Rundfunk in Ungarn Magyar Rádió

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Rundfunk in Ungarn Magyar Rádió 
08.Oct.16 21:29
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Wolfgang Lill (D)
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Wolfgang Lill

Hallo, ich melde mich aus Budapest. Ungarn ist ein interessantes Land, dort wohnen nette und freundliche Menschen...mich interessiert , wie es dort mit dem Rundfunk aussieht.

Das wohl bekannteste Bauwerk der Hauptstadt Budapest ist das nach Plänen des Architekten Imre Steindl von 1885 bis 1904 im neugotischen Stil errichtete Parlamentsgebäude.

Mein Ziel war das Verwaltungsgebäude der Antenna Hungaria auf der Petzvál József u. 31-33. Dieses Unternehmen verwaltet seit 1992 die technischen Anlagen.

Dort wurde ich von einer sehr freundlichen Kollegin erwartet, natürlich eine Menge Fragen im Gepäck...

Zunächst interessierten mich die Hauptverbreitungswege des Rundfunks in Ungarn.

In der Hauptstadt Budapest selbst wird dab+ von 3 Sendestandorten ausgestrahlt auf dem Kanal 11 b.  Die Sender haben maximale Leistung von 2 KW, werden jedoch, da noch Versuchsstadium, mit 200 Watt betrieben. Bei Nutzung von stationären Empfängern im Zentrum der Hauptstadt durchaus ein interessantes Angebot. Insgesamt sind 7 Programme auf (Versuchs-) Sendung; 

Es sind 3 staatliche Sender; Kossuth- Radio, Bartok- Radio und Petöfi- Radio und 4 andere im Testmodus.

In Ungarn wurde zuvor schon auch mit dab experimentiert und es gab Überlegungen die analoge durch digitale Ausstrahlung im jetzigen UKW- Band zu ersetzen. Das wäre eine vernünftige Lösung gewesen...aber die EU Richtlinie hat zur Einstellung des analogen Fernsehens im Band III ( VHF- Kanäle 5 ...12) im Jahre 2013 geführt und den Weg frei gemacht für die Nutzung der Kanäle für den digitalen Hörfunk.

Ein VHF- Kanal ist jetzt in 4 Kanäle aufgeteilt ( A, B, C, D ). In Budapest sendet man jetzt auf Gleichwelle Kanal 11 D.

Wie auch in Deutschland steht man bei den ungarischen Rundfunkstationen überwiegend skeptisch dieser DAB+ - Sache gegenüber. Es gibt auch hier die Frage, Aufwand und Nutzen. Was nützt der Aufwand, wenn es nur wenige Hörer nutzen und was macht man mit Berg und Tal ? Im Tal schaltet nunmal der Empfänger auf Memory und so müssten viele Umsetzer gebaut werden, um landesweit den Empfang zu garantieren.

Die Rundfunksender sind selbstverständlich auch über Internet zu empfangen. Terristisch setzt man weiterhin auf zwei Bänder, die UKW- Ausbreitung im CCIR- Band und auf Mittelwelle ? Ja , sie lesen richtig, auch auf AM !

Insgesamt gibt es  in Ungarn 6 staatliche Rundfunkprogramme.

Hauptsitz ( alt ) ist in Budapest auf der Bródy Sándor utca

Interessante Antennenanlagen sind immer meine große Freude, diese hier gefiel mir besonders gut auf dem Gebäude von Magyar- Rádió

 

Am 26.Oktober 1956 versammelten sich Demonstranten vor diesem Tor, es wurde geschossen und zerstört, der ungarische Aufstand wurde jedoch zerschlagen. So schlimm sah es damals aus.

fotó: Orincsay László / OSZK

Inzwischen ist auch ein weiteres Studioareal in Budapest entstanden an der Kunigunda utja 64 und viele der Studios sind dorthin verlagert;

 

Da ist zunächst Ungarns, traditionsreichster, seit 1925 (!),  buntester und landesweit und europaweit zu empfangender Sender Kossuth Radio. Sein 24 Stunden Programm wird sowohl über eine Kette von UKW Sendern als auch vom AM- Sender Solt ausgestrahlt. Seine abgestrahlte Leistung sichert in allen Teilen Ungarns und in den angrenzenden Ländern einen guten Empfang .

