Kennt jemand dieses Teil? Wasserwaage mit ...

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ID: 598076
? Kennt jemand dieses Teil? Wasserwaage mit ... 
30.Nov.22 18:09
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Thomas Zurk (A)
Beiträge: 17
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Guten Tag,

mir ist ein exotisches Teil in einer kleinen samtbeschlagenen Klapp-Box zugelaufen. Eine Wasserwaage, und darunter ein Glasrohr mit elektrischen Anschlüssen an den Enden.

Eine google-Bildersuche hat kein Ergebnis gebracht.

Kennt jemand dieses Teil, weiß jemand mehr darüber? Wäre für weitere Informationen dankbar.

Vielen Dank im Voraus,
Thomas Zurk

 

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Kennt jemand dieses Teil? Fritter mit Wasserwaage? 
02.Dec.22 12:27
151 from 1438

Thomas Zurk (A)
Beiträge: 17
Anzahl Danke: 1

Ob in dem Glasrohr eine Quecksilberfüllung fehlt kann ich nicht abschätzen: Dann wäre es vielleicht ein feinfühliger Neigungsschalter.

Für einen Fritter scheinen mir die Kontaktstifte im Glasrohr zu klein in ihrer Flächenausprägung. Aber vielleicht gibt es hier im Forum Fritter-Experten?

Danke jedenfalls für ihren Hinweis, vielleicht führt dieser zu weiteren Erkenntnissen.

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Kennt jemand dieses Teil? Fritter mit Wasserwaage? 
03.Dec.22 08:50
228 from 1438

Nikolaus Löwe (D)
Beiträge: 221
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Nikolaus Löwe

Guten Tag Herr Zurk,

an einen Fritter glaube ich nicht. Das Glasrohr wäre viel zu groß, es wären viel zu viele Feilspäne nötig (dadurch würde ein Fritter komplett unempfindlich), und selbst die hochwertigsten Fritterausführungen brauchten keine Wasserwaage (sie waren durch die Halterung hinreichend waagerecht). Außerdem bräuchte ein Fritter einen Klopfer, und da macht es keinen Sinn, die Frittröhre in einen festen Ständer einzubauen, mit einer Wasserwaage darauf. Und wohin sind die Feilspäne verschwunden? Läßt sich die Glasröhre vielleicht öffnen? Ist sie irgendwo gebrochen?

Ich tippe eher auf eine Art Gasentladungsröhre. Wenn Sie ein Hochfrequenzheilgerät oder einen Teslator haben, versuchen Sie mal, das Rohr elektrisch zu erregen. Wenn es eine farbige Leuchterscheinung gibt, ist es mit einem verdünnten Gas gefüllt. Bis dahin kann ich zum Verwendungszweck des Bauteils keine sinnvolle Vermutung anstellen.

Mit freundlichem Gruß,

Nikolaus Löwe

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Polfinder von Max Kohl Chemnitz 
03.Dec.22 12:41
261 from 1438
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Giovanni Cucuzzella (D)
Redakteur
Beiträge: 525
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Hallo Herr Zurk,

das Teil ist ein "Polfinder", also ein Polaritätsanzeiger. In die untere Röhre war ursprünglich auch eine (eingefärbte?) Flüssigkeit (mit einer Gasblase oder einer weiteren Flüssigkeit?). Am negativen Pol der angelegen Spannung färbt sich die Flüssigkeit rot. So verstehe ich jedenfalls "colouring red at negative pole". Die Wasserwaage dient der sicher notwendigen waagerechten Ausrichtung des Geräts.

 

Gefunden habe ich es im Katalog

Price List No. 50, Vols. II and III

Physical Apparatus

MAX KOHL A. G.

Chemnitz (Germany)

Der Katalog dürfte von ca. 1911 (allerdings nicht davor) sein. Die Firma Max Kohl ist im RM bereits vorhanden. Das Modell können sie dort gerne anlegen.

