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Fernseh GmbH Studiotechnik für das PAL SECAM Farbfernsehen

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Wolfgang Scheida
Wolfgang Scheida
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21.Jun.08 13:02

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Fernseh GmbH Studiotechnik für das PAL - SECAM Farbfernsehen

Kurzzusammenfassung:

In dem Beitrag von GFGF Mitglied Herrn Bodo Heyl, einem ehem. Mitarbeiter der Fernseh GmbH der ab Beginn der 1980er Jahre bis zur Übernahme durch Thomson auch im Vertrieb verantwortlich für diverse Länder des Mittleren Osten war, wird die Entwicklung der Farbfernsehtechnik aus der (studiotechnischen) Sicht der Fernseh GmbH in den 1960er und 1970er Jahren geschildert.

Stichworte: Thomson Secamscope, AMC Studio Video Mischer, Studiotechnik (Ost-)Exporte der Fernseh GmbH

"Farbfernsehen und die Rolle der Fernseh GmbH bzw. Bosch Fernseh.

 
Wie bekannt, gab es vor 1968 einen starken Wettbewerb zwischen den Farbfernsehsystemen PAL und SECAM. In der Öffentlichkeit wird fast immer nur die Empfängerseite gesehen. Das Farbfernsehen musste aber auch produziert werden. Die dafür nötige Technik im PAL-Standard für Fernsehstudios und Übertragungswagen wurde in Deutschland hauptsächlich von der Fernseh GmbH entwickelt. Bei der Fernseh GmbH war das Labor von Herrn Dr. Schönfelder mit seinen Mitarbeitern federführend.
 
Die Bücher
  1. Farbfernsehen 1 Aufgabenstellung und Lösungswege 1965
  2. Farbfernsehen 2 Abtastung und Codierung 1966
  3. Farbfernsehen 3 Studioregie und Synchronisiertechnik 1968
von Dr.Ing. Helmut Schönfelder waren für mich 1970, bei meinem Eintritt in die Fernseh GmbH, die grundlegenden Wissensvermittler.
Sie waren klar und verständlich geschrieben, mit dem Wissen aus diesen Büchern war man gut gerüstet.
 
In den ersten Jahren des Farbfernsehens in Deutschland war die Fernseh GmbH voll ausgelastet, die notwendigen Geräte für den PAL Standard zu fertigen. Die französische Firma Thomson CSF konzentrierte sich entsprechend auf SECAM und rüstete die Rundfunkanstalten in Frankreich, Sowjetunion usw. mit den entsprechenden Geräten aus.
 
Benötigt wurden damals sehr schnell Transkodiereinrichtungen, die von der Fernseh GmbH entwickelt wurden. Sie waren so aufgebaut, dass im Fall der Transkodierung von SECAM nach PAL ein Thomson CSF Dekoder mit einem Fernseh GmbH PAL Koder zusammengeschaltet wurde. Umgekehrt wurde ein PAL Kammfilter-Dekoder der Fernseh GmbH mit einem SECAM Koder der Firma Thomson CSF zusammengeschaltet.
Problematisch war die Transkodierung von PAL nach SECAM, nur geringe Reste des PAL Farbträgers generierten ein sehr störendes Muster im SECAM Bild, der PAL Farbträger musste weitgehend abgesenkt werden.
Der neu entwickelte Kammfilter Dekoder unterdrückte sehr gut den PAL Farbträger und die Luminanzbandbreite war nur unwesentlich eingeschränkt.
 
Umgekehrt war die Auflösung durch den Luminanz Tiefpass im Secam Decoder auf ca. 3MHz begrenzt. Ein zusätzliches Problem bereitete die PAL-Farbträgerverkoppelung
im Transkodierfall SECAM nach PAL. Wenn die SECAM Zeilenfrequenz nicht stabil genug war, konnte der PAL Farbträger nicht mehr verkoppelt werden. Diese Transkoder wurden in grösseren Mengen hergestellt.
 
SECAM wurde für viele Jahre mein berufliches Schicksal, der Anlass und Beginn war ein Projekt in Bulgarien.
Die Fernseh GmbH bekam den Auftrag vom Bulgarischen Fernsehen, das Nachrichten Studio auf Farbbetrieb in SECAM umzurüsten. Ich musste mich intensiv mit SECAM beschäftigen, um die Abnahme der zugekauften SECAM Geräte wie Koder, Videomischer und Dekoder bei Thomson in Paris durchführen zu können.
Zusammen mit einem Kollegen haben wir dann dieses Studio in Sofia in Betrieb genommen, pünktlich zum 1.Mai 1974 wurde das Fernsehen in Bulgarien (SECAM) farbig.
 
