Zanussi Handtäschchen
Zanussi Handtäschchen
Das rote Handtäschchen dort! Schwupps, ist es weg! Wer hätte die Macht, die Hand am Griff zum Glück zu hindern?
Das Radio ist offensichtlich in schlechtem Zustand. Es ist in einen Eimer weisser Wasserfarbe gefallen. Die Batterieklappe fehlt. Es hat Oxydations-Ausschlag überall, selbst an metallisierten Kunststoffteilen. Die Skala ist eingedrückt. Abstimmung und Zeiger bewegen sich nicht. Es gibt kein Einschalt-Klicken…
Dass jemand herumgezaubert hat hier, das ist schon von aussen gut zu sehen. Innen fehlen dann Schrauben, der Seilzug ist abenteuerlich zusammengeschustert.

Der Drehkondensator lottert… Die Verblüffung ist bei der weiteren Demontage noch viel grösser: Wer würde den Seilzug ersetzen mit einem dicken Bindfaden? Wer würde die Schraube am grossen Rad des Drehkondensators sorgfältig mit Lack sichern – wobei er vorher unten die Halteschrauben des Drehkondensators entfernt hat? Wozu sie überhaupt entfernen, warum am Schluss darauf verzichten, den lotternden Drehko wieder festzuschrauben?

Die Skalenplatte ist wohl mit Gewalt abgerissen, danach ungeschickt verleimt – die Skalenhalterung gehört verbunden mit der vorderen Schale, in die auch die Platine eingebaut ist, sie reisst bei ungeschickter Demontage. So wie hier aber, so heilt man den Bruch danach nicht.

Man pützelt, da ja alles unter der weissen Farbschicht liegt. Man entfernt Oxydation, die sich überall findet, an Stellen, die man sieht – aber wie sieht es aus an Stellen, wo man nicht sieht?
Ich wechsle die kleinen NSN-Elektrolyten aus: sie zeigen beim Messen regelrechte Alptraum-Werte! Die grossen Rayrex, sind sie besser? Ich werfe auch sie hinaus, bis alles Elektrolyt ersetzt ist.

Wie das Wüten endlich zu Ende ist, baut man geduldig Schritt für Schritt alles wieder auf und zusammen. – Wer kennt es nicht? Man ist am Ende mit der Reparatur, aber die Reparatur ist nicht am Ende mit dem Reparateur? Denn was geschieht: das Radio wird lauter und leiser nach Gutdünken.
Wie sieht es also aus an Stellen, wo man nicht sieht? – Wer kann es wissen, da man ja nicht sieht… Doch wenn ein Drücken hier und ein Ziehen dort die Lautstärke verändert? – Da muss man besser schauen… Es kommt die beliebte Nachlöt-Technik zum Einsatz. Sie deckt schliesslich den Fehler auf, den keiner gesehen. Das Bein dort, beim AC184? – Durchgerostet ist es! Ab ist es!
Jetzt liegt der Transistor ausgelötet vor mir. Einen Ersatz gibt es im Haus nicht. Notoperation tut not. Der Anschluss beim roten Punkt, er besteht nur noch aus einem Punkt, nicht einmal ein kleines Stückchen Bein schaut noch hervor… Als die Transistoren neu waren, musste man sie überaus sorgfältig behandeln. Hitze konnte ihnen schnell den Garaus machen! Deshalb jetzt alle wegblicken, die da zart besaitet sind. Auf den Punkt wird ein winziger Zinntropfen aufgebrannt – anders kann ich es nicht ausdrücken – und da ein neuer Anschlussdraht so nie halten kann, wird der Draht am Hutverlötet, sodass die Drahtspitze gerade Kontakt macht mit dem Zinnpunkt. Funktioniert so ein ‚handgefertigter‘ Transistor?

Das Messgerät bestätigt mir, dass dieses Dioden-Ding hier in meiner Hand tatsächlich wieder Transistor geworden ist. Der Anschluss am Hut ist so stabil, dass der Transistor danach kräftiges Verbiegen des Beines verträgt beim erneuten Einbau. Jetzt läuft das Radio sauber; der Ton ist stabil.
Ist des Bastlers Herz nun endlich zufrieden? Ist es nicht! – Erst nach dem Trimmen der beiden Spulen an der Ferritantenne macht sich der Empfang. Die Wiedergabe ist jetzt so gut, wie es sich für ein Zanussi-Handtäschchen gehört…
Es gilt noch eine Klappe zu machen, aber das kommt morgen. Jetzt höre ich erst einmal Radio! Der kleine Zanussi spielt ganz prächtig, er bringt ‚Radio Caroline‘ aus England – Fernempfang! – Es erklingt die Musik aus dem Jahre 1965… im Radio aus dem Jahre 1965…

Wie wird einem da? – Schlagartig geschieht es: plötzlich ist ein halbes Jahrhundert weg, man ist wieder zwanzig!
Für diesen Post bedanken, weil hilfreich und/oder fachlich fundiert.