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Fernsehgeschichte der DDR Kanalausbau 1961-62

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Wolfgang Lill
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25.Apr.22 06:40

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Herr Eberhard Kunst hat die Fernsehgeschichte der DDR dokumentiert. Aus seinen Unterlagen, die er mir freundlicherweise freigegeben hat, eine sehr interessante Begebenheit:

Der Kanalausbau 

Ich arbeitete bis Dezember 1961 in einer Rundfunkwerkstatt in Ellrich, einer Kleinstadt im Südharz unmittelbar an der innerdeutschen Grenze.

Auf meinem Weg zur Arbeit fuhr ich meist mit dem Motorrad von einem Vorort, auch im Grenzgebiet gelegen, täglich 4 Km. Eines Tages musste ich ich auf dieser Strecke fünfmal anhalten, ich wurde ausgiebig kontrolliert. Diese Kontrollen führten mit schweren Waffen ausgerüstete Mitglieder von Kampfgruppen und die Volkspolizei durch.

In Ellrich angekommen, gab es große Aufregung, was ist hier los ?  Es war die zweite Aussiedlungsaktion im Grenzgebiet. Bei der ersten Aussiedlungsaktion in den Fünfzigern traf es vorwiegend Familien, denen Grenzschiebung und Schleusung angehangen wurde. Bei dieser Aktion herrschte die politische Willkür vor mit teilweisen Hintergedanken der Selbstbereicherung. Einen Tag später kam es zu einer Einwohnerversammlung, zu der aus jeder Familie jemand anwesend zu sein hatte, die Räumlichkeiten waren überfüllt.

Nach anfänglichen politischen Gerede kamen die Funktionäre dann zum Punkt. Die ausgesiedelten Bürger waren durch die westlichen Medien verblendet und dadurch Republikfeindlich eingestellt. 

Damit uns das mit der Aussiedlung nicht passiert, erklärten wir hier mit unserer Unterschrift, dass wir kein Westfernsehen mehr in unsere Zimmer lassen. 

Aus Angst hat es jeder unterschrieben. Einige Tage später kam zu unserem Meister der Rundfunkwerkstatt vom Rat der Stadt eine Abschrift der Listen mit dem Auftrag, bei allen, die sich per Unterschrift dafür entschieden hatten, den Westkanal VHF 10 CCIR (Sender Torfhaus) auszubauen. 

Der Meister hat sich dann nach Absprache mit der Handwerkskammer verweigert mit der technischen Begründung; "beim Kanalausbau aus dem Trommelkanalwähler können beim Rückwärtsdrehen die Schaltfedern brechen". Diese Argumentation wurde von dem damals führenden Fernsehgerätehersteller der DDR "RAFENA" bestätigt.

Auf weitere Nachfragen auf politischer Ebene kam von RAFENA der Vorschlag, die Oszillatorspule des Kanales mit einem Drahtende kurzzuschließen.Hiergegen gab es nun keine technischen Argumenttationen mehr und der Blödsinn nahm seinen Lauf . 

Wir reisten täglich von Haus zu Haus, selten war jemand anzutreffen, um diese Aktion bei den Kunden durchzuführen. Der Kunde musste für diese Arbeit laut Regelpreisliste  auch noch 10,75 DM ( sprich Mark der DDR) bezahlen. 

Genervt von den Diskussionen bei den Kunden habe ich mich beschwert mit dem Ergebnis, vom Rat der Stadt stellte man mir einen Agitator, einen älteren SED- Parteiveteran , zur Seite.

Das brachte aber auch nichts, die Kunden ließen mich eintreten, der Agitator musste draussen bleiben. 

Guten Bekannten habe ich versehentlich den Nachbarkanal nachgestimmt und der Westempfang war weiter möglich. Anderen gab man den Tipp, wie es machbar ist.

Diese Aktion zog sich bis in das Jahr 1962 hin. Da brachte das Fernsehgerätewerk Staßfurt das erste TV-Gerät mit durchstimmbaren Kanalwähler heraus und der Spuk war zu Ende. 

Es gab natürlich auch Anekdoten, einen davon will ich unseren Lesern nicht vorenthalten:

Ein Mann , der Parterre zur Straße wohnt, geht am Abend zu dunkler Zeit vor seine Tür und horcht an seinem Wohnzimmerfenster. Zuvor hatte er drinnen seinen Fernseher auf Zimmerlautstärke eingestellt und die Rollos zugezogen. Er wollte mit seinen Test feststellen, ob die"staatlichen Lauscher" hören können, ob er Westfernsehen angestellt hat.

So am Fenster kauernd wird er plötzlich herumgerissen und eine Faust haut ihm aufs Auge ! 

Tags darauf erscheint er mit blauem Auge zur Arbeit. Sein Kollege kommt in einer Pause zu ihm und erzählt: "Mensch Otto, gestern Abend komme ich zu später Stunde an deiner Wohnung vorbei, da kauert doch so ein "Spitzel" unter deinem Fenster und lauscht, den habe ich aber eine gegongt ! "

 

Sollte jemand solche oder ähnliche Erinnerungen an diese Zeit haben, dann würde ich mich auf weitere Beiträge freuen, denn auch das gehört zur Fernsehgeschichte. 

 

 

This article was edited 27.Apr.22 04:58 by Wolfgang Lill .

Wolfgang Lill
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04.May.22 16:23

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Herr Korsch, der ehemalige Direktor des FSGW Staßfurt hat mir einige interessante Informationen geschickt. 

Hallo lieber Herr Lill,
die Fernsehgeräteentwicklung und der Bau erfolgte für die DDR ab 1952 in Radeberg.
Diese Vorreiterrolle hatte für die danach auch produzierenden Betriebe Weißensee in Berlin, Elbia in Schönebeck und Calbe, Entwicklung durch die Firma Niemann in Halle und letztendlich Stern Radio Staßfurt eine unterstützende Bedeutung. Stern Radio Staßfurt begann erst 1957 mit der Produktion. Die Gesamtsituation mit der bis dahin allgemeinen sporadischen Entwicklung bei Rundfunk- und Fernsehen, machte eine Konzentration und Straffung der Aufgaben notwendig. Die jeweiligen Geräteentwicklungen verrieten verwandtschaftliche Beziehungen, waren jedoch völlig eigenständig. Mit der beabsichtigten Konzentration der Fernsehgeräteproduktion in Staßfurt, lief die Entwicklung eines Einheitschassis zwischen Rafena und Stern Radio Staßfurt.
Das Einheitschassis Standard B hatte zur Folge, dass aus den bisherigen unterschiedlichen 5 Trommel- Kanalwählern einer wurde, der durch die Eigenentwicklung eines Durchstimmbaren, der als Patent angemeldet wurde, sich auf zwei reduzierte, die parallel über lange Zeit im Werk produziert wurden. Auf der Frühjahrsmesse in Leipzig 1960 wurde ein Gerät mit Standard B Chassis gezeigt. Der Einsatz des durchstimmbaren Tuners erfolgte ab 1961 bei den Geräten "Staßfurt" 43 TG 501 und "Staßfurt" TS 501. Der alleinige Hintergrund für die Entwicklung und den Einsatz des durchstimmbaren Tuners, waren Produktivitäts- und Rationalisierungseffekte.
Der Betriebsteil Halle des Fernsehgerätewerkes wurde der Spezialbetrieb für Tuner auch aller weiteren Entwicklungen.
Mit freundlichen Grüßen
F.Korsch

  
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