radiomuseum.org
Please click your language flag. Bitte Sprachflagge klicken.

EUROPE1 gesprengt - ein Nachruf.

Moderators:
Ernst Erb Jürgen Stichling Bernhard Nagel 
 
Please click the blue info button to read more about this page.
Forum » Radio- and technical History » Decades of broadcasting » EUROPE1 gesprengt - ein Nachruf.
           
Wolfgang Lill
Wolfgang Lill
Editor
D  Articles: 902
Schem.: 435
Pict.: 8229
23.Oct.20 19:07

Count of Thanks: 6
Reply  |  You aren't logged in. (Guest)   1

Sehr gefreut habe ich mich, daß hier ein Gastautor seinen Beitrag zur Veröffentlichung im Radiomuseum.org bereitsgestellt hat. Es ist Herr Rolf Ruppenthal.

Einen sehr ausführlichen Artikel zur Sendeanlage EUROPE1 hat unser Redakteur Jacob Roschy hier bereits veröffentlicht. Wollen wir auch diese Informationen im Radiomuseum speichern und damit die Fragen "wie war denn das damals mit diesem Sender?" hier beantworten.

Herr Rolf Ruppenthal schreibt uns;

Und es hat doch ganz schön geknallt, als am Dienstagmittag um 14 Uhr die Masten 11 und 12 des Europasender Berus gesprengt wurden. Ein Reh und ein Hase brachten sich auf den Feldern in der Nachbarschaft „in vollem Galopp“ schnell in Sicherheit, einige kleine Kinder in Ittersdorf und Düren weinten erschrocken auf dem Arm ihrer Mama, obwohl diese sie zuvor noch vor dem zu erwartenden Knall gewarnt hatte.

13:55 Uhr hatte ein Hornsignal auf die bevorstehende Sprengung aufmerksam gemacht. Wenige Sekunden nach 14 Uhr knallte es dann mächtig, zweimal kurz hintereinander, und ganz langsam begannen sich dann die beiden 234 Meter hohen Stahlmasten gegenläufig zur Seite zu neigen, um dann immer schneller werdend nach unten zu fallen und mit mächtigem Krachen auf den Erdboden zu Krachen. Dann herrschte wieder Ruhe. Lediglich zwei kleinere Rauchfahnen erinnerten noch an die Sprengung. 

Der Sprengmeister hatte gute Arbeit geleistet. Die Masten fielen maßgenau gegenläufig auf die vorgegebenen Bereiche. In den nächsten Tagen werden nun die Reste der stählernen Riesen vor Ort auseinandergeschnitten und danach abtransportiert. Die beiden noch verbliebenen Masten in unmittelbarer Nachbarschaft der großen denkmalgeschützten Sendehalle sind demnächst an der Reihe. Da sie ebenfalls nicht mehr gebraucht werden, erfahren sie dasselbe Schicksal. Auch sie werden demnächst gesprengt und danach auseinandermontiert.

Für die Sprengung am Dienstagmittag war das Umfeld der Masten 11 und 12 weiträumig abgesperrt worden. Der Verkehr auf den Straßen zwischen Felsberg und Villing sowie zwischen Ittersdorf und Berus musste von den Mitarbeitern der beiden saarländischen Sicherheitsunternehmen Securitas und Thomas Pack nur für wenige Minuten gesperrt werden. Sie sicherten das Umfeld der Sendemasten an nicht weniger als 17 verschiedenen Positionen ab. So gehörten diese Verkehrsteilnehmer und einige Insider, zumeist frühere Mitarbeiter von Europe I zu den wenigen Zeugen dieses spektakulären Ereignisses. Bereits um 14:05 Uhr lief der Verkehr wieder auf den davor kurzfristig gesperrten Straßen, allerdings waren von den beiden Masten 11 und 12 so gut wie nichts mehr zu sehen. Lediglich ein Standbein ragte noch in die Höhe, als wenn sich der Sendemast „winkend“ verabschieden wollte.

Die sechsjährige Amelie aus Villing hatte eigens ihre Oma in Ittersdorf besucht, um die Sprengung life vom Ortsrand aus mitzuerleben. Danach weinte sie allerdings, weil sie jetzt aus ihrem Zimmer die Türme nicht mehr sehen kann.

 

Die mächtigen Masten des Europasenders waren lange Zeit auf dem Gauhöhen zwischen Berus und Felsberg ein weithin sichtbares Wahrzeichen. Jetzt sind die Tage der vier noch verbliebenen Stahlriesen endgültig gezählt, nachdem der einst stärksten Langwellensender der Welt am 31.  Dezember 2019 seinen Dienst eingestellt hat.

