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Rundfunk in Liberec (Reichenberg) Tschechoslowakei

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Forum » Radio- and technical History » Decades of broadcasting » Rundfunk in Liberec (Reichenberg) Tschechoslowakei
           
Wolfgang Lill
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04.Jan.13 10:48
 
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Eine kleine Sensation ist Stadtgespräch ! Auf der 3. Internationalen Reichenberger Messe 1922

nimmt eine Messe- Radio Station seinen Betrieb auf

Bild 1 : Messemarke

Diese mobile "Radiotelegrafische Station" wird durch das Ministerium für Post und Telegrafenwesen Prag zur Aufstellung gebracht in der Lehrerbildungsanstalt des Ortes.

Das Messeamt Reichenberg ersucht mit Schreiben vom 14.August 1922 den Stadtrat um Unterstützung inform dauerhafter Bereitstellung eines Raumes für den Sender in der Lehrerbildungsanstalt und erläutert die Bedeutung des Senders wie folgt:

"Wir beehren uns in diesem Zusammenhang auf die hohe Bedeutung der radiotelegrafischen Station für den gesamten Handel und die Industrie der Stadt hinzuweisen...Ziel ist durch dauerhafte Bereitstellung des Raumes in Prag beim Ministerium vorstellig zu werden und eine dauerhafte Installation der Sendeanlage in Reichenberg zu erwirken."

Es wird jedoch vereinbart,. das die Station wieder abgebaut und zur Messe im Folgejahr 1923 wieder an gleicher Stelle in Betrieb geht.

In dieser Zeit entsteht auch der Reichenberger Radioklub. Zuvor hatte es bereits in Prag erste Rundfunkversuche gegeben, die Eröffnung des regelmäßigen Rundfunks begann am 18.Mai 1923, nach London die zweite Station in Europa mit regelmäßigem Radiobetrieb.

 

Die Stadt Reichenberg legt eine Mappe "Radiostelle Reichenberg " an, wo der wichtige Schriftverkehr und Presseveröffentlichungen zu dieser Sache archiviert werden.

Inzwischen wird auch hauptsächlich über die Zeitungen das Für und Wider einer Radiostation diskutiert, man ist sich einig, mit 15 Minuten täglich aus Prag, bei 1926 ca 50000 Rundfunkgebühren zahlenden Sudetendeutschen ist diese Volksgruppe absolut vernachlässigt. Hier ein Artikel aus der Sudetendeutschen Tageszeitung vom 10.10.1926.

In Prag wird in dieser Zeit von zwei Hauptvarianten gesprochen: Die Standorte Karlsbad und Teplitz werden favorisiert.


 

Die Rundfunkversorgung in der Tschechoslowakei wird bereits in dieser Zeit sehr beschleunigt ausgebaut. Mit einem Sender für die Deutschen, weder in Reichenberg noch auf den anderen Standorten ging es nicht voran.

Am 24. Januar 1933 greift der Angeordnete Dr. Krebs im Prager Abgeordnetenhaus das Thema auf und erklärt dazu:

In der Radiowoche Heft 32 vom 5.August 1933 ist zu lesen, das in der Tschechoslowakei ein siebenter Sender in Betrieb geht, aber wieder kein deutscher

 

Inzwischen hat aber auch die Rundfunkgemeinde der Böhmendeutschen einige deutschsprachige Großsender vor Ort, der Wiener Sender Bisamberg mit 120 KW (dimensioniert, jedoch nur mit 100 KW ausgenützt) versorgte auch zuverlässig den Raum Brünn.

Die Reichenberger Hörer orientieren sich in erster Linie beim Schlesischen Rundfunk, dessen Sendestart bereits am 26.05.1924 war und welcher dann ab 1.4.1934 als Reichssender Breslau auf Mittelwelle 950 KHz mit 100 KW sendete.

Es gab sogar Bestrebungen seitens der Reichenberger Stadtverwaltung, Sendezeit bei diesem Sender zu erhalten, mehrere Verhandlungen dazu wurden geführt, scheiterten jedoch letztendlich an der (noch) Bürokratie der Reichsdeutschen.

