informationen zur Interferenzwirksamkeit, die von den übergeordneten Stationen in Königs- Wusterhausen, Schwerin, Köpenick, Leipzig und Dresden gemeldet wurden. In naher Zukunft ( so der damalige CIA- Bericht) wird Plauen auch eine übergeordnete Station.  Die Ausführung der Befehle wurde militärischen Einheiten anvertraut, welche in drei Schichten arbeiteten. 

Kurzfristig wurden auch Aufträge für Frequenzänderungen erteilt, die innerhalb von 15 Minuten ausgeführt werden müßten. Aber diese wurden nicht immer efffektiv erledigt, da das Personal nicht gut geschult war.

4. Das sowjetische Spionageabwehrzentrum für Funküberwachung befand sich in Beelitz, wo die VOPO  ( Volkspolizei-) Mitglieder einen Kurs zur Funküberwachung absolvierten. Nach einer kurzen Ausbildung von nur vier Wochen wurden diese Männer mit Geheimdienstaufgaben beauftragt.

Im Oktober 1954 besuchten 42 Männer diesen Kurs. Das wichtigste Thema war die Theorie der Aufnahme-  und Überwachungsaktivitäten. Zur Unterstützung des Praxistrainings in diesem Kurs befand sich in Beelitz ein Feldmeßfahrzeug, welches von der Hauptfunkstelle gesteuert wurde. 

5. In Beeskow, Cottbus, Herzberg und Burg nutzten die Beelitzer Ballone für den kabellosen Empfang von Störvorgängen. Das empfangene Signal wurde sofort an diese Station gesendet. 

6. Es wurde geplant in Nauen eine neue große Telegrafenstation aufzubauen. Diese Station sollte 1956 fertiggestellt sein. Diese Station wird alle Sitzungen ( so der damalige Geheimdienstbericht), ausgenommen die sowjetische, übernehmen. Auch die Chinesische Mission in der DDR und das Außenministerium  nutzen diese Anlage. 

Der Sender 14 ( Königs- Wusterhausen ) hat experimentell einen Seitenbandmodulator installiert, um  die gleichzeitige Übertragung von zwei Störungen zu ermöglichen. Diese Sitzungen fanden von 20,00 Uhr bis Mitternacht statt.

Soweit aus dem Bericht des CIA- Geheimagenten in der DDR, freigegeben am 10.01.2008

Einen sehr interessanten Beitrag dazu fand ich im Radio Journal Heft 5/2011. Freundlicherweise wurde mir die Übernahme des Beitrages zugesagt:

Wer den RIAS hört, den Frieden stört !

Solche und andere Überschriften geisterten seit Anfang der 50iger Jahre durch die Presse und Medien der DDR. Ein ehemaliger WF ( Werk für Fernsehelektronik) - Mitarbeiter , Joachim Kullmann beschäftigte sich mit der Geschichte der Störsender in der DDR. 

Diese Sender wurden im WF in Schöneweide und von der Deutschen Post hergestellt . Die Initiative ergriff jedoch im September 1953 nicht die Regierung in Ostberlin sondern es waren  jene in Moskau, die insbesondere eine Störung des RIAS- Empfanges wünschten.

In einer vom sowjetischen Botschafter in der DDR, Waldimir Semjonow, getätigten Erklärung heißt es; "der RIAS habe seine reaktionären Rundfunksendungen gegen die DDR verstärkt" ...und bisher gäbe es nur unzureichende Gegenmaßnahmen.

Pikanterweise nahm man sich in Moskau ausgerechnet den Volksempfänger der Nazis zum Vorbild, dessen Prinzip, ausschließlich einheimischen, linientreuen Sendern den Empfang zu ermöglichen, auch in der Sozialistischen Diktatur seine Nachahmung finden sollte.(Foto; DKE38 )

Tatsächlich gab es diese "Goebbelsschnauze" der DDR als Einkreiser unter dem Namen "Kolibri" für 50 Ostmark zu kaufen, was vor allem bei Rentnern wegen des attraktiven Preises Anklang fand. ( Fotos Kolibri2 Baujahr 1954)

Bestückt war dieser Apparat mit einer Röhre UEL51 aus dem Funkwerk Erfurt. Empfangbar waren nur zwei voreingestellte Sender. Zum einen der jeweils örtliche Mittelwellensender und zum anderen die DDR-weit zu hörende Langwellenfrequenz des Deutschlandsenders. 

