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Restauration eines Gehäuses mit Brandfleck im Furnier

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Martin Renz
Martin Renz
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11.Jul.10 10:46
 
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Vor der Restauration

Dieses Gehäuse eines Stassfurt Imperial 4 Midget aus dem Jahre 1933/34 hat einen typischen Aufbau aus geformtem Sperrholz, welches mit Nussbaumfurnier belegt ist. Als Lack kam wohl ein glänzender Nitrozellulose-Lack zur Anwendung, wie er in dieser Zeit üblich war. Der Lack hatte eine leicht bräunliche Eigenfarbe, das Holz wurde mit einer Wasserbeize leicht gebeizt. Beides verhilft dem Furnier zu einer kräftigeren Farbe und beugt späterem Ausbleichen, wie es für Nussbaum typisch ist, vor.

das Gehäuse vorher

 

 

Der Zustand des Gehäuses war nicht sehr gut, der Lack mit vielen Rissen, eine große Brandstelle auf der Oberseite, etliche Löcher mit einigen Millimetern Durchmesser und viele Kratzer und Wasserflecken.
 

Brandfleck

 

Entfernen des Lackes

Nitrozellulose-Lack lässt sich mit einer scharfen Waschverdünnung (Nitroverdünnung) sehr leicht abwaschen. Dazu wird ein weißer Trikotlappen aus Baumwolle auf das Gehäuse gelegt, kräftig mit Verdünnung getränkt und mit einer Folie abgedeckt. Man kann Stück für Stück bearbeiten. Nach ca. 15 min Einweichzeit kann der Lack dann mit dem Lappen aufgenommen und rückstandsfrei abgewischt werden.

 

Folie zur Abdeckung

Zum Schluss wäscht man mit einem sauberen Lappen und Verdünnung nochmals nach. Das Holz, die Beize und der Furnierleim werden dabei nicht angegriffen.

gelöster Lack

Reparieren des Furnieres

Nun wurde der Brandfleck bearbeitet: Das Loch war nicht sehr tief, lediglich das Furnier war weggebrandt. Ich habe ein Stück Furnier mit ähnlicher Maserung herausgesucht und mit einer Schere einen Flicken zugeschnitten.

Furnierflicken

Die zackige Form ist absichtlich so gewählt, er lässt sich so leichter einpassen und ist nachher weniger sichtbar. Der Flicken wird nun auf die Brandstelle gelegt und mit Maskierband fixiert. An den freien Stellen wird nun ohne großen Druck mit einem Teppichmesser oder einem scharfen Schnitzmesser entlang der Kanten in das Furnier geschnitten. Der erste Schnitt dient der Führung, danach wird mit etwas mehr Druck das Furnier etwa einen halben Millimeter eingeschnitten. Nun wird die andere Hälfte ebenfalls mit Klebeband fixiert und die andere Seite nach Entfernen des Klebebandes ebenfalls geschnitten. Vorsichtig alles nochmals nachschneiden, das Furnier sollte auch in den Ecken vollständig durchtrennt werden.

Furnier ausschneiden

Nun kann das restliche Furnier aus dem Loch vorsichtig und mit Gefühl herausgehoben werden. Ein schmaler scharfer Stechbeitel ist hier sehr hilfreich, notfalls geht das auch mit einem spitzen Messer. Das Furnier löste sich recht gut entlang der Leimfuge (Knochenleim), restlicher Leim wurde herausgekratzt.

Furneir ausheben

Der Flicken passte nun eben in das Loch.

Furnier passt

Es wird nun gut Weißleim angegeben (zum Beispiel Ponal, nicht die wasserfeste Variante (D3) nehmen), der Flicken eingesetzt, mit einem feuchten Tuch abgewischt und ein Papier darauf gelegt.

leimen

Mit einer glatten Zulage und ein, zwei Zwingen wird nun kräftig gespannt. Das Papier verhindert, dass ausquellender Leim die Zulage untrennbar mit dem Gehäuse verbindet.

mit Zwingen pressen

Mit 240er Schleifpapier wird es vorsichtig entfernt, die Unebenheiten am Übergang werden dabei gleich mit entfernt. Durch das Schleifen verschwindet auch die Beize auf der Oberfläche des Furnieres, es wird heller. Dies ist aber kein Nachteil, den so gleichen sich die Farbe des Furnieres des Gerätes und des Flickens an.

