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Retten wir Zeitzeugenwissen bevor es für immer verloren ist

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Wolfgang Scheida
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18.Oct.10 22:58

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Das ideelle Vermächtnis des Sammlers – Wie retten wir Zeitzeugenwissen dass sonst verloren geht?

 
In Deutschland stirbt jährlich ein Prozent der Bevölkerung. Mit zumeist geringfügigen Auf- oder Abschlägen kann diese Zahl auch auf den EU Raum übertragen werden.
 
Der Segen, im Europäischen Raum nach 1945 weitgehend stabile Lebensverhältnisse vorgefunden zu haben ermöglichte zudem gut zwei Generationen die Beschäftigung mit Themen die über den Selbsterhalt und der Versorgung mit dem Lebensnotwendigen hinausgehen. 
 
Daher ist es nicht von der Hand zu weisen, dass der Tod - dieses oft unangenehme Thema wenn auch verzögert auf lokale Vereine und auf dem Internet basierenden Organisationen durchschlägt und nach seiner Auseinandersetzung verlangt.
 
Wie einschlägige Inserate im bekannten Auktionshaus zeigen, geht ein Teil der bereits im hohen Alter lebenden Sammler oft dazu ihren Nachlaß noch zu Lebzeiten ordnungsgemäß regeln zu wollen.
 
Dort wo dies aus welchen Gründen auch immer nicht mehr zeitgerecht erfolgen konnte sind, wie Herr Erb schon in seinem Buch Radios von Gestern und Nachfolgethreads ausführt die Erben oder Nachlaßverwalter aufgefordert etwas – im besten Fall das Richtige zu tun.
 
Bisher lag der Schwerpunkt der thematischen Auseinandersetzung vordergründig bei der Regelung über die gesammelte Gerätschaft, also der Hardware, die von Wald & Wiesensammlungen bis hin zu hoch spezialisierten Sammlungen gereichen.
 
Was nach meiner Ansicht jedoch bisher kaum thematisiert wurde, das ist das ideelle Vermächtnis eines Menschen in Form von Wissen, emotionaler Erfahrung und Know-how das der Eine oder Andere in seinem Fachgebiet angesammelt hat und das in vielen Fällen bereits für immer verloren ging, in einer großen Zahl aber zumindest akustisch noch dokumentiert werden könnte.
Und dabei beziehe ich mich nicht einmal nur auf das Thema „Radio“, sondern stelle das Wissen um das Werden von so etwas naheliegendem wie eines Familienverbands in den Vordergrund.
 
Was spricht gegen das Bemühen persönliches Wissen und Informationen für spätere Generationen festzuhalten?:
 
  • Dies können einmal emotionale & persönliche Gründe sein:
 
Dazu gehören auszugsweise:
 
1.      Mit dem Thema Tod an sich wird in unserem Kulturkreis zumeist sehr reserviert umgegangen. Einerseits verständlich das man sich dem unvermeidlichen so lange wie möglich entziehen möchte und einer Verdrängungsmentalität den Vorrang gibt.  
2.      Vereinzelt mögen Personen beschlossen haben bewusst ihr Wissen nicht mit anderen Teilen zu wollen und verunmöglichen einen zukünftigen Zugang damit.
3.      Dort wo es thematisiert wird sind zeitgleich oft unerwünschte wirtschaftliche Interessen und damit zwischenmenschliche Spannungen im Mittelpunkt, die dem Ziel des Bewahrens von Wissen oft zuwiderlaufen können.
4.      Nicht jede Familienbeziehung kann harmonisch bezeichnet werden. Ebenso war und ist nicht jede Sammlung oder thematische Beschäftigung von einer Intensität geprägt die über das haptische Anhäufen von Sammelgut hinausgehen.
5.      Das eigene Wissen oder die daraus gewonnene Erkenntnis wird als nicht genug bedeutungsvoll für andere eingeschätzt und deshalb von der Trägerperson als unwichtig eingestuft.
6.      Das Wissen bezieht sich womöglich auf den damals erlebten Alltag, der wie der Name sagt eben Alltäglich und damit nichts Besonderes ist. Gerade aber das Umfeld der Alltäglichkeit, verknüpft mit den jeweiligen Fachthemen geben diesen Erinnerungen einen Wert der oft nicht hoch genug eingeschätzt werden kann.
 
