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Richtfunkstation in Zinnwald Georgenfeld - Lugstein -

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Forum » Radio- and technical History » Decades of broadcasting » Richtfunkstation in Zinnwald Georgenfeld - Lugstein -
           
Wolfgang Lill
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17.Sep.16 18:02
 
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Im Zusammenhang mit dem Ausbau des Fernsehübertragungsnetzes der DDR sowie zu den befreundeten Bruderstaaten wurde im Jahre 1956 beschlossen, auf dem  günstig gelegenen Berg Lugstein in Zinnwald Georgenfeld in einer Höhe von etwa 900 m eine Richtfunkstation zu  errrichten. 1957 ging diese in Betrieb.

Standort  zwischen großem und kleinen Lugstein in Georgenfeld , da wo das Rechteck ist. Das ehemalige Wohnhaus des Leiters ist jetzt eine Gaststätte  ( rechts daneben) .

Schauen wir uns doch mal etwas näher um;

Wenige hundert Meter entfernt befindet sich eines der Wahrzeichen des Ortes Zinnwald, das Hotel Lugsteinhof.

Unmittelbar daneben, sehenswert, das Georgenfelder Hochmoor. 12 Hektar, etwa 10% der Gesamtfläche, sind auf deutscher Seite zu besichtigen, der andere große Teil befindet sich auf Tschechischem Gebiet.

Naheliegend, befindet sich hier im Osterzgebirge eine wichtige Wetterstation des Deutschen Wetterdienstes, welche am 1.1.1971 in Betrieb genommen wurde.

Im Jahre 1956 wurde durch die Volkskammer der DDR u.a. auch beschlossen, das eine Richtfunkstation im Osterzgebirge, konkret in Georgenfeld, errichtet wird.

So wurde der Turm im Jahre 1957 zunächst mit Provisorien fertiggestellt. Er war damals 54 m hoch ( mit Kran 56 m).

Fotos 1+ 2 vom ehem. Leiter der Station Herrn Schwerdtfeger aus Zinnwald. Vielen Dank

Mitte der 60iger Jahre kamen dann die zwei unteren Plattformen zusätzlich dazu.

 

Die schönste Zeit im Osterzgebirge ist die Winterzeit. Und so entstand auch dieses Foto von der Übergaberichtfunkstation Lugstein etwa Mitte der 60iger Jahre.

Danke an Herrn Kamenz für die 2 Fotos

Unmittelbar daneben befand sich das Wohnhaus des Leiters der Station und des Hausmeisters. Somit war bei jedem Wetter eine Betreuung der Anlage gewährleistet. War es doch die damals wichtige Übergabestation der Fernsehsignale von der CSR zur DDR und in anderer Richtung im Rahmen des  Programmaustausches der INTERVISION ab 30.01.1960 gegründet mit der DDR, CSR, Ungarn und Polen. Im Jahre 1960 kam dann die UdSSR dazu, 1961 Bulgarien, 1962 die

Mongolei und Rumänien: Auch Österreich und Finnland beteiligten sich.

 

                     Der Programmaustausch fand auch bereits 1957 statt, es ging damals in die CSR nach   Loučná​ und ab 1965 war die übernehmende Richtfunkstation auf dem Bukova Hora ( Buchenberg oder auch Zinkenstein genannt ) bei Usti n.L. 

Weiterhin wurden später Signale im Richtfunknetz der DDR weitergegeben, so z.B. zur Landeskrone nach Görlitz.

Die Anlage gehörte zur Deutschen Post, Funkamt Dresden , Funkübertragungsstelle Lugstein, so die korrekte Bezeichnung...Das änderte sich auch bis zum Ende der DDR nicht. Im Prinzip löste sich die Intervision selbst auf, ab Mitte 1990 wurde diese Übergabestation eigentlich für diesen Zweck nutzlos.

Hier ein aktuelles Winterbild von der Lugsteinbaude, mit der Umstellung auf automatischen Betrieb wurde natürlich dieses  Gebäude für Angestellte der Media Broadcast ( jetztiger Betreiber des Funkturmes) nicht mehr benötigt und so ist es heute eine Baude mit Übernachtungsmöglichkeit.

