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Valvo-Bildröhrenfabrik Aachen 1973

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Franz Born †
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07.Feb.08 21:01

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                                         Valvo In Aachen ( Artikel von 1973)

Die in den Jahren 1953/54 in Aachen errichtete Valvo Fabrik lieferte bis Ende März 1972 ca. 18,75 Millionen Schwarzweißbildröhren und (ab 1967) rund 1,15 Millionen Farbbildröhren. Seit April 1972 fertigt Valvo in Aachen nur noch Farbbildröhren für den deutschen und europäischen Markt. Das Valvo Farbbildröhrenwerk in Aachen ist das
z. Z. größte im Bereich der Philips-Unternehmen und dürfte auch die größte Produktionsstätte dieser Art in Europa sein.

                                    Farbbildröhren für den europäischen Markt


                  
 Valvo Normhals-Bildröhre Eurocolor und die dazugehörige Ablenkeinheit


Die Kapazität der Valvo Fabrik wurde vor gut einem Jahr durch ein neues Werksgebäude wesentlich erhöht, das für den Produktionsbereich »Schirmbearbeitung« neue Möglichkeiten bietet und der künftigen Entwicklung des Fernsehmarktes angepaßt ist. Das Gebäude umfaßt 59000 Kubikmeter umbauten Raum und erweitert die reine Produktionsfläche des Werkes um rund 3100 Quadratmeter, weitere 3400 Quadratmeter entfallen auf die Räume für die Klimaanlage und die Medienzuführung (Wasser, Gas usw.). Außerdem sind in dem neuen Gebäude zahlreiche Büros sowie Schulungs- und Sozialräume untergebracht. Mit maximal 650 Arbeitsplätzen allein im produktionstechnischen Bereich des Neubaus können alle Erfordernisse der nächsten Jahre berücksichtigt werden.
Die Schirmbearbeitung ist das Kernstück der gesamten Farbbildröhrenproduktion. Auf den folgenden Seiten sind einige Ausschnitte aus diesem Bereich gegeben, die einen Einblick in den sehr aufwendigen Herstellungsprozeß vermitteln. Bekanntlich besteht ein Farbbildschirm aus einem Punktmuster mit den drei Grundfarben Rot, Blau und Grün. Das Punktmuster wird mit Hilfe eines fotochemischen Prozesses erzeugt, für den ein ganz bestimmtes Raumklima notwendig ist. Nur eng tolerierte Temperatur und Feuchtigkeit gewährleisten nämlich die Einhaltung der erforderlichen engen Toleranzen von Punktdurchmesser und Punktfüllung. Wegen der ultraviolett empfindlichen Leuchtstoffsuspensionen darf als Umgebungsbeleuchtung nur langwelliges, monochromatisches gelbliches Licht (Na-Licht) verwendet werden.

       
              Blick in den Flowcoat-Raum der neuen Fertigungshalle Aachen.

Diese Umweltbedingungen sind in dem sogenannten »Flowcoat-Raum« anzutreffen, der als Hauptbestandteil des neuen Fertigungsgebäudes der Aachener Bildröhrenfabrik anzusehen ist. Die als Flowcoat-Raum bezeichnete, klimatisierte Fertigungshalle (Bild oben) hat einen umbauten Raum von 25400 Kubikmetern mit einem maximal 27fachen Luftumsatz pro Stunde bei einer Regelgenauigkeit von ±1° Celsius und ± 2,5 % relativer Luftfeuchtigkeit. Die Luft tritt über Filter durch die Decke in die Halle ein und wird durch Bodenöffnungen abgesaugt. Dadurch entsteht eine fast laminare Luftströmung von der Decke bis zum Boden, so daß in Arbeitshöhe kein Luftzug bemerkbar ist.
Die Bodenöffnungen werden gleichzeitig für die Zuführung der in der Halle benötigten Medien und für die Abführung von Abwässern benutzt, d. h. alle Zu- und Abführungen haben ihre Basis im Kellergeschoß.Dies ist eine technische Besonderheit, der es zuzuschreiben ist, daß in der Fertigungshalle keinerlei Leitungssysteme installiert sind und die Möglichkeit von Staubablagerungen weitgehend ausgeschlossen ist.