In der Woche sendet dieser AM- Sender von 4,30 Uhr bis 22,30 Uhr, am Wochenende von 5,00 Uhr bis 22,30 Uhr.

Bild : Sender Solt auf 540 KHz.

Dieser Sender, Import aus der Sowjetunion vom Typ PSZV 2000 ( 2 x 1 MW- Mono- Block zusammen mit einem T- Netzwerk- Diplexer)  wurde am 16.02.1977 in Betrieb genommen, zunächst auf 539 KHz, wurde jedoch später auf 540 KHz umgestellt. Der Mast ist 303,6 m hoch.

Gegenwärtig finden größere Umbauarbeiten in den Anlagen statt, so das mir ein Besuch nicht genehmigt wurde. Ausgeführt werden die Arbeiten von der kanadischen Firma NAUTEL, es werden    5 x 400 KW transistorisierte Sendeblöcke installiert, die dann mit Parallelschaltung         2 MW leisten. 

Hier eine Grafik von dem geplanten Systemumbau in Solt ( Nautel )

Über diesen leistungsstärksten AM- Sender der Welt ist demnächst ein Beitrag von mir geplant.

Aber bleiben wir doch gleich mal bei AM- Sendern.

Nemzetiségi Radio sendet landesweit über 5 AM- Sender

Györ 1350 KHz,

Marcali, Szolnok 1188 KHz,  

Lakihegy, Pécs 873 KHz

Nationalitätenprogramme so in armenischer, bulgarischer, deutscher, griechischer, kroatischer, polnischer, rumänischer, russinischer, serbischer, slowakischer, slowenischer und ukrainischer Sprache sowie auf Romani.

Zwischen 20 Uhr und 8 Uhr werden Wiederholungen gesendet.

Den Sender in Lakihegy konnte ich besichtigen.

Der Sendemast ist 117 m hoch, die Senderleistung liegt bei 25 KW. Er ist für die Versorgung von Budapest und Umgebung vorgesehen, das sieht man hier bei der konstruktiven Auslegung. 

und natürlich darf ein Foto vom Fußpunktisolator  nicht fehlen.

Der Sender ist ein TRAM25 ( Transradio ehem. Telefunken )

An meinem Besuchstag war gerade Wartung angesagt.

Der Sender selbst befindet sich in einem historischen Gebäudekomplex, der in den 30iger Jahren entstand.

Der Standort hat viele Traditionen; 

Lakihegy liegt auf der Csepel-Insel in der Donau südwestlich von Budapest. Hier entstand schon 1914 eine Radiotelegraphiestation der K&K-Armee mit einem 7,5 kW-Löschfunkensender.

Ein 5 kW-Röhrensender von Telefunken wurde 1921 gekauft und für die ersten Rundfunkversuchssendungen verwendet (ab 1. Dez. 1925 reguläre Rundfunksendungen).

In Lakihegy standen insgesamt 5 Sendemasten und gegenwärtig sind noch drei davon erhalten geblieben.

So sah es nach den Sprengungen der Wehrmacht am 26.November 1944 dort aus:

sw-Fotos Bestand Postmuseum Budapest, vielen Dank 

Solche historischen Gebäude sollten doch als Museum genutzt werden.

Eigentlich ist es ja schon ein Museum, was man jedoch, da dort Rundfunksender arbeiten, nicht so einfach besuchen kann.

1927 begann man unweit der alten Telegraphieanlage mit dem Neubau einer Rundfunksendeanlage. 1928 wurde der 5 kW-Röhrensender in die neue Anlage verlagert, aber schon am 19.4.1928 durch einen neuen 20 kW-Sender von Telefunken ersetzt. Als Antenne dienten 2 abgespannte je 150 m hohe Gittermasten mit Reusenantennen, welche aber eine sehr ungünstige Abstrahlcharakteristik besaßen.

Die Fundamente dieser Anlage kann man heute noch besichtigen.

Im Jahre 1948 wurde ein 135 KW- Sender der Firma Standard Budapest aufgebaut . 

Dieser arbeitete bis zum Jahre 1968 und wurde bis zum Jahre 2005 als Reservesender vorgehalten.

Ein kleiner steht unmittelbar  daneben, der 20 KW- Sender

Er ist Baujahr 1972 und war bis 2004 auf 873 KHz  im Einsatz, Er ist durch den TRAM25                   ( Transradio, ehem. Telefunken siehe Bilder oben), ersetzt .