Foto; Herr Kamenz, Altenberg 

 

Etwa 100 m in nordöstlicher Richtung von Turm entfernt befindet sich eine interessante Anlage, die jedoch nichts mit der Funkübertragungsstelle zu tun hat.

Im Jahre 1988 wurde die TV- Antennengemeinschaft Georgenfeld Zinnwald  gegründet. Zunächst wurden Kabel verlegt. Die Erdarbeiten führten die Bewohner selbst aus. Jeder Haushalt, der angeschlossen werden wollte, musste 80 Arbeitsstunden leisten und 750 Mark der DDR einzahlen. 

Herr Hans Hartmann aus Zinnwald sagte mir dazu, das alle sehr fleißig waren und nahezu 100% der Bewohner sich beteiligten....ging es doch schließlich darum, zu den 2 DDR- Programmen und den 2 tschechoslowakischen TV Sendern , welche damals noch den Ton in OIRT-Norm sendeten, eine Programmerweiterung zu schaffen.

Die hier im Bild zu sehenden  2 Spiegel wurden allerdings erst 1992 aufgebaut, bis dahin empfing man über Antenne auf Kanal 4 der Ochsenkopf ARD  und auf Kanal 33 das ZDF, wobei das schon kritisch war, trotz Richtantenne, weil der Sender Bukova Hora  bei Usti n.L. fast kanalgleich in OIRT Norm  sendete. Ein weiteres Programm, das Bayerische Fernsehen wurde im UHF- Bereich aus dem Bayerischen Wald empfangen. 

Die Spiegel sind heute noch im Betrieb, die Signale werden nach wie vor in die Kabel eingespeist. Insgesamt 16 analoge Sender und 38 digitale.

Dazu kommt noch UKW. Der Polizeifunk (BOS)  ist nicht mehr in Betrieb.

Zurück zum Funkmast.

Der jetzige Funkturm vom Typ FMT11 ist 72 m hoch, ausgeführt  in Stahlbetonbauweise. Er wurde anfangs der 90iger Jahre errichtet im Rahmen eines Bauprogrammes  "Fernmeldetürme in den Neuen Bundesländern" .

Das 1959 errichtete Betriebsgebäude wurde mit dieser Maßnahme saniert.

 

Der neue Funkturm dient nicht mehr der Übertragung von Fernsehsignalen sondern nur noch der Funktechnik, die Telekom betreibt D1, es kommen noch analoge Anlagen dazu für Polizei, Bundespolizei, Feuerwehr, Krankenktransport sowie weitere Anbieter. Inzwischen hat man festgestellt, das digitale Übertragung im Gebirge nicht so richtig funktioniert und denkt darüber nach, die anloge Technik weiter zu nutzen,

Demnächst wird LTE installiert, so das sich das schnelle Internet auch in dieser Region nutzen lässt.

Noch ein Blick auf das ehemalige Wohnhaus des Leiters der Übergaberichtfunkstation, heute ist es eine Pension mit Gaststätte, die zum Verweilen einlädt.

Wer es bis hierher geschafft hat, der wird nun durch eine angenehme Gastronomie und gutes Essen belohnt. Auch Übernachtungen sind in der Lugsteinbaude möglich und natürlich ein Riesenangebot an Rundfunkstationen sowohl auf UKW, im AM-Bereich und auf DAB+ wartet auf die Freunde vom Radiomuseum.org.

Foto : Herr Kamenz Altenberg

alle anderen Bilder; Wolfgang Lill

 

 

This article was edited 05.Mar.17 11:49 by Wolfgang Lill .

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21.Feb.17 00:47

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Es kam die Frage;  Gab es eine Direktverbindung zwischen Lugstein und Görlitz (Landeskrone) ?

Der verantwortliche Ingenieur der Station Lugstein Herr Schwerdtfeger hat mir dazu am 19.02.2017  wie folgt geantwortet.

 Die Relaisstation zwischen dem Lugstein und der Landeskrone Görlitz , ca 94,5 Km Luftlinie,  war Löbau. Es gab eine RVG 908 Richtfunkverbindung vom Lugstein über die BSt. Löbau nach Görlitz. Die RVG 908-Technik wurde einige Jahre lang von den Kollegen vom Lugstein gewartet. Wann die Landeskrone die RVG 908 nicht mehr benötigte kann ich nicht mehr sagen. Nach Löbau bestand die Richtfunkstrecke noch bis etwa zur Wende, aber die letzte Zeit wohl auch nur als Ersatzstrecke.

