nordmende: AW59-90 vs. AW59-91

ID: 722898
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27.May.26 09:19
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Ich habe ein Gerät mit Chassis-Bezeichnung "4N 10/23" und S/N "E325-022440" vor mir. 

Gemäss Schema wäre die Original-Bildröhre eine AW59-90, drin ist aber eine AW59-91 ohne Hersteller-Bezeichnung und mit Beschriftung "Bildröhre systemerneuert".

Gemessen mit Müter BMR-90 ist die Röhre in sehr gutem Zustand (0.75 mA Strahlstrom).

Was mich irritiert, ist folgendes:

Gemäss Schema sollte Pin 3 (g2) der Bildröhrenfassung mit Anzapfung "v" des Zeilentransformators verbunden sein. Der entsprechende Draht ist an der Fassung jedoch abgelötet. Stattdessen ist ein Widerstand 1M Ohm zwischen Pin 3 (g2) und Pin 4 (g4) geschaltet. Pin 4 führt auf den Schleifer des Bildschärfe-Potentiometers, wie es im Schema auch dargestellt ist.

Was wollte die seinerzeitige Fernsehwerkstatt mit dieser Schaltungsänderung bezwecken?

Nicolin Salis


 

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nordmende: AW59-90 vs. AW59-91 
27.May.26 11:11
22 from 2051

Andreas Steinmetz (D)
Redakteur
Beiträge: 780
Anzahl Danke: 1

Zum besseren Verständnis hole ich mal etwas aus:

Mit der AW59-91 ging man zu den Kurzhalsröhren über, das ersparte 20mm Röhrenlänge. Die veränderte Elektronenoptik konnte mit den bis dato üblichen Arbeitspunkt-Spannungen betrieben werden, obwohl sie tendenziell für etwas höhere G2-Spannungen ausgelegt war. Betrieb man sie bzgl. G2 wie eine AW59-90 mit nur 400V, dann ergab sich eine niedrigere G1-Sperrspannung, aber alles noch weit im Rahmen der zulässigen Toleranzen. Prinzipiell konnte man eine AW59-90 also durch eine AW59-91 ersetzen, umgekehrt ergab es meistens Platzprobleme.

Pin 3 (G2, Voranode) der Bildröhrenfassung liegt lt. Schaltplan nicht an Zeilentrafo-Pin v, sondern an Pin r! Das andere Ende der Zusatzwicklung, Pin y, wird von der gesiebten Boosterspannung versorgt. Das Zwischenschalten einer Zusatzwicklung, wobei deren Polung nicht unbedingt ganz klar ist, ist ungewöhnlich. Das dient vmtl. einer verbesserten Rücklaufaustastung, bei Mehrnormengeräten mitunter eine etwas schwierigere Aufgabe als bei Normalgeräten. Wenn die dazu erforderlichen Rückschlagimpulse negativ gerichtet sind, bedeutet das, dass sich die Spannung während des Hinlaufs über die gesiebte Boosterspannung hinaus leicht erhöht (der arithmetische Mittelwert der Spannung an der Hilfswicklung ist Null!).

Pin 4 (G4, Fokus) der Bildröhrenfassung wird über den Fokuseinsteller mit max. der Boosterspannung versorgt.

Bzgl. der vorgenommenen Schaltungsänderung kann ich nur mutmaßen. Ich halte es für am wahrscheinlichsten, dass es Probleme mit der Grundhelligkeit gab, denn mit der Änderung konnte man vor allem die Voranodenspannung (G2) bequem anpassen. Die Fokuseinstellung war damit aber nicht mehr möglich, ein Nachteil, der allerdings nicht so schwer wiegen dürfte, denn der Einfluss der Fokusspannung auf die Fokusqualität war seinerzeit oft sowieso nur recht gering.

Der Nordmende-Schaltplan enthält meines Erachtens einen gravierenden Fehler: Dort erfolgt die Bildröhren-Ansteuerung durch das Videosignal über das G1 (Wehnelt). Bei Mehnormen-Empfängern ist das nicht unüblich, hier aber doch falsch: Die Ansteuerung muss über die Kathode erfolgen, denn andernfalls lägen hochohmige Widerstände um die 100 kOhm in der Kathodenleitung, und das würde u.a. keinen nennenswerten Strahlstrom bewirken. Außerdem passen dann die Elektrodenspannungen nicht. Die Anschlüsse von K und G1 müssen also vertauscht werden. Vielleicht kann man ja mal am Gerät kontrollieren, ob ich richtig liege.

