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Reparieren, oder wegschmeißen?

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Albrecht Schwaderer
Albrecht Schwaderer
 
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11.Feb.07 13:52

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Reply  |  You aren't logged in. (Guest)   1 Hallo zusammen,

manchmal ist es schon unglaublich, was man so erlebt. Da war ich jetzt wieder mal für 2 Tage wegen eines Seminarbesuches im schönen Kochertal bei Schwäbisch Hall. In der Mittagspause habe ich dann einen Spaziergang gemacht und sah, wie eine Frau mit einem Pickel auf etwas einschlug, das aber noch hinter einem Auto verborgen war. Drei Schritte weiter sah ich, dass es eine alte Musiktruhe war. Ich rief sofort „Halt“ und die Frau lies den Pickel glücklicherweise nicht mehr auf das Gerät niedersausen. Ich konnte Sie überreden, die Truhe bis zum Ende des Seminar stehen zu lassen. Zum Glück hat es nicht auch noch geregnet. Nach dem Seminar, Truhe ins Auto und ab nach Hause.


Erste Bestandsaufnahme: Röhrensatz: ECH11 EBF11 EF11 EM11 CL4 CY1 und EUIX unbeschädigt. Klingt nach Vorkrieg, die stehende Skala kam mir sofort bekannt vor. Also unter Stassfurt Imperial geschaut und auch fündig geworden, aber der Fund hat eine Skala mit RFT-Logo. RFT gibt es aber nur nach dem Krieg. Auf der Skala sind aber Königsberg, Danzig und Wilna und auch Zeesen verzeichnet. Sendernamen, die ich bisher Vorkriegsskalen zugeordnet habe. Also Datierung auf die Schnelle nicht so einfach möglich, denn es könnte ja auch eine Austauschskala sein, wobei dann eben das Imperial Logo fehlt.

ID 4949 zeigt das Gerät als Wechselstromausführung. Zu ID 5007 könnte das Gerät von der Bestückung her passen, wenn ich denn irgendeinen Hinweis auf den Hersteller finden würde. Aber es gibt kein Typenschild. Die Nachkriegsgeräte die evtl. in Frage kämen ID 16710 und 16721 passen von den Röhren nicht.
Die Röhren, ECH11, EBF11, EM11 und EF11 sind von Telefunken, aber alle leider ohne den Datumscode. Hergestellt RÖW BLN also in Berlin. Einzig die Valvo CL4 hat am Sockel 10.49 stehen, vielleicht das Datum, aber ist das noch die Erstbestückung? So weit so gut alles ist gängig und das Radio macht auf den ersten Blick keinen beschädigten Eindruck. Jetzt kommt das aber: Das Gehäuse wurde mit einigen Pickelschlägen massiv beschädigt.
Die linke Seitenwand wurde zusammen mit dem oberen runden Eck abgetrennt. Das rechte obere Eck ist ausgeschlagen, die Seitenwand ist aber noch mit dem Gehäuse verbunden. In die Schublade mit dem Plattenspieler (Dual) traf ein Hieb und riss das Klavierband mit der Lade heraus. Wobei der Dual auf den ersten Blick unbeschädigt ist. Die untere Schublade bekomme ich gar nicht mehr auf. Die Rückwand ist noch da und unbeschädigt, weil mit Schnappverschlüssen befestigt. Stellt sich mir die Frage: Kann man das Gehäuse mit vertretbarem Aufwand reparieren, oder soll ich das wegschmeißen? Oder zumindest mal aufheben, weil seltenes Einzelstück? Ich hätte den Platz zum aufheben und gefallen tut mir das Gerät auch. Ich bin von Haus aus Metaller, kann also nicht so einfach einschätzen, ob man das Gehäuse noch richten kann. Vielleicht kann hierzu jemand eine Abschätzung vornehmen.

Dann noch die Frage neues Modell anlegen unter RFT sind bisher keine Radios gelistet. Unter dem DDR Nachfolger von Stassfurt, Stern Radio finde ich das Modell auch nicht. Vielleicht fällt ja jemand was dazu ein. Ein neues Modell will ich mit dieser unklaren Faktenlage nicht anlegen.

Grüße

Albrecht

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Martin Steyer
Martin Steyer
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11.Feb.07 15:11

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Hallo Herr Schwaderer,

da haben Sie leider den Beginn des  Zerstörungswerks um kurze Zeit verpaßt.....