 

Linkstreckenberechnung durch Hamnet Database und Packet Radio Crawler. 

Der Große Aussichtsturm der Landeskrone Görlitz ( Burghotel Landeskrone) im April 2009. Damals wurde von dort das terristische Fernsehen analog auf Kanal 6 gesendet.

Vielen Dank an Herrn Rainer Kitte ( Kittefotos Görlitz) für dieses schöne Foto .

Erster Fernseh- Versuchssender 1956 mit 200 Watt

und ab 1.1.1957 wurde Radio DDR I auf 95,2 MHz gesendet. Das war übrigens der einzigste UKW - Sender von Radio DDR I damals in der DDR. Selbst 1960 war das noch so. Erst 1961 kommen zwei weitere UKW- Sender in Leipzig und Schwerin dazu. Ansonsten wurde DDR I über die MW- Senderkette und sogar auf Kurzwelle Leipzig Wiederau 9730 KHz ausgestrahlt !!!

Der Fernseh- Kleinsender Landeskrone nahm ab 15.09.1957 seinen Betrieb auf...aber das wird demnächst eine andere Geschichte.

 

This article was edited 05.Mar.17 14:29 by Wolfgang Lill .

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04.Mar.17 10:40

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Ich hatte das große Glück, Herrn Jürgen Dube kennenzulernen.Er hat viele Jahre auf der Richtfunkstation gearbeitet und was ganz wichtig ist, viele historische Dokumente vor der Vernichtung bewahrt.

In der DDR war es ja so, das Brigadebücher geführt wurden und nicht nur das Brigadeleben, sondern auch Probleme, Schwierigkeiten, das Miteinander arbeiten, wurde dokumentiert. Oftmals findet man auch Informationen, die eigentlich niemals an die Öffentlichkeit sollten.

Also kann ich nun ergänzend zu meinem Beitrag einige interessante Episoden aus dieser Zeit wieder hervorholen.

Als erstes musste Wald gerodet werden, um überhaupt die Zufahrt zum geplanten Standort zu gewährleisten.

...und nach dem Morast im Sommer kommt der strenge Winter, die Posttechnik kann ihr Ziel nur mit Mühe erreichen.

Der bewährte "Garant" kämpft sich Meter für Meter durch den Schnee, sowjetische Schneeräumtechnik sichert die Zufahrt zur Baustelle.

Zunächst nochmal zum Baujahr der Anlage; diese wurde bereits im Jahre 1957 errichtet und schrittweise zunächst provisorisch in Betrieb genommen.

Vom Baugeschehen selbst gibt es nur wenige Fotos. Es war damals nicht gestattet, so einfach zu fotografieren, alles musste genehmigt werden, denn schließlich hatte diese Richtfunkstation auch eine strategische Bedeutung.

Die Teile werden mit einem oben aufgebauten Kran hochgezogen. Man baute damals noch ohne Riesenkran und Hubschrauber Meter für Meter...

Foto : H. Graf für Funkamt Dresden, Betriebsstelle Lugstein Ende 1957 , erster Schnee und starker Rauhreif lassen die Kollegen nicht zur Ruhe kommen, die Spiegel müssen enteist werden....

Im Brigadebuch liest sich das dann so:

Es war eine Baustelle, Schlamm und Bauschutt überall, anfänglich musste der Betrieb von einer Baubude provisorisch durchgeführt werden. Tagsüber stand ein Sofa auf den RVG904 Geräten , nachts wurde es zum Schlafen heruntergeholt.

Die Belegschaft hatte damals nur nach den Namen ihre Dienstposten  ( Hinweis; Deutsche Post)  :      Der Betriebsschutz die Kollegen Wagner, Domhof, Gothard und Sommerschütz,   als Funkmechaniker Kollege Luther, der Funkmaschinist und Antennenwart Kollege Küsek und der Stellenleiter Kollege Bauer.  In Wirklichkeit waren alle "Mädchen" für alles. ..Transportarbeiter, Erdarbeiter,Gärtner und Schneeschipper...  