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nordmende: AW59-90 vs. AW59-91 
27.May.26 13:18
41 from 2051


Danke für die Antwort.

In der Tat liegt g2 an Zeilentrafo--Pin r, da haben Sie recht.

Zur Bildröhren-Ansteuerung:

Tatsächlich führen g1 (pin 2) auf L221 und k (pin 7) auf R222 (100k) / C719 (0.22u).

Jedoch ist der Spule L221 im Gegensatz zum Schema  L221 kein Widerstand parallelgeschaltet.

Und der Knotenpunkt R219 (3.3k/ 6W) / R218 (33 Ohm) geht nicht über R208 (1k/ 4W) auf + 245VDC sondern direkt.

In der Kundendienst-Anleitung schreibt Nordmende auf Seite 11:

"Die Bildröhre wird in diesem Gerät wegen der Phasenlage [gemeint vermutlich: Polarität, ns] nicht, wie sonst üblich, an der Kathode sondern am Gitter 1 (Wehnelt-Zylinder) ausgesteuert. Gleichzeitig führt man der Kathode die Rückschlagimpulse der Bildablenkung zu. Der rücklaufende Strahl bleibt daher unabhängig vom Bildsignal stets dunkel. Auch der Zeilenrücklauf wird dunkelgetastet. Hierfür ist auf dem Zeilentrafo eine Zusatzwicklung r y aufgebracht, die den negativen Rückschlagimpuls an g2 der Bildröhre liefert. Dieses Gitter liegt auf einer mittleren Spannung von ca. 500V."

Sie sagten: 

"Bzgl. der vorgenommenen Schaltungsänderung kann ich nur mutmaßen. Ich halte es für am wahrscheinlichsten, dass es Probleme mit der Grundhelligkeit gab...."

Da dem Gerät im Laufe seines Lebens eine neue Bildröhre spendiert worden war, kann man auch mutmassen, dass die Schaltungsänderung ein Versuch war, die Original-Bildröhre aufzuhellen, damit man sie länger brauchen konnte. Später, als dann doch eine neue Röhre montiert werden musste, hat man vielleicht einfach vergessen, die seinerzeitige Schaltungsänderung rückgängig zu machen.

Ich habe noch nichts am Gerät gemacht, geschweige denn, es schon in Betrieb gehabt. Es wird sich also erst in ein paar Wochen (es sind Dutzende von Wimas zu ersetzen) zeigen, was hier wirklich los ist.

Nicolin Salis

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nordmende: AW59-90 vs. AW59-91 
27.May.26 16:53
81 from 2051

Andreas Steinmetz (D)
Redakteur
Beiträge: 780

Gottseidank haben wir zu diesem Gerät eine sehr umfangreiche Dokumentation, aber ich habe mir nur das Wichtigste angesehen. Demnach wird die Bildröhre tatsächlich nicht wie üblich über die Kathode gesteuert, sondern über G1. Die hochohmigen Widerstände wie z.B. R222 im Kathodenkreis gewährleisten zusammen mit den Helligkeits-Einstellern einen korrekten Bildröhren-Arbeitspunkt, bedeuten aber auch vor allem für niedrige Frequenzen eine starke Gegenkopplung. Für die höheren Videofrequenzen wird die Gegenkopplung via C719 und die recht niederohmigen Quellwiderstände R715 und R716 quasi aufgehoben. (Nebenbei werden über C719 auch noch vertikale und horizontale Austastimpulse eingespeist.)

Die für niedrige Frequenzen starke Gegenkopplung führt insbesondere zu einer sehr niedrigen DC-Verstärkung, was eine naturgetreue Wiedergabe der Schwarzwerte verhindert. Abgesehen davon liefert der Video-Verstärker sowieso keine verlässlichen Schwarzwerte, denn er ist komplett AC-gekoppelt, und irgenwelche Klemmschaltungen habe ich auch nicht entdeckt. Folglich wird mit R225 nicht die Grundhelligkeit (gemeint ist die Helligkeit der Schwarzwerte) eingestellt, sondern ein Helligkeits-Mittelwert, der unabhängig vom Bildinhalt in etwa konstant sein dürfte.

