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Sendestelle Britz von Deutschland-Radio

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Forum » Radio- and technical History » Decades of broadcasting » Sendestelle Britz von Deutschland-Radio
           
Dietmar Rudolph
Dietmar Rudolph
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D  Articles: 2009
Schem.: 753
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06.Apr.09 18:44
 
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Letzten Freitag besuchten 3 Radiosammler die Sendestelle Berlin-Britz von Deutschland-Radio. Hier ein Bildbericht von dem Besuch. Die Sendestelle gehörte vor dem Fall der Mauer dem RIAS Berlin. Deutschlandfunk (DLF), RIAS Berlin und DS-Kultur wurden zum Deutschland-Radio vereinigt, wobei die beiden letztgenannten Programme zu Deutschlandradio-Kultur zusammengefaßt wurden.

Der RIAS hatte die Mittelwellen 855kHz (RIAS2: 100KW) und 990kHz (RIAS1: 300KW) die Kurzwellen 6005kHz (50KW) und die UKW-Sender 89,6MHz (RIAS1) und  94,3MHz (RIAS2). Aus RIAS2 wurde der private Sender RS2.

Heute existieren noch die Mittelwellen 855kHz (DLF digital als DRM, 20kW) und 990kHz (100KW). Die Leistungen mußten wegen der EMVU reduziert werden. Die Kurzwelle 6005KHz ist abgeschaltet. Es läuft noch die Kurzwelle 6190kHz (DLF 20 KW). Auf UKW wird DRadio-Kultur abgestrahlt (89,6MHz).

Hier zunächst der Lageplan der Senderstelle (Stand gemäß RIAS).

Der Eingang zur Station ist vom Britzer Damm aus. Das Stationsgebäude ist S2. Hierin befinden sich die Mittelwellen-Sender und der stillgelegte KW-Sender. Im Stationsgebäude S1 ist der noch aktive KW-Sender. Die UKW- und DAB-Sender sind in einem kleinen Gebäude zwischen dem NW-Mast (990kHz, UKW & DAB) und dem SO-Mast (855kHz, UKW) untergebracht. Die KW-Antenne (h=18,4m) hat ein Rundstrahldiagramm und gehörte zum stillgelegten 6005kHz  Sender. Die noch aktive KW-Antenne befindet sich links vom Gebäude S1.

Der Kreuz-Dipol ist abgebaut. Es war dies eine Turnstyle-Antenne für 990kHz. Diese "blies" die Sendeleistung (abends und nachts) gegen die Ionosphäre, von wo sie mit so großer Feldstärke wieder zurückkam, daß die von der DDR installierten zahlreichen 2KW starken Störsender kaum noch ihre Wirkung entfalten konnten.

Zur Geschichte der Station Britz von RIAS Berlin siehe auch das Buch "Funktechnik in Deutschland", das im Hein-Verlag erschienen ist.

Schon von Weitem sind die beiden Sendemasten zu sehen. Es sind (ungefähr) λ/2 Strahler, wodurch die Bodenwelle bevorzugt wird. (Schwundmindernde Antennen)

Der nicht mehr betriebene Parabolspiegel stammt noch aus der Zeit, als RIAS-TV hier seine Programme einspeiste.

Die beiden MW Sender (855kHz, DRM und 990kHz, analog) sind im nächsten Bild zu sehen.

Die 3 linken Schränke sind für den 20KW-Sender 855kHz, während die 6 weitern zum 100KW-Sender 990kHz gehören. Der Herr links bestaunt den DRM-Exciter, während der Herr rechts die Module des TRAM-Senders (Halbleiter-Modul-Sender) betrachtet. Das Rohr oberhalb des Senders ist die Antennenleitung.

Jeder Modul erzeugt die Träger-Leistung von 1KW, was 4KW Spitzenleistung bedeutet. Die TRAM-Module sind je für sich ein kompletter AM-Sender, jedoch ohne die ausgangsseitige Filterung.