Begleitet wurde die Markteinführung des neuen Empfängers mit einer Kampagne im Sprachgebrauch des Kalten Krieges:

"Du willst kein AMI- Söldner sein, drum schalte nicht den RIAS ein !"

Der DDR Rundfunkhörer mußte pro Haushalt damals 2,05 DM ( Ostmark) an den Briefträger Rundfunkgebühr bezahlen Das setzte sich zusammen aus 2 DM Rundfunkgebühr und 5 Pfennig Kulturabgabe. Es kursierte damals im Berliner Raum der Scherz " 2 DM für den RIAS, 5 Pfennig für Radio DDR ". Viel mehr war damals der DDR- Rundfunk bei vielen Hörern nicht wert. Das wußten auch die Oberen der regierung der DDR und deshalb wurden die Quittungen häufig mit solchen Sprüchen versehen wie " Der RIAS lügt, die Wahrheit siegt" oder "Wer den RIAS hört, den Frieden stört". 

Das damalige Werk für Fernmeldewesen  ( erst später wurde es das Werk für Fernsehelektronik) erhielt wohl Ende 1953 den Auftrag, einen kleinen Störsender mit 50 Watt Ausgangsleistung zu entwickeln, von denen später in Ostberlin und der DDR 50 bis 60 Stück eingesetzt wurden. 

Foto aus Radio Journal Heft 5/11 S 21 mit freundlicher Genehmigung der Redaktion, 50 Watt Sender  Der charakteristische , an- und abschwellende Pfeifton sollte die RIAS- Ausstrahlung überlagern und so den Hörgenuß deutlich mindern  oder sogar die Wortbeiträge aus der Kufsteiner Straße in Westberlin gänzlich unverständlich machen. 

Nicht unerwähnt bleiben soll, daß Störsender ausschließlich in den Sozialistischen Ländern zum Einsatz kamen. 

Ich möchte jedoch an dieser Stelle erwähnen, das ich auf den Skalen der Rundfunkempfänger der BRD- Hersteller noch nicht einen Ostdeutschen Sender gesehen habe. ...Es war eben der "Kalte Krieg"

Rücksicht nehmen mußte die DDR jedoch auf den Vier- Mächte- Status von Berlin, weshalb im unmittelbaren Umfeld der westlichen Hälfte keine Störsender zum Einsatz kamen, sonst hätte es mit Sicherheit diplomatische Verwicklungen gegeben.

Ich hatte Ende der 60iger Jahre mal Gelegenheit, dies als Jugendlicher, neugierig wie ich war, zu testen. Mit einem Kofferradio "Stern 4" bewaffnet, marschierte ich vom Alexanderplatz Richtung Friedrichstraße zur Grenze.  Auf dem ALEX hatte ich tatsächlich Störgeräusche beim Empfang beider Mittelwellensender des RIAS, dies nahm jedoch Richtung Grenze ab und war am Bahnhof Friedrichstraße nur noch sehr unterschwellig zu hören. Die letzten 150 m bis zur Mauer hätte ich gerne noch getestet, aber mein Kofferradio war damals den aufmerksamen Blicken der Grenzsoldaten nicht entgangen.... Damals war es für mich ein kleines Abenteuer, die Stärke des Störsignales zu ermitteln....

Diese Kleinsender wurden ab 1953 im Hinterland der DDR aufgestellt. Da sie einfach, auch von Laien, zu bedienen waren, wurden sie meist auf Volkspolizei-Kreisämtern, Kasernen und Stasi- Dienststellen installiert. Später folgten deutlich größere Störsender mit einer Ausgangsleistung von 2 KW.