Die Folgen des Fehlens von R221 und R208 sollten überschaubar sein.

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nordmende: AW59-90 vs. AW59-91 
01.Jun.26 15:59
304 from 2051

Nicolin Salis (CH)
Beiträge: 161
Anzahl Danke: 1

  1. Am Zeilentrafo sind zwar Lötlaschen an den Plätzen, wo die Wicklung r-y angeschlossen sein sollte, aber der Trafo hat diese Wicklung nicht. Die Lötlaschen sind jungfräulich, wurden also noch nie benutzt.
     
  2. Wie eingangs erwähnt, ist an der Bildröhren-Fassung die Zuleitung für Pin 3 (g2) abgeschnitten. Gemäss Schema müsste sie von Zeilentrafo-Anzapfung r kommen. Sie kommt aber vom Kippteil H/V, Pin 29. Pin 29 des Kippteils müsste gemäss Schema auf Zeilentrafo-Anzapfung y gehen. Das heisst, dass die Leitungen, die gemäss Schema auf y-r hätten gehen sollen, durchverbunden sind. Parallel zur Leitung ist übrigens ein Überspannungsschutz (Funkenstrecke gegen Masse), der aber im aufgefundenen Gerätezustand, wo die Fokus-Leitung zur Bildröhrenfassung unterbrochen ist, keine Wirkung entfalten kann.
     
  3. Im übrigen scheint der Zeilentrafo in Ordnung zu sein: Ich hatte ihn ausgebaut, reinigte ihn und machte DCR- und Sinus-Audiosignal- (15625 Hz) -Messungen.
     
  4. Der Trafo macht nicht den Eindruck, dass er mal ersetzt worden wäre. Gemäss Service-Dokumenten müsste es ein Bauteil vom Typ 525.104.23 sein. Auf dem Trafo ist ein Aufkleber mit Beschriftung ZT V104/ 17759.
     
  5. Kennt jemand eine Quelle mit Nordmende-Zeilentrafo-Datenblättern, Zuordnungen zu Gerätemodellen, etc.?
     
  6. Weitere Merkwürdigkeit: Alle von mir bisher reparierten alten Röhrenfernseher hatten in der Hochspannungsleitung vor dem Schnuller einen Seriewiderstand, z.B. 200k Ohm. Bei diesem Gerät fehlt ein solcher Seriewiderstand. Meines Wissens ist der Zweck eines solchen Widerstandes, im Kurzschlussfall den Zeilentrafo zu schützen. Ist das korrekt oder kann man den auch weglassen (da er vielleicht nicht viel nützt), wie es Nordmende hier getan hat?
     
  7. Und noch ein mechanisches Problem: Die Normumschaltung geschieht so, dass beim Betätigen der Normtaste ein mechanisches Gestänge Schiebekontakte in den Filtern schliesst bzw. öffnet. Der Übergang zwischen horizontal liegendem Gestänge im Chassis-Unterteil zu vertikal verlaufendem Gestänge am (senkrecht gestellten) Chassis-Oberteil muss gemäss Aufschrift gelöst werden, wenn das Chassis-Oberteil ausgeklappt wird.
     
  8. Als ich das Gerät zum ersten Mal geöffnet hatte, war die Verbindung der beiden Gestänge gelöst. Ich kann sie problemlos wieder zusammenfügen, aber die Mechanik kann so nicht funktionieren. Das Horizontal-Gestänge verschiebt sich nach hinten beim Drücken der Taste 819. Das Vertikalgestänge sollte sich jedoch um seine Achse drehen. Wenn man Horizontal- und Vertikalgestänge im jetzigen Zustand verbindet, führt das Drücken der Taste 819 dazu, dass das Vertikalgestänge einfach nach hinten gedrückt wird anstatt sich um die Achse zu drehen. Fehlt hier ein mechanisches Zwischenstück, und wie sähe das aus? In sämtlichen Nordmende-Dokumenten finde ich nirgends eine gute Photo dieser Verbindung, geschweige denn eine Zeichnung oder einen Beschrieb. Ohne Hilfe werde ich dieses Problem nicht lösen können. Falls jemand ein solches  Gerät hat, wäre ich unendlich dankbar, wenn er mir nähere Informationen geben könnte.
     