 
  • Es gibt auch sachbezogene Gründe:
 
  1. Die Person tut sich mit dem Schreiben – ob in Papier oder mit EDV Unterstützung schwer und unterlässt daher Anstrengungen in dieser Sache.
  2. Die Möglichkeit das Wissen auf ein Speichermedium akustisch zu übertragen kann an der Komplexität der Technik scheitern, aber auch dem Misstrauen ob sich das dann tatsächlich jemals wer anhören will. (letzteres dann ein emotioneller Grund)
  3. Damit – und dies gilt für Schriftgut wie Audio- & Videodokumente gleichermaßen, ist die Frage zu stellen: Wohin damit? – Wem interessiert denn das noch? (letzteres dann wieder ein emotioneller Grund)
 
  1. Lediglich bei der „Hardware“, also bei Sachgütern wie dem fiktiven Radiogerät, der Oldtimer und Uhrensammlung funktioniert die Transformierung vom ideell belasteten Sammlergegenstand zurück in die kommerzielle Wiedereinordnung hinein in die Gebrauchs- oder Sammlerhand. Der Umgang mit dieser Hardware ist aufgrund einer wirtschaftlichen Zuordenbarkeit, Typisierung und des für weite Teile der Bevölkerung zwischenzeitlich zum Begriff gewordenen „Ebay-it“ als Zielort erster Wahl der Vermarktungsmöglichkeit geworden.
 
  1. Bei ideellen Werten wie es gesammeltes oder noch „schlimmer“ ungeordnetes Wissen darstellt sind wir mangels einer kommerziellen Plattform hierfür leider nicht in der Lage mit dem Nachlaß etwas anzufangen. Und damit degradieren wir uns indirekt selbst zu einer rein kommerziell-kapitalistischen Werteorientierung die über den Kauf- respektive einem Ersteigerungspreis hinaus kein Wertgefühl mehr für etwas hat. Wiewohl es keineswegs Absicht ist, hier „linke Propaganda“ zu betreiben, aber der Liedtextauszug eines Namensvetters wonach „nicht alles was einen Wert hat auch einen Preis haben muß“ darf unser Denken in diese Richtung fordern. 
 
Gelebte Praxis:
 
 
Der Autor selbst musste die Erfahrung machen, daß in seinen „Jugendjahren“ die Erzählungen von Verwandten oder Bekannten oft zu unbedeutend im Vergleich zu den tagesaktuellen Themen waren und in der Folge – warum auch - keine Aufzeichnungen gemacht wurden.
Mehr noch in der Zeit der beruflichen Vollauslastung war kaum an die Beschäftigung mit geschichtlichen „Altlasten“ zu denken.
Weiters sind Personen, welche das für die irdische Verabschiedung zu erwartende Alter noch nicht erreicht hatten dann bedauerlicherweise doch bereits frühzeitig aus Krankheits- oder Unfallgründen von uns gegangen.
 
Was tun mit dem „alten Zeugs“, das für nichtfachkundige oft schwer einordenbar ist und genau dann das Thema wird wenn beim fiktiven letzten großen Familientreffen draußen der Sperrmüllcontainer steht und JETZT – in Worten: JETZT - eine Alternativadresse auch am Wochenende dringend – noch dazu auch erreichbar von jemanden der sich darüber zumindest Gedanken macht benötigt wird!
 
Darin implementiert die Frage was tun mit vorhandenen schriftlichen Aufzeichnungen, Tonbändern und Kassetten?
 
So geschehen dieses Monat, wo ich zufällig – oder auch nicht? - der Entsorgung von hunderten von Videobändern mit Sendungsmitschnitten gewissermaßen tatenlos zusehen musste…. Zu handeln gewesen wäre wenn dann sofort und gleich, Wer hätte prüfen können ob es sich um aufbewahrungswerte Inhalte handelte? Wo hätte man die LKW Ladung hinführen sollen? usw., so nahm das vielzitierte Schicksal seinen Lauf. Und dabei ist dieser Aufsatz vordergründig auf dem kaum Platz benötigenden Bewahren von digitalen Schrift- und Toninformation abzielend.
 