                           
                           Bild 4
zeigt Belichtungstische im Flowcoat-Raum

Daß größtmögliche Staubfreiheit zu den Voraussetzungen einer einwandfreien Bildschirmbearbeitung gehört, läßt sich im übrigen an einer weiteren Einrichtung erkennen: Alle im Flowcoat-Raum tätigen Mitarbeiter betreten die Halle durch eine Luftschleuse, in der Kleidung und Schuhe gewechselt werden müssen.Auf dem Bildschirm der Valvo Norm-halsfarbröhre müssen insgesamt 1,08 Millionen grüne, blaue und rote Leuchtstoffpunkte exakt aufgebracht werden, d. h. pro Grundfarbe 360000 Stück. Jeweils drei Farbpunkte bilden die Ecken eines gleichseitigen Dreiecks, ihre Durchmesser betragen im Mittel 470 ym bei einer zulässigen Toleranz von 20 ym. Nach dem Justieren des Glasschirms auf dem Belichtungstisch werden die Leuchtstoffpunkte fotochemisch ausgehärtet. In (Bild 4) sind diese Arbeitsplätze im Flowcoat-Raum zu sehen, gut erkennbar auch die spezielle Bekleidung der Mitarbeiter sowie die Lufteinlässe in der Hallendecke.

 
Bild 5 Suspensionsdosierst.Bild 6 Schutzlackierungsanl.Bild 7 Separatorengr.

Die Leuchtstoffsuspension für die jeweilige Punktfarbe wird auf dem Schirmboden aufgebracht und dort verteilt. Das (Bild 5) zeigt das Einsetzen der Auffangtaschen am Suspensionsdosierstand des Beschirmungskarussells im Flowcoat-Raum. Danach erfolgt das Belichten und Aushärten der Leuchtstoffpunkte (Bild 4). Diese Vorgänge laufen für Rot, Grün und Blau in drei Arbeitsgängen ab.Nach dem Aufbringen der Leuchtstoffpunkte muß die fertige Leuchtschicht mit einem Schutzlackfilm behandelt werden. Hierzu setzt man die Farbbildröhren auf die in
(Bild 6 )sichtbare Maschinenanlage, wo der Schutzlack von unten durch den Röhrenhals eingebracht wird. Da die mit der seltenen Erde Europium angereicherte rote Leuchtstoffsuspension besonders wertvoll ist, sind unterhalb des Flowcoat-Raums spezielle Anlagen - sogenannte Separatoren - vorhanden, mit denen man den kostbaren Rot-Leuchtstoff zurückgewinnt (Bild 7).

                 

                                      Bild 8 Transportbänder für Farbbildröhren

Für die Beförderung der Farbbildröhren werden im Aachener Valvo-Werk umfangreiche Transportbänder benutzt. In (Bild 8) ist ein kleiner Ausschnitt des sich über mehrere Etagen hinziehenden Systems zu sehen.

                  

                                                 Bild 9  Blick ins Montageatelier

Zum Fertigungsbereich der modernen Bildröhrenfabrik gehört auch das große Montage-Atelier, von dem (Bild 9) einen Teil zeigt. Hier setzen geschickte Frauenhände das kom­plizierte Dreifach-Elektronenstrahl-system der Farbbildröhre zusam­men. Es wird danach auf einem Ein­schmelzkarussell in den Hals der Farbbildröhre eingeschmolzen.

                  

                              Bild 10  Einschmelzkarussell für Elektronenstrahlsysteme

Dieser Vorgang ist in (Bild 10) dargestellt. Nach dem Einschmelzen durchlau­fen die Farbbildröhren eine Pum­penstraße (Bild 11), wo das Vakuum hergestellt und anschließend der Pumpstengel abgeschmolzen wird.

                  

                          Bild 11   Pumpenstraße zum Evakuieren der Farbbildröhren

Nur wenige Arbeitsgänge konnten in diesem Bildbericht gezeigt werden. Die Konusherstellung, das Zusam­menfügen von Schirm und Konus sowie die zahlreichen Kontrollen während des Produktionsablaufs und am fertigen Produkt (um nur einiges zu nennen) runden das Bild einer auf hohem Qualitätspegel lau­fenden, speziellen Massenfertigung ab.


Quelle: Philips Fernseh-Taschenbuch 1973

This article was edited 08.Feb.08 11:51 by Franz Born † .

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Der Bericht (oben) über die Philips Bildröhrenfabrik Aachen (BRF) 1973 ist eine Erfolgs–Geschichte mit vielen technischen Details.