Winter 1957/58 - einfach herrlich -

Nun war die Zielstellung erreicht, die Anlage arbeitet erst einmal . Die Intervisionsstrecke ging zunächst zum höchsten Berg des Osterzgebirges, den 956 m hohen Berg Loučná ( Wieselstein) in der ČSR. (bei Böhmisch Wiesenthal).  Im April 1960 konnten nach langen Bemühungen  die Kollegen Günther und Bauer die Grenze mittels Reisepass in Zinnwald überschreiten und mit ihrem auf Hochglanz polierten Dienst- Pkw, einem EMW340,

die tschechischen Kollegen besuchen.

Wieder aus dem Brigadebuch;

Der Besuch verlief überaus herzlich.Viele Unklarheiten, die sich auf dem Funkweg bisher nicht beseitigen ließen, konnten geklärt werden. Hoffen wir, das uns auch die CSR- Kollegen, die ihren Dienst mit 2 Mann jeweils 14 Tage auf dieser wahrlich primitiven und  abgeschiedenen Dienststelle versehen, recht bald einen Gegenbesuch abstatten können.

Am 03.04.1960 montieren die Kollegen des Funkanlagenbaues auf dem Lugstein bereits wieder neue Technik; RVG 908 und RVG 955. Nach der Fertigstellung wird die Station in der Lage sein, einen zweigleisigen Betrieb aufzunehmen.

und auch die Erdarbeiten gehen weiter:

Das für die Mitarbeiter nebenan errichtete Wohngebäude erhält einen Fernwärmeanschluß. Die Versorgung erfolgt mit Warmwasser erzeugt mit einer Ölheizkesselanlage,

Die Übertragungen von und nach der CSR waren relativ gering, es kamen jedoch Auslandssendungen mit Ungarn und Polen über diese Strecke zunehmend zustande.

Nun kam es zu ersten Versuchen , Görlitz, die Landeskrone vom Lugstein aus zu versorgen.

Bis dahin war Görlitz über große Antennen wetterabhängig mit dem Radebeuler Sender "verbunden"

Weiter aus dem Brigadebuch: 

Die Versuche glückten, nach mehreren Wochen Probebetrieb konnte die Strecke offiziell in Betrieb genommen werden. In Löbau auf dem Schafberg wurde zur Sicherung der Übertragung eine Relaisstation aufgebaut. Auf der Anlage Lugstein gelang es auch den rationelleren Einmannschichtdienst einzuführen.

Kostete zum Beispiel 1959 eine Sendestunde noch 4300 DM (!) so lagen wir im Folgejahr im gleichen Monat bei nur noch 38,16 DM. Der Gesamtjahresdurchschnitt konnte auf 71,80 DM/Stunde gesenkt werden.

Der Kreisbau Dippoldiswalde erfüllte seine vertraglichen Verpflichtungen nur mangelhaft und war mit Terminen im Verzug. So konnten nachfolgende Gewerke im Jahre 1960 ihre Anschlußleistungen nicht erbringen und die Arbeiten mussten in das Jahr 1961 verlegt werden. Im Februar 1961 konnte endlich der Diesel in Betrieb genommen werden. Es gab dann gleich eine gebrochene Rohrleitung bei Tank 1 und es vermischten sich etwa 5000 Liter Diesel  mit Grundwasser.  Die Aufregung war mit Recht sehr groß , denn es drohte eine Verseuchung des Trinkwassers in Zinnwald. 

Das Unmögliche, das von Einheimischen als Irrsinn bezeichnete Unternehmen, gelang. Mitten  im Winter, bei 60 cm Neuschnee und starken Verwehungen haben wir  mit Hilfe einer Stalinraupe einen  20 Tonnen schweren Minoltankwagen zur Tankanlage gebracht und konnten das "Dieselwasser" abpumpen.

Winterdienst 1961

Im Laufe des Jahres 1960 wird die Funkstelle zur INTERVISIONSZENTRALE LUGSTEIN .

