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Rundfunksender Aussig Teil 3

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Wolfgang Lill
Wolfgang Lill
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10.Mar.13 12:58

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Im Jahr 1952 wurde ein neues Sendezentrum VS15 in der Gemarkung  Hostovice etwa  5 Km vom Stadtzentrum Usti n.L. gebaut.

Der Standort der Anlage ist 340 m über dem Meeresspiegel, Hügel : Kuklík ( Vergleich Usti n.L. Zentrum 218 m ).

Die Besitzer, Bürger aus Hostovice  und Trmice, des 5 Hektar grossen Areals wurden kurzerhand enteignet.

Der Komplex bestand aus :

Betriebsgebäude des Rundfunksenders Typ DELTA

Betriebsgebäude "Erka" Typ DELTA

Gebäude VS  ( Wachgebäude Sicherheit )

einem Doppelhaus

Garage und Lagerhaus

Heizhaus (leider kein Foto)

Das original Eingangstor ist noch vorhanden und der Lampenträger der 50 iger Jahre macht heute einen mystischen Eindruck.

 

Die Fundamente der Gebäude wurden als Streifenfundamente aus Beton gegossen, das Doppelhaus war unterkellert. Besondere Herausforderung war die Zuführung des Frischwassers. Dafür wurde ein Hochbehälter oberhalb des Dorfes gebaut. Durch die Felsstruktur war ein sehr hoher Aufwand für die Verlegung der Wasserleitung erforderlich, oftmals musste man sprengen.

Für die Energieversorgung wurde eine 10 kV Freileitung von der Prager Straße querfeldein verlegt. Der Qutdoor - Transformator  und der Schrank mit den später eingebauten Kompensationskondensatoren ist noch gut erhalten. Im Objekt befand sich zusätzlich noch ein 4- Zylinder- Dieselnotstromaggregat 4S110 mit 50 KW- Leistung  für Haveriefälle.

In der westlichen und in der östlichen Ecke des Senderareals  standen je ein hölzerner Wachturm; diese waren ständig durch den VS- Wachdienst besetzt.

Leider sind diese Holztürme nicht mehr vorhanden.

Die gesamte Anlage war militärisches Sperrgebiet, wo z. B . auch fotografieren unter strengster Strafe stand, Ob der Zaun elektrisch abgesichert war, dafür gibt es keine verlässlichen Informationen.

 


Von dem im Jahre 1996 abgerissenen 60m hohen Basis- Antennenmast ( vertikaler Unipol) gelang es mir nur ein einziges Foto zu besorgen . Von der Sendeanlage Usti n.L. wurde bis jetzt keine Fotodokumentation gefunden.

DDie alte Antennenhäuschen vom Typ SRV30  ist in Überresten noch erhalten, ebenso wie die massiven Betonblöcke welche den 60 Tonnen schweren Mast zu tragen und die Zugkraft der Seile aufzunehmen hatten.

Um den Sendemast herum war noch ein hölzerner Schutzzaun aufgebaut.

Bewacht und geschützt wurde diese Anlage rund um die Uhr vom militärischen Wachdienst, es gab einen äußeren und inneren Ring und die bereits erwähnten Wachtürme.

Im Jahre 1978 standen 4 Maschinengewehre, und 10 Pistolen den Wachleuten zur Verfügung.

An den Zäunen waren Schilder mit der  Beschriftung.

Militärisches Sperrgebiet, betreten und fotografieren verboten !

Die Mitarbeiter durften regelmäßig nach Dienst durch Schießübungen ihre Qualifikation verbessern.

Der Sendebetrieb begann im Jahre 1952 mit insgesamt 5 Sendeanlagen:

1 x SRV3 - 3 KW auf 1184 KHz  (damit wurde das regionale Bezirksprogramm des "Severocesky rozhlas" / Nordböhmischer Rundfunk ausgestrahlt ) auf 1484 KHz ( ab 1953- 56 auf 701 KHz und dann wieder auf 1484 KHz)

2 x SRV 1 je 1 KW Leistung und zwei umgebaute Sendeanlagen Typ M1A mit je 500 Watt Leistung. Übertragen wurde als zweites Programm das CS1 (Tschechoslowakischer Rundfunk 1 Prag).

