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Funkhaus Nalepastraße in Berlin

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Wolfgang Lill
Wolfgang Lill
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02.Apr.21 16:33

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Mitte März 1951 wurde unter strengster  Geheimhaltung zum geplanten  Bau des Funkhauskomplexes Nalepastraße durch den damaligen Generalindendanten , Hans Mahle (SED) , eine Konferenz durchgeführt.

Bereits am 13.Mai 1945, also wenige Tage nach der bedingungslosen Kapitulation des faschistischen Deutschlands, wurde der Berliner Rundfunk unter Leitung des zum Indendanten berufenen Franz Mahle       ( KPD)  wieder  aktiviert. Die Studios standen in dem Komplex Masurenallee 10/14 ( auch unter "Haus des Rundfunks" bekannt). Zunächst war ja ganz Berlin von den sowjetischen Truppen befreit worden, und damit gab es auch kein Problem, auf diesem Standort bereits mit Sendebeginn die sowjetischen Interessen und die der Kommunisten und Sozialdemokraten  zu vertreten.

Mit dem 4-Mächte- Status Berlins, dritte Deklaration vom 5.Juni 1945, wurde Berlin in vier Besatzungszonen eingeteilt.  Der Funkhauskomplex Masurenallee lag nun in der britischen Besatzungszone und der Berliner Rundfunk arbeitete fortan als Sender der sowjetischen Besatzungszone unter sowjetischen Schutz auf diesem Standort. 

DAS KONNTE NICHT GUTGEHEN, dies wußten auch führende Politiker Ostberlins. Es begann mit willkürlichen Stromabschaltungen, Kabelunterbrechungen auf dem Weg zum Sender, Einschlagen von Fenstern, Diebstähle von Funkhauseigentum, um nur einige Probleme zu nennen. 

Man suchte nach einem sicheren Standort im Sowjetischen Sektor Berlins.

In Berlin Grünau wurde bereits das "kleine Funkhaus" ab 1.Mai 1947 betrieben, ein Gebäude an der Regattastraße 13-15  gelegen. Von dort kamen zunächst Programmzuarbeiten für den Berliner Rundfunk an der Masurenallee.

Es gab drei Objekte in Ostberlin, die aus damaliger Sicht für den Rundfunk infrage kamen:

1. ein großes Schulgebäude in Schöneweide

2. in Berlin-Karlshorst in der damaligen Treskowallee  ein großer Gebäudekomplex  und

3, die ehemalige Sperrholzfabrik, der Richtung Westen geflüchteten Munitionskästenfabrikanten Dickerhoff              und Wittmann, in Berlin-Rummelsburg auf dem Gelände zwischen Nalepastraße , Köpenicker Landstraße und Spreeufer.

Die Wahl fiel letztendlich auf das Objekt Nr. 3 ( fortan nenne ich es Funkhauskomplex Nalepastraße).

Es handelt sich um einen Funkhausneubau. Normalerweise braucht man allein für die fertige Bauplanung drei Jahre, der Auftrag von Hans Mahle lautete die Bauplanung in 6 Monaten zu erstellen !

Es wurden fachlich versierte Kollegen für den Auftrag eingestellt, wie Gerhard Probst, der spätere stellv. Minister für Post und Fernmeldewesen der DDR, er galt damals als excellenter studiotechnischer Fachmann. Als   Architekt konnte Franz Ehrlich gewonnen werden. 

Nur sehr zuverlässige Mitarbeiter aus dem Funkhauskomplex wurden in das neue Vorhaben eingeweiht. 

Auf dem Gelände selbst sah es trostlos aus, es gab auch hin zum Spreeufer Spreeufer ( Foto Wolfgang Lill vom März 2021 , im Hintergrund das Kraftwerk Rummelsburg )

keine durchgehende Uferbefestigung. Auf dem Grundstück stand die vierstöckige Munitionskästenfabrik . Die Holzbearbeitungsmaschinen waren nicht mehr vorhanden nur viel Dreck und Gerümpel.

In das Planungskollektiv wurde auch H.v.Papen , ein Vetter des Franz von Papen, berufen. Er war, wie es sich dann herausstellte, einer der zuverlässigsten Mitarbeiter. In Hollerbusch bei Feldberg beriet das Team, zu dem auch die Architektin Poetsch hinzukam, eine Woche lang die Grundzüge des Vorhabens.

Das ging natürlich nur mit der Bereitstellung von Arbeitsmitteln, damals sicher ein Problem, aber alle erforderlichen Zeichenmaschinen und Arbeitswerkzeuge standen bereit. Selbst sonntags wurde gearbeitet . Bereits früh 6,00 Uhr standen die Kollegen an Ihren Reißbrettern ... durch diese Arbeit konnte bereits mit dem Bau des Block A im Juni 1951 begonnen werden.