Das Bild zeigt die 3 Typen von TRAM-Modulen. Von oben nach unten: MW, LW, kommerzielle LW. Der Aufbau der Module ist jeweils gleichartig.
Links ist die Netzverblockung (ca. 270V DC) und die Ansteuer-Elektronik. Die beiden nächsten Kühlrippen sind der PDM-Modulator (Puls-Dauer-Modulation). Daran schließt sich das PDM-Filter (2 Drosseln und Filter-Kondensatoren) an, das die NF-Spannung von der Schaltspannung befreit. Die anschließenden 4 Kühlrippen sind für die Transistor-Brücke (jeweils 3 FET parallel), mit der die HF-Schwingung erzeugt wird. Die HF wird geschaltet, weil dadurch der Wirkungsgrad des Senders auf über 95% kommt.

In der Brücken-Diagonale liegt ein Ringkern-Übertrager, mit dem die HF ausgekoppelt wird (RFout). Summiert wird die Leistung sämtlicher Module indem die Ringkerne als "Sekundär-Wicklung" eine gemeinsame Leitung (Stange aus Al oder Cu) haben, wie es das nächste Bild zeigt.

Jeder TRAM-Modul ist mit einem solchen (blauen) Rinkern verbunden, wobei die weißen Drähte die Primärwicklung darstellen. Die Module stecken entsprechend dicht neben einander in dem Schrank mit dem Fenster.

Rechts sieht man einen etwas gezogenen Modul. Zur Ansteuerung dient das Bandkabel. Die Stromversorgung erfolgt über die Schienen, woran die Module befestigt werden. Aufgrund des vertikalen Einbaus der Module kann die Luft zur Kühlung einfach von unten zugeführt werden.

Die Brücken liefern eine geschaltete HF-Spannung, die nun noch gefiltert werden muß. Das Filter besteht aus Kupfer-Rohr-Spulen und Scheiben-Kondensatoren.

 

Die beiden Bilder zeigen das Filter für einen 50KW-Sender von vorne und von hinten. Bei größeren Sendern muß ein höherer Aufwand an Filterung getrieben werden, weil - unabhängig von der Leistung des Senders - die Störstrahlung auf Vielfachen der Trägerfrequenz absolut gleich niedrig sein muß.

Hier ein Beispiel für einen 50KW LW-Sender: links die Ansteuerung (NF-Aufbereitung, Steuersender, Überwachung), im 2. Schrank unten der Netztrafo, darüber die Steckplätze für die Module, in den restlichen 3 Schränken sind die Spulen für die Filterung der HF zu sehen. 

Im Unterschied zu diesen modernen Sendern gibt e noch Reste von alten Sendern zu bestaunen, wie z.B. eine 1KW Steuerstufe (in Röhrentechnik).

Weitere Teile von diesem alten 300KW Mittelwellen-Sender (Blockade-Sender, 1948) befinden sich im Deutschen Technikmuseum Berlin.

Nicht ganz so alt in der Technik, aber doch stillgelegt ist der 50KW KW-Sender, Typ "Rusep".

Dieser Sender - von der gleichen Bauart wie die ehemaligen (und bereits beseitigten) MW-Sender 300KW 990kHz und 100KW 855kHz - hat nur noch 2 Röhren: HF-Enstufe und PDM-Modulator-Stufe.

Der hellgrüne Topf ist die HF-Endröhre (50KW). Die Verlustleistung wird mit destilliertem Wasser über die beiden weißen Schläuche abgeführt. Im Hintergrund sieht man das (halbkreis-förmige) Variometer, womit sich der Sender zwischen ca. 3,7 und 21MHz abstimmen läßt. Unterhalb der Röhre und des Trennblechs ist die Spule des Gitter-Variometers zu erkennen.

Auf diesem Bild ist das Anoden-seitige Variometer und der Anschluß für die "Wasserspiele" deutlicher erkennbar. im Nachbarschrank ist der PDM-Modulator zu sehen.

Als Schaltröhre wird die gleiche Type wie in der HF-Endstufe verwendet. (Hier tat auch noch eine "müde" gewordene HF-Röhre gute Dienste.) Der Zylinder im Hintergrund mit dem roten Blitz darauf ist die Speicher-Spule (entsprechend zu den Drosseln beim TRAM). Die PDM-Röhre ist "nur" ein Schalter, der (mehr oder weniger) kurz schließen und öffnen kann. Beim Öffnen eines Stromkreises entsteht an einer Induktivität jedoch eine hohe Induktions-Spannung (siehe Zündspule im Auto). Um diese Spannung abzufangen und die gespeicherte Energie rückzugewinnen, ist eine "Freilauf.-Diode" erforderlich. In dieser Anwendung besteht die "Freilauf-Diode" aus der linken (wassergekühlten) Säule mit zahlreichen in Serie geschalteten Einzeldioden. Schließlich muß die "Freilauf-Diode" ca. 30KV sperren können.