Es handelt sich möglicherweise um das Modell ID=5007, das Chassis ist wie beim Stassfurt 60GWK. Der 60WK-Musikschrank von 1939 sieht genauso aus wie Ihr Gerät. Diese Modell habe ich vor Jahren bei einem Trödler in Berlin gesehen und leider nicht mitgenommen.

Da aber der 60GWK von RFT wieder aufgelegt wurde, könnte es auch ein RFT-Nachbau sein, der bisher nicht erfaßt wurde. Darauf könnte die CL4 mit ihrem Datum deuten.

Auf jeden Fall sollte man einen Neuaufbau ins Auge fassen, es ist ein schönes Gerät!

Herzlichen Gruß, Martin Steyer
Wolfgang Eckardt
Wolfgang Eckardt
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11.Feb.07 18:26

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Ja, dieser Fund birgt so einige Unklarheiten. Mir fallen dazu vorerst folgende Tatsachen ein:

1.  Stern-Radio Staßfurt (RFT) produziert als Nachfolger der "Stassfurter Licht- und Kraftwerke AG" 1947...49 einige Vorkriegs-Modelle, u.a. den Imperial WK60 und GWK60 mit fast gleichem Gehäuse und gleicher Röhrenbestückung. (Flüchtig gesehen kaum zu unterscheiden). 
Es gab noch Restbestände an Einzelteilen und Baugruppen aus der Kriegszeit 1940/41. Bei der Röhrenbestückung treten allerdings einige "Mischungen" auf, da man  nicht genügend passende Röhren hatte.
Kurios ist, dass es noch zahlreiche "Vorkriegsskalen" gab. Da diese aber auch "unerwünschte" Sendernamen trugen, wurden diese Namen einfach herausgekratzt.     

2. Ob diese Modelle dort auch als Musikschränke wie 1939/40 gebaut wurden ist mir nicht mit Sicherheit bekannt, aber sehr wahrscheinlich. So genannte "Tonmöbel" waren  kurz nach dem Krieg sehr gefragt, vor allem von den russischen Besatzungsmächten.

3. Die Skala des "Fundstückes" ist eindeutig von vor 1950, da sie noch nach dem Luzerner Wellenplan beschriftet ist (Budapest am langwelligen Rand der Skala noch unter Beromünster), aber natürlich wegen des RFT-Logos ein Nachkriegsprodukt. 

4. Irritierend für mich ist der Plattenspieler von "Dual", denn schon damals stellte RFT verschiedene Plattenspieler selbst her. (Import??) Ich kann vor allem den Plattenspieler zeitlich nicht einordnen (Vorkrieg oder um 1948?)

Exaktes kann ich also noch nicht sagen daher nur Vermutungen:
- Stern-Radio Staßfurt baute auch diesen Schrank (vielleicht nur als Exportmodell?) etwa 1948 mit einem importierten Plattenspieler.

- Nur das Chassis 60GWK von Stern-Radio Staßfurt wurde in den Schrank eingebaut? (Die Lautsprecher sind auch von einem RFT-Betrieb?) Nachträglicher Einbau???

Auf jeden Fall ist es interessant, hier noch detektivische Kleinarbeit zu leisten.

Für Herrn Schwaderer noch der Hinweis: Unter RFT werden keine Modelle angelegt, da es nur einen Markenverbund aus mehreren Firmen bezeichnet, hier also die Firma Stern-Radio Staßfurt.
Zu den Möglichkeiten der Gehäusereparatur kann ich keine Aussagen machen. Sollten Sie sich aber zu einer "Verschrottung" entscheiden, weil die Instandsetzung des Gehäuses zu aufwändig ist, so würde ich dem Chassis und den Lautsprechern gern "Asyl" in meiner Sammlung gewähren.

Mit Hobbygrüßen
Wolfgang Eckardt

This article was edited 12.Feb.07 09:19 by Wolfgang Eckardt .

Heiner Legat
 
 
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12.Feb.07 00:28

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Reply  |  You aren't logged in. (Guest)   4 ..das Gehäuse nicht wegwerfen, es lässt sich auf jeden Fall wieder restaurieren. Ich habe schon schlimmere restauriert z.B. Wasserschäden....., ein Schreiner der alten Schule kriegt das wieder hin.