Ab 1935, bis dahin hatten deutsche und tschechische Kinder noch problemlos zusammengespielt, begannen die politischen Spannungen und der Rundfunk wird neben der Tageszeitung zum Instrument der Beeinflussung der Bevölkerung. In der Tschechoslowakei gab es damals eingeschränkte Pressefreiheit, die Rundfunkwellen machten jedoch an der Grenze nicht halt und so konnte man die Reden von Goebbels, Henlein und anderen mit anfangs sogar Begeisterung verfolgen...

Hauptsächlich sozialdemokratische Politiker warnten vor der Beeinflussung der sudetendeutschen Bevölkerung durch den Rundfunk. Als diese Warnungen in Prag bei Prof Masaryk und dem späteren Präsidenten Benes Gehör fanden war es schon zu spät.

Der Sender Melnik nahm am 1.5.1938 als Sender Prag 2 das nahezu deutschsprachige Vollprogramm auf. Dazu wurde in Prager "Narodní Dum" in Eile ein Studio aufgebaut und bis 60 hauptsächlich böhmendeutsche Mitarbeiter beschäftigt.

Dieser Sender war sofort in der Schußlinie der Reichsdeutschen Propaganda und der inzwischen weitgehend reichsdeutschfreundlich gewordenen Sudetendeutschen Presse.

Der Sender Melnik war mit seinen 100 KW damals auch im Gebiet Reichenberg gut zu empfangen. Er wurde jedoch nach Anschluß des Sudentengebietes an das Deutsche Reich von der Tschechoslowakischen Regierung eingestellt.
 

Mit der Bildung des Protektorates "Böhmen und Mähren" wurde dieser Melniker Sender sofort wieder als  Sender für die Sudetendeutsche Bevölkerung genutzt und  nach kurzer Zeit erhielt er den Namen " Reichsender Böhmen".

Freudig meldet die "Zeit" am 12.Mai 1939: Reichenberg sendet auf 215,4  (1393 Khz) mit 30 KW.

Durch den inzwischen begonnenen 2. Weltkrieg kam die Inbetriebnahme der Sendeanlagen nicht mehr zustande. Die Bevölkerung von Reichenberg hörte wie die restliche Reichsdeutsche Bevölkerung den gleichgeschalteten Großdeutschen Rundfunk, unterbrochen von regionalen Meldungen zur Luftlage.

In Reichenberg selbst gab es keinen dezentralen Rundfunksender für die Zivilbevölkerung. lediglich im Zentrum der  Stadt selbst war ein Drahtfunknetz installiert.

Mit dem Ende des 2. Weltkrieges wurden von der Tschechoslawkei die Benes Gesetze unverzüglich in Kraft gesetzt, das heißt die überwiegende Mehrheit der Deutschen Bevölkerung wurde "Heim ins Reich" geschickt .

Der Deutsche Name Reichenberg wurde sofort liquidiert und der bereits existierende tschechische Ortsname Liberec eingeführt.

Am 23.Januar 1946 geht der erste Mittelwellensender mit 0,2 KW Leistung in der Husova trida ( in der Nähe der Technischen Universität) als halboffizieller Sender in Betrieb, kurze Zeit später wird er auf 1 KW Leistung aufgestockt.

Im April 1947 wurde die Liberecer Station vom Tschechoslowakischen Rundfunk übernommen. Hauptsender ist dann zunehmend der "Severocesky Rozhlas " , der Nordböhmische Rundfunk in Usti n.L. /( Aussig)  mit seinem Studio Liberec.

In der Ortslage Vratislavice (Maffersdorf), Ortsteil Nova Ruda ( Neurode) wird im ehemaligen Gasthaus " Zur Erholung " ehemals Familie Möller, die notwendige technische Einrichtung installiert und ein 0,5 KW Sender in Betrieb genommen. Woher dieser stammte, konnte ich leider nicht  ermitteln.

Silvester 1949 geht der Sender auf Welle 243,5  (1232 KHz)  in Betrieb

" Wir begrüssen Sie ganz herzlich , hier spricht der Nordböhmische Rundfunk, Studio Liberec....."

 

Erstmalig tauchen in der Zeitschrift "Nas Rozhlas" Heft 9/1950 Informationen zum Sender auf. Inzwischen hat er die Frequenz auf 198,5 m ( 1510 KHz) geändert (man ist ist jetzt auf der planmäßigen Frequenz laut Wellenplan, er hat eine Leistung von 0,5 Kw, und macht laut diesem Programmverzeichnis wöchentlich etwa 990 Minuten von 17,55 Uhr bis 20,55 Uhr  Lokalprogramm.

