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50 Jahre Farbfernsehen DDR Staßfurt Tradition

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Wolfgang Lill
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28.Sep.19 16:54

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Am 27.September 2019 hatte ich die Möglichkeit, den Verein  "Freunde der Staßfurter Rundfunk und Fernsehtechnik e.V. " zu besuchen.

Dieser befindet sich in Staßfurt an der Löderburger Straße 73.  Gleichfalls hat der Verein eine große Ausstellung in dieser ehemaligen Kaufhalle untergebracht, die sehenswert ist und fachlich von dem ehemaligen Direktor des Unternehmens Herr Dipl.-ing.Franz Korsch sowie Herrn Dipl- ing Christoph Dziolloß, er war seit 1962 in der Entwicklung tätig und ab 1980 Abteilungs-Leiter, sowie weiteren kompetenden Vereinsmitgliedern betreut wird. 

An einem Tag kann man nicht alles erkunden, deshalb habe ich mich bei meinem Besuch auf einige Eckpunkte konzentriert.

Zu übersehen ist die Ausstellung nicht und es gibt dankenswerter Weise auch Sponsoren. Auf etwa 250 m2 Fläche wird die Geschichte des Unternehmens noch einmal lebendig . Mit viel Liebe, manchmal auch viel Aufwand, werden von Vereinsmitgliedern  Radios, Musiktruhen und Fernsehgeräte restauriert. Der am 18.Mai 2000 gegründete Verein hat über 100 Mitglieder .      

Auch Geräte anderer überwiegend Ostdeutscher Hersteller kann der Besucher besichtigen.

Noch kurz etwas zur Geschichte des Unternehmens selbst;  

Von der Staßfurter Licht- und Kraftwerke AG, welche im Jahre 1912 gegründet wurde, kommen 1923 erste Detektoren und einfache Röhrengeräte auf den Markt und werden sogar exportiert.

Im Jahre 1924 wird der erste interessante Rundfunkempfänger produziert. Es ist ein Einröhrenaudion mit begrenzter Rückkopplung. Dieses Gerät fällt nicht unter die damals erforderliche "Audion Versuchserlaubnis" der Reichs- Telegraphen- Verwaltung, es kann durch Vorstufen und nachgesetzte NF- Stufen erweitert werden . 

Es werden kontinuierlich immer mehr Rundfunkempfänger gefertigt, ab 1931 alle Superhets unter dem Markennamen "Imperial", diese gehörten alsbald zu den Spitzenerzeugnissen im Deutschen Reich.

Am 01. Juli 1932 wird die Staßfurter Rundfunkgesellschaft mbH gegründet. Da sind schon 600 Mitarbeiter im Unternehmen ! Bereits 1933 wird der VE 301 produziert und ab 1936 steigt der Betrieb in die Rüstung ein.  Anfang 1945 sollen in diesem Betrieb mit Auslagerungsstätten über 2500 Beschäftigte gewesen sein.

Nach der Befreiung vom Faschismus wird das Unternehmen zunächst der sowjetischen Militärverwaltung unterstellt und die ersten Geräte vom Typ Imperial 86W  werden als Reparationsleistung in die Sowjetunion geliefert.

Der ehemalige Direktor Steindorff hatte sich nach Osterode /Harz, in die britische Besatzungszone abgesetzt  und gründete dort 1948 die Continental Rundfunk GmbH mit dem Markenzeichen Imperial.

In Staßfurt selbst wird der Betrieb enteignet bzw in Volkseigentum überführt und ab 1949 heißt er  "VEB Stern Radio Stassfurt". Zunächst wird die Radioproduktion unter dem Markenzeichen "Imperial" weitergeführt, dazu kommen Plattenspieler, 1954 sogar ein Radiobastelkasten , welcher in der Lehrwerkstatt produziert wird. 

Noch bekannter wird der Betrieb durch die Fertigung toller Musiktruhen.

Die Besucher der Ausstellung loben auch heute noch den wunderbaren Klang dieser Geräte.

Im Jahre 1957 kommt, mit dem sprunghaften Ausbau des Versorgungsnetzes des "Deutschen Fernsehfunks", der erste Schwarz- Weiß- Fernseher "IRIS12 " Typ 16GW301 unter dem Markenzeichen RFT aus Staßfurt. Er kostete damals in der DDR 1200 DM ( Ostmark).Der IRIS ist auch im "gläsernen" Gehäuse zu sehen. Der Besucher kann damit noch einmal sich in diese Jahre zurückversetzen. Damit half dier Betrieb über Versorgungsengpässe bei Fernsehempfängern hinweg, damals gab es noch weitere Produzenten in der DDR;  die gewaltigen, bereits auf die Fernsehgeräteproduktion ausgerichteten RAFENA- Werke in Radeberg, der VEB Elbia Schönebeck mit seinen "Nordlicht"-Typen und auch Stern- Radio- Berlin produzierte Fernseher, der interessanteste dieser Geräte war sicher der ALEX.

Gebraucht wurden sie alle. 