 
Beispiele für einen Lösungsansatz:
 
  • In Österreich – und ähnliches wird es zweifellos in den meisten Kulturländern geben gibt es eine Mediathek die einen Ableger des Staatsarchivs darstellt. Wie der Name sagt zum Bewahren des kulturellen auch oder gerade dem Alltagserbe der Bevölkerung. Ob und in welchem Umfang Artefakte entgegengenommen werden entzieht sich meiner aktuellen Kenntnis.
 
  • In Deutschland ging das ZDF unter der Leitung vom „Geschichtslehrer der Nation - Guido Knopp“ auf Achse und bot in ausgesuchten Orten Zeitzeugen an eine Gedächtniswiedergabe ihrer Erfahrung um die Ereignisse des Zweiten Weltkrieges und der ersten Nachkriegszeit aufzunehmen und damit dem kollektivem Gedächtnis der Nation zu überantworten.
 
  • Mr. Stan Lebar, der Mann der persönlich für die technischen Entwicklungen der Übertragung der Fernsehbilder von der ersten bemannten Mondmission verantwortlich war legte ebenfalls relativ kurz vor seinem Ableben als Folge einer Operation Zeugnis über seine Erfahrung und sein Hintergrundwissen bei der Early Television Convention und damit Digital für die Nachwelt aufgezeichnet ab.
 
  • Sehr aufwendig war und ist die Arbeit von GFGF Mitglied und in Sammlerkreisen schon zum „Urgestein“ gewordene Conrad von Sengbusch der in jahrzehntelanger Arbeit mit Partnern alle greifbaren Informationen zu seinem Thema dem „E 52 Einheitsempfänger“ zusammengetragen, und wie er selbst schreibt als Lebenswerk in konzentrierter Form für die Nachwelt – bezogen auf seine Interviewpartner, festgehalten und publiziert hat. (GFGF Funkgeschichte Nr. 193, Oktober/November 2010 S. 140 ff.)
 
Was spricht also dagegen, eine allgemein zugängliche Anlaufstelle für ideelles Wissen – in unserem Fall rund um das Thema „Radio“ anzubieten?
 
 
Was wäre hiezu erforderlich?
 
  • Ich orte dabei allen voran die Notwendigkeit zur persönlichen Bereitschaft sich diesem Thema auch stellen zu wollen!
  • Das eine rechtliche Abklärung was unter welchen Umständen mit den Aufzeichnungen zu geschehen hat oder auch nicht von Nöten ist, liegt auf der Hand. Dies ist aber zugleich nichts neues wenn man an die Arbeit anderer auf ein Thema bezogene Archive denkt und darf keineswegs zum Bremsen diesbezüglicher Bemühungen zum Anlaß genommen werden.
  • Wie es bedauerlicherweise das jüngste Praxisbeispiel zeigt, ist das physikalische Archiv der GFGF ein Ort der Bewahrung von Schriftgut und Wissen zum Thema.
  • Dies ändert jedoch nichts an den obig angeführten Gründen, weshalb zum Einen eine allgemein gültige Grundlage der Bewahrung eines geistigen Vermächtnisses gebildet werden muß.
 
  • Dann folgt die Frage nach den technischen Standards – heute werden es bei Neuaufnahmen zumeist digitale Trägermedien und Formate sein die entweder noch überspielt oder aber in geeigneter Weise dauerhaft gesichert und zugänglich gemacht werden müssen.
 
  • Zwar mag der Verlust von Daten, weil man mangels eines geprüft festgelegten Ablaufes erst einmal etwas falsch gemacht hat schmerzlich erscheinen. Noch schmerzlicher aber muß in uns die Erkenntnis wirken, wonach statistisch bei angenommener Altershomogenität pro Einheit von 1.000 Fachsammlern uns nicht ganz jeden Monat eine(r) bezogen auf die Gegenwartsexistenz verlässt wovon zugegeben viele „nur“ Sammler ohne zeitgeschichtlichen Fachbackground sind.
 
