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Siemens: Die Empfängerentwicklung zwischen 1929 und 1934

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Dietmar Rudolph
Dietmar Rudolph
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31.Oct.18 15:05
 
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In den Jahren 1929 bis 1934 gab es einen Umbruch in der Entwicklung von Radioempfängern, der am Beispiel einiger Siemens Geräte verdeutlicht werden soll. Bis 1931 gab es bei S&H eine eigenständige Entwicklung. Danach wurden die Geräte (bis 1939) baugleich mit denen von der AEG und von Telefunken. Äußerlich (Gehäuse, Skala) unterschieden sich dann die Geräte der drei Firmen zwar, aber schaltungsmäßig waren sie (bis auf die jeweiligen Spitzengeräte) identisch.

Die Radios spielten im Siemens Konzern eigentlich nie eine wichtige Rolle. Ende der '20er Jahre wurden sie in der "Klein-Verkaufsliste" geführt und Mitte der '30er Jahre wäre die Produktion beinahe eingestellt worden. Es bestand damals  die ernsthafte Überlegung, Radios nur noch von Telefunken bauen zu lassen. (Abele, Die dynamische Chronik, Kap. 3.95)

1. Die Technik früher Siemens Radios

Betrachtet man die Technik der frühen Siemens Radios, so läßt sich der Eindruck nicht verleugnen, daß an ihrer Entwicklung die "Schwachstrom" Abteilung, genauer die Telefon Abteilung beteiligt war. Telefone waren damals noch sehr langlebige Geräte, deren Mode sich nicht so rasch verändert hat.

1.1 Die Steilpult Radios

Ähnlich war es dann auch bei Radios, wie die Beispiele der Steilpultgeräte zeigt, die sich nur leicht verändert über mehrere Jahre (1926 - 1928) gehalten haben: neutro RFE10_I , RFE10_II, Neutrogerät RFE12, RFE14, Neutro RFE18, RFE19, RFE19a, und RFE22. Ein sehr schönes Bild vom "Trio" RFE10, RFE18 & RFE22 ist bei "Abele, G.F.: Radio Nostalgie, V.I.P. Press, 1993" zu finden.

1.2 Die Neutrodynes

Auch der S&H 51W Empfänger stammt aus einer entsprechenden Reihe (1929 - 1931), wie aus dem Inserat aus dem Jahr 1931 deutlich wird. Er wird im Post "Der S&H Neutrodyn Empfänger 51W" vorgestellt. Bei diesen Geräten handelt es sich um Dreikreiser, wobei der Eingangskreis extra abgestimmt werden mußte.

1.3 Die Riesenskala

Im Jahr 1931 hat Siemens als neues Feature seine Radios die "Riesenskala" propagiert. (Weitere Informationen zur Riesenskala)

Das größte Gerät aus dieser Serie, der S&H 41W, wurde ebenfalls im Schnorr Katalog von 1931 beworben.

Vergleicht man aber das Inserat im Siemens-Faltblatt mit der "Riesenskala" vom September 1931, so fällt der bereits stark reduzierte Preis auf: nur noch RM 267,-- komplett, statt RM 397,50 bei Schnorr.

Im Inserat von Siemens wird (im Unterschied zu Schnorr) der 41W als Zweikreiser bezeichnet. Er hat (als Neuerung) eine RENS1204 in der HF Stufe, auf die eine Audionstufe mit der REN1104 folgt.

Der S&H 41W scheint offenbar kein sonderlich erfolgreiches Modell gewesen zu sein. Eine Schaltung des Gerätes ist nur bei "Lange-Nowisch" zu finden. Eine Besprechung des S&H 41W mit schönen Bildern findet man unter "Restauration Siemens 41W". Im Lehmann findet man in der 1. und 2. Auflage das Prinzipschaltbild für die kombinierte L&C-Abstimmung der Riesenskala.

Der S&H 41W hat als Schwingkreisspulen "echte" Kugel-Variometer - kombiniert mit einem Pertinax-Drehko, während die kleineren Geräte mit Riesenskala die billigeren Flach-Variometer verwenden.

Wie aus diesem Prospekt von Siemens hervorgeht, war ein Radio mit Kugelvariometer im Jahre 1931 eigentlich bereits veraltet.

1.4 Die "unechte" Riesenskala

Im gleichen Jahr 1931 erschien auch der S&H 45W. Hier in einem Inserat von Prohaska. Im Schnorr Katalog 1931 ist er dagegen nicht zu finden. (Man beachte, daß im Prohaska Katalog 1931 der Preis für den S&H 41W bereits mit RM 267,-- angegeben ist.)