Der weitere Weg der Besichtigung führte in das Untergeschoß, wo eine Radio-sammlung steht, die vor Jahren einmal aufgekauft wurde und deren Geräte im Laufe der Zeit wieder abgegeben werden sollen.

Die Sammlung von  vorne.

Die Sammlung von hinten.

Als nächstes wurde das Notstromaggregat besichtigt. Es wird bei Bedarf angeworfen, so daß eine ganz kurze Unterbrechung im Sendebetrieb entstehen kann.

Nun ging es zum Süd-Ost-Mast (855kHz). Da die Masten länger als λ/4 sind, führen sie recht hohe Spannung am Fußpunkt. Wenn nun auch noch UKW mit diesem Masten abgestrahlt werden soll, entsteht das Problem, daß der Außenleiter des UKW-Kabels Massepotential hat und den Mast am Fußpunkt deshalb kurzschließen würde. Hier hat man das Problem so gelöst, daß das UKW-Kabel innerhalb des Masts isoliert so weit hinauf geführt wird, wie es λ/4 entspricht. Da kann es mit dem Masten verbunden werden, weil an dieser Stelle ein Spannungs-Knoten für 855kHz besteht.

Das UKW-Kabel hat einen gewellten Außenleiter und ist hier gut zu sehen. Der Mast steht auf einem Isolator und hat unten einen "Teller", dem eine grüne Kugel gegenüber steht. Dies ist eine Funkenstrecke, weil bei Blitzeinschlag hierdurch eine Ableitung geschaffen werden muß. Die Kugel ist grün gestrichen, weil bei der ursprünglich roten Kugel Insekten sehr gerne darum herum flogen, was jedesmal zu einem Überschlag führte. "Grün" ist offensichtlich nicht mehr interessant, so daß jetzt Ruhe herrrscht. Bei einem Überschlag registriert das ein UV-Melder wodurch der Sender kurzzeitig gesperrt wird.

Aufgrund des hochliegenden Fußpunktes der Antenne herrscht dort eine enorme HF-Spannung. Das Warnschild steht also nicht umsonst da. Man soll in einer solchen Umgebung auch nie mit dem Finger auf etwas zeigen, weil die Gefahr besteht, daß die HF-Spannung einem "entgegenkommt" und ein Lichtbogen entsteht.

Die Antennen einer Station müssen an den Innenwiderstand der Versorgungs-Leitung angepaßt werden. Hierfür werden Abstimm-Mittel benötigt, die in einem "Antennen-Häuschen" untergebracht sind. Hier die Innenansicht des Häuschens am 990kHz Mast.

Betritt man den Raum, tönt aus einem Lautsprecher an der Wand das Programm, welches über den NO-Mast abgestrahlt wird. (Senderkontrolle) Als Empfänger verbirgt sich im Lautsprechergehäuse aber nur ein einfacher Detektor ohne Antenne. Die Feldstärke im Raum ist jedoch so hoch, daß die Anordnung bequem gute Zimmerlautstärke liefert. Die Verwunderung kommt aber, wenn das Potentiometer an diesem Lautsprecher auf Null gedreht wird: Der Raum wird nach wie vor erfüllt von der Programmdarbietung, jetzt aber ohne Bässe und leicht schepperig. Wer oder was tönt jetzt noch? Nun, Ursache sind die vielen (geschraubten) Verbindungen zwischen den Abstimm-Mitteln (Spulen, Kondensatoren), welche aus unterschiedlichen Metallen bestehen. Auch bei den nun reduzierten Sendeleistungen (100KW statt früher 300KW) fließen doch noch erhebliche Ströme, wobei die Blind-Ströme im Anpassungsnetzwerk noch um den Faktor Q der Güte höher liegen.  Bei Betrachtung der Leistungen wird das vielleicht anschaulicher: Für 100KW Wirkleistung (Strahlungsleistung) und einer Güte von Q = 10 ergibt sich im Anpaßnetzwerk eine Blind-Leistung von 1MW!