Weiter aus dem Brigadebuch:

Gerade in dieser Zeit nehmen Übertragungen in das Ausland zu , so das an manchen Tagen auch dienstfreie Kollegen mit helfen mussten. Und da streikten auch noch zu häufig unsere "lieben" Geräte  RVG 904 Foto: Werner Thote - danke- 

Durch die plötzliche Überlastung und unverantwortliche Materialmängel ( Röhren vom Typ LD9 wurden serienweise fast unbrauchbar geliefert). An manchen Tagen kroch der Diensthabende in einen Sender hinein, angetan mit Strippen, Meßgeräten und Zigaretten, um abends am anderen Ende angelangt , aber strahlend über den Sieg im zermürbenden Kampf  "904 gegen Dich", wieder herauszuklettern!  Das hört sich spaßig an , ist aber beinahe wörtlich zu nehmen.

Auch unsere tschechischen Kollegen bekamen durch die vielen Sendungen wie Friedensfahrt , Chustschowbesuch in Frankreich, Olympiade u.v.m. viel zu tun. Nicht nur einmal konnten wir Ihnen mit Ersatzteilen helfen, was sie uns mit einem TESLA Sprechfunkgerät ( leihweise ) dankten. 

Unsere "Universal- Allwellen- Störfunktasten" gingen nämlich inzwischen doch lieber zur Ruhe...

Tschechische Kollegen kamen aus Praha, um eine französische Ersatzstrecke für einige Tage aufzubauen. Studiotechnik Berlin kam mit Mannen, wie der in die Zinnwalder Geschichte eingegangene "Cheforganisator Ersatzrad" und , man staune, mit einer Industriekamera nebst EPIS und Stabi- Verstärker. Da staunte die Republik, denn das Wort "Lugstein"  war fast ebenso in ihrem Munde  wie bei der Friedensfahrt der Name "Täve". Wir wurden populär und das Schlagwort "Stunde der Epis" ein Schreckgespenst ist unter uns ! Denn zuletzt sah man bei den Sendungen meist einen Kollegen, der alles allein machen musste. .. Kamera bedienen, umschalten, telefonieren,Sicherungen auswechseln, Gleichrichterflammen auspusten, schnell mal am Epi wackeln (wegen Einbrenngefahr) , Funksprechen, Mittag essen, wieder umschalten, angebliche Negaeffekte in Görlitz wegleiern....

Auch wurde der  PKW- Diesel durch einen neuen 4-Zylinder Schiffsdiesel ersetzt mit einer schönen Automatik. Der Turm bekam einige neue Spiegel unter das oberste Dach gesetzt und die RVG 908 und RVG 955 zogen ein. 

Weiter aus dem Brigadebuch:

Auch die AKTUELLE KAMERA kam zu Besuch. So wurden die Kollegen Finsterbusch, Kusch und Luther  für wenige Minuten Fernsehstars, denn in einer Spätausgabe der Aktuellen Kamera "rollten" ihre schönen Köpfe über 912000 braunsche Röhren (ohne Teleskope !) , denn so viele gab es damals in der DDR....Durch unseren Kollegen Bauer selbst wurden Umbauten realisiert, wie eine neue ZF- und NF- Umschaltanlage, eine vielbestaunte Schalt- Tanksäule, einen Abhörschrank, den umgebauten Messraum mit Fernseher "Rembrandt" und viele kleine Dinge, die umorganisiert wurden.. Die Geräte 908 und 955 arbeiteten fast ohne Störungen. Die zuvor notwendigen Umschaltarbeiten bei Intervisionssendungen fielen nun auch weg.

Nun gab es mal wieder Luft für eine Brigadeausflug. So konnten die Kollegen auch die Familien der anderen mal etwas näher kennenlernen. Deshalb auch mal ein Bild von einem Ausflug nach Kriebstein, wo das  urplötzlich entstandene Stimmungstrio der Kollegen Hofmann, Luther, Bedrich  mit viel Witz , Gesang und Satire aus einer angehenden Beerdigung einen Karneval zu machen vermochte.  Die drei waren letztendlich heiser und alle anderen sangen umso lustiger weiter....

und noch ein Bild aus dem Brigadebuch.... von 1961

Das Richtfunknetz der DDR wurde in den folgenden Jahren ausgebaut. Diese Grafik stammt von Ende der 60iger Jahre . Man sieht jedoch auch, welche wichtige Rolle die INTERVISIONSZENTRALE LUGSTEIN damals spielte. 

