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Die Reparatur hochglanzpolierter Lacke - Polyesterlack

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Martin Renz
Martin Renz
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13.Mar.06 20:06
 
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Hochwertige Radiogehäuse wurden ab dem Ende der 50er bis in die 70er Jahre oftmals mit hochglanzpolierten Oberflächen versehen. Hierzu wurden die Holzoberflächen bis zu 1mm Dicke mit Polyesterharz überzogen und die Fläche dann geschliffen und poliert. Mit keinem anderen Verfahren wird eine solch starke Brillianz und Leuchtkraft der Oberfläche erzielt, wie mit diesem Verfahren. Die Haltbarkeit ist ausserordentlich gut, Alkohol, Wasser und viele Lösemittel greifen diese Oberfläche nicht an, der Lack ist extrem hart. Viele Geräte haben daher bis heute eine passable bis gute Oberflächengüte behalten. Aber natürlich nicht alle, mit Gewalt und extremer Behandlung können auch diese Oberflächen zerstört werden. Insbesondere Hitze und Schlageinwirkung, sowie Kratzer durch unsanfte Behandlung setzen diesen Lacken zu.
Am Beispiel eines Radiogehäuses der Marke Saba "Freiburg 100" von 1960 (zum_Modell) zeige ich im folgenden, wie Reparaturen der Schäden erfolgen können und am Ende ein (fast) neuwertiges Gehäuse wiederersteht.

Vorbereitung
Zuerst erfolgte der Ausbau von Chassis und Lautsprecherwänden sowie den seitlichen Kunststoffgittern.
Draufsicht
Das Gehäuse wies einige Schlagschäden der Oberfläche auf (ein typisches Gerät aus der Garage eines Wohnungsentrümplers, der dutzende Geräte gestapelt hatte).
Kratzer
Die Oberfläche wies teils recht kräftige Kratzer auf.
Kratzer

Abplatzer Ahornrisse
Der Lack an den hellen Ahornteilen war altersbedingt gesprungen. Die Messingzierleiste war an einigen Stellen angelaufen, hier war der (Zapon-)Schutzlack  abgerieben.

Leider sind die Ahornteile nicht ohne Zerstörung vom restlichen Gehäuse zu trennen, auch die Zierleiste lässt sich nicht entfernen.

Abbeizen
Zunächst wurde der gerissene Lack von den hellen Ahornteilen mit Grüneck Abbeizer entfernt. Der Abbeizer greift auch den Polyesterlack des restlichen Gehäuses an, weshalb hier mit der entsprechenden Vorsicht vorgegangen werden muss. Hand und Augenschutz sind dabei ebenfalls wichtig! Nach einer Einwirkzeit von 30 min kann der Lack mit einem stumpfen Spachtel vollständig abgezogen werden. Mit Nitroverdünnung wurde anschliessend nachgewaschen, dabei löst sich auch der restliche Zaponlack von der Messingleiste. Der Polyesterlack ist dagegen lösemittelbeständig. Mit sehr feiner Stahlwolle (00) wurde die Messingleiste wieder auf Hochglanz gebracht. Bei stark angelaufenem Messing hilft eine Mischung aus Scheuerpulver (VIM, ATA), Salz und Essig).
Nachdem das Ahornholz getrocknet war, wurde es mit einem Korkschleifklotz und Schleifpapier der Körnung 150 und 220 sorgfältig in Maserrichtung des Holzes geschliffen. Dabei muss darauf geachtet werden, dass die Messingleisten keine Kratzer abbekommen, was nicht ganz einfach ist. Eventuell hilft ein Abkleben mit Kreppband.