  • Um hier ein Zeichen zu setzen ist es meine Absicht zu prüfen inwieweit ich für den Großraum Wien zumindest die technische Infrastruktur als Werkzeug gegebenenfalls zur Verfügung stellen könnte. Das kann der altbewährte Kassettenrecorder sein, besser noch ein digitales Tonaufzeichnungsgerät da damit die zeitraubende Digitalisierung wegfällt. Auch bin ich davon überzeugt, das soweit es Aufwendungen für den Spesenersatz betrifft der Proband in vielen Fällen ebenfalls etwas beisteuern wird können und wollen. Dies verlangt nach der Frage des Aufkommens und dem damit verbundenen Aufwand.
 
  • Dann natürlich folgt die Frage – und was jetzt? Was tun mit der Kassette, dem Tonband, dem digitalen Datenträger, dem Aufsatz, dem Sammelordner?
 
  • Ein Teil meiner Antwort: Lösen wir uns von der Vorstellung alles selbst und noch dazu in unserer Gegenwart angehen zu müssen. Was sinnvoll ist und dem Wesen des Archivierens sprich Bewahren entsprechen würde, das wäre das zeitgerechte Katalogisieren/zumindest grobe Indexieren und die zugänglich Machung der Information. Auch können bereits redundant vorhandene Informationen nach einem definierten Verfahren ausgeschieden werden um Platz für anderes zu schaffen.
 
  • Als Vergleich bringe ich die Geschehnisse des Ersten Weltkrieges, der bei all seiner Bedeutung im Vergleich zum nur 20 Jahre später gefolgten Zweiten Weltkrieg in der Geschichtsaufarbeitung bis heute „zu kurz“ kam. Das was an Photos mit PH! und Briefdokumenten noch da ist kann von Historikern die naturgemäß lange nach den Ereignissen geboren wurden verwertet werden. Und das was nicht da ist …. – die Antwort wissen Sie selbst. Ebensolches übertrage ich auf die wenigen Zeugenaussagen die uns noch aus der Zwischenkriegszeit zu unserem Fachthema – seien es Geräteinformationen aber auch Firmen- und Reparaturgeschichten bleiben werden, sowie der Ereignisse ab 1939 bis etwa in die 1960er Jahre wo uns auch schneller als langsam die Zeit beginnt davonzulaufen….
 
  • Um in diesem Aufsatz die Verantwortung nicht vordergründig dem angeführten Fachverein zuzuschieben rufe ich zum allgemeinen Brainstorming auf in der Hoffnung weitere Lösungsansätze wenn auch vielleicht „nur“ redundant zu bestehenden Möglichkeiten zu suchen. 
 
  • Auch ist die Frage zu erörtern, welche Gefahren, Risiken, Mißbrauchspotentiale es gibt bzw. welche könnten durch ein (digitales) Vermächtnis entstehen? Kann man diese Zuordnen und dann unterschiedliche Verfahrensweisen anwenden. Z.B. eine breite redundante Streuung von nicht prekären Informationen auch über bereits vorhandene Digitalkanäle (Youtube etc.). Dieses bei einem zeitgleich verantwortungsvollen Umgang mit Personendaten dort wo eine unkontrollierte Veröffentlichung von Namen und Zusammenhängen Nachteile mitunter auch für spätere Folgegenerationen mit sich führen könnten. Als positives Beispiel möchte ich dabei die Arbeit von Herrn Czapek alias Mr. Minerva anführen der als selbst vorgeschobene „Gauck-Behörde“ unter Umständen brisante Namen in einer Firmengeschichte wegließ. Für den Forscher sind diese Namen im Einzelfall dennoch erhalten geblieben und wird sich eine Möglichkeit finden Zugang zu selbiger für dann echte wissenschaftliche Zwecke die über Information hinausgeht zu erhalten.
 
  • Die Webplattform „Archive.org“ könnte ein Ansatz in die richtige Richtung sein und ein zentral zugänglicher „Weltwissensspeicherort“ werden, wenngleich ich deren Nachhaltigkeit und Anwendungsneutralität bis dato noch nicht überprüfen konnte. Was dann erneut wieder nötig wird ist ein Index mit dem man auch tatsächlich finden kann was schon da ist. Aber hier haben wir mit Radiomuseum.org zumindest schon einmal ein gutes Beispiel wie es funktionieren könnte. Laut gedacht, ist die Erweiterung eines Weltradiogeräteindexes um einen Zeitzeugnisdokumentationsindex zumindest andenkbar.
 