 

Foto aus Radio Journal Heft 5/11 S 21 mit freundlicher Genehmigung der Redaktion: Joachim Kullmann vor dem 2 KW- Sender im Industriesalon Berlin .

Diese wurden von der Deutschen Post in Eigenregie gefertigt und häufig auf Geländen herkömmlicher DDR- Rundfunksender aufgestellt. Diese großen Störsender wurden in der Regel mit einem DDR- Hörfunkprogramm moduliert und um 1000 Hertz versetzt zu der zu störenden Frequenz der westlichen Sender ausgestrahlt. In der Nähe der Störquellen war dann das Programm von Radio DDR zu hören, da es stärker war, weiter weg überlagerten sich beide Aussendungen und es entstand ein Stimmenwirrwarr.

Da der RIAS, wie auch viele andere Rundfunksender, mit einer Tag- und einer Nachtfrequenz arbeitete, um angepasst an die IONISIERUNGSschichten der Hochatmosphäre die jeweils optimalen Sendebedingungen zu nutzen, mußten die Störsender bei Frequenzwechsel natürlich auch per Hand nachgestimmt werden. Später erleichterten Doppelfrequenzgeneratoren diese Arbeit. Wenn der RIAS seine Welle wechselte, mußte nur noch ein Drehknopf betätigt werden und der Störsender folgte. 

Ein Kuriosum ist mit dem zweiten RIAS- Sender im fränkischen Hof verbunden. Dieser wurde in erster Linie zur Versorgungng der südlichen DDR installiert.  Da das Modulationssignal live aus Westberlin dorthin übertragen werden musste, betrieb die DDR quasi "fernmeldetechnische Prostitution". Sie reaktivierte ein bereits im 3.Reich verlegtes Kabel, was von Berlin über Dresden, Leipzig, Chemnitz nach Hof und weiter nach München verlief.

Dafür kassierte die DDR harte West-Mark . Gleichwohl ermöglichte es die Ausstrahlung über den Sender Hof in bestmöglicher Studioqualität. Der Sender Hof wurde dann natürlich wieder von der DDR gestört.

So funktionierte damals der "Kalte Krieg".

Das der RIAS eine reale Gefahr für die DDR war, daran kann ich mich selbst noch erinnern. Wir waren an einem heißen Sommertag im Freibad in Pirna und empfingen den RIAS auf 6005 KHz . Plötzlich kam eine Durchsage mit etwa folgendem Inhalt; wir informieren Sie über Personen , die für die Staatssicherheit der DDR illegal tätig sind... unter anderem war ein Gastwirt aus Pirna dabei. Es wurden sogar Details seiner Spionage genannt... Das sprach sich so schnell herum. Der Mann war durch !  Von nun an gähnende Leere in seiner Kneipe .

Nicht immer steckt hinter technischen Problemen Absicht oder gar eine Verschwörung. Als der Pegel während der RIAS- Nachrichten in Hof immer um 6 dB abfiel, wußte man sich zunächst nicht anders zu helfen, als diesen nachzuregeln.  Als man bei den DDR- Vertragspartnern wegen vermeintlicher Sabotage protestierte, stellte es sich jedoch heraus, daß ein DDR- Posttechniker sich mit einem niederohmigen Kopfhörer parallel auf das Kabel nach Hof geschaltet hatte, um die Westnachrichten zu verfolgen.  Angeblich haben die RIAS- Techniker ihrem Kollegen bei der Deutschen Post einen hochohmigen Kopfhörer geschickt, bei dem das Problem nicht mehr auftrat. 

So plötzlich wie die Störsendertätigkeit 1952 begann, so unvermittelt war am 23.November 1978 schlagartig damit Schluß !

 

Weitere Informationen und Episoden gerne an mich schicken oder hier ergänzen . Vielen Dank !

 

 

 

 

This article was edited 01.Sep.19 20:15 by Wolfgang Lill .

  
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