  9. Im Fundzustand war im Relais, welches zwischen 625 und 819 umschaltet, ein Kartonstück, welches verhindert, dass das Gerät auf 819 laufen kann. Das passt zum unterbrochenen Gestänge der Normumschaltung. Offenbar gab es im Leben des Fernsehers einen Moment, wo man 819 nicht mehr brauchte und aus irgendwelchen Servicegründen das Gerät auf 625-Dauerbetrieb stellte. Ich möchte aber den Originalzustand inkl. 819-Zeilen-Empfang wieder herstellen.


Nicolin Salis



 

 

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nordmende: AW59-90 vs. AW59-91 
03.Jun.26 09:44
400 from 2051

Andreas Steinmetz (D)
Redakteur
Beiträge: 780

Zu 1. und 2.:
Offensichtlich hatte man bei Nordmende erkannt, dass die Zusatzwicklung r-y für eine einwandfreie horizontale Rücklauf-Austastung doch nicht erforderlich ist. Also wird diese Aufgabe nur noch durch die Wicklung u-z, R712, V716 und C719 übernommen.

Zu 3.:
Das sind schon mal gute Nachrichten. Allerdings kann es immer noch sein, dass der Trafo erst bei höherer Spannungsbelastung sein wahres Gesicht zeigt. In dem Zusammenhang sei auf eine prophylaktische Vorbehandlung des Trafos vor der ersten Wiederinbetriebnahme hingewiesen, siehe z.B. hier.

Zu 4. bzw. 5.:
Zur allgemeinen Dokumentation wäre ein Foto vom Zeilentrafo interessant. Und vielleicht erkennt jemand dann ja auch Bau-Ähnlichkeiten zu anderen Nordmende-Zeilentrafos und kann zumindest für den Betrieb im 625-Zeilen-Modus eine Alternativtype angeben.

Zu 6.:
Ein Widerstand in der Hochspannungsleitung hat mehrere Funktionen: Er schützt die Hochspannungsgleichrichterröhre, indem er die Ladestromspitzen abflacht, er reduziert die Welligkeit der Hochspannung, er schützt die Zeilentrafo-Hochspannungswicklung bei einem Schluss der Gleichricherröhre, und er schützt die Bildröhre bei einem Hochspannungsüberschlag oder gar Kurzschluss im Bereich der Gleichrichterröhre bzw. des Hochspannungskabels. Passiert Letzteres ohne Schutzwiderstand, dann wird die Bildröhrenkapazität (ca. 1 bis 2 nF) schlagartig entladen, und der dabei entstehende Stromstoß kann die innere Kontaktierung zwischen Hochspannungsanschluss und innerer Kolben-Aluminisierung zum Durchbrennen bringen. Damit wäre die Bildröhre dann unbrauchbar. Aus demselben Grund darf man eine Bildröhre auch nie ohne Schutzwiderstand entladen!

Zu 7. und 8.:
Hier würden Fotos weiterhelfen.

Zu 9.:
Wenn das Zeilentrafo-Thema zum Erfolg geführt hat, dann wäre es tatsächlich wünschenswert, auch den Betrieb mit 819 Zeilen wieder in Gang zu bringen. Vielleicht kann ja einer unserer Fernseh-Spezialisten Hinweise für die Bereitstellung eines solchen Normsignals geben. Das würde auch mich interessieren, denn ich habe auch ein 4-Normen-Gerät stehen, was auf eine Aufarbeitung wartet (das ist eine Variante des Loewe-Opta Arena 655).

 

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nordmende: AW59-90 vs. AW59-91 
02.Aug.26 15:15
818 from 2051


Mittlerweile habe ich das Gerät (fast) fertig repariert. Alle Netzteil-Elkos, sonstigen Elkos und die üblichen Verdächtigen unter den Kondensatoren wurden ersetzt, und das Gerät in Betrieb genommen.