Es war natürlich naheliegend mit den tschechischen Kollegen die Zusammenarbeit zu verbessern. In der Zeit vom 21.4. bis 24.04.1961 fuhren zwei Kollegen vollbepackt mit Ersatzteilen in die CSR.

Der betriebliche EMW 340 war inzwischen durch einen F9 ersetzt worden. In der CSR ist damals jede Sendeanlage militärisches Sperrgebiet. Den Mut zum Fotografieren hatten die Zinnwalder Kollegen trotzdem...nach dem Motto "nix veerstehn".

Mit dieser Ersatzteilaktion ging es darum, die Übertragungen der Friedenfahrt abzusichern, denn einige CS- Stationen waren damals schon ziemlich abgewirtschaftet . Es gelang jedoch mit Slibowitz und RVG diese zu stabilisieren.

Weiter aus dem Brigadebuch:

Kurz nach den Friedensfahrttagen besuchten uns  etwa 40 Kollegen der CSL , nachdem man die dafür von vorgesetzten Dienststellen erforderlichen Genehmigungen erhalten hatte,  und der Lugstein- Bau verwandelte sich für 2 Tage in eine wahre Festwerkstatt. Die Gartenanlagen wurden auf Vordermann gebracht, Plakate gemalt ( hier Text Bild: Wir grüßen Euch herzlich, liebe Freunde von der CSL- Television ) . 

Man kaufte Kuchen, Wurst, Käse, Bier, Kaffee und bereitete ein Festmahl für die Gäste denen es buchstäblich die Sprache verschlug, als Sie das Begrüßungsschild in ihrer Muttersprache sahen....

Betriebsbesichtigung , alle Räume , Fachsimpeleien. Man sprach auch über Resonanzkreise, über tschechische Gurken, Funkverbindungen, den Reiseverkehr, Babywäsche und das Prager Nachtleben     ( da hörten plötzlich alle zu ! ). Letztendlich brachte dem Funkamt Dresden dieser Besuch ein großes LOB von der CSL ein.

Hier noch ein letzter Gesprächsausschnitt der aufgezeichnet uns erhalten blieb; "Du Mirek, ich Günther !"

Wieder zurück zur täglichen Arbeit

Im Jahre 1962 werden die Anlagen wieder erweitert und modernisiert. Es gibt keine Ausfälle, die kleine Station Lugstein wird sogar  bei der OIRT- Tagung in Budapest gelobt.

 

Im Heft 34/1963 der Zeit und Bild erscheint auch ein Artikel über den Lugstein. Inzwischen machen sich reichlich Journalisten auf den Weg nach Zinnwald, denn die  moderne und funktionierende INTERVISIONSZENTRALE LUGSTEIN ist ein wichtiges Vorzeigeobjekt geworden.

Springen wir in das Jahr 1965,wieder gibt es neue Technik und eine neue Verbindung.

Sogenannte Hornparabolantennen werden angeliefert, zunächst für die Verbindung nach dem Bukova Hora, ( deutsch Zinkenstein ) der nun Loučná ablöst. Diese gehen gar nicht durch das Tor und werden manuell darübergehoben. Die Montage erfolgt auf dem untersten Podest Richtung Bukova Hora. Funktionieren tut es aber zunächst nicht.

Was könnte die Ursache sein, es gibt eine Information das es in der CT- Gegenstation gebrannt hat. Aber es kommen keine weiteren Informationen durch. Der Leiter Herr Bauer fährt zur CT- Station . Vermutlich durch Schweißarbeiten ist dort ein Kabelbrand entstanden, der die Richtfunkgeräte und einige weitere Technik unbrauchbar machte. In wenigen Wochen sollen aber die Eiskunstlaufeuropameisterschaften von CT übernommen werden, also kommt die Weisung, eine provisorische Funkverbindung ( Fremos) und eine provisorische Richtfunkverbindung       (MT 11a) aufzubauen. Nach einigen Schwierigkeiten konnten die Übertragungen gesichert werden.