Vorbehandlung der Aussenflächen
Nun wurden die äusseren Flächen bearbeitet:
zunächst wurde an den abgeplatzten Stellen mit einem feinen Schnitzmesser der Lack vollständig von der Holzfläche gelöst. Es darf keine Stelle mehr geben, an der sich die Lackschicht vom Untergrund abgelöst hat. Leider geht dabei auch die dunkelbraune Beize mit ab, das helle Mahagonifurnier kommt zum Vorschein. Diese hellen Stellen müssen nun wieder gebeizt werden. Hierzu eignen sich die meisten Beizen, ja selbst Filzstifte könnte man bei kleinen Stellen dazu benutzen. Diese weisen allerdings bisweilen eine mässige Lichtechtheit auf!
gebeizt
2 Schwierigkeiten treten auf:
1. Der richtige Farbton entscheidet über das spätere Ergebniss. Dabei ist zu beachten, dass der Farbton durch den späteren Überzug mit Polyester sehr viel heller ausfallen wird! Sehr viel heller! Es ist also unter allen Umständen ein wesentlich dunklerer Ton zu wählen. Dazu kommt, dass das Auge dunkle Flecken im Holz als holztypisch toleriert, während helle Stellen sofort als Fehler erkannt werden. Also im Zweifelsfalle lieber schwarz wählen, als einen zu hellen Braunton und eventuell mehrfach beizen.
2. Die Ränder der dicken Lackschicht werden dabei ebenfalls eingefärbt, was später sichtbar sein wird, da man ja 3-dimensional in die dicke Lackschicht hineinschauen kann. Dafür habe ich keine wirklich gute Lösung parat, eventuell hilft die Verwendung von reiner Wasserbeize, da der Lack das Wasser eher abstösst. Wenn möglich, hält man die Lackränder also so gut wie möglich farbfrei. Wasserbeize deckt allerdings weniger gut, was bei einer zu hellen Beizung viel eher sichtbar sein wird als die dünnen Ränder.

Lackausbesserung
Nach gebührender Trocknung gehts nun ans Ausbessern des Lackes. Polyesterlack ist heutzutage weitgehend vom Markt verschwunden, allenfalls Spezialanwender im Klavierbau, bei Armaturenbrettern und ähnlichem verwenden diese Technik noch. Er ist daher kaum zu bekommen. Abhilfe kann jedoch im Bastelgeschäft gefunden werden, wo Polyestergiesharz nach wie vor erhältlich ist. Sofern nicht grosse Flächen lackiert werden müssen, eignet sich dieses sehr gut zur Reparatur. Das Giesharz wird in kleinen Mengen nach Herstellervorschrift mit dem Härter angemengt. Dabei sind mehrere Dinge zu beachten:
1. Die Temperatur des Raumes und des Radios sollte mindestens 20° bis 24° Grad betragen.
2. Es wird die max. zulässige Härtermenge genommen, die vom Hersteller vorgeschrieben wird.
Hintergrund: Auf Grund der kleinen Menge Harz wirkt sich die Eigenerwärmung des Harzes beim Abbinden nicht aus. Diese Wärme sorgt beim Vergiessen von Gegenständen für ein Härten des Harzes innerhalb weniger Stunden. Da zuviel Wärme schadet, sind die Giesharze so eingestellt, dass sie langsam abbinden und die Erwärmung nicht zu gross wird. In unserem Falle verhindert dies aber eine schnelle Erhärtung des Harzes.
Bei Raumtemperatur kann die Aushärtung Tage dauern. Am warmen Ofen oder im Sommer in der Sonne geht das jedoch innerhalb von wenigen Stunden.
Eine Zugabe von mehr Härter ist dagegen nicht zu empfehlen, da dieser auf Grund der dann ablaufenden chemischen Reaktionen nicht mehr richtig hart würde. Ausserdem sind gelbliche Verfärbungen zu befürchten.
Das gut gemischte Giesharz wird nun auf die Fehlstellen gegossen. Am Rand verhindert ein Klebeband, dass das Harz hinunterläuft. (der weisse Streifen in der Mitte des Bildes)
Giessharz aufbringen
Luftblasen verschwinden im Lauf der Zeit von selbst. Die obere Fläche und die Seiten müssen jeweils separat behandelt werden, da das Giesharz nur auf waagerechten Flächen wie gewünscht verläuft. Stellt sich heraus, dass noch immer nicht alle Löcher gefüllt sind, wird eben nochmals nachgearbeitet.