Foto; Archiv von K. Metz - vielen Dank - Das Berliner Funkhaus Nalepastraße  Block A im Bau , Spätherbst 1951  ( Baubeginn war Juni 1951 !) Zu sehen sind die bereits rohbaufertigen Etagenaufsätze auf dem langgestreckten Hauptkorpus ( eine Etage) und der Turm (drei Etagen) . Es war mit einem  Holzgerüst eingerüstet ! 

In der Nalepastraße gab es inzwischen eine "Aufbauleitung OST" insgesamt elf Kollegen. Der Baubetrieb "Bauunion" aus  Potsdam, welcher diese Arbeiten ausführte, war mit rund 900 Beschäftigten  am Arbeiten.

In der Zeitschrift "Deutsche Architektur" Heft 9/56, also fünf Jahre nach der Realisierung des Vorhabens, sind dem Bauvorhaben 10 Seiten gewidmet.

Auszug:

In einem nur teilweise zerstörtem Produktionsgebäude in Berlin- Rummelsburg wurde ein geeignetes Gebäude gefunden, um bis Ende 1951 den Sendebetrieb aufnehmen zu können. Die zu erwartende Rauchbelästigung vom benachbarten Kraftwerk Rummelsburg ( siehe auch das o.g. Foto)  mußte in Kauf genommen werden, da an dem Grundstück alle notwendigen Kabel in ausreichenden Dimensionen vorbeiführten, deren Neubeschaffung damals erhebliche Schwierigkeiten gemacht hätte...

Der Architekt schuf mit seiner kleinen Entwurfsgruppe , zu der die grundsätzlichen Konzeptionen  der rundfunktechnischen Belange  von dem damaligen Technischen Leiter, Gerhard Probst, geschaffen wurden, in nur acht Tagen den Vorentwurf für den heutigen Funkhauskomplex.

Zur Ausführung wurde eine Entwurfsgruppe aus Mitgliedern der VVB Industrieentwurf Berlin, Leipzig und Karl-Marx-Stadt gebildet. Die unter den damaligen Umständen notwendige vertrauliche Behandlung und die Eile der Durchführung gestatteten aus Zeitmangel keinerlei Studien für das Objekt durchzuführen.

Foto vom März 2021 - Wolfgang Lill - Block A -

Nach sechsmonatiger Bauzeit konnte am 31.12.1951 die erste Sendung aus den neu erbauten Räumen erfolgen. ​

Unter den Sprecher- und Studioräumen war die Einrichtung des Hauptschaltraumes vorgesehen. Nach kurzer Zeit war dieser bereits nicht mehr ausreichend. Deshalb wurde ein Anbau notwendig. In nur wenigen Wochen wurde ein weiteres, völlig neues Gebäude errichtet, welches in den ursprünglichen Bauplänen überhaupt nicht vorgesehen war, der Hauptschaltraum im Block A.

Anfang Juni 1952 wurde das Haus des Rundfunks im britischen Sektor von den Besatzern mit Stacheldraht abgeriegelt. Mitarbeiter des Berliner Rundfunks durften zwar hinaus, aber nicht mehr hinein. Es ist überliefert, daß ca. 60 Mitarbeiter aus Ostberlin einige Wochen im Hause verblieben, durch die sowjetische Wachtruppe versorgt.... aber letztendlich aufgeben mußten. Die Entscheidung zum Bau des Rundfunkzentrums in der Nalepastraße war demzufolge richtig und neben dem Objekt in Berlin Grünau  die Produktions- und Versorgungseinrichtung für den Berliner Rundfunk.

Bis 1954 folgten die Gebäude B und C sowie D, welche über aufgeständerte Brückenbauten miteinander verbunden waren.

Foto Wolfgang Lill - März 2021- links Block C, in dem aufgeständertem Gang rechts geht es zu Block B.

Block B im März 2021 - Fotos Wolfgang Lill -

Im Block B befanden sich zwei Sendesäle und in dem bogenförmigen Anbau sind Aufnahmeräume für Musik und Hörspiele untergebracht. Im Gebäude befindet sich im Obergeschoß der "Große Sendesaal" mit einem abgesenktem Orchesterbereich und einer Orgel. Auch heute werden in diesem Saal noch Studioaufnahmen produziert.

Auf immerhin 165000 m2 wurden Programme des Staatsrundfunkes der DDR produziert. Dazu gehörten Radio DDRI und II sowie der Deutschlandsender ( Stimme der DDR ), der Berliner Rundfunk und das Jugendvollprogramm DT64. Ausserdem wurde auch für Radio Berlin International, dem Auslandsrundfunk der DDR, bis 2.10.1990 hier produziert. 