Auch in Staßfurt konnte vom Brocken auf Kanal 6 der Deutsche Fernsehfunk empfangen werden.

1960 wird in einem Ministerratsbeschluß festgelegt, das der Staßfurter Betrieb zukünftig die Fernsehgeräte für die DDR allein produziert. 

Im Jahre 1962 stellt Staßfurt die Produktion von Rundfunkempfängern ein und konzentriert seine Kapazitäten und die Entwicklung auf Schwarz- Weiß Fernsehgeräte. Zunächst produziert RAFENA Radeberger noch parallel, dort sind viele Kollegen sehr unglücklich über diese Entscheidung.

Bereits 1959 wird ein Standgerät ( Schaltung analog Rafena Patriot FE847A ) "Brockenblick" 16GW436​ auf den Markt gebracht. Zum 43 cm Bildschirm kommt noch ein großer Lautsprecher. Es geht für 1750 DM ( Ostmark) in den Verkauf.

Herr Dipl.-ing Dziolloß ist schon dabei, als ein neues Fernsehgerät entwickelt wird.                      Der Stassfurt K67. Entwickelt im Jahre 1964 und wurde auf der Mustermesse in Leipzig im Herbst 1964 vorgestellt, kam er jedoch erst 1967 auf den Markt.  Er hatte noch neben der BildröhreA28-13W bzw. 280QQ44 die EY51 im Hochspannungsteil. Ansonsten war er bereits volltransistorisiert, besaß einen VHF- Tuner  und einen AKKU mit NC-Sammler. Dieser wurde vom VEB Grubenlampen Zwickau zugeliefert  und damit konnte der Empfänger bis  4 Stunden betrieben werden.                                                                                                                  Die Staßfurter Kollegen hatten jedoch eine neue große Aufgabe zu bewältigen. Dipl.-ing Franz Korsch sagte mir dazu; seit 1960 war ich in der Abteilung Forschung und Entwicklung tätig.  Die Überführung eines Farbfernsehgerätes in die Produktion zu Ehren des 20.Jahrestages der DDR am 7.Oktober, das war die Kampfaufgabe, gestellt von Partei und Regierung. Entwickelt wurde dieser Empfänger im Zentrallabor für Rundfunk- und Fernsehempfangstechnik in Dresden. hier auf diesem Bild ist offensichtlich die Vorderseite noch retuschiert gezeigt. Die Kollegen hatten die Aufgabe, dieses erste volltransistorisierte Farbfernsehgerät der Welt mit einer 59cm- Bildröhrendiagonale in zumindestens für den Farbfernsehstart , Plantermin war der 7.10.1069,  1000 Exemplaren in den Handel zu bringen.Geschafft ! 4 Wochen mit je 12 Stunden - Schichten liegen hinter den Kollegen.Schauen wir uns noch etwas um , Dank der Fotos, welche uns erhalten blieben.... Hier ein Bandreparaturplatz und hier noch ein Foto aus der Endfertigung im Jahre 1969.Auch die Werbung läuft an, unter dem Markenzeichen RFT Color 20 . Das zweite Fernsehprogramm kann starten . Das geschah im UHF- Bereich und die ersten 4 Sender in der DDR strahlten das Programm zunächst stundenweise in Farbe im System SECAM IIIB in CCIR-Norm ab.Die Werbung wird endlich bunter.links ; Dipl- ing Christoph Dziolloß , mitte Ing. Wolfgang Lill, rechts der langjährige Betriebsdirektor Dipl-ing.Franz Korsch  In der Ausstellung kann man auch mal hinten reinschauen. Mein Color 20 sah allerdings innen drin etwas anders aus, aber ich glaube, das war einer aus der Fertigung von 1972: Einen entscheidenden Fehler haben wir in diesem Foto, der Color 20 zeigt auch nach 50 Jahren in allen Funktionen noch hervorragende Leistungen, aber wir haben das Gerät nicht eingeschaltet. Weitere ausführliche Informationen zum Gerät und Übertragungsorten lesen Sie hier.

Getrübt wurde die Freude über dieses Erzeugnis durch die Bildröhren 59ЛК3Ц ( 59LK3Z) und um dieses Problem zu lösen, griffen die Veranwortlichen in den Devisentopf und kauften zunächst 10000 Stück 56 cm Farbbildröhren von Telefunken und anderen NSW- Herstellern. So sah er dann aus mit seiner 56 cm Bildröhre zum Beispiel  A56-120XHier eine Ansicht mit dem Hochhaus ( was übrigens am 15.Mai 1996 gesprengt wurde). Die Entwicklung ging natürlich weiter. Dem Color 20 folgte der Color 21 und 21/1 im Jahre 1973.     Hier war die Optik dem aktuellen Trend angepasst worden...für 3500 Mark der DDR war das Gerät zu haben. Dann der Color 22...aber ich will jetzt nicht alle Modelle vorstellen...