Gruss H.Legat
André Bassin
 
 
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12.Feb.07 12:31

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Reply  |  You aren't logged in. (Guest)   5
 

Hallo,

ich besitze die Musiktruhe Stassfurt Imperial 49GW.
Baujahr ist ca. 38-39.
Das magische Auge C/EM2 deutet darauf hin.
Zum Modell habe ich es noch nicht geladen, weil noch alles sehr verstaubt ist und
ich beruflich zu sehr eingespannt bin. (Wird aber noch nachgeholt)
Röhren:
CK1 CF3 CBC1 CY1 EUXII u C/EM2

Der DUAL-Plattenspieler ist scheinbar original eingebaut.
Er ist nur für 78er Platten geeignet und arbeitet mit Grammophonnadeln.
Links vorne ist eine Nadeldose (Chrom) zu sehen:

Die Skala weicht optisch leicht von der des 60WK ab:
(Beispiel: Unteres Schaltfeld K M L TA)


Die Knöpfe rechts u links sind vom VE301.
Falls jemand originale Knöpfe übrig hat, würde ich mich sehr darüber freuen
und das Modell könnte im Originalzustand hochgeladen werden.

Gruß,

Andre Bassin



 

Albrecht Schwaderer
Albrecht Schwaderer
 
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14.Feb.07 21:27

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Reply  |  You aren't logged in. (Guest)   6 Hallo zusammen,

vielen Dank für die ausführlichen Antworten. Auch wenn ich jetzt im Moment noch nicht weiß, wie ich das Gehäuse jemals wieder hinbekommen soll, so reicht mir doch die Aussage, dass so ein Schaden reparabel ist aus, um die Truhe nicht zu entsorgen. Das Chassis und die LSP hätte ich ohnehin behalten.
Da ich Geräte, die ich nicht unmittelbar restauriere ungerne zerlege habe ich noch einige Fotos gemacht, die die Idendifikation des Gerätes erleichtern können.
Vor allem wenn dann doch ein Modell angelegt werden kann. Ein Foto zeigt den Antrieb des Plattenspielers, der mir sehr aufwändig erscheint, und nicht so recht in die materialknappe Nachkriegszeit passt. Interessant die noch gefüllte Nadelschachtel mit den Stahlnadeln am Plattenspieler. Das nächste Bild zeigt die Unterseite des eingebauten Chassis, und ein Weiteres die Beschriftung des Basslautsprechers. Einige Bauteile scheinen erneuert, und für mich interessant und zum ersten Mal gesehen die Hoges Widerstände. Einige Cs sehen aus, als ob das Lebensdauerende schon überschritten wäre.
Auf dem Magnet des Bass LSP steht .....ophon 40 und Stassfurter Rundfunk und eine aufgeklebte Marke. Vielleicht hilft das der genaueren Datierung und klärt die Frage, ob ein weiteres Modell angelegt werden kann. Noch wichtig erscheint mir dass das Gerät keine Spannungsumschaltung hat. Es ist ausschliesslich für eine Netzspannung, ich vermute 220V ausgelegt. Kurioserweise haben die Vorkriegsgeräte in der Beschreibung Spannungsumschaltung 110/220V, im Schaltplan erkenne ich zumindest keine Umstellmöglichkeit. Womöglich muß das im Gerät ID5007 korigiert werden, oder der Plan passt nicht. Ich vermute dass Herr Eckardt recht hat und es die Musiktruhe analog zum Gerät ID86123 ist und ein neues Modell angelegt werden kann.
Noch ein Foto zeigt einen Stempel im Gehäuse. Ob der das Datum der Herstellung des Gehäuses wiedergeben kann ist Meiner Meinung nach spekulativ.

Viel Grüße

Albrecht

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Georg Richter
Georg Richter
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14.Feb.07 22:51

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Reply  |  You aren't logged in. (Guest)   7 Hallo Herr Schwaderer,

Ihr Dual Plattenspieler hat den Allstrom-Motor mit flach aufliegenden geflochtenen Kupferbürsten, eine helle Freude für alle Radiohörer in näherer Umgebung denen das Programm zu störungsfrei war ;-)

Beispielsweise das Modell 50E gab es in dieser Motor-Ausführung noch längere Zeit mit dem von den späteren Modellen (250/85, 260W, 260U, 1000W, 1000U) bekannten klobigen Tonkopf. Leider ist mir nicht bekannt ab wann Dual diese Tonköpfe eingesetzt hat. Vielleicht kann jemand darüber Aufschluss geben?