Freundliche Grüße

Giovanni Cucuzzella

 

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Polfinder von Max Kohl Chemnitz 
03.Dec.22 14:34
311 from 1438

Nikolaus Löwe (D)
Beiträge: 221
Anzahl Danke: 1
Nikolaus Löwe

Super, Herr Cucuzzella! Sie haben es gefunden! Da habe ich doch gleich mal in die deutsche Ausgabe des Kataloges geschaut (Nr. 50, Doppelband II + III von 1911, Band I ist von 1909). Dort steht: "Polsucher, am negativen Pol sich rot färbend, in Etui, mit Gebrauchsanweisung". Bis auf den deutschen Text ist die Katalogseite Ihrer völlig gleich, auch die Seitenzahl stimmt überein.

Toller Fund!

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Polfinder von Max Kohl Chemnitz 
03.Dec.22 19:34
352 from 1438

Thomas Zurk (A)
Beiträge: 17
Anzahl Danke: 1

Herzlichen Dank Herr Cucuzzella, herzlichen Dank Herr Löwe!

Wieder einmal eine großartige Leistung der beeindruckenden Schwarmintelligenz, des versammelten Individualwissens, welches unter radiomuseum.org gebündelt ist.

Habe das Modell angelegt, bitte um Optimierung des Eintrags, ich habe wenig Routine. Die Abmessungen der Schatulle sind 118 x 53 x 39 mm.

Die Abdichtungen des Hauptzylinders des Gerätes sind altersbedingt nicht mehr in Ordnung, aber ggf. sanierbar. Die (unteren) seitlichen Schrauben mit den in die Flüssigkeit ragenden Teilen sitzen korrosionsbedingt fest.

Jetzt wäre spannend, die Zusammensetzung der Flüssigkeit in Erfahrung zu bringen.

Ein Sanieren des Gerätes, Befüllen, Testen mit Videoaufzeichnung und Fotodokumentation, mit einer Erfassung der Messwerte (Strom, Spannung, zeitlicher Verlauf der Anzeige und der Regeneration) wäre ein weiterer denkbarer Schritt.

Die Bedienungsanleitung bzw. das Datenblatt (auf der Katalogseite angeführt unter "instructions") ist wohl noch rarer als das Gerät selbst.

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Polfinder von Max Kohl Chemnitz 
03.Dec.22 20:19
362 from 1438

Giovanni Cucuzzella (D)
Redakteur
Beiträge: 525
Anzahl Danke: 1

Hallo Herr Zurk,

beim Artikel 61010 "Pole-finding paper" auf obiger Katalogseite handelt es sich um Polreagenzpapier.

Das habe ich darüber im Netz gefunden:

Polreagenzpapier,

mit Phenolphthalein und Kochsalz imprägniertes Reagenzpapier zum Feststellen der Polung einer Gleichstromquelle. Überbrückt man die Pole einer Gleichstromquelle mit angefeuchtetem Polreagenzpapier, so entsteht durch Elektrolyse am Minuspol Natronlauge (OH--Ionen), die zur Rotfärbung des Phenolphthaleins führt.

Da sowohl Phenolphthalein als auch Kochsalz kristallin sind, müssten sie um das Röhrchen damit zu befüllen in einer Flüssigkeit gelöst werden. Da Phenolphthalein sich schlecht in Wasser löst, aber gut in Ethanol, dürfte letzterers geeignet sein. Sicher kann ein Chemiker hier im RM mehr dazu sagen.

Freundliche Grüße

Giovanni Cucuzzella

 

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Polfinder von Max Kohl Chemnitz 
04.Dec.22 17:44
455 from 1438

Rüdiger Walz (D)
Ratsmitglied
Beiträge: 745
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Rüdiger Walz

Herr Cucuzella hat es bereits richtig recherchiert. Man hat eine Kochsalz- oder Natriumsulfat- (Glaubersalz) -lösung genommen und wenige Tropfen einer Phenolphthaleinlösung in Alkohol hinzugegeben. 0,1 g Phenolphthalein werden in 100 g Brennspiritus gelöst und einige Tropfen zu der wässrigen Salzlösung hinzugegeben. Der Farbstoff ist sehr intensiv. Vielleicht können Sie etwas von der Indikatorlösung vom Chemielehrer/in des örtlichen Gymnasiums bekommen.

