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Lee De Forest und Nora Stanton Blatch

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Ernst Erb
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11.Mar.09 19:50

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Otto Künzel hat mich ermuntert, seinen Beitrag in der Zeitschrift "Rundfunk und Museum", "Zeitschrift des Rundfunkmuseums der Stadt Fürth" hier zu veröffentlichen. Und RFM Fürth ist damit einverstanden. Der Beitrag ist im Heft 56 vom April 2006 erschienen.

Nora Stanton Blatch
- die erste Frau in der Funktechnik

Otto Künzel, Ulm

Auf Nora Blatch stieß ich per Zufall bei der Lektüre eines Berichts über den Eiffelturm
in Paris [1] in dem davon berichtet wird, dass der Rundfunkpionier Lee De Forest im
Jahre 1908 auf dem Eiffelturm einen leistungsfähigen Rundfunksender installiert
hatte und zusammen mit seiner Frau Nora (beide waren auf Hochzeitsreise in
Europa und De Forest nutzte die Gelegenheit, um für seine Funkapparaturen in
Europa Reklame zu machen) eine ganze Nacht lang Schallplattenmusik eines
Grammofons sendete. Der Sender war bis Marseille zu hören, wenn es damals
sicher auch nicht sehr viele Zuhörer gab. Das machte mich neugierig. Wer war diese
Nora Blatch? Wie so oft bei solchen Fragen helfen die Suchmaschinen des Internets
[2], [3].

Nora Stanton Blatch wurde am 30. September 1883 in Basingstoke, Hampshire,
England geboren. Ihre Mutter, Harriot Stanton Blatch, kam aus einer sehr
fortschrittlich denkenden Familie in den USA, hatte einen Bachelor-Abschluss (später
auch den Master of Arts) des Vassar College und war in dieser Zeit als Hauslehrerin
für zwei reiche amerikanische Schwestern in England tätig. Ihren Mann, den
Engländer William Henry Blatch, hatte sie auf einer Schiffsreise von England nach
New York kennen gelernt und 1882 geheiratet. Sowohl Harriot Blatch als auch ihre
Mutter Elisabeth Cady Stanton und später auch Nora waren führend in der
Frauenwahlrechtsbewegung in den USA tätig. 1902 kehrte sie mit ihrer Tochter
wieder nach New York zurück und Nora studierte an der Cornell University, New
York, Bauingenieurwesen. Verglichen mit heute, war diese Ausbildung damals viel
breiter angelegt. 1905 verließ sie als erste Frau in den USA die Universität als
Bauingenieur und wurde 1906 als Junior-Mitglied in die renommierte American
Society of Civil Engineers (ASCE) aufgenommen.

De Forest lernte Nora 1907 kennen. Er hatte gerade die Audionröhre patentiert und
war – nach einem Jahr Ehe - mitten in der Trennung von seiner ersten Frau. Nora
und ihre Mutter lebten damals in einem Appartement in New York genau gegenüber
von De Forest. Der 34-jährige De Forest verliebte sich heftig in die intelligente und
hübsche 23-jährige Nora und auch ihr war De Forest nicht gleichgültig. Besonders
war sie aber von seinen Experimenten auf dem Gebiet des Rundfunks mit Sprache
und Musik so sehr angetan, dass sie ihren Job bei den New Yorker Stadtwerken
kündigte und Assistentin bei De Forest wurde. 1902 hatte dieser die De Forest Radio Telephone Co. gegründet und war ein engagierter Propagandist eines allgemeinen Rundfunks. Im Februar 1907 strahlte er vom obersten Geschoss des Parker Buildings in der New Yorker 4th Avenue die ersten regelmäßigen Rundfunk-
Versuchssendungen (Musik von Schallplatten, Lichtbogensender) aus.

 

Lee De Forest im Jahre 1907 am Mikrofon seines Lichtbogensenders.
Im Vordergrund sieht man Teile des Plattenspielers für die Musikeinspielungen
(aus [5])
 

Mit seiner Schwiegermutter, Harriot Stanton Blatch, übertrug er 1909 die erste
„Talkshow“ – er diskutierte vor dem Mikrophon mit ihr über Frauenwahlrecht. Die
Sendung hatte zwar nur wenig Life-Zuhörer, fand aber in der Presse ein starkes
Echo. 1910 machte er die erste „Life-Übertragung“. Mit einem 500W-Sender übertrug
er aus der Metropolitan Oper in New York die „Cavalleria Rusticana“ und „Bajazzo“
mit Enrico Caruso. Ein größerer geschäftlicher Erfolg blieb der Gesellschaft aber
versagt. Sie wurde 1911 insolvent.