 
 
 
Anmerkung:
Es war und ist NICHT die Absicht des Autors die Pietät die das Thema abverlangt in irgendeiner Weise zu verletzen. Es ist jedoch ein tieferes Bedürfnis der wahrgenommenen Sprachlosigkeit die dem Thema obliegt eine Stimme geben zu wollen.
 
 
W. Scheida / Wien 10/2010
 
 
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This article was edited 19.Oct.10 22:31 by Wolfgang Scheida .

Robert Latzel
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19.Oct.10 09:51

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Hallo,

ja, dem Anliegen der Dokumentation ist grundsätzlich meine Zustimmung gewiss.

Aber:

a) Wer soll das tun?

b) Wo soll das geschehen?

c) Wer finanziert die beiden Punkte?

Zu a) Es gab eine Zeit, in der Menschen am Abend noch Zeit und Möglichkeit hatten, zu sammeln, sich mit dem Sammelgut zu beschäftigen - und sich emotional mit dem Sammelgut verbunden fühlten.
Dieser emotionale Bezug geht zunehmend verloren - wer aus der jüngeren Generation hat noch etwas mit dem E 52 oder einem Röhrenradio erlebt, wen also verbindet damit noch etwas?

Zu b) Wer es sich leisten kann, Zimmer, Böden, klimatisierte (!) Keller dafür zur Verfügung stellen zu könnnen - bitte gern. Damit die Löhne ja schön niedrig bleiben, und die Aktionkurse schön hoch bleiben, die Dividende auch im nächsten Geschäftsbericht wieder sprudelt -  sollten die Lohnkosten niedrig sein, oder gar noch gesenkt werden. wWer aber dadurch nur wenig verdient, der wird diesen Platz nicht haben, nicht zur Verfügung stellen können. In Deutschland kann dies auch sehr abrupt geschehen: Heute noch Gutverdiener - in 14 Monaten durch Arbeitslosigkeit HartzIV Looser. Da entscheidet dann die Agentur für Arbeit, was ein angemessener Wohnraum ist. So in etwa 35 (!) Quadratmeter für eine alleinstehende Person, und etwa 360 Euro monatliches Salär. Da lässt sich prima forschen und Platz zur Verfügung stellen, selbst wenn das persönlich vor relativ kurzer Zeit noch ganz anders geplant war, weil man da (noch) gut verdiente...

Zentralarchive zu betreiben wäre die Alternative. Doch welches Museum - zumindest in Deutschland - klagt nicht über sinkende Zuschüsse und stetig neue Sparmaßnahmen?

c) Wer finanziert die Punkte a + b?
Jemand, dem der Erhalt und die Erschließung dieser Geschichte wichtig ist.
Dazu wird in erster Linie irgend ein persönlicher Bezug zur Materie notwendig sein müssen. Ansonsten ist das Interesse daran sehr gering, und damit erst recht die Bereitschaft ständig Geld dafür auszugeben.
Da Privatpersonen nun mal sehr individuell agieren, und übergeordnete Aufgaben, Zukunftsaufgaben usw. eher selten von Privat übernommen und verantwortet werden (können - modernerweise siehe Hartz IV), hat sich dafür schon sehr früh (schon weit vor Hartz IV) immer mehr eine staatliche Struktur herausgebildet, die dies übernahm. Doch da man Steuern ja gern sparen will, und die staatliche Aufgabenlast nicht gering ist, legt der Staat sehr strenge Kriterien daran an, was staatsrelevant, zukunftsrelevant usw. ist, bzw. dafür gehalten wird.
Bleiben also für derlei "freiwillige, aber nicht staatsnotwendige" Aufgaben/Ausgaben doch nur (halb-)private Sponsoren übrig. Also Stiftungen - Stiftungen, wie die, die das RM.org unterhalten und deren Existenz längerfristig sichern.