 
Die Olympischen Spiele 1972 in München hatten zu einer mehr als hundertprozentigen Auslastung der Fernseh GmbH geführt, nach der Abwicklung aller Aufträge mussten neue Kunden gefunden werden, und man suchte sie im erweiterten Export. Die Firma hatte Anfang der 70er Jahre die historisch höchste Zahl von mehr als 2000 Angestellten und Arbeitern.
Es wurde begonnen, den ehemaligen Ostblock intensiver zu bearbeiten.
 
Das Russische Fernsehen war interessiert, auch um eine „second source“ für SECAM Equipment zu bekommen. Die eigene Industrie war nicht leistungsfähig genug, die Firma Thomson hatte weltweit eine Monopol Stellung für SECAM Gerätschaften.
Es wurde ein Auftrag an Bosch erteilt, die Fernseh Studios 6,7 und 8 in Moskau Ostankino von russischen Secam Equipment auf Bosch Gerätschaften umzustellen.
 
In kürzester Zeit mussten nun SECAM Geräte in Darmstadt entwickelt werden.
Man entwickelte Koder, Dekoder, Synchronisiereinrichtungen und Videomischer.
 
Eine sehr aufregende Zeit, es wurde und musste improvisiert werden.
 
Die Studio Abnahmen in Moskau waren nicht einfach, die russischen Ingenieure (und Ingenieurinnen!) kannten „ihr“ SECAM und die Schwachpunkte sehr gut...Wir haben sehr viel gelernt!
 
Die in Moskau gemachten Erfahrungen wurden in Darmstadt analysiert und führten zu Verbesserungen bei folgenden Punkten:
Bedingt durch die SECAM Farbträgerbandsperre im Luminanzkanal des Dekoders im Monitor ergaben sich bei bestimmten auflösungskritischen Bildern störende Überschwinger an scharfen Kanten.
Weiterhin führte die Bandsperre im Luminanzkanal des SECAM Mischers zu ähnlichen
störenden Überschwingern.
Die für PAL optimierte Aperturkorrektur der Farbkameras musste für SECAM modifiziert
werden um das Übersprechen der Luminanz/ Rauschanteile im Farbträgerbereich des SECAM Signales in den Farbdekoder zu minimieren
 
Man muss wissen, dass der Video Mischer in einem Fernsehstudio das zentrale Gerät ist, hier werden die Bilder ausgewählt und miteinander verbunden, trickmässig oder mit einer Überblendung. Diese Prozesse können in PAL und NTSC relativ einfach, ohne Auflösungseinbussen durchgeführt werden.
Bei SECAM, bedingt durch die Frequenzmodulation des Farbträgers, ist das nicht möglich, die Video Signale müssen dekodiert werden und als Luminanz und Chrominanzsignale getrennt verarbeitet werden.
Die ursprünglichen SECAM Farbträger müssen ausgefiltert werden, dazu ist ein steiles Tief oder Bandpass Filter notwendig.
 
Als erster Schritt wurde das im Dekoder notwendige Filter durch ein austeuerungsabhängiges Filter ersetzt, Vorbild war das Filter im Luminanzkanal des SECAM Koders, dies führte zu einer visuell besseren Wiedergabe von scharfen Schwarz-Weiss Sprüngen.
 
Die Aperturkorrektur der Kameras wurde durch eine auf SECAM angepasste/verbesserte Version ersetzt.
 
Ein grundsätzliches Problem blieb bestehen, der SECAM Mischer in seiner zweikanaligen Ausführung, ein Kanal für die Luminanzmischung, der zweite Kanal für die Chrominanzmischung der Farbdifferenzsignale. Es gab Gleichlaufprobleme, der Abgleich war kompliziert, der Mischer war zu aufwendig und damit zu teuer. Ausserdem war es sehr aufwendig die bei PAL Geräten verbesserten Verfahren (Chromakey, neue Tricks etc.)
auch in einen SECAM Mischer einzuführen, die Stückzahlen waren zu niedrig.
 
Ich glaube es war 1976, ich habe in Budapest beim ungarischen Fernsehen MTV einen SECAM Mischer in Betrieb nehmen müssen. Der ungarische Abnahme Ingenieur führte mir sehr gekonnt alle Schwachpunkte vor..Die Abnahme wurde nicht ausgesprochen.
Auf dem Rückflug nach Deutschland bekam ich die Idee, dass man evtl. mit einer Umkodierung des SECAM Signales die üblichen PAL Videomischer benutzen könnte.
Damit hätte man dann  Zugriff auf alle modernen Trickmöglichkeiten wie optimiertes Chromakey etc.
 
