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braun: Der Kraftverstärker "KV2" der Fa. Carl Sevecke

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Harald Giese
Harald Giese
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11.May.22 15:36
 
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Der Kraftverstärker "KV2" der Fa. Carl Sevecke

Alle Bilder können durch Anklicken vergrößert werden!

 

1      Einführung

Vor vielen Jahren entdeckte ich auf einem Flohmarkt eine 26,5 x 19,5 x 20 cm große, schwarze, stark verrostete Metallkiste mit sehr schmutzigem Klappdeckel: Es handelte sich um das Modell Carl Sevecke KV2, Fabr. Nr. 1068.mit der Röhrenbestückung RENS1204, RE604, RGN2004.

Obwohl das Kürzel "KV" im Modellnamen besagte, dass es sich um einen Kraft-Verstärker handelte, deutete ein Drehkondensator daraufhin, dass man mit dem Gerät auch Radiohören konnte.

Die RE604 war leider mechanisch zerstört und wurde im Verlauf der Reparaturarbeiten durch eine datenäquivalente LK460 ersetzt

Der Verkäufer entschuldigte sich für den Zustand des Gerätes mit den Worten: "Es ist ein bisschen schmutzig, da es als Trittstufe für den Hühnerstall diente - und die Hühner hätten immer so schmutzige Füße".

Ich habe das Gerät damals trotz des schlechten Zustands gekauft und es nie bereut, da der Hersteller Carl Sevecke als Vorgänger und auch Zulieferer der Firma Max Braun wenig bekannt ist, es das einzige mir bekannte Exemplar dieses Modelltyps ist, und nicht zuletzt weil es mir bis zum heutigen Tag einige interessante Rätsel aufgibt. Darüber möchte ich hier berichten.

 


 

2      Die Firma Carl Sevecke

Über die Firma Carl Sevecke ist nicht allzuviel bekannt. Informationen zur Firmengeschichte habe ich aus folgenden Quellen zusammengetragen:

  1. Firmenseite des RM Carl Sevecke
  2. G. F. Abele: "Radio – Die dynamische Chronik", Abschnitt 3.14 BRAUN Frankfurt a.M. und Abschnitt 3.94 Sevecke, Höchst a. Main
  3. Persönliche Kommunikation mit einem CKV12 Besitzer.

Hier eine kurze Zusammenfassung der aufgespürten Fragmente:

Wie aus den folgenden Inserat aus "Der Radio-Händler", 1926, S.770 hervorgeht, war Carl Cevecke Mitte der 1920er Jahre Inhaber zweier Firmensitze, der Elektrotechnischen Gesellschaft m.b.H. in Heidelberg und der Carl Sevecke Elektrotechnischen Fabrik in Höchst am Main (ab 1.4.1928 durch Eingemeindung von Höchst zu Frankfurt a.M. gehörig). Kurz zuvor, im Jahr 1925, war Carl Sevecke die TELEFUNKEN Bauerlaubnis für Radiogeräte erteilt worden

 

Der in diesem Inserat gezeigte Empfänger "Type CSH" ist vermutlich eines der ersten Modelle, die von Carl Sevecke auf den Markt gebracht wurden. Ein Modell mit der gleichen Bezeichnung  "CSH" und sehr ähnlichem Aufbau ist auch im RM angelegt und abgebildet - allerdings mit 3 Stellknöpfen. Vermutlich eine Weiterentwicklung des hier abgebildeten Gerätes (siehe weiter unten).

 

 

Etwas überraschend wirkt diese aus dem Jahr 1928 stammende Annonce, in der der von Carl Sevecke produzierte Netzempfänger "NE3" beworben wird. Während der Namenszug der Vertriebsfirma MAX BRAUN groß ins Auge springt, tritt der Name des eigentlichen Herstellers Sevecke zwar noch auf der Gerätefront und im "Kleingedruckten" links unten auf, aber in viel kleineren Lettern..

Da die Firma Braun vor 1930 über keine Bauerlaubnis verfügte, ließ sie zunächst bei Carl Sevecke produzieren und agierte als deren Generalvertrieb.

