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Röhrenproduktion bei Lorenz bis 1930

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Rüdiger Walz
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23.Jun.20 11:48
 
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Röhrenproduktion bei Lorenz bis 1930

Über die Röhrenproduktion bis 1930 bei Lorenz findet man wenig in den Quellen. Sie scheint für Lorenz selbst auch keine große Bedeutung gehabt zu haben, da sie im Jubiläumsband 50 Jahre Lorenz  [2] nur an zwei Stellen nebenbei erwähnt wird und auch im Band 75 Jahre Lorenz [3] nur in einem Satz erwähnt wird, dass man sie Ende der 1920er Jahre aufgegeben hätte und erst 1937 aufgrund des militärischen Bedarfs an Hochfrequenzröhren wieder mit der Entwicklung begonnen hätte.

Auch ist mir in den Zeitschriften jener Zeit keine Werbung für Lorenz Röhren bekannt.

Laut Tyne [1] begann Lorenz mit der Röhrenherstellung in Wien und verlagerte die Produktion ab 1920 nach Berlin Tempelhof. Wie auch andere Produzenten, die im Fernsprechbereich tätig waren (Siemens, TeKaDe, Huth) produzierten sie Röhren für Fernsprechverstärker äquivalent zu den Typen Mc, K6 und BF von Siemens. Tyne zitiert das Jahrbuch Radioaktivität 1920, 17, S. 174-178 wo Verbesserungen an Lorenz Röhren gezeichnet sind.

In [2] wir im Kapitel „25 Jahre Drahtlose Abteilung“ erwähnt, dass Lorenz nach dem Kriege zusammen mit Osram (vorher Auer Gesellschaft) gemeinsam eine Kathoden-Röhrengesellschaft gegründet habe. Nach Einstieg der AEG bei Osram sei aber Lorenz genötigt gewesen die Röhrenentwicklung und Produktion selbst zu übernehmen. Man habe von der Verstärkerröhre bis zur wassergekühlten Senderöhre die ganze Palette gebaut, habe aber später ein Übereinkommen 1927 mit Telefunken abgeschlossen, die Röhrenfertigung damit rationalisiert und nur noch ein Entwicklungslabor behalten. Ebenso wird im Kapitel „Kleingeräte und Kommerzielle Empfänger“ darauf hingewiesen, dass die Empfänger , die unmittelbar nach dem Krieg gebaut wurden (Beispiel genannt: REO 318) mit Röhren aus der eigenen Produktion bei Lorenz ausgerüstet gewesen seien.

Laut [8] gliederte die Deutsche Gasglühlicht AG (Auer Gesellschaft) 1918 die Glühlampenfertigung in die OSRAM GmbH KG aus. Am 5.2.1920 traten AEG und Siemens als Kommanditisten bei. Das ist also vermutlich das Datum, auf das in [2] hingewiesen wird und ab dem Lorenz selbst Röhren produziert hat.

Am 1.2.1927 schlossen Lorenz und Telefunken ein Patentaustauschabkommen ab, das ein Verbot des Röhrenbaus für Lorenz und die Erlaubnis Radiogeräte bis 10.000 Stück/Jahr zu bauen enthielt. Dies ist vermutlich das Datum auf das in [2] als Ende der Lorenz Röhrenfertigung hingewiesen wird. Also hat Lorenz vermutlich zwischen 5.2.1920 und 1.2.1927 Röhren selbst produziert. Danach wurden „Lorenz“ gelabelte Röhren vermutlich von Telefunken geliefert. Die genaue Angabe des Datums ist das Datum der Vertragsunterzeichnung, es ist nicht bekannt, wann die Verträge genau in Kraft traten.

In [3] wird erläutert, dass ab 1937 aufgrund der gestiegenen Nachfrage nach kommerziellen Röhren 1935 Lorenz wieder mit der eigenen Entwicklung und 1937 mit der Fertigung von Röhren in Mühlhausen / Thüringen begann.

Zwischen 1920 und 1927 machte die Röhrentechnik einen gewaltigen Entwicklungssprung. Allein im Bereich der Verstärkerröhren fand eine Entwicklung statt von der einfachen Triode mit reinen Wolframheizfaden über thorierte Fäden, Bariumoxid beschichtete Fäden hin zur indirekt geheizten tetrode oder Pentode für Hf und Lautsprecherbetrieb.

Philips hatte im Dezember 1928 signifikante Anteile von Lorenz übernommen. Lorenz hatte durch seinen Patentbesitz eine gute Position und war im Funkverband neben Telefunken ein wichtiger Lizenzgeber. Philips ging davon aus, dass Lorenz daher unbeschränkt Radios produzieren könne, die über die Deutsche Philips Gesellschaft (DPG) vertrieben werden könnten. Neben Telefunken war auch Siemens nicht erfreut über die Übernahme von Anteilen, da Lorenz auch im kommerziellen Telefoniebereich eine wichtige Rolle spielte. C.F. Siemens persönlich soll mehrfach versucht haben den Vertragsabschluss Philips-Lorenz zu verhindern, und Philips wurden große Summen zur Kompensation angeboten, trotzdem blieb Philips bei seiner Strategie für den deutschen Markt.