Vorbereitung zum Lackieren

lackierfertig geschliffen

Druckstellen und Kratzer werden mit einem feuchten Lappen (weiße Baumwolle) und einem heißen Bügeleisen herausgedämpft. Durch den Dampf quellen die Zellenhohlräume auf, die Hitze lässt das Lignin des Holzes weich werden.

Die Löcher wurden nun mit eingefärbtem Heißwachs gefüllt, ein regelbarer Lötkolben bei 150°C ist hier hilfreich. Die Farbe sollte der des angestrebten Farbtones entsprechen, im Zweifel aber immer deutlich dunkler sein. Nichts sieht unschöner aus, als zu helle Flecken im Furnier. Man kann bei größeren Stellen auch mehrere Farben und Schwarz ineinander schmelzen lassen, das sieht natürlicher aus. Auch die Seiten wurden vorsichtig geschliffen, ohne aber die Beize vollständig abzuschleifen.

Die Lackierung

 

Nun erfolgte eine Grundierung mit mattem DD-Lack und einer Spritzpistole, danach wurde mit 280er Schleifpapier glatt geschliffen.
Hierauf erfolgte ein Auftrag von birnbaumfarbiger Patina der Firma Arti, dieser Farbton geht quasi immer. Die Patina wird mit viel Luft und Druck (5 bar) und ganz wenig Materialfluss aufgenebelt, also hauchdünn aufgetragen (kleinste Düse 1,0mm). Patina ist im Prinzip eine sehr dünnflüssige Lasur, die durch den Luftstrom der Pistole sofort auftrocknet. Die Farbwirkung kann unmittelbar beurteilt werden und Helligkeitsunterschiede können leicht ausgeglichen oder erzeugt werden. Die Wirkung ist ähnlich einer Beize, kann bei der Restaurierung aber besser gesteuert werden. Außerdem waren auch die verwendeten Lacke der Industrie eingefärbt, was so sehr gut simuliert wird. Der Flicken unterscheidet sich in der Farbe nun nicht mehr von der Umgebung.

fertig lackiert

Ein zweiter Lackauftrag mit DD-Lack matt fixiert die Patina. Nun wurden mit einem sehr feinen Tuschestift noch ein paar Holzporen auf die gewachsten Flächen gezeichnet und der Rand mit einem schwarzen Eddingmarker (3000) nachgezogen. Zum Schluss erfolgt die Endlackierung mit DD-Lack glänzend. Nur der letzte Auftrag ist entscheidend für den Glanzgrad der Lackierung. Einen Hochglanz erzeugt man so jedoch nicht, da die Poren des Holzes nicht gefüllt sind und sich abzeichnen. Hochglanz erreicht man mit Polyesterlacken oder anderen speziell eingestellten Systemen oder mit einer Schelllackpolitur. Dieser Effekt ist aber auch nicht gerade typisch für die Gehäuse dieser Zeit.
 

Oberseite des Gehäuses

 

Hier noch ein Detail des ehemaligen Brandfleckes - viel ist nicht mehr davon zu sehen:

der ehemalige Brandfleck

Das Gehäuse stammt von einem von Herrn Janscheidt (RM) restaurierten Radiogerät (zum Modell)

Der gesamte Zeitaufwand kann mit etwa 4 Stunden angesetzt werden.

This article was edited 12.Jul.10 08:20 by Martin Renz .

Jürgen Dittrich
 
 
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Hallo Herr Renz,

DD-Lack ist doch aber ein Polyurethan-Lack, wenn ich mich nicht irre. Besteht noch irgendwie eine Chance, an "richtigen" Nitrozellulose-Lack zu kommen ? Ich lege bei der Restauration immer größten  Wert auf den Erhalt bzw. Wiederherstellung des Originalzustandes.