Ich will jetzt nicht alle Frequenzen und Programme welche übertragen hier seitenlang darstellen, dazu gibt es spezielle Informationsdienste.

Ein kleiner Auszug aus dem Rundfunkprogramm von 1960:

Es gab auch täglich beim Nordböhmischen Rundfunk eine 20 minütige Sendung von 16,00 Uhr bis 16,20 Uhr in deutscher Sprache.  Immerhin konnte der Nordböhmische Sender welcher ab 1978 am Tage auf 864 KHz sendete, sogar in Schweden noch gut empfangen werden , die Nachtfrequenz war dann 1593 KHz.

 

Mit der Aufnahme des Programmbetriebes von "Radio Svobodna Evropa" , Radio Freies Europa, im Jahre 1950, welcher zunächst mit 135 KW aus dem Oberbayerischen Holzkirchen auf Mittelwelle 719 KHz sendete und zu dem dann noch Kurzwellensender von der Iberischen Halbinsel dazukamen, gab es neue Anforderungen für den Senderstandort.

In der Tschechoslowakei wurden über 185 Kurzwellenstörsender betrieben, vier davon in diesem Areal Hostovice. Zum einen wurde eine Interferenz mit einem Sender SRV3 aufgebaut, der Sender wurde manuell abgeglichen und man störte so den Mittelwellensender 719 KHz, RFE.

Weiterhin wurden unter dem Arbeitsbegriff: "Lokalradio Verteidigung" und "Aktion 405" die Kurzwellenprogramme und das Mittelwellenprogramm, des RFE ständig beobachtet und gestört. Diese Aktion lief unter Kontrolle des Innenministeriums in Prag.

In Usti n.L. in der Nähe des Hotels "Vladimir" war in einer Villa ein Überwachungszentrum rund um die Uhr im Betrieb

Die überwachten Frequenzen wurde von hier aus telefonisch zum Sendezentrum gemeldet und auch wenn die Störsender über L+ C- Treiber von Hand nachgestimmt wurden, konnte man das Störsignal optimieren, da die Kurzwellensender von RFE häufig geringfügig die Frequenzen wechselten.

 

1968 wurden dann die Störungen im Rahmen des Entspannungsprozesses KSZE durch die Dubcek- Regierung eingestellt....dafür begann die DDR mit Störsendern das deutschsprachige Programm von Radio Prag zu stören...aber das ist eine andere Geschichte...

 

Im Jahre 1962 ging der Fernseh- Sender, auf dem Bukova Hora ( Zinkenstein) in Betrieb. Dazu kamen auch UKW Sender. Man lief jetzt parallel, weiterhin MW- Versorgung mit zwei Programmen und die UKW Programme.

Als letzte Mittelwellenfrequenzen sind hier genannt: 1071 KHz  10 KW und 603 KHz 3 KW. Sang- und klanglos wird im Juli 1995 abgeschaltet.

Der Mast und die technischen Anlagen werden im Jahre 1996 abgebaut und das Grundstück an einen Privatmann verkauft. Er wollte, laut Nachbarbefragung Galloway- Rinder züchten, aber das ist auch schon Geschichte. Offensichtlich ist der "neue " Besitzer mit dem Grundstück überfordert und so verfallen auch die noch vorhandenen Gebäude.

Ein historisches Bild habe ich noch von dem Doppelhaus, als es damals noch gepflegt und genutzt war.

Im Areal ist ein Sendermast aufgestellt,genutzt jedoch für kommerzielle Übertragungen

So endet die Geschichte des Mittelwellenrundfunks in Usti n.L.

 

 

 

 

 

 

 

Dieser Beitrag wurde am 16.Apr.13 14:44 von Wolfgang Lill editiert.