In dem Siemens Falblatt (1931) mit der Riesenskala ist der S&H 45W oberhalb des S&H 41W abgebildet. Es ist also das neuere Modell von den beiden. Der 45W ist ein Dreikreiser mit 3 abgstimmten Schwingkreisen. Er hat 2 HF Verstärkerstufen mit der RENS1204 und eine Audionstufe mit der REN904, wie aus dem Schaltbild (weiter unten) zu sehen ist.

Die hier benannte "Riesen-Skala" ist in Wirklichkeit nur eine große Kreis-Skala, also "unecht". Zwischen MW und LW wird umgeschaltet, wie aus dem Schaltplan zu sehen ist. Die Abstimmung erfolgt nur noch kapazitiv. (Bei der eigentlichen Riesenskala wird das C und das L gemeinsam abgestimmt, s.oben.)

Mit der Einführung der "unechten" Riesen-Skala, also der Unterteilung in die Bereiche LW und MW fiel auch die Empfangsmöglichkeit für den Zwischenbereich weg. Später bei den Superhets war diese Lücke deswegen notwendig, weil da die ZF lag. (häufig 455 kHz - 473 kHz) Wenn ein Radio seine eigene ZF Frequenz empfängt, kommt es zu Empfangsstörungen bzw. zur Instabilität, also zum Schwingen des Gerätes.

1.5 Die Technik des 45W

Die Schaltung des S&H 45W ist im Lange-Nowisch aber auch bei ART zu finden.

Wie aus dem Schaltbild zu sehen ist, hat das Gerät 2 HF Stufen mit der (damals neuen) RENS1204.

Mit zwei HF Stufen scheinen jedoch die "Telefon-Bauer" bei S&H ihre Probleme gehabt zu haben. Die Verstärkung von zwei solchen Stufen ist so groß, daß man kaum die Verkopplungen beherrschen kann, wenn man bisher nur mit Telefontechnik zu tun hatte. Hier wurde dieses Problem dadurch gelöst, daß der 45W ungewöhnlich viele Abschirmungen enthält - was ihn natürlich teuer gemacht hat.

Ein Blick in das Gerät zeigt den hier betriebenen Aufwand an Schirmung. (Damals auch "Panzerung" genannt.)

Die sehr gut fotographierten Bilder stammen von der Modellseite.

Im ersten Bild ist der "Deckel" der Schirmung abgenommen. Man erkennt, daß sich alle drei HF Stufen in quadratischen Metall-Boxen (aus Cu) befinden.
Damit die Spulen nicht auf einander koppeln können, sind sie (räumlich) rechtwinklig ("orthogonal") zu einander angeordnet. [Alternativ dazu könnte man die Spulen auch in einem Magic Angle (54,7°) zu einander anordnen.] Da jede der Spulen in einer geschirmten Box ist, müßte die Anordnung zu einander eigentlich unerheblich sein.

Die MW Spule ist als Zylinderspule mit Cu Lackdraht ausgeführt. Lackdraht Spulen haben eine geringere Güte als Spulen mit Litze. Dadurch wird die Stufenverstärkung geringer und damit die Gesamtverstärkung, was wiederum zur besseren Beherrschung der Instabilität durch Verkopplungen beiträgt. Auch die Ankopplung der Spulen am "Hochpunkt" ergibt eine zusätzliche Dämpfung der Schwingkreise. Die LW Spule ist eine Scheibenspule und unter bzw. hinter der MW Spule angeordnet. In jeder diese Metall-Boxen befindet sich auch der jeweils zugehörige Drehko (mit Messing Platten).

Im zweiten Bild sind die Boxen nun mit einem Cu Deckel abgedeckt. Der Deckel trennt zusätzlich die einzelen Boxen, wie an den jeweils 4 Schrauben zu erkennen ist. Es schauen die Röhren noch oben heraus. Links und Mitte die RENS1204, die ja ihren Anodenanschluß oben haben. Ein Bronze-Band wird davon jeweils nach unten (in die Nachbar-Box) geführt. Rechts ist das obere Ende der REN904 zu sehen.

Da die Schirmung bisher offensichtlich nicht ausreichend war, kommt nun noch abschließend eine Kappe oben drauf. Bei dieser erkennt man an 2 Schräubchen, ähnlich wie bei dem Deckel zuvor, daß da jeweils noch Zwischenwände angebracht sind. Nach so viel Schirmung war nun "Ruhe im Karton" und das Radio spielte. Aber was für ein Aufwand! (Einen solchen Aufwand an Schirmung gibt es sonst nur bei Meßsendern!)