Viele Grüße

J. Dittrich

Martin Renz
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12.Jul.10 08:01

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Nitrolacke sind bei der Firma Clou noch im Angebot. Unter „Industrie&Handwerk" ist unter „Produkten" - „Produktübersicht" eine Reihe von Nitro-Lacken zu finden. Geeignet sind „Schnellschliff-Grundierung", „Nitromattlack" und „Nitroseidenmattlack" sowie „Zellulose-Ballenmattierung". Diese läßt sich ähnlich wie Schelllack mit dem Ballen auftragen. Diese Lacke sind im gut sortierten Einzelhandel zu bekommen. Es handelt sich bei diesen Produkten wohl um „Nitro-Kombilacke", also um mit Kunstharz angereicherte Nitrolacke. Das Kunstharz sorgt für eine Verbesserung der Widerstandsfähigkeit gegen Wasser und Lösemittel wie Alkohol. Kombilacke könnten auch schon bei den Radiogehäusen der 30er Jahre zum Einsatz gekomen sein. Im Detail weiss ich dies aber nicht.

DD-Lacke unterscheiden sich im Aussehen kaum von Nitrolacken. Sie haben eine viel höhere chemische und mechanische Widerstandsfähigkeit. Ihr Verhalten gegenüber exotischen Hölzern wie Teak ist unproblematischer. Sie werden aus mindestens 2 Komponenten vor der Verarbeitung gemischt. Nitro-Kombilacke bestehen aus einer Komponente, die nicht angemischt werden muss.

Unter restauratorischen Gesichtspunkten haben die Nitrolacke den Vorteil, mit weniger Aufwand wieder entfernt werden zu können, wenn das je einmal erforderlich sein sollte. Ihre Zusammensetzung dürfte sich aber von den früheren Rezepturen durchaus im Detail unterscheiden. Unter strengen Gesichtspunkten sollte eine „Neulackierung" gar nicht stattfinden, allenfalls die vorsichtige Konservierung des vorgefundenen Zustandes wäre erlaubt.

Eine exakte Reproduktion mit originalen Rezepturen dürfte kaum möglich sein. Die Industrie hat ihre Rezepturen noch nie veröffentlicht, es dürfte auch kaum gelingen, die Hersteller der Lacke zu bestimmen. Die Lacke selbst wurden möglicherweise vom Verarbeiter modifiziert, zum Beispiel bräunlich eingefärbt, wie dies auch bei diesem Gerät der Fall war.

Wie und mit welchen Methoden restauriert wird, ist letztlich eine individuelle Entscheidung. Bei frühen Unikaten sollte sich eine Restaurierung auf das allernotwendigste beschränken, bei späterer Massenware ist das sicher weniger eng zu sehen. Hier überwiegt bei vielen Sammlern sicher der Wunsch, ein Gerät so zu zeigen, als ob es sehr gut erhalten wäre.

Eine weitere Methode wäre die Politur mit Schellack. Diese ist in hohem Grade reversibel und wirkt bei alten Geräten sehr authentisch. Sie entspricht aber in der Regel nicht der originalen Lackierung.

Letzlich ist jeder Sammler frei zu entscheiden, wie er seine Geräte restauriert.

Gilbert Brands
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25.Aug.11 21:05

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Hallo,

anstelle von Weißleim verwende ich seit einiger Zeit Knochenleim. Der Vorteil gegenüber Weißleim ist, dass Fehler relativ problemlos korrigiert werden können. Stellt man nach dem Trocknen einen Fehler fest, kann durch Erwärmen, z.B. mit einem Bügeleisen, wieder angelöst werden. Bei größeren Flächen ist so auch streifenweise ein neues Fournier aufbringbar. Überstände lassen sich meiner Meinung nach auch wesentlich problemloser entfernen. Ein bischen Probieren ist aufgrund der Verarbeitungseigenschaften natürlich notwendig, aber man gewöhnt sich schnell daran.

Eine ausführliche Anleitung zum Umgang mit Knochenleim (und auch Bezugsquelle, falls sonst problematisch) gibt es ->hier

Viele Grüße

Gilbert Brands

 

Paul Heussner
Paul Heussner
 
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25.Aug.11 23:16

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Hallo Herrr Renz,

zwei Fragen stellen sich mir nach Ihrem interessanten Beitrag.

 

1. Warum raten Sie von dem wasserfesten Leim ab? Welche Nachteile sehen Sie dabei?

2. Welchen DD-Lack verwenden Sie und wo kann man diesen Lack beziehen?

 

Viele Grüße

Paul Heußner

 

 

Martin Renz
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28.Aug.11 14:47

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Warum kein wasserfester Leim (D3)?

