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Blaupunkt Paris 7.626.320: Widerstand durchgebrannt

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Klaus Pahr
 
 
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05.Nov.20 00:57

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Verehrte Sammlergemeinde,

ein Arbeitskollege bat mich, seinen Flohmarktfund Blaupunkt Paris 7.626.320 wieder instand zu setzen. Angeblich spielte es nach Erhalt noch ein wenig, jetzt macht es keinen Muks mehr. Ich habe reingeschaut und erst mal eine Menge an Dreck und sogar Heu rausgeblasen. Das stand früher wohl mal in einem Stall… Mein erster Verdacht sind immer die Teer- und Wachskondensatoren. Da gibt es aber nur 3 Stück, alle anderen Ko’s sind schon modern – zumindest optisch. Jetzt wird es also spannend: Was kann der Fehler sein? Einschalten wollte ich es zunächst noch nicht. Eine Sichtkontrolle ergab zwei Auffälligkeiten: Der Widerstand R750 mit 220 Ohm / 1/3 W hat deutliche „Sonnenbräune“ angenommen. Dem wurde wohl mal seeeehr warm. Er wird von der Röhre ECL86 vom Pin 7 versorgt und hängt an Masse. Parallel zum R750 ist der Elko C766 (100uF / 12 V) geschalten. Hier bitte eine Frage an die Experten: Könnten Sie mir bitte erklären, warum der R750 zu heiß, sprich zu viel Strom abbekommen hat? Der kann ja nur von der Röhre herkommen. Ich sehe sonst keinen weiteren Stromzufluss. Kann eine ECL86 so viel Leistung liefern, dass der Widerstand zu heiß wird, bis er sich verfärbt? Das verblüfft mich jetzt schon. Der Elko zeigt optisch keine Veränderung. Ich werde beide Bauteile erneuern – rein vorsorglich. Mein Kollege will das Radio ja nutzen. Am technischen Hintergrund hierzu bin ich aber sehr interessiert.

Die weitere Sichtkontrolle ergab einen durchgebrannten R712 mit 1 kOhm / 1/3 W. Gut, dass die Bauteilnamen auf der Leiterplatte aufgedruckt sind. Dadurch findet man sich schnell zurecht und kann im Stromlauf den Zusammenhang zügig ermitteln. Auch hier versuche ich die Ursache herauszufinden. Der Stromfluss ist wie folgt: Netztrafo Sekundärseite 248 V durch den Tonübertrager runtertransformiert auf 215 V, weiter zum R712 (1 kOhm / 1/3 W - durchgebrannt), jetzt Aufteilung:

   Pfad 1: weiter zum Schwingkreis L720/ L721, danach zur Röhre ECH81 Pin 6.

   Pfad 2: zum R-C-Glied R722 (22 kOhm / 1 W), parallel C731 (4,7 nF / 500 V), weiter zu C720 (10 nF / 400 V), der gegen Masse liegt und weiter zur Röhre ECH81 Pin 1. Sofern die Röhre ECH81 intern keinen Kurzschluss hat, kann der hohe Stromfluss, der zum Durchbrennen von R712 geführt hat, nur durch einen kaputten C720 herrühren. Optisch ergab die Sichtkontrolle im eingebauten Zustand keine Auffälligkeiten. Ich werde ihn vorsorglich trotzdem tauschen. Auch hier die Frage an die Experten: Sehen Sie das genauso?

Ich habe mit meinem Funke W19 alle Röhren geprüft. Die Triode der ECH81 hat ungenügend Leistung gebracht, sodass die Messkarte „schlecht“ angezeigt hat. Ich werde sie durch eine ersetzen, bei der das Messergebnis „gut“ anzeigt. Alle anderen Röhren waren in Ordnung.

Die beiden kaputten Widerstände haben beide eine Leistung 1/3 W. Wenn ich Widerstände mit einer Leistung ½ Watt oder 1 W verwenden würde, wäre das gefährlich? Immerhin ist der eine Widerstand vorzeitig durchgebrannt, bevor mehr Schaden angerichtet wurde. Somit hat der Widerstand bei Überlastung eine gewisse Sicherungsfunktion, die er nicht wahrnehmen kann, wenn die Leistung vergrößert wird. Wie sehen Sie das?

Ich werde mich an die Reparatur ranmachen und berichten, was es an Erkenntnisgewinn gibt.

Danke für Ihre Mühe, mir zu mehr Verständnis zu verhelfen.

Viele Grüße

Klaus Pahr

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This article was edited 05.Nov.20 01:02 by Klaus Pahr .