Doch bleiben wir im Jahr 1907. De Forests neue Assistentin war sehr engagiert und
„stieg voll in die Rundfunktechnik ein“. Um ihr Fachwissen zu erweitern, belegte sie
auch noch Kurse über Elektrotechnik und Mathematik an der Columbia Universität.
Trotz einiger Bedenken, die ihr während der Zusammenarbeit mit De Forest
gekommen waren, gab Nora dem Werben De Forests schließlich nach und heiratete
ihn am Valentins Tag (14.2.) 1908. Nach der Hochzeit engagierte sie sich noch
stärker in der Funktechnik – sogar die Hochzeitsreise wurde zu Vorführungen von De
Forests funktechnischen Apparaten benutzt (s.o.) - und so kam es zu Problemen mit
dem Gemahl. De Forest hatte zwar gelernt, mit Noras Engagement und Aktivität
umzugehen, er hielt aber die wachsende Rivalität im Labor nicht aus. Anfangs fühlte
er sich vom dem Arbeitseifer seiner Frau noch geschmeichelt, aber mit der Zeit
machte ihn ihre Anwesenheit im Labor immer unruhiger. Er wollte eine Frau, die
zurückhaltend und ausgeglichen war und sich mit „Frauendingen“ beschäftigte. Nora
dagegen wollte Chefin in seiner Kondensatorfabrik werden. Das Paar stritt sich
immer häufiger und anfangs 1909 trennten sie sich, obwohl Nora schwanger war. Im
Juni des Jahres gebar sie ihre Tochter Rhoda, um die sich beide aber trotz ihrer
Eheprobleme hingebungsvoll kümmerten. Zueinander fanden sie jedoch nicht mehr
und 1911 wurden sie dann endgültig geschieden.
 

Für Nora war damit auch das Engagement in der Funktechnik (leider) zu Ende.
Schade, dass bisher auch keine Bildzeugen aus ihrer „aktiven“ Zeit vorliegen. Sie
ging wieder in das Bauingenieurwesen zurück, war drei Jahre Chefkonstrukteurin bei
der Radley Steel Construction Comp. und einige Jahre Ingenieurassistentin in der
New Yorker Stadtverwaltung. 1919 heiratete sie den Schiffs-Architekten Barney,
verzog mit ihm nach Greenwich, Connecticut, und machte sich schließlich als
Architektin einen Namen.

Daneben engagierte sich Nora – wie schon in ihrer Studentenzeit und wie ihre Mutter
und Großmutter – nach der Trennung von De Forest wieder in der US-Frauenwahlrechtsbewegung.

 

Nora Stanton Blatch (Barney)
bei einer Demonstrationsveranstaltung für das Frauenwahlrecht
(aus [4])
 

1915 wurde sie Präsidentin der Women´s Political Union und Chefredakteurin von Women´s Political World. Wer mehr dazu wissen will: Der Kampf um die Gleichberechtigung der Frauen beim Wahlrecht in den USA wird interessant und spannend in [4] beschrieben. Über die Rolle von Nora Blatch (Barney) berichtet darin auch ihre Tochter Rhoda Barney Jenkins. Der viele Jahrzehnte lange Kampf um das Wahlrecht für Frauen in den USA wurde schließlich im Jahre 1920 siegreich beendet.

Nora Blatch (Barney) blieb politisch bis zu ihrem Tod aktiv und verfasste auch
provozierende Schriften wie „Frauen als menschliche Wesen“ (1946). Sie starb am
18. Januar 1971 in Greenwich, Connecticut, 10 Jahre nach De Forest.

Literaturnachweis:
[1] http://www.raumtheorie.lmu.de/apollinaire/kommentar.php?eiffelturm
[2] http://www.ieee-virtual-museum.org/collection/people.php?id=1234750&lid=1
[3] http://search.eb.com/women/articles/Barney_Nora_Stanton.html
[4] Bausum, Ann: With Courage and Cloth. Winning the Fight for a Woman´s Right to
Vote. National Geographic Society, ISBN 0-7922-7647-7, USA 2004
[5] http://www.edwardsamuels.com/illustratedstory/index.htm

Anlage: Werbung für De Forest Röhren aus der Saturday Evening Post 1929/30.

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This article was edited 11.Mar.09 21:16 by Ernst Erb .

  
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