1. Zeilentrafo: Wie von Andreas Steinmetz befürchtet, funktionierte der Trafo im Normalbetrieb des Gerätes nicht; nach Inbetriebnahme blieb das Bild dunkel. Die Hochspannungswicklung hatte Unterbruch. Die Suche nach einem Ersatzprodukt brauchte viel Zeit. Nirgends fand ich einen Hinweis, wodurch der Nordmende-Trafo ersetzt werden könnte. Schliesslich nahm ich einen König ZTR67-505RF, weil dessen Schaltschema die grösste Ähnlichkeit mit dem im Nordmende-Schema vorhandenen Trafo hatte. Das Gerät funktioniert nun wieder. Rückblickend bin ich der Meinung, dass entgegen erster Annahme eben doch kein Originaltransformator im Gerät war sondern dass er bei einer früheren Reparatur ersetzt worden sein musste durch ein Exemplar ohne Wicklung r/y.

2. Die Anodenspannungen waren zu tief. Der Selenplattengleichrichter V807 wurde durch eine Diode 1N5408 ersetzt. Damit die (nun zu hohen) Spannungen stimmten, wurde R802 (5 Ohm/ 4 Watt) durch eine 10-Ohm-Version ersetzt.

3. Als Hochspannung am Schnuller mass ich 14 kV. Ich hätte etwas mehr erwartet. Boosterspannung über C628 ist 900 VDC.

4. Da G2 (Pin 3) der Bildröhre nun wieder vom ZTR versorgt werden konnte, entfernte ich den von einem Vorgänger hineingebastelten Widerstand 1M Ohm zwischen Bildrohr-Pin 3 und 4 und stellte den originalen Verdrahtungszustand wieder her. Nun wirkt der Schärfeinesteller wieder nur auf die Schärfe und hat keinen Einfluss mehr auf die Bildhelligkeit.

5. Die Schärfe schien mir am besten, wenn der Schärfeeinsteller auf Minimalspannung gestellt war. Das führte mich in Versuchung, R641 (560k Ohm) von der Chassismasse zu lösen und stattdessen mit einer Minus-Spannung (-250 VDC ab externem Netzteil) zu beaufschlagen. Dadurch konnte ich die Schärfespannung zwischen -30 VDC und 690 VDC variieren. Es zeigte sich, dass die Maximalschärfe bei 175 VDC erreicht wurde. Das war in der Originalschaltung gerade so erreichbar, so dass ich das Zusatznetzteil entfernte und die Originalverdrahtung wieder herstellte mit der Gewissheit, dass mehr Schärfe nicht erreichbar ist.

6. Wie bei allen mir bekannten König-Transformatoren fehlte auch hier ein Seriewiderstand zwischen Hochspannungswicklung und Schnuller. Ich setzte einen Widerstand 220k Ohm ein in der Hoffnung, künftige Transformerschäden zu vermeiden.

7. Das Problem mit dem Nichtfunktionieren des mechanischen Umschaltgestänges für Normen 625/819 zeigte ich einem Sammlerkollegen. Er meinte, dass da nur eine Schraube fehle und siehe da: Tatsächlich funktioniert die Umschaltung jetzt. Das Prinzip ist so einfach wie genial: Tastendruck auf die Normtaste 819 an der Gerätefront führt dazu, dass auf mechanischem Weg Schiebeschalter in den ZF-Filtern betätigt werden. Als Ersatz für die fehlende Schraube M4 nahm ich eine mit Plastikrändel-Kopf, da diese Schraube bei jedem Herunterklappen des vertikalen Chassisteils zuerst herausgeschraubt werden muss, was mit dem Plastikrändel von Hand erledigt werden kann.

8. Das Kartonstück zwischen Spule und Anker, welches das Anziehen des Zeilenfrequenz-Umschaltrelais verhinderte und das Gerät auf permanenten 625-Zeilen-Betrieb gezwungen hatte, entfernte ich. Nach einem Neuabgleich der Spule L612 zog das Relais korrekt an, wenn ein 625-Zeilensignal anlag und fiel ab im 819-Zeilen-Betrieb.

9. Der VHF-Tuner lief nicht, UHF war in Ordnung. Ursache war Widerstand R013 (10k Ohm) bei Oszillatorröhre PCF82 im VHF-Tuner. Er war hochohmig geworden.

10. Der Betrieb mit einem VHF- oder UHF-Signal 625/50 funktioniert einwandfrei.

11. Ich habe einen französischen Bildmuster-Generator (Metrix GX-953A mit Secam-Einschub G2-953A). Dieser lässt sich auf Norm 819E (Video positiv moduliert, Audio AM-moduliert) schalten und gibt dieses Signal auf den französischen Kanälen F2, F4, F6 ab. Auf dem Nordmende bringe ich damit weder Bild noch Ton zustande. Das bedarf noch näherer Untersuchung.

