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stern-sonn: Erfurt 4 - eine kritische Würdigung

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Eike Grund
Eike Grund
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07.Jun.08 18:38

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Was tut man, wenn man ein großes Radio geschenkt bekommt - in einem Zustand, der auf dem Sperrmüll nicht auffallen würde? Der Spender möchte Freude bereiten, also freut man sich auch.
So ging es mir vor einigen Jahren. Der Blick auf die Rückwand konnte da auch nichts mehr ändern, für einen ehemaligen Frontstadt-Wessi hatten Produkte aus dem Osten wenig Charme. Da reichte schon die Abkürzung "VEB" für einen kleinen Adrenalinschub.
Dass Erfurt 4 nun doch auf meinem Seziertisch liegt, verdankt er folgenden Umständen: Ich hatte bisher noch kein Radio aus DDR Produktion von innen gesehen und die Verwendung 2er EL86 steigerte die Neugier.
Andererseits weiß man  aber auch um die gute Qualität mancher elektronischer Produkte der DDR, vor allem wenn es sich um Exportgeräte handelte. Ich habe mir unmittelbar nach der Wende in Leipzig Produkte der kommerziellen Nachrichtentechnik ansehen können. Sie machten einen guten Eindruck, sahen nur etwas "wie früher" aus.
Viele Radios und Musikschränke aus der DDR sahen wirklich gut aus, auch die technische Konzeption hatte hohes Niveau.

Bild 1 zeigt einen Blick in das Chassis.  Der Schaltungsumfang ist mit dem des Philips Modells 1002 vergleichbar, nur die Klangregelung fällt etwas bescheidener aus. Bei der Endstufe und der Lautsprecheranordnung hat man vermieden, bei Philips abzugucken. Aber dazu später.

Der zweite Blick ins Innere des "Super 10149/70 WU Erfurt 4" (Ausführung C) erweckte aufgrund der verwendeten Bauteile den Eindruck, dass es sich um ein Exportgerät handeln müsse. Auch die Bezeichnung der Frequenzbereiche auf der Skala mit "Mc" und "Kc" weisen darauf hin. Ein Anruf beim "Spender" bestätigte folgendes: Das Gerät wurde bei einem renommierten Radiogeschäft in Westberlin gekauft. Normalerweise konnten DDR Bürger solche Exportgeräte nicht erwerben, es sei denn, es gab Überbestände. Oder man hatte gute Kontakte zur "Bückware" (unter dem Ladentisch).

Bild 2 zeigt einen Kondensator 2500pF/10%, der mit einem Messwert von 2350pF noch sehr gut im Toleranzbereich liegt. Er sieht ein bischen nach Styroflex aus. Die normalen Folienkondensatoren zeigen auch hier die üblichen großen Abweichungen außerhalb der Toleranz.
Aber man findet auch im Erfurt Bauteile "wie früher", die deshalb keinesfalls schlecht sein müssen. Nur etwas größer. Zum Beispiel die Selenbrücke in offener Bauweise, siehe im Bild 3.

Diese hier hat allerdings ziemlich schlapp gemacht, sie liefert nur noch knapp die Hälfte der Anodenspannung. Auf eine Messung aller einzelnen Brückenglieder habe ich verzichtet. Die Oberflächen einiger Elemente zeigen Korrosion und Ausblühungen.
Bleiben wir gleich beim Netzteil: Der Netztransformator ist in Ordnung, ebenso die Elkos 100uF und 2x50uF. Ich hatte sie vor der Prüfung vorsichtig formiert  (ich verwende dazu ein kleines Solarpanel).

Bezüglich der Verarbeitung unterscheidet sich Erfurt 4 generell wenig von Westprodukten, bleibt aber doch hinter vergleichbaren Geräten aus westdeutscher Produktion Anfang der 60er Jahre zurück. Das betrifft die Oberflächenbearbeitung und einige Details, die nach Handarbeit aussehen. Zum Beispiel der für die Tastenmechanik erforderliche Ausschnitt in der Glasskala (Bild 4).

Da wäre noch die Rückseite der Skala zu zeigen (Bild 5). Die Beschichtung löst sich an vielen Stellen großflächig ab. 