Die in den Folgejahren von Carl Sevecke produzierten Einkreisempfänger "SFE06" und "CFE08", sowie die Kraft-Audiongeräte "CKV12" und "CKV24" und Kraftverstärker mit einfachem Einkreiser-Eingang "KV2" und "KV3" und vermutlich noch weitere Modelle wurden sämtlich von Braun vertrieben. Hier ein Inserat aus "Der Radio-Händler", 1929, S.671, die einzige Quelle in der das in diesem Beitrag behandelte Modell "KV2"  erwähnt wird: 

 

 

 

 

 

 

 

 

Nachdem Max Braun 1930 die Bauerlaubnis erhalten hatte, übernahm er selbst die Produktion von Radiogeräten. Während 1931 in der "Bestückungsliste" noch der Name Sevecke allein auftrat, erschien 1932 bereits der Name Max Braun dahinter in Klammern. Ab Erhalt der Bauerlaubnis produzierte man zunächst noch Modelle mit Sevecke - Typenschild. Aber parallel dazu erschienen auch schon Modelle unter dem neuen Firmennamen BRAUN. Max Braun übernahm sukzessive das gesamte Geschäft und stellte 1933 die letzten Geräte für Sevecke her.

Der Übergang von Sevecke und Braun wird sehr gut an den frühen Braun Radios sichtbar. Der von Braun vertriebene "Cosmophon 444W" ist noch mit einem "Sevecke" Typenschild am Chassis geliefert worden und der bekannte "Kobold A" hat fast das gleiche Chassis wie der "Cosmophon 444W".


Auf der Firmenseite "Carl Sevecke" hat das RM-Mitglied Alfons Lammers die folgenden zwei Bilder hochgeladen: Einen Eintrag im "Radio-Adressbuch" von 1930/1931 und eine Anzeige zur Leipziger Messe 1932.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Wie bereits oben angedeutet, liegen leider nicht besonders viele Informationen zur Firmengeschichte vor. In einem Leserbrief der GFGF "Funkgeschichte 223, 2015, p176" gab es vor 7 Jahren den Aufruf eines Mitgliedes, Informationen zu dieser wenig bekannten Firma zu sammeln – soweit mir bekannt ist, leider ohne irgendwelche Resonanz.


 

3      Carl Sevecke Modelle in den "Radio Katalogen"

In "Ernst Erb: Radiokatalog 2" erschienen auf S. 171 die folgenden 12 Modelle:

 

 

Einige Modelle erschienen auch unter "Max Braun" auf S. 92 in "Ernst Erb: "Radiokatalog 1", so auch der in diesem Beitrag behandelte "KV2".

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Manchmal ist aber auch nicht ganz offensichtlich, ob es sich nun schon um ein BRAUN-Modell oder noch um ein Carl Sevecke-Modell handelt.


 

 

4      Carl Sevecke Modelle im Radiomuseum

Im Radiomuseum sind folgende Carl Sevecke Modelle angelegt, aber bis jetzt leider nur 5 Modelle mit Bildern versehen:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


                       CFE08   (1929 - 1932)                        COSMOPHON 777C (1933)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


                             CSH (1926/1927)                                                        

Hier im Gegensatz zu dem eingangs gezeigten

Modell "CSH" von 1926 mit 3 Skalen                                                      SFE06 (1929?)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


 

 NE3 (1929)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

In Bezug auf den "KV2" ist das letzte Modell besonders interessant. Die Verdrahtungsansicht zeigt in den Ecken links oben und rechts unten kleine, mit Widerstandsdraht bewickelte Pappespulen. Wie man später sehen wird, wurden solche Spulen auch im "KV2" verwendet: Die Spule links oben besitzt eine Mittelanzapfung und dient der Heizspannungs-Symmetrierung gegen Masse, die Spule rechts unten liegt in der Minusleitung der Anodenspannungsversorgung. Der Spannungsabfall wird für die negative Gittervorspannung der Endröhre RES164 verwendet.

Sogar die mit einer gelben, zelluloidartigen Substanz isolierten Drähte und die für die externen Anschlüsse verwendeten Buchsenpaare sind identisch mit denen des "KV2". Man kann also wohl davon ausgehen, dass die beiden Geräte aus dem gleichen Fertigungszeitraum - 1929 – 1930 - stammen.