Bitte nehmen Sie den Plattenteller ab, dann wird das Typenschild und darauf auch Stromart und Spannungen sichtbar.

In der von Herrn Bassin gezeigten Truhe ist ein deutlich älterer Tonarm zu sehen. Auch er möge bitte den Plattenteller abheben wegen Typenangabe,
sein Dual müsste (zur Truhe GW? passend) einen Allstrom-Antrieb haben.

Freundliche Grüsse
Georg Richter
André Bassin
 
 
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14.Feb.07 23:47

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Reply  |  You aren't logged in. (Guest)   8
 

Hallo Herr Richter,

habe gerade auf die Schnelle den Plattenteller abgehoben und 2 Fotos gemacht.
Schön zu sehen, die Einstellschraube für die verschiedenen Spannungen.
Obere Reihe  für Wechselstrom und
darunter für Gleichstrom. 

Der Motor wird übrigens durch einen Quecksilberschalter ein- u ausgeschaltet.

Hier noch ein Foto vom klobigen Tonarm + System.
Im System sind die Gummis meistens spröde und nicht mehr geeignet.
Ein guter Ersatz sind zurechtgeschnittene Ventilgummis vom Fahrrad.
Bitte äußerste Vorsicht beim Zerlegen des Systems!

Weiterhin viel Erfolg bei der Reparatur Herr Schwaderer!
Es lohnt sich mit Sicherheit!

Gruß,

Andre Bassin

EDITIERT:
Beim Plattenspieler müssen unbedingt die Kondensatoren gewechselt werden!
Nur beste Qualität verwenden.

 

This article was edited 15.Feb.07 00:16 by André Bassin .

Georg Richter
Georg Richter
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15.Feb.07 02:23

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Reply  |  You aren't logged in. (Guest)   9 Hallo Herr Bassin,

besten Dank für die aufschlussreichen Fotos!

Den 50E gab es definitiv auch noch nach dem Krieg mit dem schwarzen Tonarm und dem silbernen Rechteck-Kopf des Modells 1000 (dort war der gesamte Tonarm verchromt). Das erschwert die Datierung der damit bestückten Phono-Kombinationen ungemein!

Jetzt fehlt uns noch das Typenschild des Plattenspielers von Herrn Schwaderer. Der Plattenteller ist (wie bei Grammophonen üblich) einfach abhebbar (sofern die Achse nicht verrostet ist).

Es ist wirklich eine Krux dass Dual keine dedizierten Typenbezeichnungen auf die Reihe bekommen hat. Auch bei den späteren Heimgeräten (HS.., P..) muss man höllisch aufpassen, die hatten teilweise Motoren für ausschliesslich 115V sodass einem anfälligen Motortausch aus "Schatullen" mit identischer Chassisbezeichnung mit der nötigen Vorsicht begegnet werden muss!

Da uns das Thema Dual bezüglich der ursprünglichen Frage nicht wirklich weiterbringt müsste für Dual ein eigener Thread begonnen werden. Ich bringe das aufs Trapez sobald uns Herr Schwaderer das Typenschild offenbart hat.

Freundliche Grüsse
Georg Richter
Albrecht Schwaderer
Albrecht Schwaderer
 
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15.Feb.07 21:16

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Reply  |  You aren't logged in. (Guest)   10 Hallo Herr Bassin, hallo Herr Richter,

danke für die Antworten. Der Plattenspieler ist wie vermutet ein 50E. Der Plattenteller liess sich sehr einfach anheben und auch darunter sieht es gut aus. Auch den Quecksilberschalter habe ich gefunden er ist auf dem Foto mit dem Plattenspielermotor zu sehen.
Vielleicht hilft das jetzt bei der Datierung weiter. Ich freue mich schon auf Ihre Antworten.
Leider kann ich erst am Montag weiterlesen, ich bin schon gespannt.