Berus (rup) Demnächst werden diese so geschichtsträchtigen Stahlkolosse gesprengt, - nicht mit Donner und Getöse, sondern fein und diffizil mit sogenannten Brennladungen. Auf diese Weise werden die mächtigen Stahllaschen auf einer Seite des Mastes feinsäuberlich durchgetrennt, sodass die Spannseile auf der Gegenseite den Sendeturm genau dorthin ziehen, wohin er fallen soll. Zunächst sind die beiden weiter entfernten Masten nahe der französischen Grenze, jeweils 234 Meter hoch, an der Reihe.  Ursprünglich als Reservemasten gedacht, übernahmen sie später dann aber dauerhaft den Sendedienst. Im Rahmen einer zweiten Aktion werden dann die beiden noch verbliebenen Masten, 276 und 270 Meter hoch, auf die gleiche Weise flachgelegt und dann demontiert. 

Mast 1 und 2 gibt es schon lange nicht mehr. Nachdem am Morgen des 8. August ein cirka 80 Meter großes Teilstück des 280 Meter hohen Sendemastes infolge eines gerissenen Spannseils abgebrochen war, wurde er am 19. November 2012 von Spezialisten gesprengt. Ein halbes Jahr widerfuhr dann auch dem benachbarte Mast 1, der am weitesten nordöstlich stand, das gleiche Schicksal.

Die Vorbereitung für die Demontage der noch verbliebenen vier Sendemasten laufen seit Monaten auf Hochtouren. Vor Ort ist Dirk Lorson seit Wochen dabei, mit seinen Kollegen alle notwendigen Vorarbeiten abzuwickeln. So sind bereits alle ursprünglichen Antennenleitungen entfernt, die mächtigen Fundamentblöcke der Halterungen aus dem Erdreich gezogen.  Mit leistungsstarken Hydraulikscheren werden dann die sprengtechnisch gefällten Stahlmasten dann sachgerecht auseinandergeschnitten und danach abtransportiert.

Dirk Lorson arbeitete 14 Jahre lang am Sender Europe I in Berus und steht nun in den Diensten der RTL-Tochter Broadcasting Center Europe (BCE), die im Januar 2015 den Betrieb der Sendeanlage übernommen hatte. Ihre Techniker werden nun auch die Sendeanlage komplett abbauen. Für die Sprengungen kommt eigens ein Spezialunternehmen aus dem Rheinland an die Saar, das bereits bei der Demontage des SR-Senders Heusweiler im Einsatz war.

Der Sender Europe 1, der seine Entstehung dem besonderen 50er Jahren verdankt, war einer der ersten Privatsender, die in Frankreich zu hören waren, obwohl privates Radio dort verboten war. Dies umging man mit einem Trick: Der Sender strahlte vom   knapp 377 Meter hohen Felsberger Sauberg nur wenige Meter von Grenze entfernt mit aller Kraft - das waren immerhin 2,4 MegaWatt - nach Frankreich. Als am 1. Januar 1955 der Langwellensender 6.30 Uhr auf Sendung ging, war er einzigartig - auch die mächtige Sendehalle, die inzwischen unter Denkmalschutz steht. Eine riesige Betondecke, ohne Dehnungsfuge in einem Stück gegossen, überspannt mit einer Dicke von nur vier bis sieben Zentimetern den gesamten Sendekomplex. Stahltrossen halten mit tonnenstarken Zugkräften die Decke so in Spannung, dass sie wie ein Zelt „steht“. Von Berus aus wurde jedoch  nur gesendet, die Studios befanden sich in Paris.

Dieses einmalige Bauwerk der 50er Jahre, stellte aber nicht nur einen architektonischen Weltrekord dar, Europe“ 1 war auch stärkster Langwellensender der Welt und konnte  dank seiner Richtfunktechnik sogar bis in Nordafrika gehört werden. Dazu musste 1958 der 270 Meter hohe Mast 1 im lotrechten Zustand um rund hundert Meter versetzt werden, eine seinerzeit erstmals ausgeführte technische Glanzleistung. Notwendig war dieser Kraftakt aber vor allem, um die Störungen bei anderen gleichkanaligen Sendern zu minimieren.

Der Sendebetrieb war 1954/55 mit nur zwei Antennenmasten angelaufen.  Kurze Zeit später kam bereits ein dritter Mast hinzu. 1964 wurde die Antennenanlage schließlich auf vier Masten erweitert.  Das hatte seinen Grund: Durch ihre Anordnung und eine entsprechende Aufteilung der gesamten Sendeleistung auf die einzelnen Masten war nun eine ausreichende Dämpfung der Abstrahlung in Richtung Nord-Osten möglich. Die Antennenanlage war elektrisch gesehen ein hochkomplexes Gebilde und wurde hinsichtlich ihres Abstrahlungsverhaltens und der Aufteilung der Sendeleistung auf ihre einzelnen Elemente mehrfach optimiert. Das elektrische Gegengewicht bildete ein Erdungssystem aus Kupferdraht, das 30 Zentimeter unter der Erdoberfläche verlegt eine Gesamtlänge von 290 Kilometern aufwies. 