Die Firma Bosch Fernseh war interessiert. Ich konnte dann, mit einigen Kollegen, das Prinzip ausprobieren und die Praxistauglichkeit vorführen.
Das Grundprinzip bestand auf einer Umsetzung des demodulierten SECAM Signales auf einem zeilensequentiellem  Trägersignal von 5,75MHz, das so erzeugte Signal konnte problemlos in Standard PAL Mischern verarbeitet werden. Danach wurde das Signal in SECAM rekodiert.
 
Das Prinzip wurde AMC genannt, „Amplitude Modulated Chrominance“, der erste Mischer wurde 1977 auf der Messe in Montreux vorgestellt und löste bei der Konkurrenz Erstaunen aus. Auch Walter Bruch besuchte unseren Stand und hatte den Verdacht, dass wir Teile seines Patentes benutzten. Es konnte ihm bewiesen werden, dass wir teilweise das ursprüngliche
SECAM I Verfahren umgebaut und modifiziert benutzten.
 
Dieser AMC Mischer wurde über Jahre in Stückzahlen in den ehemaligen Ostblock und andere SECAM Länder geliefert.
 
 
Bei der Entwicklung dieses Mischers wurde der Luminanzpfad überarbeitet, es wurde ein neu konstruiertes Tiefpassfilter eingesetzt, die Schärfung des Luminanzsignales wurde mit einer geschalteten Aperturkorrektur vorgenommen, der Bildeindruck war exzellent, es war schwierig einen Unterschied zwischen dem breitbandigen und dem bandbegrenzten Leuchtdichtesignal festzustellen.
 
Weiterhin entwickelte Bosch Fernseh ein einfaches Verfahren um die SECAM Farbträger zu erzeugen, sie wurden zentral erzeugt und wie bei PAL üblich, im Studio verteilt bzw. als Ein-Kabel Synchronisier System für grössere Sende-Komplexe weiter entwickelt.
Die teuren Quarzfilter für die Erzeugung der zwei Farbträger wurden durch eine Quarz-PLL Schaltung ersetzt.
 
Es wurde ein Messgerät entwickelt um die Chrominanz/Luminanz Laufzeiten zu messen.
Das war in SECAM, bedingt durch die Frequenzmodulation der Chrominanzsignale, vorher nicht möglich gewesen.
Das Thomson Secamscope wurde durch eine ungarische Entwicklung ersetzt. Dieses Messgerät war essentiell und wurde benutzt um den Hub der Frequenzmodulatoren in den SECAM Kodern einzustellen und Systemparameter zu messen.
 
All diese Arbeiten wurden in Darmstadt von dem Labor Dr. Hausdörfer mit seinen Mitarbeitern Herrn Hess, Illetschko, Peth und Wilhelm durchgeführt.
 
Das AMC Verfahren für den SECAM Mischer wurde später von der Firma OKI in Japan kopiert. Das AMC Verfahren wurde in der EU, in Ungarn, Kanada und USA patentiert,
Japan hatte man schlicht vergessen.
 
Man hatte in Darmstadt noch einige Ideen um das SECAM Verfahren im Studiobereich zu verbessern, aber das digitale Fernsehen rückte immer mehr in den Mittelpunkt des Interesses und es war absehbar, dass die klassischen Farbstandards für die Zukunft ihre Bedeutung verlieren würden.
 
Bodo Heyl Deutschland/Reinheim "
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Wir danken Herrn Heyl für seine geschilderten Erinnerungen aus erster Hand!
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April - Juni 2008 W. Scheida www.scheida.at/scheida/televisionen.htm
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Anmerkung: Der Autor war in den 1990er Jahren selbst ca. 2 Jahre über das Wiener Vertriebsbüro "Philips Professionelle Elektronik" am Vertrieb von nun als BTS (Broadcast Television Systems) bezeichneten Studioequippment in Österreich & Ungarn beteiligt. Dazu gehörten auch die PTV (Philips) Studio & Sendemessgeräte aus Bröndby Dänemark.
Kurzzusammenfassung der Erinnerung:

 

"Ich habe selbst für BTS gearbeitet jedoch im Vertrieb in Wien 199X/9X und war einmal zur "Einschulung" (Das ganze Programm in 2 Tagen) in Darmstadt wo mir Herr David Bancroft Fachbereich HDTV, und Herr Dieter Spannhake Fachbereich Monitor noch in bester Erinnerung geblieben ist. Letzterer erzählte mir von den tollen Monitoren die Military Standard erfüllt haben sollen sowie das sie einen SECAM Coder bauten der besser als der der Franzosen gewesen sei.

Ein BTS Mann - der Name ist mir entfallen ....... erzählte mir das die Ostblock Länder zwar die Pflichtkontingente russischer Technik abnahmen, diese aber gleich wie sie waren im Lager verstauten und Westimporte im Betrieb einsetzten."

This article was edited 21.Jun.08 18:16 by Wolfgang Scheida .

  
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