 

Die tschechischen Kollegen schafften es , die Schäden zu beseitigen, es dauerte wohl viele Wochen, aber die neue Technik konnte nun genutzt werden.

Wir machen einen Sprung in den Winter 1977/78, das war eigentlich ganz normal. Der eigentliche Katastrophenwinter folgte erst ein Jahr später 1978/ 79 . Dort gab es am 31. Dezember 1978, nachmittags noch Plusgrade und am nächsten Morgen war das Thermometer auf über minus 20 Grad gefallen.

Im Sommer 1978 wurde auf Anordnung die Anzahl der Heizflächen der Warmwasserheizung im Betriebs- und Wohngebäude den zukünftigen Erfordernissen ( sparen, sparen, sparen) angepasst. Geplant wurde ein Energieträgerwechsel von Öl auf Elektroenergie. 

Für alle Richtfunkgeräte  wurden halbleiterbestückte Einschaltautomatiken gefertigt, die die Verfügbarkeit der Geräte nach Netzausfällen oder Netzabsenkungen beträchtlich erhöhen. Im Brigadebuch kann ich noch lesen, das bei allen ZF- Hauptverstärkern die Röhre EAA91 durch Halbleiterdioden ersetzt wurde.

Die geplante Umstellung der Heizung auf Elektroenergie konnte erst im Februar 1980 zum Abschluß gebracht werden.

Nicht unbedingt benötigte Öffnungen, Fenster, Türen wurden zugemauert um so die Energiebilanz der Gebäude zu verbessern .

Im Jahre 1982 erfolgte die Rekonstruktion der Dieselanlage

Eine weitere Erläuterung zu dieser Maßnahme findet sich leider im Brigadebuch nicht. 

Mit dem Jahre 1983 enden die Eintragungen im Brigadebuch, die sich in den letzten Jahren immer weniger auf die Arbeit, mehr auf Aktivitäten des Brigadeleben nach der Arbeit, die politische Ausrichtung auf die "Deutsch- Sowjetische " Freundschaft  bezogen. 

Aber es gibt endlich einen neuen PKW für die Kollegen des Lugsteines: den Trabant 601. 

Die Kollegen halfen auch der Antennengemeinschaft, wo ja die meisten Kollegen mit von der Programmvielfalt profitierten. Bei der unteren Antennenanlage der Antennengemeinschaft kam das ZDF nur sehr schlecht. Nun hatten die Kollegen die Idee, diese Antenne oben auf den Richtfunkturm zu montieren, das war natürlich eine illegale Lösung. Erschwerend kam dazu, das der Kanal 33 nicht nur vom ZDF Berlin sondern auch vom CT in  Bukova Hora genutzt wurde . Deshalb sieht man hier im Bild eine Abschirmwand, die so montiert wurde, das diese den tschechischen Sender wirksam abschirmte.

Die Zinnwalder konnten nun ZDF in guter Qualität über Kabel- TV sehen. 

Alle Bilder privat von Brigademitgliedern, nachfolgende von Herrn Jürgen Dube. 

 

Wir machen einen Sprung über die Wende , in das Jahr 1991

Im Zinnwald Georgenfeld beginnt reges Baugeschehen. Geplant ist die Errichtung des neuen Fernmeldeturmes. Während der Bauzeit muss der Alte Turmkonstruktion mit der vorhandenen Technik noch Ihre Dienste leisten.

Der genaue Tag ist nicht überliefert. Hier rückt schwere Technik an, die Firma Kroll.

Der Bau beginnt wie immer mit Tiefbau und Stahlflechtarbeiten

Dann kommt die Betonpumpe

Die  Bauteile werden montiert.

Die Montage wurde vergeben an die Firma Kroll die einen großen Mobilkran  einsetzt.

Die Alte Anlage wird im Juli 1995 demontiert

Was bleibt ist die Erinnerung und schon vieles, was in den alten Brigadebüchern stand, hatten selbst ehemalige Mitarbeiter schon vergessen.  Jetzt freuen sich alle über schnelles Internet und LTE, was die Telekom von hier aus anbietet und die Ortsempfangsanlage verrichtet immer noch ihren Dienst ( Foto Sept 2016)

This article was edited 06.Mar.17 13:59 by Wolfgang Lill .