Auf den Gauhöhen bei Berus und Felsberg wurde also europäische Radiogeschichte geschrieben. Dass dies nicht in Vergessenheit geraten wird, dafür sorgt allein schon die mächtige, weltweit einzigartige Sendehalle, die sich inzwischen im Besitz der Gemeinde Überherrn befindet. Sie sollte ursprünglich auch die Studios und Produktionsräume eines TV-Senders beherbergen und zudem genügend Raum für größere Publikumsveranstaltungen bieten. Der Fernsehturm unmittelbar neben der mächtigen Halle, wegen Betonsanierungsarbeiten derzeit eingerüstet, erinnert an dieses Vorhaben. Die Antennen auf dem Fernsehturm neben der großen Halle von Europe 1 in Berus wurden jedoch nur ein einziges Mal für kurze Zeit in Betrieb genommen.  Die Deutsche Bundespost, auf die nach der Rückgliederung auch die Funkhoheit an der Saar übergegangen war, verfügte schon nach wenigen Tagen eine sofortige Einstellung dieser nicht genehmigten TV-Sendungen. Im Rahmen der Sanierungsarbeiten soll dieser Turm nun eine neue Antennenkonstruktion erhalten, die dann vom Saarländischen Rundfunk genutzt werden wird. 

Alle Fotos wurden von Herrn Ruppenthal bereitgestellt. 

 

This article was edited 24.Oct.20 14:06 by Wolfgang Lill .

Wolfgang Lill
Wolfgang Lill
Editor
D  Articles: 902
Schem.: 435
Pict.: 8229
27.Oct.20 20:09

Count of Thanks: 6
Reply  |  You aren't logged in. (Guest)   2

Herr Rolf Ruppenthal hat unserem Radiomuseum seinen hochaktuellen Beitrag über die Vernichtung des ehemals leistungsstärksten Langwellensenders der Welt zur Verfügung gestellt.

Ich glaube, daß ich im Namen aller unserer Radiofreunde für die freundliche Geste ein herzlichstes Dankeschön schreiben darf.

Berus/ Felsberg (rup) Jetzt sind auch die beiden letzten Masten des Europasenders Berus Vergangenheit. Am Dienstagmittag wurden die beiden mächtigen Stahlriesen - 284 und 282  Meter hoch - gesprengt.

Pünktlich um 14 Uhr krachte es mächtig auf dem Gau,  und die beiden Sendetürme stürzten mit weit vernehmbaren Krachen zu Boden.

Erst kippte der nahe der Straße stehende Mast 3 ganz langsam zur Seite, um dann im unteren Drittel abzuknicken und dann noch unten zu stürzen. Einige Sekunden später sackte dann auch Mast 4 in sich zusammen, nachdem es zunächst so ausgesehen hatte, als wenn er stehen bleiben wollte. 15 Sekunden nach dem Sprengkommando war bereits alles vorüber. Es herrschte wieder Stille, als wenn nichts passiert wäre. Nur das Rauschen des Windes und das Summen der nahen Windräder war noch zu vernehmen.

Aus Sicherheitsgründen hatten die Verantwortlichen das Umfeld des ehemalig stärksten Langwellensenders der Welt weiträumig abgesperrt. Und das war auch nötig, wie sich zeigen sollte. Teile der mächtigen Stahltrossen landeten auf der Straße, und Mast 4 legte sich quer über den ihn ursprünglich tangierenden, asphaltierten Feldwirtschaftsweg. 

Wie schon vor einer Woche, als zur gleichen Zeit die Masten 11 und 12 nahe der Villinger Straße „gefällt“ wurden, konnte der Verkehr noch  bis kurz vor der Sprengung fließen. Erst um 13:45 Uhr wurde die Landstraße 351 zwischen  Berus und Ittersdorf  im Gefahrenbereich für den Fahrzeugverkehr komplett gesperrt. Mitarbeiter der Sicherheitsunternehmen Securitas und Thomas Pack sicherten zudem die Feldwege im Umfeld des Senders weiträumig ab.

Und obwohl auch dieses Mal die Sprengung nicht angekündigt war, verfolgten wieder zahlreiche Zuschauer das spektakuläre Geschehen. Auch etliche ehemalige Mitarbeiter von Europe 1 waren Zeugen der Sprengung, und manch einer von ihnen hatte dabei Tränen in den Augen.   Auch Altbürgermeister Bernd Gillo, unter dessen Amtszeit  die Gemeinde die große unter Denkmalschutz stehende Sendehalle erworben hatte - sprach von einem traurigen Tag, denn nun seien die beiden  letzten  alles überragenden Zeitzeugen  europäischer Rundfunkgeschichte endgültig in die Knie gegangen

und was macht nun der Saarländische Rundfunk mit den Turm ?  Ich bin schon neugierig. Der Langwellensender ist nun endgültig Geschichte.

 

Vielen Dank für die Fotos , alle von Herrn Ruppenthal

This article was edited 27.Oct.20 20:14 by Wolfgang Lill .

  
rmXorg