Auf Grund der Unebenheiten sollte mit Leim beim Einsetzen des Flickens nicht gespart werden (siehe Foto im Beitrag). Das Furnier muss ganzflächig verklebt werden, sonst löst es sich beim Beizen oder Lackieren blasenartig. Man nennt diese Stellen dann "Kürschner". Auch wenn man überschüssigen Leim nach dem Einsetzen des Flickens mit einem feuchten Tuch abwischen sollte, wird eine gewisse Menge dennoch aus den Ritzen und eventuell auch den Poren des Holzes austreten. D3 Leim (dieser ist wasserbeständig aber nicht witterungsbeständig, das wäre D4) lässt sich nach dem Aushärten aber nur noch mechanisch entfernen. Dies mag durch vorsichtiges Schleifen mit einem scharfen Schleifpapier an der Oberflächge gelingen, in den Poren des Holzes besteht aber keine Chance, ihn zu entfernen. Dort stört er die Beizung, die Poren und Fugen bleiben hell, was unschön aussieht.

D1/D2 Leim, der klassische Holzleim, lässt sich dagegen mit einem feuchten Tuch wieder weich machen, so dass er mit einer Bronze- oder Messingdrahtbürste leicht wieder aus den Poren und Ritzen gebürstet werden kann. Diese lassen sich dann durch ein dunkles Weichwachs leicht verschliessen, so dass nach der anschließenden Lackierung eine nahtlose und optisch einwandfreie Oberfläche entstehen kann. Er lässt sich durch Erwärmen mit einem Bügeleisen auch wieder weich machen. So gelingt es auch, runde Kanten zu furnieren, in dem man mit dem Bügeleisen solange mit Druck über das Furnier fährt, bis die Feuchtigkeit aus dem Leim entwichen ist und er eine genügend hohe Klebkraft entwickelt hat, das Furnier zu halten. Wer keine Geduld aufbringt, die Klebestellen mit Zwingen zu pressen und austrocknen zu lassen, kann so auch einmal schnell einen Flicken einsetzen und ohne lange Wartezeit weiter arbeiten.

Der bekaPonalnnteste Vertreter dürfte diese Marke sein, es gibt aber auch andere empfehlenswerte Marken:

 

Gegenüber dem klassischen Knochenleim hat der PVAC-Holzleim den Vorteil, elastischer zu bleiben. Die Verklebung wird dadurch zuverlässiger. Er ist auch einfacher zu verarbeiten. Die in dem von Herr Brands erwähnten Beitrag genannten Hinweise zur Verarbeitung von Knochenleim kann ich als richtig und hilfreich bestätigen. Wenn eine wirkliche Restauration eines Gehäuses ansteht, ist er das Mittel der Wahl. In den Fällen, in denen lediglich ein ansprechendes Aussehen gewünscht wird und auch der Lack nicht mehr dem des Originales entspricht ziehe ich den PVAC-Leim wegen der unkomplizierten Verarbeitung vor.

Zur Frage nach dem Lack:

DD-Lack ist ein grober Sammelbegriff für 2K-PUR Lacke, also lösemittelhaltige Lacke auf der Basis von Polyurethan, die vor der Verarbeitung aus 2 Komponenten zusammengemischt werden.
Ich verwende Produkte der Firma Klumpp - Stuttgart, die allerdings nur für Industrie und Handwerk angeboten und vertrieben werden. (Produktseiten - hier meist Miracryl-A in den Glanzgraden matt bis glänzend). Es gibt PUR-Lacke jedoch auch im Fachhandel für den Endverbraucher zu kaufen. Am besten lassen sie sich in einem Fachgeschäft beraten und achten darauf, dass ihnen kein Lack auf Acrylat-Basis aufgeschwatzt wird. Eine Tischlerei ist unter Umständen auch bereit, ihnen aus den Großgebinden eine kleinere Menge an Lack, Härter und Lösemittel zu verkaufen, sofern diese dort verwendet werden. Dazu sollten sie geeignete Gefässe mitbringen.

This article was edited 28.Aug.11 16:03 by Martin Renz .

  
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