Links die Anpaßmittel für 990kHz, rechts die für 855kHz. Beide Masten können mit beiden Frequenzen betrieben werden, wodurch eine Reserve möglich ist. (Früher diente die Einspeisung über 2 Masten zur Erzeugung eines Richt-Diagramms.) Im Hintergrund ist die  mit Cu-Blech ausgekleidete Auskopplung zum Mast zu erkennen. Die 990kHz Anpassung hier noch im Detail.

Nun blieb nur noch die Besichtigung des historischen - aber noch immer betriebenen - Kurzwellensenders im Haus S1.

Dieser 20KW Kurzwellensender ist in 9 Schränken untergebracht. Das Bedienpult vorne wird nicht mehr benötigt. Die Türen der Schränke können (mit Vorscht!) beim Betrieb geöffnet werden, so daß man die "roten Bäckchen" der Treiberstufe bewundern kann.

Der Sender ist begehbar; man kann also "nach hinten" gehen.

Hier eklärt der Leiter der Senderstelle das Netzgerät des Senders. In den Gitterverschlägen im Hintergrund ist der Modulationstrafo untergebracht.

Die Antenne für den KW-Sender ist ein Falt-Dipol (ca. 240Ω) mit symmetrischer Einspeisung. 

Im Hintergrund ist die Wiese zu sehen, auf der früher die Turnstyle-Antenne stand.

Zum Schluß sei dem Deutschlandradio und ganz besonders dem Stationsleiter in Britz für die sehr interessante Führung recht herzlich gedankt.

MfG DR

This article was edited 07.Apr.09 10:46 by Dietmar Rudolph .

Wolfgang Eckardt
Wolfgang Eckardt
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08.Apr.09 22:51

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Ein wunderbarer Beitrag, ein interessantes Zeitzeugnis gerade in einer Zeit der "schwindenden" AM-Sender.  Danke.

Wolfgang Eckardt

Knut Rothstein
Knut Rothstein
 
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08.Apr.09 23:53

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.....der Danksagung schließe ich mich sehr gern an.

Den "Schwund" der AM-Sender sehe ich mit Wehmut, aber auch mit Sorge.

Diese weit reichende Verbreitungstechnik für Informationen war und ist deutlich schwieriger zu stören oder zu manipulieren als alles, was wir heute aus unserer Multimedia-Steckdose beziehen.

Knut Rothstein

Dietmar Rudolph
Dietmar Rudolph
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03.Oct.12 19:34

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Mit Wehmut muß man zur Kenntnis nehmen, daß der SO-Mast abgebaut wird.

Im Bild ist das der rechte Mast. Bereits heruntergenommen ist die ganz oben befindliche UKW-Antenne. Für Anfang November ist geplant, mit Hilfe eines Kran-Autos den gesamten Mast zu demontieren.

Auf dem SO-Mast war das DRM Programm DRadio Wissen auf 855KHz, das deshalb endgültig abgeschaltet wurde.

Bis Jahresende soll die Ausstrahlung auf UKW 89,6MHz des Programms von DRadio Kultur, das bisher über den NW-Mast abgestrahlt wird, auf den Fernsehturm am Alex verlagert werden.

Der im Post #1 noch als funktionsfähig vorgestellte KW-Sender wurde zwischenzeitlich ebenfalls abgeschaltet, weil ein Defekt auftrat und keine Reparatur mehr möglich war.

In Britz bleibt dann nur noch die Ausstrahlung des DRadio Kultur Programms auf MW 990KHz. Wenn im nächsten Frühjahr der letzte der noch verbliebenen Techniker der Sendestelle Britz in den Vor-Ruhestand geht, kann der MW-Sender noch eine Weile unbemannt weiter laufen.

Aber 2015 soll mit allen AM-Ausstrahlungen von DRadio Schluß sein, also für alle MW und LW Frequenzen von DRadio. Bis dahin hat sich dann DAB durchgesetzt - so hofft man wenigstens.

MfG DR

  
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