Nun noch zum größten ; ein 300 KW Sender, welcher von 1968 bis 2007 eingesetzt wurde, in der Endstufe englische Röhren.

Diese Sender wurden ununterbrochen beaufsichtigt. Nicht nur in der Bedienung, sondern im Gelände war auch Sicherheitspersonal stationiert. Diese Sendeanlagen waren Arbeitsplätze für bis zu 50 Mitarbeiter.... 

Im Gelände sind die Antennenspeiseleitungen inform von Reusenleitungen aufgebaut, die allerdings gegenwärtig ausser Betrieb sind.

Eine führt auch über die Hauptstraße Rákóczi Ferenc u. . Dort sehen wir zwei weitere Sendemasten.

Über diesen Mittelwellensender, der 120 m hoch ist, wurde mit einer Leistung 15 KW Sender bzw. 12,5 KW Ausgangsleistung  bis 20.04.2012 das katholische Radioprogramm Katolikus Rádió ausgestrahlt. Dieses wird jedoch jetzt nur noch über eine UKW- Senderkette und in Budapest versuchsweise über dab+  gesendet.

Im Jahre 1934 wurde der fischbauchartige BLAW KNOX Sendemast errichtet.

In der Fachzeitschrift MAGYAR HIRADÀSTECHNIKA 11. Jahrgang von 1947 habe ich eine Zeichnung vom Mast gefunden :

 

Auch Bilder vom Bau aus dem Jahre 1933  

Leider habe ich zunächst nur diese zwei Fotos im Postmuseum in Budapest ( vielen Dank ) gesehen.

Am 26.November 1944 sprengte die Wehrmacht diesen Großsender, der damals auch das höchste Bauwerk in Europa war.

s-w Fotos Postmuseum Budapest, vielen Dank

Im Jahre 1948 wurde der Sendemast wieder nutzungsfähig übergeben. Er steht unter Denkmalschutz. In der Nähe fand ich folgende Informationstafel:

Im Jahre 2006 erfolgte eine Generalüberholung. Die alte Konstruktion ist 284 m hoch, dazu kommt eine ein- und ausfahrbare Mastspitze von 30 m Länge.

 nochmal von einer anderen Perspektive, wunderschön ( Foto bereitgestellt von "Antenna Hungaria")

Schauen wir uns Details an:

Das Sendergebäude , rechts der Antennenfuß 

rechts im Bild das Antennenhaus.

Der Sender arbeitet mit einer Sendeleistung von 100 KW auf 135,6 KHz in der Modulation FSK                 ( elektrische Funkrundsteuerung ). 

Dieses Signal dient zur automatischen und grenzüberschreitenden Fernsteuerung von Verbrauchern im Versorgungsnetz von mehreren mitteleuropäischen Energieversorgungsunternehmen ( Anwendungszweck ist zum Beispiel die Tarifumschaltung von Stromzählern) . Es wird dafür die klassische Funkrundsteuertechnik verwendet

Die digital codierten Steuerdaten werden mit einer Symbolrate von 200 Baud nach dem Kommunikationsstandard IEC 60870-5 übertragen.

Schauen wir uns doch den Sender etwas näher an:

Der Sender selbst vom Typ TRAM 100L- C verfügt über mehrere Einschübe, links  der Modulator.

RF Datenmodulator RFMOD 1587

Das Steuerschaltergestell >>> Schalter für Hochspannnung 0,4 KV.

Dann sehen wir in der Mitte 2 Schränke, wo die Verstärker eingebaut sind für je 50 KW sind 48 Verstärker á 1,25 KW installiert.

und rechts haben wir 3 Schränke mit Ausgangsfilter

Der Mast selbst steht als technisches Denkmal unter Denkmalschutz und kann mit diesem Nutzungszweck sicher noch lange gute Dienste leisten.

Vielen Dank für die hervorragende Unterstützung von Antenna Hungaria, Insbesondere von Frau Eva Bálla. 

Fotos: Solt Antenna Hungaria , 2 x vom Bau Postmuseum Budapest. Alle weiteren Fotos Wolfgang Lill

 

Bitte noch  keine Kommentare, ich mache erst mal Pause,

Für diesen Post bedanken, weil hilfreich und/oder fachlich fundiert.