Grüße

Albrecht

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Albrecht Schwaderer
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25.Mar.07 21:48

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Hallo zusammen,


bevor ich die Musiktruhe bis zur weiteren Reparatur und Restauration einmotte habe ich versucht das ungefähre Baujahr herauszufinden, weil unklar ist, ob es sich um ein Vor-, oder Nachkriegsgerät handelt. Leider ist eine eindeutige Datierung aus Bauteilen trotz Ausbau des Chassis, nicht gelungen, und dennoch haben sich trotz der RFT Skala, Hinweise ergeben, dass es sich um ein Vorkriegsgerät handeln könnte und daher kein neues Modell anzulegen ist. Technisch habe ich nicht viel Neues herausgefunden, aber erstaunlicherweise einiges zur Geschichte des Gerätes.

Verkauft wurde das Gerät offensichtlich bei dem Radiohändler Sembill in Insterburg. Einen gut verborgen angebrachten Händlerstempel mit genauer Adresse habe ich in der Innenseite des Gerätes gefunden. Wo aber liegt Insterburg? Insterburg liegt, oder lag in Ostpreußen. Heute heißt Insterburg  Chernyakovsk – Die Stadt liegt im europäischen Teil von Rußland in der Provinz Kaliningrad. Bis 1946 war der Name Insterburg. Wikipedia schreibt über die Stadt: http://de.wikipedia.org/wiki/Tschernjachowsk

Da alle Deutschen vertrieben oder ausgewiesen wurden, und die Stadt auch stark zerstört wurde wird also nach 1945 kein Radiohändler mehr einen Stempel nutzen, der eine Adresse aufweist, die so nicht mehr existent ist. Dass auch die Familie Sembill vertrieben wurde kann ich durch einen 1955 ausgestellten „Ausweis für Flüchtlinge und Vertriebene“ (ich wusste nicht einmal, dass es so etwas gibt) belegen, den ich unter dem Plattenschrank im inneren des Gerätes gefunden habe, und der für eine Frau Sembill ausgestellt wurde. Frau Sembill hat seit Juni 1945 ihren ständigen Aufenthalt im Gebiet der Bundesrepublik Deutschland. Daher vermute ich, dass es sich um ein Vorkriegsgerät mit ersetzter Skala handelt und deshalb auch kein neues Modell angelegt werden muss. Ich bin nun gespannt auf weitere Meinungen und Kommentare. Vielleicht deckt sich das jetzt auch mit dem eingebauten Plattenspieler, denn auch Herr Eckardt hat sich ja über den DUAL gewundert. Schaut man unter DUAL 50E im RM.org so findet sich bereits die dritte Tonarm Variante (Die zwei anderen Varianten sind in den Beiträgen enthalten). Ich denke wir sollten die verschiedenen Tonarme auf das Modell laden.

Grüße

Albrecht Schwaderer
Störende Befehlszeilen entfernt. Wolfgang Bauer

This article was edited 26.Mar.07 06:28 by Wolfgang Bauer .

Stefan Hammermayer
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18.Apr.17 21:54
 
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Reply  |  You aren't logged in. (Guest)   12

Guten Abend allerseits,

pünktlich zum Ostersonntag war aus dem Lautsprecher der Spitzhacken-Truhe *Urbi et orbi* zu hören.

nicht nur der Heiland ist auferstanden. Die Spitzhackentruhe auch.

Über diesen uralten Beitrag hier hatte ich Albrecht Schwaderer kontaktiert und konnte letztlich im Februar 2017 die ospreussische Spitzhackentruhe von ihm erwerben und abholen.

Nicht weiter verwunderlich, die elektrischen Innereien waren relativ zügig wieder betriebsfähig, aber bis das Möbel wieder in Form kam, hat länger gedauert. Da ich aus Umzugsgründen im Jahr 2010 meine Radio-Bastler-Werkstatt vorerst auflösen musste, kann ich seitdem nur noch defekte Radios ohne Spezialmessgeräte insoweit instandsetzen, dass sie wieder Töne von sich geben. Sobald Oszi oder Mess-Sender nötig werden, zum abgleichen bispielsweise, lasse ich ein Auto voll Radios zusammenkommen und besuche dann den Radiofreund in Thüringen, der 2010 alles aus meiner Werkstatt übernommen hatte.

Nun, Mitte März war wieder genug zusammengekommen für einen Abgleichbesuch in Thüringen. Mit im Auto das betriebsbereite, aber abgleichmässig völlig aus der Form geratene GW-Chassis der Truhe.