Da jeder der drei Schwingkreise eine eigene geschirmte Box hat, mußten die drei zugehörigen Drehkos mit Hilfe einer "Seil-Konstruktion" mit einander verbunden werden, damit das Radio eine Einknopf-Abstimmung erhalten konnte. Auch das ist eine aufwändige und teuere Lösung.

Im Siemens Prospekt "Siemens Rundfunk Geräte 1932" findet man den 45 nur noch ganz unten auf der letzten Seite. Ohne Angabe eines Preises. Im Prohaska Katalog 1232/1933 ist er nicht mehr zu finden.

Der S&H 45W ist offenbar zum "Ladenhüter" geworden, aber immerhin macht es Freude, seine (unechte) Riesen-Skala zu betrachten.

2. Gemeinsame Technik von AEG, Siemens und Telefunken

Im Jahre 1931/32 kam es zu einer gemeinsamen Radio-Entwicklung von AEG, Telefuken und Siemens. Die Geräte wurden bei Telefunken entwickelt und teils bei der AEG, teils bei Siemens gebaut. Das wurde bis 1939 beibehalten. Obwohl nun die Technik identisch war, hatte jede der 3 Firmen ein eigenes Design für die Geräte, was sicher marktstrategische Gründe hatte. Diese gemeinsame Entwicklung bezog sich nur auf die "kleineren" Geräte, während die jeweiligen Spitzen-Geräte sich in der Technik unterschieden.

Der nun "gemeinsame" Dreikreiser war der Siemens 46W (bzw. AEG  Ultra-Geadem  oder Telefunken 343W). Auch diese Geräte haben 2 Tetroden (RENS1214) im HF Verstärker.

2.1 Der Siemens 46W (als Beispiel)

Der S&H 46W wird in einem Restaurationsbericht vorgestellt. Eine Funktionsbeschreibung des 46W und ein Prospekt von 1932 sind auch hier im RM.org zu finden. Er benötigt - im Unterschied zum 45W - auch keinen "Wellentrenner" (Sperrkreis) mehr um die bei MW notwendige Selektivität zu erreichen.

Ein Blick in das Innere des 46W (Funk-Bastler, H.20., 1933) zeigt, daß außer den Spulen nun - trotz 2 REN1214 in der HF - nichts mehr geschirmt werden muß. Selbst der nun gemeinsame 3-fach Drehko benötigt keine Abdeckung.

Im Unterschied zum 45W hat der 46W ein "ganz normales" Chassis aus Eisen, wie man es von späteren Radios auch kennt. Die einzigen Schirmungen bei diesem Gerät findet man bei den Schwingkreisspulen. Diese sind nun für MW mit Litze gewickelt, was eine höhere Kreisgüte ergibt als mit Spulen aus Volldraht. Zusätzlich werden die MW Spulen nun an einem tiefer liegenden Einspeisepunkt an die RENS 1214 angekoppelt, wie die Schaltung zeigt. Auch diese Maßnahme dient zur Erhöhung der Schwingkreisgüte und der Verstärkung bei MW.

Weitere Bilder zum 46W stammen aus "Kappelmayer: Mit meinem Radio auf Du und Du".

 

 

Hier zeigt Kappelmayer einen geöffneten Spulentopf. (Im Gerät sind diese in ihren Topf eingelötet und daher nicht so ohne weiteres zu öffnen.)

Die MW-Spule unten ist noch als Zylinderspule ausgeführt, jedoch mit HF-Litze gewickelt und ergibt eine höhere Güte als eine Zylinderspule aus Volldraht.

Die LW Spule ist der darüber befindliche Draht-Ring. Die LW-Kreise dürfen keine so hohe Güte erreichen wie die MW Kreise, weil sonst deren Bandbreite zu gering wird und damit die obere Grenzfrequenz der demodulierten NF zu stark reduziert wird.

 

 

 

 

Der S&H 46W ist ein sehr guter Dreikreiser. Verglichen mit seinen Vorläufern S&H 41W bzw. S&H 45W stellt er fast so etwas wie einen "Referenz-Standard" dar. Aber man konnte sich mit dem Erreichten nicht zufrieden geben, denn die Konkurrenz brachte gleichzeitig einen hervorragenden Super auf den Markt, den Staßfurt 5W. Und das zu einem Preis, der aufhorchen ließ.