Ich vermute, dass auch Natriumsulfat verwendet wurde, das man als Abführmittel "Glaubersalz" in der Apotheke bekommt. Bei Kochsalz entsteht am positiven Pol Chlor, das die Elektrode angreifen könnte und das Phenolphthalein beim Durchmischen auf die Dauer zerstört. Bei Glaubersalz entsteht am positiven Pol Schwefelsäure, die bei Schütteln des Gerätes mit der Natronlauge des negativen Poles neutralisiert wird und man kann von Neuem messen. 

Das Gerät sollte nur kurz angeschlossen werden, da an den Polen Wasserstoff und Sauerstoff entsteht, der bei geringen Mengen vermutlich durch die Dichtungen hinausdiffundiert. Da es nach wenigen Sekunden bereits Verfärbung zu Rot anzeigt, ist das aber kein Thema.

Wozu das Gerät aber mit einer Wasserwage versehen wurde, kann man nur vermuten. In der Abbildung in Beitrag 5 sieht man auch eine Luftblase in der Salzlösung. Möglicherweise wollte man vermeiden, dass sich die an den Elektroden bildenden Gase (Sauerstoff oder Chlor und Wasserstoff je nach verwendetem Salz) oder Säuren und Laugen direkt wieder vermischen und die Messungen beeinträchtigen.

Die Frage ist nun, ob man ein solches historischen Gerät wieder den korrosiven Salzlösungen aussetzen möchte. Es ist natürlich andererseits ein schöner Vorführeffekt, wenn an der negativen Elektrode eine rosarote Wolke entsteht. Das in Beitrag 1 gezeigte Objekt scheint nicht oft verwendet worden zu sein, da es noch sehr blank ist.

Rüdiger Walz

 

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Polfinder von Max Kohl Chemnitz 
07.Dec.22 11:27
556 from 1438

Manfred Rathgeb (D)
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Bereits 1897 konnte das allgemeine Publikum im Brockhaus (Supplement zur 14. Auflage) die in den Beiträgen genannten beiden Prüfmethoden und darüber hinaus eine weitere nachlesen. Die Wasserwaage verschönert das Produkt, verteuert es aber auch erheblich, weshalb sie eine Funktion beim Prüfvorgang haben muss. Vor allem zwischen den beiden Metallpolen entstehen zahlreiche chemische und physikalische Sekundärprozesse, die das Prüfergebnis beeinflussen. Steigt oder fällt das Gas in die falsche Richtung , tritt die Verfärbung eventuell an der falschen Stelle, somit letztlich eine Verpolung ein. Ausgangspunkt muss also wohl die waagrechte Stellung sein. Auch bleibt zu überlegen, ob nicht die Gasblase selbst (unteres Röhrchen)  eine Indikatorfunktion hatte.  Im Zeitpunkt des Katalogs (um 1911) dürfte diese ungenaue und umständliche (Reinigen, ständiges Nachfüllen mit der Gefahr des Verschüttens) Polsuche weitgehend durch magnetische und andere Methoden überholt gewesen sein. 

Anlagen:

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Polfinder von Max Kohl Chemnitz 
07.Dec.22 12:30
564 from 1438

Giovanni Cucuzzella (D)
Redakteur
Beiträge: 525
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Diese Abbildung eines Polsuchers (oder Polfinders) ohne Wasserwaage

habe ich in

Konstruktion, Bau und Betrieb von Funkeninduktoren und deren Anwendung,
mit besonderer Berücksichtigung der Röntgenstrahlen -Technik
von

Physiker Ernst Ruhmer.

Nebst einem Anhang:

Kurzer Überblick über die Grundzüge der Röntgentechnik des Arztes

von

Dr. Carl Bruno Schürmayer-Hannover.

Mit 338 Abbildungen und 4 Tafeln.