Mein Fazit:

In den letzten Jahrzehnten wurden mit zunehmender Individualisierung und Ökonomisierung auch die privaten Möglichkeiten einer längerfristigen Sammlungs- und Geschichtsbewahrung zunehmend wieder eingegrenzt. Wieder, weil vor gut 100 Jahren dies auch nur besonders gut gestellten Personen, und oft genug auch denen nur temporär möglich war.
Oft genug gründeten sie entweder Stiftungen, übergaben diese oder jene Sammlung dem Staat, König usw., oder schenkten sie Museen, die dazu teils erst gegründet wurden - mit dem Zweck, eben genau diese Sammlung der Öffentlichkeit zugänglich zu halten bzw. zu machen.

Museen, Ausstellungen, öffentlich zugängliche Sammlungen sind die durchaus sehr wertvollen Errungenschaften der letzten 200 Jahre. Vorher war dies so nicht gegeben, sondern es existierten Bibliotheken und einzelne, wenige Sammlungen kirchlicher oder königlich-staatlicher Besitztümer.

Ich spanne diesen Bogen deshalb so weit, weil ich der Auffassung bin, daß sich der Staat aufgrund demographischer Gegebenheiten, die wiederum ökonomische Gegebenheiten nach sich ziehen, auf bestimmte Kernaufgaben zurückziehen muß, um wenigstens deren ordnungsgemäße Erfüllung sicherstellen zu können. Dafür werden noch sehr viele, heute als unantastbar geltende Besitzstände nicht nur infrage gestellt, sondern aufgegeben - werden müssen.

Damit sollte klar werden, daß es wenn dann nur um Stiftungen oder ähnlich gelagerte Lösungsansätze gehen kann, wenn Träger für Archivstrukturen angedacht / angefragt werden sollen.
Und diese müssen - auch und gerade Personalkosten fachlich gut qualifizierter Personen (also nicht nur Jobber mit Hilfskraftbezahlung) - verlässlich finanzieren können. Denn die reine "Bestandssicherung von möglicherweise für künftige Generationen wertvollem Material" wird schnell zur Altmaterialdeponie verkommen, wenn nicht der Bestand erschlossen, aufbereitet und durch öffentlichen Zugang zum selben weiterentwickelt wird. Weiterentwickeln heißt aber auch, daß nach Relevanz entschieden werden muß, was wie aufbewahrt wird. 
Will sagen: Heute mögen Röhrenradios von 1925 eine Bedeutungsrelevanz von 3000 verschiedenen Exemplaren haben - die es aus heutiger Sicht verdienen, unbedingt erhalten zu wernden. In 100 Jahren kann diese Bedeutungsrelevanz sich auf vielleicht 500 Stück reduziert haben. Weil mehr zu Veranschaulichung eben einfach nicht mehr notwendig sind.
Ähnliches lässt sich sehr gut am Beispiel der Eisenbahngeschichte erleben, die heute bereits diese Ausdünnung von früher als unantastbar geltender Besitzstände erlebt - auch, weil der persönliche Bezug dazu immer mehr schwindet. Auch, weil Generationen früher halt einfach wesentlich mehr Menschen direkt oder indirekt viel mit der Eisenbahn zu tun hatten. Und heute eben nicht mehr...

Ähnlich wird es mit dem Radio / Fernsehen und deren Geräten sein. Oder mit Uhren.

Beides Dinge, die heute am PC, am Handy ausreichend in einem Gerät vereint zu sein scheinen.
Weshalb viele Jugendliche weder Radio, noch Fernseher, ja noch nicht einmal eine Armbanduhr (egal, ob mechanisch oder elektrisch) mehr benutzen - weil alle diese Bedürfnisse durch Handy bzw. PC abgedeckt werden. Mit dem Blick auf Handy werden zugleich die Uhrzeit, das Datum, die neuesten Informationen/Schlagzeilen (Nachrichten), Musik, Anrufe, Emails gefunden - wozu braucht es da noch eine seperate Uhr, eine Zeitung oder gar geschweige ein Radio?

So sehr ich Ihre, Herr Scheida, Anliegen verstehe und mental unterstützen möchte - ich fürchte, Vieles davon lässt sich nicht mehr machen. Weil die gesellschaftliche Relevanz, Wertschätzung und damit der unbedingt notwendige Rückhalt der Allgemeinbevölkerung fehlt - um dafür Zeit oder gar Geld auszugeben.