Mein Erfurt hatte bezüglich der Lagerung schlechte Bedingungen aber auch bei der westlichen Konkurrenz fraß sich unter solchen Umständen die Korrosion durch. So sieht die Duplexkupplung (Bild 6) ziemlich mitgenommen aus, nimmt  aber noch einwandfrei mit.

Alle mechanischen Teile sind noch leichtgängig (auch die Potis und der Drehko (Bild 7) und arbeiten fehlerfrei.  Die konstruktiven Lösungen fallen positiv auf, zum Beispiel die Gesperre der Tastenmechanik (Bild 8) und der Antrieb des UKW-Spulenvariometers (Bild 10).

Auch der Rohstoffmangel zeigt sich, im UKW-Kästchen (Bild 9) sind keine Kupferbleche zu finden.  Die Oberfläche des Kästchens hat möglicherweise einen galvanischen Kupferüberzug erhalten, das lässt sich bei diesem Gerät aber nicht mehr so genau feststellen. Auch die Halterungen der Netzsicherung waren vermutlich aus einer minderwertigen Legierung, sie brachen beide beim Ausbau der Sicherung sofort ab.
Nun zu den "Plasten und Elasten": Alle Kunststoffteile, auch bei der Verkabelung, sind in gutem Zustand, zeigen weder Risse noch Brüche.

Bleibt noch zu erwähnen, dass alle Bauteile aus DDR-Produktion stammen, selbstverständlich auch alle Röhren (Bild 11).

Die Röhren: Funkwerk Erfurt, Röhrenwerk Neuhaus, und WF.

Der Frontlautsprecher (400 Ohm, 6 Watt): VEB Funkwerk Leipzig
2 Seitenlautsprecher (200 Ohm, 3 Watt): Elektro-Physikalische-Werkstätten Neuruppin.
Siehe dazu Bild 12.

Informationen zu den Herstellern der DDR, zum Beispiel die Bedeutung der Abkürzungen betreffend, findet man hier im RM oder man googelt - zum Bsp. auch die Begriffe "Plaste und Elaste" (aus Schkopau!) oder die "Bückware".

Eine von Wolfgang Eckhardt zum Gerät hochgeladene Serviceunterlage des Herstellers verrät folgendes: Erfurt 4 war das erste Gerät der DDR mit eisenloser Endstufe und man hat sich bei der Entwicklung doch etwas die Zähne ausbeißen müssen. Die entsprechenden Korrekturhinweise für die Vertragswerkstätten füllen eine Seite.
Die ausführliche Spezifikation der Erfurt 4 Modelle (3 Seiten) hat Bernd Pötzsch zum Modell GWU hochgeladen. 
Beide Unterlagen lesen sich spannend wie ein Kriminalroman. Die toten Bauteile gibt es aber erst am Schluss meines Beitrags.
Nach meinen Recherchen hat es in der DDR kein weiteres Modell mit eisenloser Endstufe gegeben, Radiofreunde aus der ehem. DDR mögen mich korrigieren.
Somit wäre Erfurt 4 doch als Sammlerstück einzuordnen und ich hatte bereits beschlossen, die umfangreiche Restauration anzugehen. Das sollte dann den zweiten Teil des Berichtes und möglicherweise noch ein schönes Foto geben.

Aber Stern-Radio hat nicht nur ein Philips Konzept aufgegriffen, sondern auch die Probleme der Philips-Ingenieure bei den Anfängen mit eisenlosen Endstufen bekommen: Zerstörung der Lautsprecher-Schwingspulen. Auf die Gefahr des Durchbrennens der Spulen wird auch in der oben genannten Kundendienstunterlage hingewiesen. In meinem Fall war der entsprechende Koppelkondensator 8uF noch in Ordnung, jedenfalls in stromlosem Zustand. Die hauchdünnen mehrlagig gewickelten Spulendrähte können aber auch bei Berührung mit den umgebenden Teilen reißen.

Man prüft daher bei einem eisenlosen Gerät vorsichtshalber zuerst die Lautsprecher, bevor man Arbeitsstunden einsetzt. Stern-Radio verwendet 3 Lautsprecher in Reihe, das sind 800 Ohm.
Aber nur ein Seitenlautsprecher hat überlebt. Schade, denn auch die Lautsprecher sind von guter mechanischer Qualität.
Nun doch noch eine gute Nachricht zum Schluss: Ersatzteile, bei Bedarf auch Detailfotos, können angefragt werden.

 


  
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