Regionalantenne Cunnersdorf e.V.

ID: 532683
Regionalantenne Cunnersdorf e.V. 
13.Dec.19 09:36
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Wolfgang Lill (D)
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Wolfgang Lill

Obercunnersdorf liegt bei Löbau im schönen Lausitzer Bergland . Der Ort selbst hat mit der Ortschaft Cunnersdorf nichts zu tun. Der benachbarte Ort ist Niedercunnersdorf. Beide Dörfer gehören als Ortsteile zur Gemeinde Kottmar. Am Ortseingang aus Richtung Kottmarsdorf gibt es eine nette Begrüßung , die auf eine Besonderheit hinweist:

Es ist ein Denkmalort. Auf der Homepage des Ortes lesen wir:

Der Ortsteil Obercunnersdorf zählt zu den schönsten Dörfern Ostsachsens. 1221 erstmals urkundlich erwähnt, gehört er zu den seltenen noch in ihrer Ursprünglichkeit erhaltenen Zeitzeugen ländlicher Lebensweise und Architektur. Das Einmalige des Ortsteiles Obercunnersdorf sind seine Umgebindehäuser. Die einzigartige Verbindung von Blockstube und Fachwerkbau macht sie zu einer der bedeutendsten Volksbauweisen in Europa. Ca. 250 unter Denkmalschuttz stehende Umgebindehäuser bilden ein sehenswertes Ensemble, welches man am besten zu Fuß entlang der Dorfstraße oder über verträumt und verwinkelt liegende Gässchen erkunden kann. Zu den vielen liebevoll gestalteten Details an den Häusern zählen Türstöcke aus Granit, kunstgerecht vergitterte Haus- und Gewölbefenster, abwechslungsreich gestaltete Verschieferungen, Fensterverkleidungen und Umgebindesäulen.

Mein Ziel ist der Regionalantenne Cunnersdorf e.V. . Dort erwartet mich Mario Lippert. Aber bevor ich dorthin fahre noch einige Impressionen aus dem Ort:

Umgebindehäuser gibt es wohin man blickt, leider aber auch mit viel Leerstand. Die Fluktation der Bevölkerung hält an ( leider...).

Dieses Denkmal , geschaffen vom Dresdner Grafiker Werner Scheffel, dessen Frau damals als Zahnärztin in der Gemeinde arbeitete, hat die Zeit überstanden....aus der Zeit, als die DDR noch die Deutsche Einheit wollte.... Die Gemeindeverwaltung ließ diesen Gedenkstein aus Sandstein am 1.9.1950 dorthin setzen. Das dort befindliche Denkmal für die Gefallenen von 1870/71 wurde damals auf den Friedhof nahe der Kirche umgesetzt... laut Info von Herrn Andreas Kurz.

Aus dem ehemaligen Betriebsferienlager der Wasserwirtschaft Cottbus wurde das Hotel "Bergsinn", heute eine spezialisierte Einrichtung für Fastenkuren....

Nach diesem "Rundumblick" lande ich nun in der Kopfstation der Regionalantenne Cunnersdorf e.V.

Im Sommer 1985 gab es die Idee, die Fernseh und Rundfunkantennen aus der Ortslage zu verbannen . So etwas passte einfach nicht in den Denkmalort.  Am 24.10.1985 wurde beim Rat des Kreises Löbau der Antrag auf Genehmigung einer GGA ( Groß- Gemeinschafts- Antennenanlage) durch den Herrn Seiler, Leiter der damaligen Arbeitsgruppe Denkmalpflege, eingereicht.

Diese Anfrage wird dann durch den Rat des Kreises EVN an die Deutsche Post mit Befürwortung weitergereicht.

Eine schnelle Zustimmung ist das Ergebnis, Lob , Freude bei den zuständigen Dienststellen über diese Initiative....es kann losgehen...

Die Antennengemeinschaft Obercunnersdorf ( Abkürzung AGO ) wird am 26.11.1985 gegründet und ein entsprechendes Statut erstellt. Jeder Bürger im Ort hat das Recht, dieser AGO beizutreten . 

Einen Auszug des Dokumentes  für unsere Leser: 

Beachten Sie auch den Passus " internationale Programme " unter Fernsehen.

Die Genehmigung zum Errichten und Betreiben wurde dann am 25.Juli 1986 durch die Deutsche Post erteilt ( Nr 12/10/04/86) .

Die Station entstand oben am Kottmarberg, wo neben dem 1. und 2. Programm des DDR- Fernsehens auch das polnische und zwei tschechische Programme in vorzüglicher Qualität anlagen, Da jedoch kaum jemand im Ort diese Sprachen verstand und es noch im OIRT- System ausgestrahlt wurde, hielt sich das Interesse in sehr engen Grenzen. Vielmehr war interessant, westdeutsche Fernsehprogramme zu empfangen.... was aufgrund der Höhenlage und der Antennentechnik aus Blankenburg durchaus möglich war.