Wolfgang Lill
Wolfgang Lill
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16.Sep.18 12:00

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Herr Jan Záhora war von 1990 bis 1992 Sendeleiter in Usti Hostovice. Er hat mir Unterlagen bereitgestellt, die ich hier gerne ergänzend veröffentliche. 

Zunächst immer der Originaltext in tschechisch

Senderstation VS15 Ustí nad Labem Detailbeschreibung

Errichtet nach dem Projekt von Stanislav Zycha in den Jahren 1951- 52. Das Projekt war Geheim .

1. Stahlrohrantennenmast Höhe 60 m . Hersteller: VTZ Chomutov. 

2. Das innere Wachgebäude (VS) und die Militärbaracke , getrennte Einheit 5. Kompanie der CS Armee (VS) .

                                 

3. Betriebsgebäude für Mittelwelle und Kurzwellen, Gebäudetyp: "Delta".

4. Dieselaggregat 4 S 110 , 50 KW

5. Biologische Klärgrube für jedes Gebäude (Zweikammersystem) und Feuerwehrpunkt für Benzinaggregat für die Feuerwehr.

6. Aschegruben ( Betonkonstruktion) , Gebäudeheizung erfolgte mit festen Brennstoffen ( Kohle , Holz).

7. Holzmasten ( Frei-) Leitung zur Trafostation 10 KV. Abzweigleitung der Trasse  Koštov - Vaňov.

8. Wohneinheiten "Delta" unterkellert und zwei selbstständige Zweizimmerwohnungen.

9. Feuerwehrhaus ( Holzobjekt mit Feuerwehrlöschtechnik ). 

10 . Im Westen und im Osten je ein Wachturm, telefonisch verbunden mit der Zentrale und 220 Volt       Anschluß für Scheinwerfer. 

11. Treibstofflager, Betonobjekt, Lager für 1600 l Diesel und 40 l Autobenzin sowie 20 l Motoröl , Behälter mit Trichlor, technischem Benzin und Alkohol .

12. Drahtantennen für Kurzwellenbetrieb ( 25 m hohe Holzmasten mit L- und T- Antenne ).

13. Heizmateriallager ( Holz und Kohle).

14. 5 m hoher Metallmast zur weiteren Verwendung

15. Trennschalter 10 KV. 

Bilder von diesen Gebäuden sind bereits im ersten Teil des Beitrages vorhanden. Bei Bedarf kann ich diese Karte im Großformat bereitstellen

Der Antennenrohrmast hat eine Höhe von 60 m , er besitzt einen keramischen Fußpunktisolator. Er ist nach drei Seiten abgespannt. Die Ankerseile sind mit Eierisolatoren besetzt. Das Antennenhaus für die Impedanzanpassung. Speisevorrichtung 240 Ohm. Dreidrahtreuse. Im Antennenhaus ist ein Trafo 1:1 vorhanden für die Mastbeleuchtung oben.

Um das Haus und den Sendemast steht ein Holzzaun ( kein Metall, sonst Schleife! ). 

Armeekaserne : rechts

1. Kanzlei des Kommandanten Major Zaspal.                                                                                             2. Zimmer mit Gitter; Waffenlager                                                                                                              3. großes Zimmer für die Mannschaft Kultur, politisch usw nutzbar.                                                     4. Mannschaftsschlafzimmer                                                                                                                     5. Lager/ Ersatzteile /Ausstattung

Armeekaserne :links

1. WC, Waschraum mit Kaltwasser                                                                                                            2. Wachzimmer (3 Mann) mit Telefonzentrale, Bedienung der Zaunbeleuchtung, Schreibmaschine, Dokumente der Kompanie                                                                                                                           3. Küche und Vorratslager für Proviant                                                       4. Mannschaftsschlafzimmer 

Wasserleltung 900 m Gußleitung, elektrische Pumpe, Leitung aus dem Objekt. Diese Leitung ist nur für Nutzwasser. Zum Trinken wurde Sodawasser angeliefert. Die Versorgung mit Essen erfolgte aus dem Jednota Hostovice ( Gasthaus).