Der Teufel schläft nie, sei immer bereit, wie wahr. In diesem Fall kam er daher in Gestalt eines Autofahrers, der bei Tempo 120 auf der Autobahn emails oder SMS schreiben wollte und davon abgelenkt umvermittelt auf Kollisionskurs mit mir war. Aufgrund in ständigen (beruflich bedingt) Fahrsicherheitstrainings reagierte ich in solchen Situationen sofort reflexartig mit Vollbremsung und Ausweich-Schleudermanöver. Damit war ich aus der Gefahrenzone, doch das gleichzeitige Klirren hinten im Auto klang gar nicht gut.

Der drohende Unfall war vermieden, aber das Truhen-Chassis musste es leider büssen. Die nicht originale RFT-Skalenscheibe und der Urdox waren in Scherben. Zwar hatten wir dann (der Thüringer Freund und ich) trotzdem abgeglichen, den Urdox durch Widerstände ersetzt und dann abgleichen geht auch ohne Skalenglas, aber im direkten Vergleich ist das GW-Chassis einfach schwächer als ein W-Chassis.

Daher ist die Truhe vorerst mal von GW zu W mutiert, ein W-Chassis hatte ich noch überzählig übrig, und nun warte ich einfach geduldig ab, ob irgendwann irgendwo ein passender Urdox am Markt auftaucht. Ob die W-Truhe dann wieder zu GW wird, wer weiss. Das "W"-Chassis ist einfach besser. Auch der "GW"-Dual mit Kollektormotor statt "W" Kurzschlussläufer ist, wie weiter oben vermutet, ein Störer, der sogar Nachbars W-LAN stolpern lässt. Daher tut auch hier jetzt ein "W"-Dual Dienst.

Jedenfalls ist schlussendlich die zum Tode per Spitzhacke und Sperrmüllpresse bestimmte Musiktruhe pünktlich zu Ostern wieder auferstanden und das macht mich froh.

Sorry, wenn hier statt Rückwänden noch Bücherregal zu sehen ist, aber ich wollte pünktlich urbi et orbi hören und zu Fotografierhintergrund und alles fertig hat es dann doch nicht mehr ganz gereicht.

Hier dann so, wie es fotografiermässig sein soll:

abschliessend möchte ich Albrecht Schwaderer herzlich danken, dass er mir diese Truhe überlassen hat. Ich versuche es kurz zu machen:

Ich hatte durch Einheiraten einen türkischen Grossonkel (längst verstorben) und habe immer noch einen türkischen Onkel, inzwischen auch schon alt und krank. 1970 war ich als Kind erstmals in der Türkei, und in der Grossonkel-Wohnung in Istanbul stand diese Truhe, exakt dieses Modell.

25 Jahre später, also 1995, hatte ich die Truhe unter abenteuerlichen Umständen (Beziehungen und sehr viel Schmiergeld, da Ausfuhr von Antiquitäten strengstens verboten) mit meinem Uralt-VW-Bus über den Autoput "heimgeholt" und restauriert.

 

Doch 2010, als von jetzt auf gleich ein Umzug zwingend nötig war und ich fast alle Radios weggeben musste, auch ein Ingelen geographic war dabei, musste auch die Truhe gehen. Zwar weiss ich noch, wer sie billig gekriegt hat, aber der würde sie inzwischen nur für einen deutlich vierstelligen Betrag wieder hergeben, und das ist ausserhalb meiner Möglichkeiten.

Unvergessen, als ich ihn beim Radioflohmarkt Inning 2016 gesehen hatte und das Thema *will ich zurückhaben* berührt hatte und ich dann kurz darauf Ohrenzeuge wurde, als wer gefragt hatte "wie, habe ich recht gewhört, geht es um eine Stassfurt 60er-Truhe?" und die Antwort war: *Ja, eine 60er Truhe, aber in einem Traumzustand, wie neu, sowas kriegst Du nur einmal im Leben*...

da war mir klar, diese "Familientruhe" siehst Du nie wieder.