Rüdiger Walz
Rüdiger Walz
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05.Nov.20 10:07
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Hallo Herr Pahr,

zu Ihrer ersten Frage:

Ja, die ECL 86 kann soviel Leistung liefern, dass R750 durchbrennen kann. Nach Datenblatt können schon bei Normalbetrieb 42 mA durch die Kathode fließen, was R750 1/3 W schon an die Belastungsgrenze bringt (39 mA). Möglichrweise hat C770 einen zu geringen Isolationswiderstand, wodurch die Gitterspannung an der ECL68 ansteigt und damit auch der Kathodenstrom, was R750 überlastet. Der Elko C766 ist normalerweise unkritisch, außer sein Isolationswiderstand veringert den gesamten Kathodenwiderstand signifikant unter 220 Ohm. Wenn er seine Kapazität verloren hat, leidet die Basswidergabe.

Zweite Frage: 

Der beschriebene Stromfuß ist richtig. Ein 1/3 Watt 1 KOhm Widerstand verträgt nach U = RxI und P = UxI ca 18 mA. Allein der Anodenstrom und Schirmgitterstrom der ECH81 beträgt laut Datenblatt 11 mA + 7 mA = 18 mA. Der Widerstand ist also knapp dimensioniert. Wäre C 720 tatsächlich voll durchgeschlagen, könnten über diesen Strompfad durch den Widerstand R 711 begrenzt nur 9 mA fließen. Zusammen mit dem Anodenstrom also ebenfalls eine Überlastung, allerdings würde die ECH81 nicht mehr ihre Aufgbe erfüllen. Gleichzeitig sollten Sie C731 prüfen, sein Isolationswiderstand sollte die 22 kOhm des R711 nicht signifikant erniedrigen.

Ein Widerstand ist keine Sicherung. Bei der Konstruktion der Geräte wurden manchmal aus Kostengründen knapp kalkulierte Bauteile verwendet. Der Ersatz durch einen 1/2 Watt Widerstand ist also eher anzuraten. Allerdings ist ein höher dimensionierter Wderstand keine Fehlerbehebung, darin haben Sie recht.

Messen Sie doch einfach die Kondensatoren mal durch. Im einfachsten Fall mit einem Multimeter, im Idealfall mit einem Netzteil und Sollspannung.

Auch "modern" aussehende Kondensatoren können Kapazität und Isolationswerte verloren haben. Vor allem Anfang der 60er Jahre, als man von den Teer/Papierkondensatoren wegging zu Polyester isolierten Typen gab es wohl zu Beginn Schwierigkeiten. Manche Kondensatoren erhöhen zuerst ihre Kapazität, was auf die Zersetzung der Isolierfolie hindeutet und verlieren sie schließlich ganz oder haben einen geringen Isolationswiderstand.

This article was edited 05.Nov.20 10:17 by Rüdiger Walz .

Bernhard Nagel
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05.Nov.20 21:37
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Hallo Herr Pahr,

neben den wichtigen Tipps von Rüdiger Walz sollte unbedingt die ECL86 selbst als Ursache für die Überlastung des 220 Ω Kathodenwiderstands in Betracht gezogen werden.

In der Anwendungsschaltung des Blaupunkt Paris wird die ECL86 eigentlich nur moderat belastet. Die Spannungsangaben am Röhrensockel zeigen einen Spannungsabfall von max. 6,8 V am 220 Ω Widerstand. Das ergibt einen Kathodenstrom von etwa 31 mA, damit liegt die Belastung von R750 bei 0,21 W.

 

 

 

 

 

 

Es gäbe nun neben einem Koppelkondensator C770 mit Isolationsfehler zwei weitere mögliche Ursachen für die Überlastung von R750.

  • Der Gitterableitwiderstand R761, 1 MΩ, ist hochohmig geworden. Laut Datenblatt liegt der Grenzwert übrigens bei 1 MΩ, für einen sicheren Betrieb der Röhre wären 680-820 kΩ vorteilhafter. Bitte die Kombination R759, R761 (1 kΩ + 1 MΩ) gegen Masse prüfen. Bei geplanter häufiger Nutzung des Apparates würde ich R761 auf 680 kΩ reduzieren. Eine damit einhergehende leichte Abschwächung der tiefen Töne wird man bei dem recht kleinen Lautsprecher in diesem Gehäuse nicht wahrnehmen.
  • Die Steilheit der Pentode der ECL86 liegt bei ca. 10 mA/V, sie neigt gern zum "thermischen Durchgehen", zu beobachten (auch) bei zunehmender Nutzungsdauer.

Die Röhre (nur Pentode) ist also im Röhrenprüfer zu messen. Da das Funke W19 keine Messung im Arbeitspunkt erlaubt, muss überschlägig mittels Vakuumprüfung gearbeitet werden. Dazu Röhre einige Zeit in Stellung 12 mit Anodenstrom und Ug=0 betreiben, 10...15 min. sollten genügen. Eine Röhre mit guter Emission wird über 30 mA anzeigen.