Um den Anfang Ihres Beitrags aufzugreifen:
Das ideelle Vermächtnis hat etwas mit ideellen Werten, mit Idealen und nicht mit Materiellem zu tun.

Um es also kurz und prägnant auf den Punkt zu bringen:
Ideelle Vermächtnisse erhalten zu wollen, hat etwas mit Idealismus zu tun - und den muß man sich leisten wollen - und können.

R. Latzel

This article was edited 19.Oct.10 10:08 by Robert Latzel .

Gerd Krause
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19.Oct.10 10:34

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Wie auch bei allen anderen Gegenständen, werden auch unserer Geräte später nur noch in einigen wenigen Technikmuseen zu finden sein. Der Rest landet (leider) auf dem Müll. Wichtig ist aber, dass die Geschichte weiterlebt. Dokumentationen sollte man daher unbedingt erhalten.

Ich bereite z.B. für meine Dokumentation "Rundfunk-Nostalgie" gerade ein Interwiev mit einem 85 jährigen Radiohändler vor.

Tradition ist nicht die Asche, sondern das Weitergeben des Feuers !

Beste Radiogrüsse aus Ostfriesland,

Gerd Krause

Ralf Keil
 
 
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22.Oct.10 19:56

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Die lange totgeglaubte Elektronenröhre erlebt ein grosses Comeback in NF-Verstärkern. Niemand hätte das vor 20 Jahren für möglich gehalten. So wird diese Technik auch "Mitnahmeeffekte" für die alte Radiotechnik haben. Bei mir war es auch so. So wird es doch hoffentlich anderen Röhrenfans in Zukunft auch ergehen ? Aber auch aus vielen anderen Gründen erzielen seltene, alte Geräte aus den 10er, 20er und 30-40er Jahren nach wie vor gute Preise . Werden noch mehr Geräte der späteren Jahre verschrottet, man kann ja nicht alles aufheben, wird dort auch mehr gesucht werden. Und wer näheres über alte Technik wissen will wird es in der Zukunft durch moderne Kommunikationsmittel noch leichter haben die richtigen Gleichgesinnten zu finden. Das nicht jede Anekdote und jede noch so wertvolle Erfahrung in die Zukunft gerettet werden kann, (und sollte) ist doch wohl klar. Hier in Rmorg wird von uns Allen doch schon viel zum Erhalt des alten Wissens getan. Hätte die Steinzeit schon internet gekannt, wäre die Herstellung von Faustkeilen auch heute noch kein Problem! Und Interessenten dafür gäbe es wohl auch.

Ein Hoch auf Rmorg!

R.K.

Wolfgang Scheida
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24.Dec.11 11:52

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Ein "alter Radio-Sammler" Herr Zimpel schreibt in der Funkgeschichte 200 S.A5 den Artikel "Rettet die Dampfradios" und verweist dabei darauf dass es die alten Rundfunkmeister die noch helfen könnten nicht mehr lange geben wird.

In Anlehnung auf meinen ersten Artikel zum Thema möchte ich zu den Feiertagen, in der Annahme hier sei vielleicht etwas mehr Zeit und Muße vorhanden die ältere Generation ersuchen ihr Wissen wahlweise

  • aufzuschreiben, oder
  • auf Tonband, Kassette oder am besten einem Digitalrecorder aufzusprechen 

um damit späteren Generationen einen Rückgriff auf dieses Wissen das man irgendwann nach Schlagworten und Zeitzuordnungen einmal katalogisieren kann.

Ohne anderen Institutionen vorgreifen zu wollen bin ich überzeugt, dass die GFGF, das lokale Heimatmuseum aber auch eine virtuelle Vereinigung wie z.B. RM.org der Ort eines möglichen Speichers und Archivs sein kann. Die Ddigitalisierung macht es zudem möglich durch fast kostenlose Kopien den denkbaren Verlust einer Trägerinstitution zu kompensieren.

Das es dabei nicht immer gleich um tiefstes exklusives Fachwissen gehen muß zeitigt dieser Thread wo die "normalen Erfahrungen" eines Käufers der Unterhaltungselektronik anno 1950 - 1980 gewünscht werden.

12/2011 W. Scheida

 

 

 

 

 

 

  
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