LEIPZIG

Hachmeister & Thal 1904

auf Seite 119 gefunden.

Beim Polsucher von Max Kohl mit Wasserwaage vermisse ich einstellbare Füße, so denn tatsächlich eine waagerechte Ausrichtung erforderlich sein sollte. Da er diese Füße nicht hat, wäre eine Vorrichtung wie diese nötig:

Da wäre es sicher einfacher und nicht sonderlich teurer gewesen ein paar Schräubchen in die Füße zu integrieren.

Er wurde ja nur kurze Zeit benötigt um die Polarität einer Spannungsquelle festzustellen. Der Farbumschlag erfolgte sicher abhängig von der Spannug recht schnell. Daher halte ich es für ausreichend, wenn er dafür einfach auf den Labortisch gestellt wurde.

Vielleicht hat man ihm einfach die Zusatzfunktion "Wasserwaage" spendiert. Natürlich nur eine Vermutung und dass die dazugehörige Gebrauchsanweisung, die für Aufklärung sorgen könnte, mal gefunden wird halte ich für sehr unwahrscheinlich.

Giovanni Cucuzzella 

 

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Polfinder von Max Kohl Chemnitz 
07.Dec.22 21:44
641 from 1438

Manfred Rathgeb (D)
Beiträge: 307
Anzahl Danke: 1

Die Vermutung einer zusätzlichen Hauptfunktion als Wasserwaage wäre nicht gerade praktisch und ist eigentlich kaum anzunehmen. Die Fa. Max Kohl produzierte  - sofern das Gerät, ein Logo darauf gibt es ja nicht,  tatsächlich von ihr stammt - unter dem Motto der Wissenschaft für Demonstrationen in der Schule und Untersuchungen im Labor. Die Verbindung zweier völlig unabängig voneinander bestehenden Funktionen lässt sich doch wissenschaftlich nicht begründen, sie würde nur verwirren und bei der elektrischen Prüfung sofort die Frage der Bedeutung der Wasserwaage aufwerfen.

Die von mir im Net gefundenen deutschen Kataloge von Kohl bezeichnen das Gerät bescheidener nur als Polsucher ( nicht als Polfinder wie bei RMorg angelegt), im übrigen gab es offenbar verschiedene Glasformen, so auch eine U-Form, was unterschiedliche Flüssigkeiten und Methoden in der Praxis eines nicht ganz ausgereiften Produkts  vermuten lässt. Ob also die Wasserwaage  bei der Anwendung des Polsuchers wirklich aus wissenschaftlicher Sicht etwas einbrachte bleibt nach wie vor ungeklärt. 

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Polsucher - aber nicht für Astronomie 
13.Dec.22 15:11
765 from 1438

Ernst Erb (CH)
Ratsmitglied
Beiträge: 5745
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Ernst Erb

Per Zufall bin ich auf den hochinteressanten "Findungs-Beitrag" gestossen und kann nur gratulieren über das Resultat. Gerne habe ich noch den Ausdruck Polsucher (in Klammern) zum Namen gesetzt. Beides soll bleiben. Allerdings kennt man den Polsucher heute vor allem in der Astronomie, wo er eine wesentliche Rolle zur Ausrichtung der Geräte bedeutet.

Man könnte bei diesem Modell einwenden, dass das nichts mit Radio zu tun hat, doch wo soll man solch rare Geräte finden? Ich finde es immer spannend, wenn man ein einem völlig unbekanntes Gerät findet - und dann bei uns im besten Fall erfahren kann, was es ist. Es schadet auch nicht, bei anderen Suchen nach Radios etc. Aber es bereichert unsere Kenntnisse sehr, wenn man "breit" interessiert ist.

Damit sich Beitrag und Modell gegenseitig "helfen" (durch die grosse Anzahl von Begriffen z.B.), habe ich das mit dem Modell verbunden. Mein Kompliment an alle, die da mit Recherchen und Antworten mitmachten.

Herzlich grüsst Euch
Ernst

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