Der Lackschliff
An den ausgebesserten Stellen steht das Harz nun 1-2 mm über der Lackoberfläche. Dies muss nun abgeschliffen werden. Dazu besorgt man sich spezielles "Nassschleifpapier" im Farben- oder Autozubehörhandel. Wir benötigen je einen Bogen der Körnung 180, 240, 320, 400, 600, 800, 1000 und 1200. Geschliffen wird an besten mit einem kleinen Schwingschleifer oder einer Poliermaschiene, wie sie auch zum Autolack Schleifen und Polieren gebraucht wird. Wichtig ist die Verwendung von Wasser beim Schleifen. Dieses hält den Lack kühl und schwemmt den Abschliff weg. Die Oberfläche wird also mit Wasser besprenkelt und beginnend mit dem 180er Papier werden die Erhebungen abgeschliffen, bis diese mit der restlichen Lackoberfläche vollständig eben sind.
Lackschliff
Je nach Zustand der Oberfläche wird diese nun ebenfalls vollständig geschliffen, bis alle Kratzer restlos herausgeschliffen sind. Sind diese allerdings nicht allzutief, reicht es eventuell, erst im nächsten Schleifgang mit dem 240er Papier die Fläche zu schleifen. Man sollte bestrebt sein, so wenig wie möglich abzuschleifen. Insbesondere an den Kanten und Ecken ist der Lack eventuell schon ab Fabrik sehr dünn. Hier also höchste Vorsicht, durchschleifen ist unbedingt zu vermeiden. Sobald die Fläche nur noch die Kratzer des momentan verwendeten Schleifpapieres aufweist, wird sie sorgfältig abgewaschen und zur Kontrolle abgetrocknet. Nun wird nochmal kritisch nach letzten Kratzern gesucht und gegebenenfalls nachgeschliffen. Erst wenn sicher ist, das nichts mehr verbessert werden kann, kommt die nächste Körnung Schleifpapier an die Reihe. Auch hier wird solange geschliffen, bis die Kratzer des vorangegangenen Schleifganges überall restlos beseitigt sind. Lieber zweimal kritisch schauen, sonst muss man später wieder von vorne anfangen!
Nassschliff 
Nie ohne Wasser schleifen! So arbeitet man sich nun Schritt für Schritt bis zur Körnung 1000 vor.

Lackierung der Frontpartie
An diesem Punkt habe ich die Arbeit unterbrochen und nochmals die Ahornflächen und die Messingleiste geschliffen, beziehungsweise gereinigt. Die Frontpartie wurde nun mit Klarlack lackiert (Becherpistole, Spraydose ginge notfalls auch) und sorgfältig mit 280er Papier glattgeschliffen. Es darf keine "Orangenhaut" sichtbar werden, die Fläche muss absolut glatt sein. Dies wurde 2 mal wiederholt, der letzte Spritzgang erfolgte mit glänzendem Lack. Dies erzeugt zwar keinen "Hochglanz", fällt an der sehr schmalen Fläche aber kaum auf und entspricht auch dem Verfahren beim Orginal. Die Aussenflächen bekommen dabei etwas Farbnebel ab, insbesondere wenn man versucht, auch die Kanten mit zu lackieren, weil an kleinen Stellen eben doch durchgeschliffen wurde. Nachdem der Lack staubtrocken ist, kann der Lacknebel auf den Flächen vorsichtig mit Verdünnung abgewaschen werden. An die Ränder der Vorderkante tastet man sich vorsichtig heran, um die frische Lackfläche nicht zu beschädigen.

Erst als der Lack der Vorderfront gut hart war, wurde der letzte Schleifgang auf den Aussenflächen mit 1200er Körnung vorgenommen.
 
Finish
Noch ist die Oberfläche ziemlich matt und stumpf. Nun wurde die Fläche unter Verwendung einer Schleif- und Polierpaste, wie sie unter anderem für die Pflege von Autolacken zur Anwendung kommt und mit Hilfe einer Filzscheibe auf einer rotierenden Poliermaschine ausgiebig poliert. Zum Abschluss eignet sich dann eine Lammfellscheibe. Die Polierpaste kann je nach Sorte eventuell mit etwas Wasser geschmeidig gemacht werden. Es gibt auch spezielle "Schwabbelgeräte", Flugzeug- und Jachtbauer kennen diese.
Hohe Drehzahlen sind beim Polieren tabu, eine Erwährmung des Lackes muss auf jeden Fall vermieden werden!
Fertig!
Das Ergebniss kann sich sehen lassen: Alle Löcher sind wieder eben, die abgeplatzten Stellen sind teilweise allerdings noch erkennbar: Die Beize war eben doch noch zu hell und die Beschädigungen ziemlich heftig! Dafür sind alle Kratzer und viele kleine Löcher vollständig verschwunden, das Gehäuse sieht top gepflegt aus und glänzt in alter Schönheit. Dafür hat sich der Zeitaufwand von ca. 7-8 Stunden durchaus gelohnt.

This article was edited 14.Mar.06 06:43 by Martin Renz .

  
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