Ein nächster Schritt war die technische Weiterentwicklung, der Chromat 1060. Interessant erscheint mir die damalige Servicemitteilung. Der Lieferbeginn war das 2.Halbjahr 1976. Auch der Preis blieb bei 3500 Mark in der Secam IIIB- Version.  Aber stopp ! Hier kommt eine Neuerung: Im Chromat ist Anfang 1977 erstmals ein SECAM- PAL Decoder eingebaut. Das gute Stück kostet in diesem Falle 4100 Mark der DDR. Selbst die Kollegen der FF Dabei sind begeistert!

Die Baugruppe geht auf einen Neuerervorschlag das Kollegen Schuricht aus dem Jahre 1974 zurück)  In Dresden soll es beim Industrievertrieb auf der Ernst- Thälmann-Straße sogar zu Reklamationen gekommen sein, da einige Kunden glaubten, mit diesem 2.Normen- Decorder können sie nun auch in Dresden Westfernsehen schaun... Der RFT- Industrievertrieb zog die Notbremse und lieferte nach Dresden wieder nur Geräte für SECAM - Empfang.

Das Kombinat "Rundfunk und Fernsehtechnik" mit dessen Stammbetrieb "VEB Fernsehgerätewerk Staßfurt" , war seit 1980 Alleinhersteller von Heimelektronik in der DDR.

Jährlich verließen damals etwa 550000 Farbfernseher das Werk und man konnte den Bedarf trotzdem nicht 100ig decken. 3700 Arbeitskräfte waren zeitweilig im Unternehmen tätig.

Endpunkt der erfolgreichen Entwicklung in der DDR war der Color 40 Signum 67-5201 der zum 40.Jahrestag der Republik in den Handel kam.

Die Folgen der Wende waren unbarmherzig. Der Betrieb war auf stabilen Verkauf sowohl über den Binnenhandel unter dem Markenzeichen RFT als auch beim Export vertreten durch den Außenhandel  in der eigenen Handelstätigkeit ziemlich unerfahren. Die Geräte selbst  waren technisch konkurrenzfähig. Mit der Währungsumstellung sank der Absatz, auch viele Bürger in den nun "Neuen Bundesländern" orientierten sich plötzlich an westlichen Geräten. Hoffnung gab es dennoch in der Werkszeitung...inzwischen gibt es auch den neuen Namen: 

"Rundfunk-Fernsehen-Telekommunikation AG Staßfurt" (RFT) 

Im Jahre 1993 gab es noch etwa 650 Werksangehörige. Die Lager mit Fernsehgräten waren voll, der Absatz stagnierte.

Sinkender Absatz, aus Gewinnen wurden Verluste und die Politische Bereitschaft Rahmenbedingungen für die Staßfurter zu schaffen, die ein Überleben sicherten, fehlten . Mit knapp 70 Mitarbeitern versuchten es die Staßfurter noch einmal,

Der Designer Colani wurde zur Gestaltung von Fernsehgeräten gewonnen.... und seine Entwürfe fanden große Beachtung. Hoffnung für ein Überleben im kleinen Kreise ?Wie sagte Herr Korsch in seiner Festrede am 22.September 2013 zum 65. Jubiläum von RFT ? 

"Das von Professor Luigi Colani entwickelte Gerät ist das einzigste der Welt, was von hinten besser aussieht, wie von vorn, in die Mitte des Raumes gestellt".

Noch einmal lief die Werbung an, die Werkzeuge ließen auf sich warten. Erst 1996 konnte die Produktion und damit der Verkauf starten.

1998 übernahm Technisat noch verbliebene Werksteile und produzierte mit 140 Mitarbeitern u.a. ultraflache Design- Fernseher. Etwa 70000 verließen  2011 das Werk. Diese wurden nur hier in Staßfurt produziert. Gegenwärtig ( Stand September 2019) ist die Beschäftigtenzahl in Staßfurt etwa 120 Mitarbeiter.Technisat ist wohl das letzte große Deutsche Unternehmen dieser Branche.Technisat hat mir das obere und das folgende Werbefoto bereitgestellt, die ich gerne in diesen Artikel übernehme, und ich hoffe, daß durch solche tollen Ultraflachbildfernseher die Zukunft des Unternehmens auch in Staßfurt gesichert ist. 

Namensschilder erinnern an große Zeiten ! Viel davon ist Kahlschlag geworden.Alte Firmen gehen, neue Firmen kommen ....das Gebäude ist leergezogen ...So bleibt bei mir ein bitterer Wehgeschmack zurück über die Abwicklung eines sehr erfolgreichen Betriebes.Ich wünsche allen Mitgliedern des "Vereins der Freunde der Staßfurter Rundfunk und Fernsehtechnik e.V. " weiterhin viel Erfolg in der ehrenamtlichen Arbeit, bewahren Sie  die Produkte für die Nachwelt, damit die Menschen erfahren, welche Leistungen hier an diesem Standort erbracht worden sind.  

 

Info zum Museum hier

This article was edited 02.Oct.19 17:43 by Wolfgang Lill .

  
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