2.2 Der Staßfurt Imperial 5W

Im Prohaska Katalog von 1932 ist sowohl der (Dreikreiser) Siemens 46W als auch der (Super) Staßfurt Imperial 5W aufgeführt.

Der Siemens 46W kostet RM 247,-- während der Staßfurt 5W für RM 291,40 angeboten wurde. RM 50,-- war damals zwar sehr viel Geld, aber im Vergleich zu den Preisen der Superhets anderer Hersteller war der Staßfurt 5W preiswert. Ein gewissser Nachteil war die sehr kleine Skala im Vergleich zu der großen Linearskala des 46W. Dafür hatte er aber ein Gehäuse aus Holz mit schönem Furnier im Unterschied zum 46W mit seinem Bakelitgehäuse. Laut "C.H. von Sengbusch: Staßfurter Imperial; eine Chronik in Wort und Bild, GFGF 1990, R. Walz" war es damals das einzige Gerät, das in Berlin in den direkten Nachbarkanälen zum Berliner Sender einen Fernsender empfangen konnte. "Die Schaltung [des 5W] ist also ein Dreikreis-Empfänger [genauer: 3 Kreis HF Verstärker] mit nachfolgender Superheterodyn-Schaltung. Ein höheres Maß an Selektivität für einen 5 Röhren Transponierungs-Empfänger kann wohl kaum mehr zur Anwendung kommen." (Zitat aus der Presseverlautbarung vom 16.08.1932)

Davor hatte Staßfurt die Radiobauer bereits mit seinem Super Imperial Junior aufgerüttelt. Telefunken hatte für dieses Gerät (im Auftrag von Staßfurt) extra die REN704d als Mischröhre entwickelt. Da die REN704d trotz ihrer beiden Gitter keine Tetrode ist, sondern "nur" eine Triode mit 2 (hinter einander angeordneten) Steuergittern, hat sie einen geringen Innenwiderstand und eine sehr geringe Mischverstärkung. Näheres zur REN704d als Mischröhre kann unter "Mischung und Frequenzumsetzung" nachgelesen werden.

AEG (Super-Geador WL), Telefunken (650WL) und Siemens (55WL) hatten 1932 auch schon Super in ihrem Programm, aber mit der REN704d als Mischer. Der Staßfurt 5W hatte jedoch als Neuerung eine RENS1204 als Kathoden-Mischer, was einen höheren Innenwiderstand und eine größere Mischverstärkung ergab.

Das Erscheinen des Staßfurt 5W war also ein mächtiger Ansporn für alle Radiofirmen, also auch für AEG, Siemens und Telefunken, ihre Superhets zu verbessern. Das Ergebnis dieser Bemühungen ist die Entwicklung der Mischröhre ACH1 anzusehen. Es dauerte allerdings einige Zeit bis der Vorsprung von Staßfurt eingeholt wurde.

2.3 Der Siemens Länderband

Siemens hat sich als Unterscheidungsmerkmal zu AEG und Telefunken die Länderband-Skala einfallen lassen. Das kam dem damaligen "Radio-Sport" des Empfangs ferner Sender entgegen, weil so die Stationen einfacher zu identifizieren waren - wenigstens so lange wie es keine Frequenzwechsel gab.

Als "Nachfolger" des 46W bzw. 46WL (mit eingebautem Lautsprecher) gab es den "Ätherzepp" 47W bzw. 47WL. Eine Beschreibung des Ätherzepp ist hier zu finden. Die Parallel-Geräte sind von der AEG Ultra-Geadem 304W und bei Telefunken Admiral 346W.

Siemens baute seine Länderband-Skala aber auch in seine Super ein. (48WL oder 48WLK)

Bis die Superempfänger ausreichend gut und in ihrer einfacheren Version auch entsprechend preiswert wurden (1938) gab es im Fabrikationsprogramm weiterhin Geradeaus-Empfänger.

 

Auch wenn gelegentlich nicht explizit darauf hingewiesen wird, gilt stets: Ein so umfangreicher Beitrag geht nicht ohne die Mithilfe befreundeter Kollegen zu verfassen, die mit Rat und Tat zur Seite stehen. In diesem Fall konnte auf die bewährte Hilfe von Hans Knoll und Harald Giese zurückgegriffen werden. Ihnen sei hiermit Dank gesagt.

MfG DR

This article was edited 01.Nov.18 19:05 by Dietmar Rudolph .

  
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