Hier gab es allerdings technische Probleme, die vor allem mit der Entfernung und den Witterungsbedingungen zu tun hatten. Dazu kam noch einige knifflige Aufgaben. Der Kanal 39 mit dem 3.Programm hatte gar keine Chance, denn der Großsender Löbau strahlte hier das 2. Programm des DDR- Fernsehens aus.

Am 22.11.1986 liegt das Projekt für die Kopfstation am Kottmar vor. Viele Bürger leisten Arbeitsstunden und bezahlen die Geldumlage. Der Vorstand hat regelrecht eine Massenbewegung  organisiert.

Hier sind die Rohbauarbeiten an der Kopfstation im Gange ( IV.Quartal 1987)

Erdarbeiten, der Graben wird mit Meliorationstechnik gezogen, Feinarbeiten waren natürlich manuell zu leisten, das Kabel wird verlegt, abgedeckt und natürlich wieder zugeschüttet und genau eingemessen.

Ein Hauptproblem in der DDR war fast immer das Material. ...aber es wurde pünktlich geliefert. Damit war die größte Hürde beim Material genommen.

Grundstück für Grundstück wird angeschlossen. Hier müssen die Gräben in Handsschachtung ausgeführt werden.

Aufwand der Kabelverlegung des (damaligen) Hauptkabels (75-16 D) vom Kottmar in Richtung Oberdorf.​

Hinweis: Diese schwarz- weiß Fotos sind alle vom Regionalantenne e.V. für diese Veröffentlichung bereitgestellt. Alle Farbfotos; Wolfgang Lill

Inzwischen ist der Rohbau der Kopfstation fertiggestellt, die Umzäunung erichtet, erste Antennen werden aufgebaut und als tolle Zugabe ein SAT- Spiegel, welcher in Eigenanfertigung geformt wurde.

Nur die Außeneinheit musste aus der BRD beschafft werden. 

Dieser Riesenspiegel kostete etwa 10000 Mark der DDR  und es war möglich, ein einziges Programm mit dieser Technik in die Anlage einzuspeisen; die Vereinsmitglieder stimmten für RTL ....jeden Tag Farbe und  Werbung....das war damals ein Erlebnis für die Zuschauer !

Teilweise waren Bauteile nicht handelsüblich. Diese Abzweiger wurden beispielsweise in Eigenleistung angefertigt.

Zwei weitere Kanäle wurden für die Einspeisung vorgesehen, die ARD auf Kanal 7 / VHF und das ZDF Kanal 33 /UHF, beide von Westberlin aus gesendet.

Nicht nur eine Einfriedung der Kopfstation samt der dort stehenden Antennen war erforderlich, sondern es wurde sogar eine Alarmanlage installiert.

Die Antennen selbst:

für VHF Kanal 7  und natürlich das Programm DDR 1, welches über den TV- Turm in Löbau   aus der gleichen Richtung anliegt.    Problem hier ist der Sender auf Kanal 8 in OIRT- Norm, welcher vom Jested bei Liberec aus sendet und hier mit vollen Werten ankommt.   

 

Achter- Antennengruppe für den Empfang des ZDF auf Kanal 33 und natürlich auch des 2. Programmes des DDR- Fernsehens aus Löbau auf Kanal 39. Was übrigens fast kurios ist, wenn nach Programmschluß der Löbauer Sender außer Betrieb ging konnte man das dritte Programm von Westberlin verfolgen.... 

Hier gut zu sehen: TAV 2001 Gehäuse mit Kanal- und Bereichsverstärkern Made in GDR ​

Diese beiden Fotos stammen von Elektromeister Dietmar Bernig aus Obercunnersdorf - vielen Dank -

Sperrkreise (`Tschechenfallen`), Netzteile, Vorverstärker... es war in der Tat nicht einfach, den Kanal 33 OIRT von Usti n.L. wirkungsvoll auszublenden, aber es gelang mit dieser tollen Konstruktion, die dann "Tschechenfalle" genannt wurde.Die zwei Westberliner Sender kamen reichweiten-  und vor allem witterungsbedingt in unterschiedlicher Signalstärke am Kottmar- Berg an, es gab Tage, wo nur ein schwarz- weiß- Bild zu empfangen war und andere Tage, wo das PAL Signal gut anlag. Dank der  PAL- Decoder in den DDR- Farbfernsehern konnte das gut umgesetzt werden, auch schon bei relativ schwachem Signal.

Es folgten weitere Antennengruppen für UKW Berlin (West - RIAS, SFB, AFN - Hundert Komma Sechs...) und Antennen für die 5 UKW- Programme des DDR- Rundfunks.