12. Bei funktionierendem 625/50-Betrieb messe ich an der Video-Demodulationsdiode (Punkt 59 des ZF-Prints) eine Spannung von 4 Vss mit negativem Synchronsiationisimpuls. Ich löste die abgehende Leitung von Punkt 59 ab und speiste stattdessen ein FBAS-Signal 4 Vss ab niederohmigem Testgenerator ein. Das funktionierte sowohl mit einem 625/50 als auch mit einem 819/50-Signal. Bei letzterem zog das Zeilenumschaltrelais richtigerweise an, so dass die Zeilenfrequenz korrekt (von 15625 Hz auf 20475 Hz) umgeschaltet wurde. D.h., dass die Video- und Ablenkschaltung des Nordmende mit beiden Normen funktioniert. Das Nichtfunktionieren bei HF-Signalen nach 819E muss seine Ursache im Tuner- oder ZF-Teil haben.
 

13. Bei der Reparatur stellte sich heraus, dass viele Details im Schema nicht mir der Realität übereinstimmten:

a. Unteres (Horizontal-) und oberes (Vertikal-) Chassis sind mittels Multipol-Kabel und Steckverbindern verbunden. Steckerbezeichnungen (Römisch I und II) und Pin-Numerierungen (1-12) stimmen an mehreren Orten nicht.

b. Widerstand R712 (4.7k) gibt es nicht. Die Anode der Diode V716 ist direkt mit Wicklungsende "z" des Zeilentrafos verbunden. 

c. Die Parallelschaltung R220 (1M Ohm) und L220 ist vorhanden, aber mit einer Drahtverbindung überbrückt. Die Drahtverbindung scheint original ab Werk zu sein. Was mag der Grund sein?
 

14. Unter dem Strich habe ich aktuell noch folgende Probleme:

a. Via VHF-Eingang gehen Signale nach 819E-Norm nicht.

b. In Anbetracht der (gemäss Müter) gesunden Bildröhre müsste die Schärfe besser sein.

c. Das magische Auge ist beim Erscheinen der Anodenspannung voll geschlossen, öffnet dann und bleibt im VHF-Betrieb offen, egal wie hoch der HF-Eingangspegel ist. Im UHF-Betrieb schliesst es bei hoher HF-Eingangsspannung etwa hälftig.

Nicolin Salis

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nordmende: AW59-90 vs. AW59-91 
09.Aug.26 16:21
1016 from 2051


Zum Thema ungenügende Bildschärfe:

  1. Die Hauptursache für die ungenügende Bildschärfe war, dass ich das BAS-Signal über einen Breitbandverstärker (TTi WA301) geführt hatte, der so breitbandig dann doch nicht war (1 MHz -3dB).
     
  2. Aber auch dann, wenn man das mit 75-Ohm abgeschlossene Multiburst-BAS-Signal des PM5515 anstelle des demodulierten ZF-Signals direkt auf Gitter 1 (Pin 2) der Röhre 9 (EF85) gibt, ist der am Gitter (Pin 2) der Bildröhre (AW59-91) entstehende Frequenzgang unbefriedigend. 
     
  3. Das beiliegende Photo (untere Kurve) zeigt das Signal bei nicht-gedrückter Taste "Kontur" und nicht-gedrückter Taste "Störbegrenzung". Erstere macht nach dem Drücken das Gesamtsignal etwas grösser (und nicht etwa nur die Höhen, wie man erwarten würde), letztere vermindert die hohen Frequenzen noch mehr.
     
  4. Bis und mit Kathode der EF85 ist das Signal linear. An der Anode der EF85 ist das Signal in den hohen Frequenzen schon deutlich abgeschwächt. An der Anode der P(C)L84 ist das Signal dann noch mehr abgeschwächt bei den hohen Frequenzen.
     
  5. Der Gesamt-Frequenzgang des Videoverstärkers ist auch insofern enttäuschend, als dass Nordmende in "Funktechnik 1959, Heft 09" einen Artikel über die grundsätzliche Konstruktion dieses Videoverstärkers publizierte, wo man einen recht linearen Frequenzgang bis gut 4 MHz zeigte.
     