Wolfgang Lill
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19.Mar.17 15:53

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Einige interessante Fragen habe ich zum Artikel erhalten und mit Hilfe ehemaliger Mitarbeiter und Hobbyforscher kann ich nun diese beantworten.

Welche weiteren Stationen wurden vom Lugstein aus versorgt? Gab es eine Verbindung auch nach  Polen ?

Die Schneegrubenbaude liegt im Riesengebirge in 1490 m Höhe. Bis Anfang 1961 konnten Wanderfreunde dort auch noch übernachten, dann wurde diese zur Fernsehübertragungsstation umfunktioniert.

Foto; wikipedia/commons/b/b4/Sněžné_jámy_ %28Śnieżne_Kotły%2C_Schneegruben%29%2C _Krkonoše%2C_object.jpg danke

Zwischen Lugstein Zinnwald und Riesengebirge Schneegrube sind es immerhin fast 128 KM Luftlinie.

Linkstreckenberechnung durch Hamnet Database und Packet Radio Crawler. 

Etwa von 1963 bis 1970 könnte diese Anlage für Intervisionssendungen von und nach Polen genutzt worden sein.

Herr Schwerdtfeger schreibt darüber folgendes:                                                                                            

Die Anlage dafür war eine mobile kleine französische TV-Übertragungsanlage mit der Bezeichnung       TM 110 (Telephone mobile). Diese arbeitete bei 7 GHz !Die zugehörige Antenne dafür war die Cassegrain-Antenne
Für die dienstliche Verständigung zwischen beiden Richtfunkstellen wurde
eine Funksprechanlage der Firma "Pye" genutzt. Diese Anlage wurde
bei Bedarf von Berlin ferngesteuert ein=und ausgeschalten.

Damals dürften folgende Richtfunkverbindungen bestanden haben: 


- Richtfunkverbindung nach Schneegruben mit hoher Sicherheit bereits vor August 1963
- Umstellung der Richtfunkverbindung Lugstein - Loucna   auf   Lugstein - Bukova Hora  mit hoher Sicherheit bereits vor August 1963
(auch wenn die Umstellung auf 4 GHz-Richtfunkgeräte mit den charakteristischen Hornbarabolantennen erst Mitte der 1960er erfolgte)
- es ist denkbar das bereits 1960 die Verbindung nach Polen bestand, ähnlich
 der TM 110 -Verbindung Brocken-Torfhaus wegen Chruschtschow's-Besuch in Westeuropa

Es gab vom Lugstein aus weitere Richtfunkverbindungen nach Wachwitz /Fernsehturm Dresden 34,6 Km,                                                                                                                                        Katzenstein, der alte Fernsehturm ( südlich von Karl- Marx- Stadt (heute Chemnitz)   70,2 Km    und                                                                                                                                                          Geyer der neue Fernsehturm südlich von Karl- Marx- Stadt (heute Chemnitz) 63,1 Km.

Über die Standort Bukova Hora gibt es demnächst einen gesonderten Beitrag.

 

Ich bedanke mich bei allen Freunden, die bei der fachlichen Bearbeitung und inform von Datenübermittlung an dem Beitrag mitgearbeitet haben sehr herzlich.

 

 

 
 

This article was edited 19.Mar.17 17:47 by Wolfgang Lill .

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05.Nov.17 13:52

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Im Oktober 2017 unternahmen wir eine Wanderung zur Elbequelle im Riesengebirge.

Auf meinem Tagesprogramm stand auch ein kleiner Abstecher zur Schneegruberbaude auf polnischer Seite.Da alle  meine Begleiter doch eine mittlere Hochgebirgsausrüstung von wenigstens 15 Kg mit sich schleppten, war an diesen kleinen Abstecher nicht mehr zu denken.

Ich erfuhr jedoch von polnischen Wanderfreunden, das inzwischen die Schneegruberbaude keine TV- Übertragungsfunktion mehr hat und nur noch als Wetterstation fungiert

Auf dem Handybild,aus ca 5 Km Entfernung von mir aufgenommen, sind die Antennen nicht mehr zu sehen.

This article was edited 05.Nov.17 13:53 by Wolfgang Lill .

  
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