Betriebsgebäude

Mittelwelle und Kurzwelle sind mit der Technologie SSRV und KRV ausgestattet. Mittelwellensendungen über den 60 m Mast nach einem Sendeschema. In der Restzeit wurde damit die 719 KHz Frequenz  von RFE München gestört

Hier ein Ausschnitt aus dem Frequenzplan von 1953.

Kurzwellensender sind in beiden Gebäuden . Diese senden über die Drahtantennen. Damit wurden die Kurzwellensender von RFE aus Portugal gestört. Da diese immer wegen der Störsender die Frequenz wechselten, mussten man mit den Störsendern nachziehen. Die Überwachung erfolgte rund um die Uhr in einer Villa im Aussiger Stadtviertel  Skřivánek . 

die ehemalige Überwachungsvilla 

per Telefon wurde die aktuellen Frequenzen zur "Störsendeabteilung" in  Hostovice mitgeteilt und dort mit LC Oszillator die Frequenz zumoduliert, der sogenannte Erreger SB4. Um das Störvergnügen noch zu erhöhen wurde neben diesem "Modulationsgewehr" noch die Trägerwelle mit einem elektromotorbedienten Kapazitätspropelier "moduliert" . 

Die Überwachung erfolgte 24 Stunden am Tage, hier Reste der Einzäunung im Jahre 2013 fotografiert.

Im Winter war es ein 1 Stunden Intervall, im Sommer 2 stündlich der Rundgang. In der Nacht wurde der Zaun lückenlos beleuchtet, dazu wurden Autoscheinwerfer installiert. Diese wurden mit 24 Volt betrieben und der große Trafo stand im Wachgebäude. Von den beiden Wachtürmen strahlten lenkbare Scheinwerfer ständig in alle Richtungen.

Am Zaun waren Warnschilder angebracht: Überwacht, beim Auffordern stehenbleiben und fotografieren verboten.

In der Dienstwohnung 1 wohnte der Hausmeister und in der anderen ein Angestellter des Betriebes.  Für den ( die) Sender war der Senderleiter verantwortlich.

Die Transporte wurden mit zwei Fahrzeugen der Marke GAZ und LKW Prage V3S erledigt.

Ab 1.1.1966 wird die Überwachung durch die VS  eingestellt. Es wird eine zentrale Betriebswache eingesetzt. Die Befehlsgewalt über diese Mitarbeiter hat der Senderleiter. 

Zum 1.7.1966 kommt es zu einer weiteren Veränderung. Das Kurzwellengebäude übernimmt das Innenministerium . Der Mittelwellenbetrieb wird um einen weiteren 3 KW- Sender SRV3B verstärkt. Die zwei Sender M1A wurden liquidiert, im Jahre 1967 folgen auch die SRV1- Sender. 

Die SRB3B werden im Tandembetrieb eingesetzt . Die damalige Frequenz ist 1484 KHz , Übertragungen des Zentralen Programmes Prag1 und Kreissendungen.

Im Jahre 1964...1966 ? wurde auch eine RVG905 (die Typenbezeichnung weist auf eine Gerät hin, das in Radeberg nur bis 1959 gebaut wurde) in Betrieb genommen. Gegenstation war Bukova Hora.

                                           

Werksfoto Radeberg

Mit dieser Lösung konnten die Sendungen des Kreisstudios und die für die Deutschen Mitbürger auf Mittelwelle 701 KHz gesichert werden, so schreibt Herr Záhora. 

Am Abend und in der Nacht wurde dann das Programm Ceskoslovensko 1 über diese Frequenz verbreitet.

Herr Záhora hat mir noch einige seiner Erinnerungsstücke fotografiert, da wären zunächst die Visitenkarten ( Tel- Nr. und Adresse ist inzwischen anders) 

Das tschechische Post und Fernmeldewesen

Ich bedanke mich ganz herzlich bei Herrn Záhora für die Bereitstellung dieser interessanten Unterlagen .

 

 

Dieser Beitrag wurde am 17.Sep.18 13:15 von Wolfgang Lill editiert.

  
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