Um Ordnung in diese Konfusion zu bringen kündigte Telefunken den oben erwähnten Lorenz – Telefunken Vertrag vom 1.2.1927. Daraufhin protestierte Lorenz vor dem Schiedsgericht gegen die Kündigung des Kontraktes und bat gleichzeitig um Bestätigung des vorhergehenden Urteils. Außerdem klagte Lorenz vor dem Kartellgericht mit einem ähnlichen Anspruch. Nachdem das Schiedsgericht vergeblich versucht hatte einen Kompromiss auszuhandeln, wurde Telefunken verurteilt die Kündigung des Vertrages mit Lorenz zurückzunehmen, gleichzeitig durfte Lorenz aber Philips nicht mehr beliefern. Damit verlor die Beteiligung an Lorenz ihre Grundlage und Philips verkaufte die Anteile an die International Telegraph & Telephone Co. (ITT) am 5.5. 1930. Siehe auch unter Firma Philips .

Ich habe nun in der mir zur Verfügung stehenden Literatur der 1920er Jahre nach Spuren der Lorenz Röhrenfertigung und der Typen gesucht. Ergiebigste Quelle war die Zeitschrift Funk-Bastler, in der von 1924 bis 1929 Erich Schwandt und Fritz Kunze fast jedes Jahr über die neuesten Röhren berichteten und umfangreiche Tabellen veröffentlichten. Sie sind auch eine gute Quelle für andere kleine Röhrenfirmen, aber dazu folgen später noch Artikel. Die beigefügte Übersichtstabelle ist eine Analyse vor allem der Tabellen und Texte des Funk Bastlers, aber auch vereinzelt aus u.g. Quellen.

Die Tabellen von Schwandt und Kunze kamen auch als Büchlein heraus. „Die modernen Empfänger und Verstärkerröhren“ Verlag Weidmannsche Buchhandlung, Berlin 1926 und später. Leider liegt mir kein solches Exemplar vor.

Zusätzlich habe ich aus den Tabellen des Funk-Bastler die Daten der Lorenz Röhren herausgezogen und angefügt.

Die Aussagen zur Einstellung oder zur Röhrenneuheit sind zumindest eine Indikation, wann eine Röhre in einem Gerät eingesetzt worden sein kann.

In der Literatur haben sich leider auch Fehler eingeschlichen. So wird manchmal LV mit LU verwechselt oder L 09 wird zu LO 9. Auch sind viele LU und LV Typen von den Daten her identisch. Warum sie umbenannt wurden ist nicht bekannt. Es scheinen Röhren mit unterschiedlichen Sockeln auch gleiche Bezeichnungen gehabt zu haben. So wird im Prospektblatt für die L 09 hier um Angabe des Sockeltyps (Lorenz, Telefunken oder Französisch) gebeten. Der Röhrencode allein genügte also nicht.

Ab 1928 ist auffällig, dass die Lorenzröhren zum großen Teil identische Daten mit Telefunkenröhren und Valvo-Röhren haben. Die Ergebnisse zu meinem Datenvergleich sind in der Übersichtstabelle. = bedeutet wirklich gleiche Daten, ≈ bedeutet leichte Abweichungen. Allerdings ist auf die Daten in den Tabellen nicht unbedingt 100 % Verlass, einige zeigen meiner Ansicht nach deutliche Tippfehler. Auch änderten sich Röhrendaten im Laufe der Zeit, ohne dass die Röhren eine neue Bezeichnung bekamen. Ab 1928 trat eine Konsolidierung der Röhrentypen ein. Die 2 Volt Batterieröhren wurden nicht mehr produziert und verschwinden folgerichtig auch aus den Lorenz Röhrentabellen. Etliche Röhren mit thoriertem Heizfaden wurden auf mit Oxid bedeckte Fäden umgestellt.

 

Literatur:

[1] Gerald F.J. Tyne, Saga of the Vacuum Tube, Howard W. Sams & Co, Indianapolis, 1. Aufl. 1977

[2] 50 Jahre Lorenz 1880 – 1930, Festschrift der C. Lorenz Aktiengesellschaft, Berlin. 1930

[3] 75 Jahre Lorenz 1880 – 1955, Festschrift der C. Lorenz Aktiengesellschaft, Stuttgart. 1955

[4] Lorenz Historie , ohne Namen (Siegfried Panzer ?), unveröffentlichtes Manuskript, 1979

[5] Gustav Lucae, 40 Jahre Rundfunkwirtschaft in Deutschland 1923 – 1963, Eigenverlag der IGR (Interessengemeinschaft Rundfunkschutzrechte vorher Verband der Funkindustrie, VDFI)

[6] I.J. Blanken, The History of Philips Electronics N.V. Volume 3+4, European Library, Zaltbommel, 1999

[7] Hanns Günther, H. Kröncke, Die Elektronenröhre in Fragen und Antworten, Franckh, 1925 (Januar)

[8] 100 Jahre Osram, Osram 2006

 

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