Bei Weiterschalten zur Stellung 13, Ug=-2 V, soll der Anodenstrom zurückgehen, zur Vakuumprüfung in der letzten Stellung 14 wird ein Serienwiderstand 2 MΩ in die G1-Leitung geschaltet. Hier darf der Anodenstrom gar nicht oder nur ganz leicht (typisch für eine steile Röhre) gegenüber Stellung 13 ansteigen. Hierbei kann die Röhre leicht abgeklopft werden, dabei Anodenstrom beobachten.

Als allgemeine Massnahme zur Betriebssicherheit sollte das Radio im Netzteil auf 240 V geschaltet werden.

This article was edited 05.Nov.20 21:58 by Bernhard Nagel .

Klaus Pahr
 
 
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06.Nov.20 11:14
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Sehr geehrter Herr Walz,

Sehr geehrter Herr Nagel,

Verehrte Sammlergemeinde,

zuerst vielen Dank für Ihre Ausführungen und Hinweisen, was zu prüfen wäre. Ich will kurz berichten, was sich inzwischen getan hat:

Gestern habe ich den mit Ohmmeter nachgewiesen durchgebrannten R712 (1 kOhm) ersetzt. War eine ziemliche Fummelei, weil man nicht so recht gut da ran kommt. Ist aber erfolgreich vollbracht worden. Ich habe auch noch vier offensichtliche „Zwangs-Tausch-Kondensatoren“ gewechselt. Dabei habe ich eine interessante Entdeckung gemacht: Der C835, vom Klangregler kommend, war am Lötpunkt zum R759 / R761 abgegangen und hing frei in der Luft. Offenbar wurde dieser Kondensator schon mal gewechselt und lausig angepappt, anstatt ordentlich angelötet. Könnte auch eine Erklärung dafür sein, warum das Radio schwieg. Das Ganze dann mit neuem Ko ordentlich angelötet.

Dann hat mich der Hafer gestochen und ich wollte wissen, ob das Radio wieder dudelt, bevor ich weitere Messungen vornehme. Also angesteckt, Antenne rein und: Ratatata! Es spielt! Sauber und klar, mit Dachantenne sogar super. Das ist doch schon mal ein Erfolg. Sogar die ECH81 arbeitet noch gut mit – entgegen der Messergebnisse aus dem Funke, sowohl bei UKW, als auch bei K/M/L. Das freut mich sehr.

Nun frage ich ja nicht im Forum nach Rat, um dann zu sagen: Ätsch! Brauch ich nicht mehr, ich bin der Held, ich kann’s selber! Über Nacht war das Radio vom Stromnetz getrennt, die Elkos hatten also genug Zeit zum Entladen gehabt. Dann habe ich die vorgeschlagenen Messungen gemacht, weil die Tatsache, dass das Radio wieder Krawall macht, ja noch nicht unbedingt erklärt, warum R712 durchgebrannt ist und R750 Hitzewallungen zeigt. Dem will ich schon noch, soweit möglich, auf den Grund gehen.

Hier jetzt die Messergebnisse der Reihe nach, wie Sie, meine Herren, es vorgeschlagen haben. Die Messungen erfolgten mit einem Digital-Multimeter mit Messspitzen bei den eingebauten Bauteilen an den jeweiligen Drahtenden, also parallel zum eingelöteten Bauteil.

 

Messvorschläge Herr Walz:

C770 (10 nF): 2,1 MOhm

R750 (220 Ohm) mit parallel C766 (Elko 100uF): 225 Ohm

Parallelschaltung R711 (22 kOhm) C731 (4,7 nF): 22,2 kOhm

 

Messvorschläge Herr Nagel:

R761 (1MOhm): 1,02 MOhm

ECH81 Pin 8 gegen Masse: 1,02 MOhm

Für die Prüfung der ECL86 hatte ich noch keine Zeit. Das steht noch auf der Agenda.

Darf ich bitte noch zum besseren Verständnis nachfragen, was es bewirkt, wenn Sie, Herr Nagel, den R761 auf 680 kOhm reduzieren? Kleinerer Widerstand => Die Elektronen können leichter / schneller vom Gitter (Pin 8) gegen Masse abwandern, ok. Aber was bewirkt das? Oder andersherum gefragt: Was waren die Überlegungen der Blaupunkt-Entwickler, hier 1 MOhm zu verbauen?

Habe ich alle Messungen gemacht oder habe ich was übersehen? Brauchen Sie noch weitere Messdaten? Dann bitte ich um Hinweis darauf. Ich freue mich jetzt erst mal auf Ihre Reaktionen. Für Ihre erneute Mühe für mich bedanke ich mich ausdrücklich.

                                                                                                                                                                                          Viele Grüße

 

Klaus Pahr

Rüdiger Walz
Rüdiger Walz
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06.Nov.20 11:40
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Hallo Herr Pahr,

C770 muß auf jeden Fall gewechselt werden.

Zu Ihrer Frage wegen des Gitterwiderstandes siehe auch Ausführungen über Gitterstrom  hier und hier.

  
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