Diese Lokalsendungen sind ausgerichtet auf Probleme im Grenzland, überwiegend der Industrie, sie beschäftigen sich mit der Leichtindustrie, der Glasherstellung und mit landwirtschaftlichen Fragen in dem von Bergbau und Landwirtschaft geprägten Gebiet.

Im Jahre 1951 wurde dieser kleine Sender durch ein professionelles Erzeugnis von TESLA ersetzt:

TESLA SRV 3 B , 3 KW . Auch wird das Gebäude weiter umgebaut und ein stählerner Sendemast errichtet.

Bild ist später, Ende der 80iger jahre aufgenommen.

Hier sieht man den Jeschken, wo ja die Großen Fernseh und UKW Sender stationiert sind.

 

Die Sendezeiten der Lokalstationen werden zugunsten der Zentralen Programme des Tschechoslowakischen Rundfunks in der Folgezeit drastisch eingeschränkt.

 

Inzwischen ist auch das Areal militärisches Sperrgebiet geworden, eingezäunt, mit ausreichend Verbotsschildern versehen, bewacht.

Man hat ja plötzlich im Jahre 1951 eine neue wichtige Aufgabe zu erfüllen.....

 

Ab 1.5.1951 sendet der Feindsender "Radio Svobodna Eurova" ( Radio Freies Europa) auf Mittelwelle 719 KHz mit 130 KW Leistung aus Holzkirchen bei München. Es werden in aller Eile eine weitere Sendeanlage errichtet, welche als regionaler Störsender 

Aktion R-405 ( Geheime Störplanung)

betrieben wird. Dazu kommen ja in der weiteren Folge mehrere Kurzwellenfrequenzen, die Kollegen in Nova Ruda haben voll zu tun, die Störsender müssen immer wieder umgestellt werden, so wie der " Feind " die Frequenzen wechselt und teilweise wird ja auch mit den Kurzwellensendern etwas neben der planmäßigen Frequenz gesendet.....also keine einfache Aufgabe für die Kollegen der Störabteilung. Insgesamt kann man hier 4 Frequenzen stören.

2 solche Tesla Sender arbeiten nun , einer für das planmäßige Programm, der andere gegen Radio Freies Europa. Jetzt steht einer der Sendeanlagen im Privatmuseum Trest, etwa 60 Km von Liberec entfernt.

Erst 1988 wurden die Störsendungen von Radio Freies Europa im Rahmen des Entspannungsprozesses "Perestroika und Glasnost" eingestellt.

Man sendete nun von diesem Standort zwei Mittelwellenprogramme, das von Tschecholowakischen ( ab 1992  Tschechischen) Rundfunk und das vom Nordböhmischen Rundfunk Usti mit Studio in Liberec.

Im Jahre 1995 wurden die Mittelwellensendungen eingestellt. Der Störsendemast wurde bereits früher entfernt, der vom eigentlichen Sender Neu Rode wurde 2010 demontiert.

Heute werden von diesem Standort noch mehrere UKW- Programme und TV Digital abgestrahlt.

Abschließend möchte ich noch die aktuellen Bilder von der Sendeanlage hinzufügen und mich besonders bei Herrn Kanka von der CZ Radiokomunikace bedanken. Er hatte bei meinem Besuch erst Feierabend , aber dann noch 3 Stunden Zeit für meine Fragen !!!

und noch ein Dankeschön an das Archiv in Liberec, Herrn Bock !

This article was edited 04.Apr.13 19:51 by Jürgen Stichling .

Wolfgang Lill
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04.Feb.18 18:07
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Herr Zahóra hat mir einige seiner privaten Fotos von dem Sendemast in Liberec Ortsteil Nova Ruda geschickt. Der Mast wurde im Winter 2010 demontiert.

Hier nochmal ein Foto aus dem Jahre 2009 , aufgenommen aus Richtung Liberec ( im Vordergrund die Hauptstrasse Liberec - Vratislavice )

Mittels Spezialkran wird der 60 m hohe Unipol- Mast nun vorsichtig umgelegt.

Der Mast wird nach entsprechender Aufarbeitung wieder an anderer Stelle zum Einsatz kommen.

Interessant ist auch, welche Menge Rost durch Korrosion im Innern des Mastes entstanden ist.

This article was edited 04.Feb.18 18:08 by Wolfgang Lill .

  
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