  6. Die Spannungen und Oszillogramme stimmen, ich habe keine Ideen mehr,was man noch tun könnte.

    ​

Nicolin Salis 

Anlagen:

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 9
nordmende: AW59-90 vs. AW59-91 
11.Aug.26 09:16
1122 from 2051


  1. Zum besseren Verständnis der Video-Endstufen-Schaltung habe ich diese herausgezeichnet, siehe Anhang.
     
  2. Früher schon musste ich die gesamte Anodenverdrahtung herauszeichnen (Anhang). Insbesondere war dies für den Wechsel der Netzteil-Elkos nötig. Das Nordmende-Schema ist diesbezüglich chaotisch. Das Netzteil ist nirgends gezeichnet, die Elkos und Siebwiderstände sind wild im Gesamtschema verteilt. 

    Die Schraubbecher-Elkos konnten übrigens, wie so oft, mit dem Typ KON6655 (50+50+100uF/550VDC) von "Frag Jan zuerst" ersetzt werden. Für den Nordmende braucht man 4 Stück davon. 


Nicolin Salis

Anlagen:

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nordmende: AW59-90 vs. AW59-91 
14.Aug.26 19:07
1287 from 2051

Andreas Steinmetz (D)
Redakteur
Beiträge: 780

Viele interesasante Infos in den drei neuen Beiträgen, besten Dank! Aber auch viele offene Fragen, zu deren Beantwortung bzw. Recherche ich momentan leider nicht die Zeit finde. Also bitte ich um entsprechende Geduld, oder es befasst sich gerne auch ein anderer Kollege mit den Themen. Nur kurz vorab:

  1. Den schlechten Video-Frequenzgang kann ich so auf Anhieb auch nicht erklären.
  2. Interessant ist im Nordmende-Artikel der Hinweis auf die Rückgewinnung des Schwarzwertes mittels der Diode am Gitter der PCL84. Die Diode hatte ich seinerzeit auch gesehen, aber vorrangig als Übersteuerungsschutz angesehen. Diese Art der passiven Schwarzwertgewinnung, die ich eigentlich nur kenne, indem nicht ein Entladewiderstand nach Masse geht, sondern der Entladestrom hochohmig von einer positiven Spannungsquelle kommt, ist streng genommen eine Rückgewinnung des Synchronwertes und ihrer Wirkung speziell bei schnellen Wechseln der Bildhelligkeit einer aktiven Klemmschaltung unterlegen (träge Reaktion).
  3. Die Hochspannung von nur 14 kV wird die Folge abweichender Daten des Ersatz-Zeilentrafos sein. Beim Austausch des ZTR durch ein nicht dafür vorgesehenes Exemplar ist auch dessen Abstimmung/Resonanzeinstellung zu beachten, nicht nur das Windungsverhältnis. Da spielen dann nicht nur Wicklungseigenschaften, sondern auch externe Abgleichelemente wie Kondensatoren und Bedämpfungen eine Rolle, vor allem bei Farbfernsehern mit ihren 3H- bzw. 5H-Abstimmungen. Soweit die Theorie, und wie soll man denn auch den Abgleich durchführen? Aber gottseidank klappt es manchmal in der Praxis auch ohne viel Aufhebens ganz gut. Also: Wenn Bildhelligkeit und -Größe passen, Booster- und Hochspannung nicht zu hoch sind und die Röhren nicht überlastet werden, dann würde ich das einfach so belassen und mir keine weitere Gedanken machen.
  4. Es ist davon auszugehen, dass sich der Ersatz-Zeilentrafo beim Betrieb mit der hohen Zeilenfrequenz beim 819-Zeilen-Signal noch ungünstiger verhält, denn seine Zeitkonstanten (bzw. Resonanzen) dürften dann erst recht zu hoch (bzw. zu tief) liegen. Aber ich würde trotzdem sagen: Probieren geht über Studieren
  5. Herr Salis, Ihre eigenen Schaltbilder vom letzten Posting enthalten vmtl. Fehler, z.B. im Anodenkreis der EF85 und beim Reihenwiderstand der Diode an der PCL84. Oder sind das beobachtete Abweichungen des tatsächlichen Gerätes gegenüber den Nordmende-Schaltplänen?

 

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