Zwei Fragen daran drängen sich förmlich auf:

1. wie kam es dazu? und
2. Wie ging es mit der BRF weiter?


Die erste Frage bis zum Kriegsende, lässt sich gut an der Geschichte des heutigen Institutsgebäudes der Aachener Technischen Hochschule in der Jägerstraße verfolgen.

1912: Die Tuchfabrik Joh. Erkens und Söhne (gegr. 1650) beginnt mit dem Bau einer Fabrikanlage in der Jägerstraße.

1914: Fertigstellung der Werkanlage und Beginn der Produktion.

1920: Die im 1. Weltkrieg weitestgehend unzerstörten Fabrikanlage wird erweitert.

1925: Die Erweiterung ist beendet, und das Hauptgebäude wird im heutigen Stil fertig gestellt.

1932:
Auflösung von Erkens und Söhne (Folge der Weltwirtschaftskrise).

1934: Die Deutsche Philips GmbH (DPG) kauft die ehemalige Tuchfabrik.
Am 11. Juli wird die „Philips-Rundfunkgerätefabrik Jägerstraße“ gegründet. Der „Aachen-Super“ wird zum „Tonwunder“.
Es ist das erste Philips-Werk auf deutschem Boden, das sich 1934 als „Philips Radio-Apparatefabrik Jägerstraße" in Aachen etabliert. Für diesen Standort sprechen die wirtschaftliche Prosperität der Region und die Nähe zur Philips Konzernzentrale im holländischen Eindhoven.
Philips produziert Vier-Röhren-Radios und die „Weltempfänger derTonwunder-Reihe". Einen hervorragenden Ruf erwirbt sich der bekannte „Aachen Super". Die „Jägerstraße" entwickelt sich zu einem der angesehensten deutschen Rundfunkwerke.

    

1939: In den angrenzenden Gebäuden in der Bendstraße werden Wendel für Glühlampen gefertigt.
Jäh unterbricht der Krieg die erfreuliche Entwicklung. Die Umstellung der Produktion auf Volksempfänger wird befohlen. 1942 bringt Philips die „Philetta" heraus: Der Volksmund nennt das Gerät wegen seiner Form „Kommißbrot". Die sich zuspitzende Lage am Ende des Krieges zwingt Philips, in benachbarte holländische und belgische Orte auszuweichen.

   

1944: Das Hauptgebäude wird durch den Krieg stark beschädigt, alle anderen Gebäude werden zerstört. Aachens Bevölkerung zwangsevakuiert. Mit den Bomben endet, was so hoffnungsvoll begonnen hatte: Radios von Philips in Aachen.

   

1945: Im August 1945 haben 15 Philips – Mitarbeiter den Mut zu einem neuen Anfang.
Sie beginnen mit dem Aufräumen; bald stoßen andere hinzu. Das Pförtnerhaus der ehemaligen Rundfunkgerätefabrik wird „Verwaltungsgebäude“.

1946: Mit holländischer Hilfe und der Erlaubnis zur Glühlampenproduktion durch die Militärregierung wird der Wiederbeginn eingeleitet.

1953: Das Glühlampenwerk wird nach Rothe Erde verlegt.

1954: Die Werkanlagen Jägerstraße werden zum Philips-Zentrallabor umgebaut.

1963: Das Zentrallabor zieht in den Neubau Bodenhof um. Am 11. Juli kauft das Land Nordrhein-Westfalen die Anlage Jägerstraße.

Hier enden die Philips Aktivitäten in der Aachener Jägerstraße, aber mit dem Umzug der Glühlampenfabrik 1953 nach Aachen - Rothe Erde wurde ein neues Kapitel aufgeschlagen.
Das Gelände ehemaliger Hüttenbetriebe in Rothe Erde teilt sich die BRF mit zwei Schwesterwerken, dem Glühlampenwerk und der Glasfabrik.

Den Fortgang des Berichts über die Aachener Philips-Betriebe erfolgt nun anhand einer Chronik der BRF.

      

1954: Die VALVO GmbH Bildröhrenfabrik wird gebaut. Das Richtfest ist am 26. Februar. Unter der Firmenbezeichnung „Deutsche Philips GmbH Glühlampenwerk, Abteilung Bildröhrenfabrik" wird die Produktion von Schwarzweiß-Bildröhren im Mai begonnen. In diesem Jahr wurden 19.000 Röhren gebaut. Ende des Jahres waren 221 Personen in der Firma beschäftigt.