Die Inbetriebnahme der Anlage konnte im August 1988 erfolgen, die offizielle Freigabe zum Betrieb  erhielt die Antennengemeinschaft am 11.Mai 1989 mit den Aktenzeichen: OC795 WE und NC 432 WE. 

Vielleicht schnell noch etwas Fernsehgeschichte;

Am 12.März 1990 wird aus dem DDR Fernsehen 1. und 2. Programm wieder der Deutsche Fernsehfunk DFF1 und DFF2.

Am 3.Oktober 1990 tritt die DDR der Bundesrepublik Deutschland bei. Das Ziel, was auf dem Denkmal im Ort bereits 1949/50 gefordert wird, "Deutschland- einig- Vaterland", ist endlich wieder erreicht.                                                                                                                                                                                       Am 15.12.1990 übernimmt die Senderkette 1 des Deutschen Fernsehfunks die ARD.  DFF2 ist nicht mehr da, dafür sendet auf dieser ( schwächer ausgebauten ) UHF- Senderkette jetzt DFF.

Damit ist am 31.12.1991 24,00 Uhr Schluß, gemäß § 36 des Einigungsvertrages.

Neue Länderanstalten entstehen. Am 1. Januar 1992 stellt sich in Sachsen, Sachsen - Anhalt und Thüringen die Drei- Länderanstalt MDR vor. Alle Sender senden bereits in PAL- Norm und MDR kommt nun auf Kanal 39 , Leistung 500 KW ERP.

Damit begann auch eine bewegte Zeit, darüber habe ich jedoch  in der Vereinschronik keine wichtigen Informationen gefunden...aber es geht weiter in der Antennengemeinschaft                                              im Sommer 1991 erfolgt die Aufschaltung eines Infoprogrammes

Die Antennengemeinschaft bekommt Besuch . Am 15.4.1993 kommen Mitarbeiter der Deutschen Telekom, die eine technische Kontrolle der Anlage vornehmen. 

Am 15.Mai 1994 wird begonnen, die Kopfstation vom Kottmar in den Ort Obercunnersdorf zu verlegen. Die Inbetriebnahme der neuen Kopfstation erfolgt am 15.Mai 1994. Die alte Anlage einschließlich des Weges wird bis zum Jahre 2002 renaturiert und an den Eigentümer zurückgegeben.

Die neue Kopfstation befindet sich seitdem in Obercunnersdorf an der Hauptstraße 156b. 

Der Verein " Regionalantenne Cunnersdorf e.V.   wird am 29.September 1994  unter der Nummer 357 beim Amtsgericht Löbau eingetragen. Das Gebäude auf der Hauptstraße 156  wurde 1998 gekauft.

Auch ein Entstörfahrzeug wurde vom Verein im Jahre 1998 angeschafft, ein Trabant Kombi P601 !

Die Kosten, welche für die Anlage entstanden sind, hat der Verein genau erfasst und das ist sicher auch für Betreiber anderer Gemeinschaftsanlagen interessant:

In den Jahren 1995/96 werden Kabelmitverlegungen mit anderen Versorgern , vor allem in Niedrcunnersdorf , realisiert. Nahezu alle Häuser in Ober- und Niedercunnersdorf sind damit angeschlossen.

Ich möchte hier noch einige aus meiner Sicht interessante Punkte nennen, 

Im Jahre 1998 erfolgte die Projektierung und beginnt der Umbau des gesamten Kabelnetzes bis 606 MHz.                                                                                                                                                               Im Oktober 1998 Start von Videoeinspeisungen von "Punkt 1 - Lausitz- TV" zusammen mit selbst erstellten Infotafeln.

Am 30.11.1998 dann der erste Test digitaler Programmeinspeisungen ins Kabelnetz.  Interessierten Mitgliedern wird ein Testdecoder bereitgestellt. Im Sommer 2002 kommt das Internet über Satellit dazu, es erfolgt die Aufschaltung des Datentransponders 115 (SES Astra) .

Nicht alle freuen sich über den Tausch, das Entstörfahrzeug Trabant Kombi wird durch einen Ford Kurier Diesel ersetzt.

Hier noch ein Blick in die Kopfstation aktuell:

Ich bedanke mich ganz herzlich bei Herrn Mario Lippert für die umfangreichen Informationen und wünsche dem Verein weiterhin viel Erfolg  

Ein Spiegel und Antennenfreier Denkmalort in der Oberlausitz, wo  bis 100 Mbit/s über Kabel anliegt... einfach toll ! und nochmal der Hinweis, wer günstig ein Grundstück mit Haus sucht, der sollte es hier mal versuchen, etwa 7 Km südlich von Löbau und etwa 12 Km von Rumburk entfernt...ein kleines Paradies !

Für diesen Post bedanken, weil hilfreich und/oder fachlich fundiert.