Wie beim Mensch ärgere Dich nicht, zack, rausgekickt, alles zurück auf Anfang. Jetzt habe ich zwar nicht mehr die "Familientruhe" aus Istanbul, aber einen durchaus gleichwertigen Ersatz. Sich vorzustellen, dass diese Truhe einstmals in grösster Not eventuell per Ochsenkarren über das zugefrorene Haff in westliche Gefilde gerettet wurde, das hat auch was.

Also Ende gut, alles gut.

 

Gute Nacht

 

This article was edited 18.Apr.17 22:06 by Stefan Hammermayer .

Andreas Peukert
Andreas Peukert
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19.Apr.17 09:42

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Hallo Herr Hammermayer,

ich freue mich sehr, dass Sie die so arg mitgenommene Truhe wieder zu einem Blickfang gemacht haben. Das ist eine sehr tolle Arbeit. Ich befasse mich sehr viel mit Holzgehäuse-Restauration und weiß, was für einen solchen Zustand für Arbeit erforderlich ist.

Dann hat die Truhe auch noch eine Geschichte, was sie natürlich noch reizvoller macht.

Viele Grüße

Andreas Peukert

Albrecht Schwaderer
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22.Apr.17 17:54

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Hallo Stefan,

vielen Dank dass Du den Beitrag nochmals aufgegriffen hast. Zeigt der doch dass es Menschen wie Dich gibt die nicht aufgeben, so schwer auch die Aufgabe sein mag. Lieber steht die Truhe bei Dir in bestem Zustand und besten Händen als bei mir im Keller.

Zudem habe ich einen weiteren Kontakt zu einem netten Sammlerkollegen und das ist in unserer Zeit nicht mit Geld aufzuwiegen.

Edit: Dass Du den alten Lautsprecherstoff weiter verwendet hast gefällt mir. Der weiße Stoff von dem ersten Gerät passt für mich von der Struktur und Farbe nicht so gut wie dieser originale Stoff.

Beste Grüße

Albrecht

This article was edited 22.Apr.17 19:43 by Albrecht Schwaderer .

Stefan Hammermayer
Stefan Hammermayer
 
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22.Apr.17 22:47

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Guten Abend Albrecht,

der alte originale LS-Stoff war zwar schmutzig, aber lochfrei und hat sich reinigen lassen. Du hast recht, original ist immer besser, Du wirst dann auch die originalen Spitzhacken-Spuren wiederfinden.

Bei der früheren Truhe war  dank hungriger türkischer Kellermäuse der Stoff total in Fetzen und die Lautsprechermembranen auch, das war ein Totalschaden sozusagen. Ich hatte dann genommen, was einigermassen passt. Im Übrigen, Du hast email dazu, hatte ich heute mit dem Grossneffen der Dame, deren Vertriebenenausweis in der Truhe lag, telefoniert. Viel Neues konnte ich spontan nicht in Erfahrung bringen. Die Flucht aus Ostpreussen 1945 hat die Familie in alle Winde zerstreut und mit jeder neuen Generation geht wieder Wissen verloren, das nicht rechtzeitig weitergegeben wurde. Das wird bei unserem Hobby auch nicht anders sein. Wenn es nicht gelingt, Wissen und Begeisterung über und für die alten Röhrenkisten an die "Smartphone"-Generation weiterzugeben, dann wird das aussterben wie einst die Dinosaurier.

Schlusswort: Ich freue mich auf den Pfingstbesuch!

Stefan

Ergänzende Nachbemerkung: Von der Originalbesitzer-Familie gibt es nicht mehr viele Überlebende, denn da war ja auch noch der Untergang der Wilhelm Gustloff nach russischem Torpedotreffer, das Schiff hatte ja etwa 6000 flüchtende Ostpreussen an Bord, die fast alle ertrunken sind.

Den erwähnten Grossneffen konnte ich in der Nähe von Bamberg, meiner Geburtsstadt, ausfindig machen. Der hatte dann auch die vermutete Flucht mitr dem Ochsenkarren bestätigt.

Ich hatte deutschlandweit alle Leute des Namens Sembill, die im Telefonbuch stehen, der Reihe nach angerufen, bis ich jemanden dran hatte, der mit dem Hintergrund Ostpreussen, Stadt Insterburg, etwas anfangen konnte. Dem hatte ich dann den im Gerät gefundenen Vertriebenenausweis zugeschickt.

This article was edited 03.Dec.18 10:52 by Stefan Hammermayer .

  
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