1955: Die Firmenbezeichnung lautet nun „Valvo GmbH, Bildröhrenfabrik Aachen". Die Jahresproduktion steigt auf 229.000 Bildröhren.

   

1956: Am 26. März brennt die Lagerhalle komplett aus (Großbrand). Der Verlust von 40.000 Bildröhren ist die Folge. Am 3. April wird die Produktion wieder aufgenommen.

   

1957:
Am 14. Oktober wird die 1-millionste Bildröhre hergestellt.

1958:
Die Bildröhrenfabrik wird erweitert (Zur Halle VA wird die Halle VG gebaut).

1959:
Am 5. Oktober wird mit dem Bau einer neuen Lagerhalle
begonnen. Die Jahresproduktion übersteigt 1,2 Mio Bildröhren. Einstellung eines hauptamtlichen Werksarztes.

1960:
Der Personalstand steigt weiter. Ende des Jahres sind mehr als 1.600 Mitarbeiter beschäftigt. Insgesamt arbeiten nun mehr als 5.000 Mitarbeiter für die Philips-Betriebe in Aachen.

1961:
Die 5-millionste Bildröhre wird hergestellt. Zusätzlich beginnt man im September mit der Produktion von Peltier - Kühlbatterien innerhalb der Bildröhrenfabrik.

1962:
Einführung von implosionsgeschützten Schwarzweiß-Bildröhren.

1963
: In Aachen wird für alle Fabriken ein Rechenzentrum (ReZeWest) eingerichtet. Die allerersten Farbbildröhren werden im Labor in Hamburg gefertigt.

1965:
Im September werden die ersten Farbbildröhren im Chemielabor der Bildröhrenfabrik Aachen gefertigt.

1966:
Die 10-millionste Bildröhre läuft vom Band (Sept). Die Peltier Fertigung wird eingestellt. Die Rückgewinnung von Bildröhren wird im August gestartet.

1967: Im Juni Beginn der Serienfertigung von Farbbildröhren.
Baubeginn des Flowcoat - Gebäudes. In diesem Jahr werden l Mio Schwarzweiß- Bildröhren und 59.000 Farbbildröhren gefertigt.

1968:
Richtfest des neuen Flowcoa t- Gebäudes.

     

1969: Die 15-millionste Bildröhre wird gefertigt
.

1970:
Die Beschäftigtenzahl der Philips-Betriebe in Aachen einschließlich Aldenhoven beträgt ca. 6000 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen.

1971: Die 1-millionste Farbbildröhre wird hergestellt. Im September Beginn des Umzugs in das neue Flowcoat -Gebäude.

1972:
Fertigstellung des Flowcoat - Gebäudes. Die Schwarzweiß - Bildröhrenproduktion wird am 31. März eingestellt. Es wurden knapp 18 Millionen Schwarzweiß-Bildröhren in Aachen hergestellt.

1973:
Es wurden 990.000 Farbbildröhren hergestellt. Personalstand 2.430 Personen. Die Bildröhrenfabrik ist die größte Farbbildröhrenfabrik Europas.

      

Philips in Aachen: Das sind drei Werke und ein wissenschaftliches Zentrum. Das sind technologisches Know-how, Produkte von überzeugendem Gebrauchsnutzen und eine am Weltmaßstab orientierte Fertigungstechnik. Das Glühlampenwerk, die Granus Glasfabrik und die Valvo Bildröhrenfabrik der Philips GmbH arbeiten in enger Nachbarschaft auf dem Gelände „Aachen Rothe Erde". Vor den Toren Aachens - in Aldenhoven -hat die Lampenfabrik einen zweiten Werksbereich.

     
      Am südlichen Stadtrand liegt das Philips Forschungslaboratorium.

Soweit der Bericht über die Vorgeschichte des ersten Beitrags zur BRF des Jahres 1973.

Die Produktion der Radioapparate wurde nach den Kriegswirren in der neuen Fabrik in Wetzlar fortgesetzt.

Über die Weiterentwicklung der BRF und der übrigen Aachener Philips-Betriebe gibt es noch viel zu berichten, doch dies ist eine weitere Geschichte.

Quellen: Werks-Besucherbroschüren, Jubiläumsschrift Bildröhrenproduktion

This article was edited 13.Feb.08 20:11 by Franz Born † .

  
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