Die Kollegen hatten sich auch besonderen Anforderungen zu stellen, wie 1968, als die Tschechoslowkei drohte aus der Sozialistischen Gemeinschaft auszuschwenken. Am 21. August 1968 marschierten Truppen der Warschauer Vertragsstaaten in das Land ein. Die DDR  durfte sich nicht beteiligen. Möglicherweise hätten die Uniformen der Nationalen Volksarmee böse Erinnerungen  an die Zeit 1939 bis 1945 hervorgerufen. Aber die DDR durfte Rundfunkpropaganda machen. Von der Nalepastraße aus wurden Informationen und Nachrichten in Tschechischer Sprache über den Mittelwellensender Wilsdruff bei Dresden ausgestrahlt.

Bei meinem Besuch im März 2021 stoppte ich automatisch am Eingang / Pförtnerhaus, so wie wir das früher gelernt haben. Der Schlagbaum war oben, das Tor offen. 

Ich vergewisserte mich der Einfahrtsmöglichkeit mit einem Blick in das Pförtnerhaus.

Keiner da, nur Lenin fiel mir auf. Also unkontrolliert in das Gelände einfahren. Jetzt war ich  im ehemaligen Hochsicherheitstrakt des Rundfunks der DDR. 

Am 4. September 1954 wurde der Komplex offiziell als "Zentrum des Rundfunks der DDR" eingeweiht. Im Mai 1955 schreibt die Berliner Zeitung voller Stolz:

"Unser Rundfunk strahlt über einen Langwellen-, 14 Mittelwellen-, 3 Kurzwellen- und 10 UKW-Sender täglich drei Programme von insgesamt 63 Stunden aus. ​Mittlerweile sind in der DDR über 4 Millionen Hörer registriert."

Am Spreeufer, nach vorn Gebäude D  alle Fotos Wolfgang Lill, März 2021

Leider werden wegen der Corona Epedemie zur Zeit keine Führungen angeboten. Ich hoffe, daß es bald wieder möglich sein wird und ich habe dann die Absicht auch vom Innenleben der Häuser etwas mehr zu berichten.

Im Haus C gelang mir jedoch ein neugieriger Blick durch die offene Tür in die Kantine. bei diesem Anblick fühlte ich mich in die 50er Jahre zurückversetzt. Es gab doch hier und da Interessantes zu sehen und zu lesen. 

Beim Funkhaus auf der Nalepastraße wurde gemäß Einigungsvertrag die "rundfunktechnische Abwicklung" bis 31.12.1991 vollzogen. Die laufenden Ausgaben liefen jedoch weiter, Erhaltungsaufwendungen, Reparaturen an Dächern waren erforderlich. 

Im Jahre 2005 fand man endlich einen Käufer. Für 350000 EURO kaufte das 165000 m2 große Gelände samt Bebauung, dieses Grundstück in bester Berliner Lage, direkt an der Spree, die Firma Bau- und Praktik GmbH aus 06918 Jessen . Geschäftsgrundlage war damals die Entwicklung eines Medienzentrums. Im März 2006 erfolgte die Grundbucheintragung.

Danach verkaufte diese Firma einen Teil des Geländes an eine Firma in Rotterdam  für 3,9 Millionen Euro.
Das war ein Grund zur Prüfung durch Finanzprüfer . Eine Spekulationsfrist war im Kaufvertrag nicht enthalten. Dies hätte den Käufer verpflichtet, einen Teil des Gewinns durch den Weiterverkauf abzuführen....

Es kam zu einem handfesten Skandal. Letztendlich wurde der Kauf rückabgewickelt. Der nächste Besitzer war die "Keshet Geschäftsführungs GmbH & Co. Rundfunk-Zentrum Berlin KG". Aber auch dieser Besitzer konnte die Auflagen aus dem Verkauf nicht erfüllen. 2014 wurde das Objekt neu ausgeschrieben. Im Handelsregister ist jetzt die Firma 

Objekt Funkhaus Berlin Immobilien GmbH 

eingetragen.

Bei meinem Besuch im März 2021 konnte ich feststellen, daß sich etwas bewegt, vieles mit Leben erfüllt ist. Der Eigentümer hat sich viel vorgenommen und einiges schon erfolgreich umgesetzt.

In diesem Sinne weiterhin viel Erfolg bei der Erhaltung und Weiterentwicklung des Medienstandortes Nalepastraße.

 

 

This article was edited 05.Apr.21 10:32 by Wolfgang Lill .

  
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