Ein interessanter Fall ist der ebenfalls im RM angelegte 4-Röhren Audion-Empfänger "CKV12", der im Zeitraum 1929 – 1932 in verschiedenen Varianten produziert wurde. Im Jahr 2005 wurde vom Auktionshaus BREKER in Köln (heute Auction Team Breker) ein Gerät mit der Bezeichnung "Kraft Audion-Empfänger "KV2" von Carl Sevecke" angeboten: Hier die damals zu der Auktion eingestellten Bilder (Copyright wurde am 10.5.2022 von Uwe Breker erteilt): 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Auf der Photographie ist das Gerät von links nach rechts augenscheinlich mit einer Triode, einer Tetrode (Kopfanschluss), der Endtriode und der Gleichrichterröhre bestückt. Vermutlich hatte jemand in Unkenntnis der korrekten Anordnung die beiden linken Röhren verstauscht, da der Audion-Eingang sicher mit einer Tetrode betrieben wurde.

Die beiden Bananensteckerbuchsen auf dem Bedienfeld links unten wurden vermutlich nachgerüstet.

Wie mir der Besitzer eines "CKV12" mitteilte, dienten die 3 Knöpfe der Einstellung von Abstimmung, Rückkopplung und Grammophon-Lautstärke (Drahtpoti). Der Schalter diente zum Wechseln zwischen Radiobetrieb und Grammophon-Wiedergabe, die 4 Buchsen mit Kennzeichnungsschildchen für Antennen- und Erdanschlüsse.

Trotz der frappanten äußeren Ähnlichkeit und dem nahezu identischen Chassisaufbau konnte es sich natürlich um keinen "KV2" handeln, da dieser nur mit 3 Röhren ausgestattet war. Jemand hatte das Typenschild falsch gelesen.

Die bisher katalogisierten Modelle mit ähnlichem und bei schlechter Typenschildprägung verwechselbarem Namen wären die "CKV.." - Modelle, von denen allerdings keines die Röhrenbestückung Tetrode (RENS1204), Triode (REN1004 oder REN904), RE604, RGN2004 hat. Der Punkt ist also noch ungeklärt.

 


Der im folgenden beschriebene "KV2" ist in der bereits oben auf S. 92 des Ratiokatalog 1 gezeigten Aufstellung unter den BRAUN-Geräten gelistet.


 

 

5     Die Schaltung des Kraftverstärkers "KV2"

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wie man sieht, ist die Schaltung des "KV2" extrem einfach gehalten.

Die Antenne wird über einen Drehkondensator auf den Hochpunkt eines Parallel-Schwingkreises gekoppelt, der galvanisch mit dem Steuergitter der RENS1204  verbunden ist. Das ist etwas überraschend, da man von Audioschaltungen (Gittergleichrichtung) gewohnt ist, dass der Schwingkreis vom Steurgitter durch einen Kondensator getrennt ist.

Im "KV2" arbeitet die RENS1204 aber nicht als "Gittergleichrichter" sondern als "Anodengleichrichter", bei dem der Schwingkreis direkt mit dem Steuergitter verbunden werden kann. Der optimale Arbeitspunkt der Röhre wird mit Hilfe des 25 kΩ Reglers in der Kathodenleitung (neg. Steuergitter-Vorspannung) und des 40 kΩ-Reglers für die Schirmgitterspannung eingestellt.

Die Anode der RENS1204 führt über Widerstandskopplung auf das Steuergitter der Endröhre RE604, das seine negative Vorspannung vom Spannungsabfall über einem in der Minus-Leitung der Anodenstromversorgung liegenden 500 Ω Widerstandes bezieht.

Ungewohnt ist die Beschaltung der RE604-Anode. Anstelle eines Ausgangstransformators wird eine NF-Drossel als Lastwiderstand verwendet und das NF-Signal gleichspannungsfrei über einen Kondensator ausgekoppelt.

Da von der Anodenspannungsversorgung eine Erreger-Spannung von ca. 220 V= an ein Buchsenpaar  herausgeführt wurde, konnte man sowohl elektrodynamische als auch permanentdynamische Lautsprecher anschließen – gegebenenfalls über einen entsprechenden Ausgangstransformator.

Ich betreibe den "KV2" beispielsweise an einen PHILIPS Wandlautsprecher VE1610 mit eingebautem Ausgangstrafo VE1908/00 in der Primär-Einstellung  6,4 kΩ, was sehr gut funktioniert!

Der Grammophon-Anschluss "P" des "KV2" wurde über den Funktionswahlschalter direkt mit dem Steuergitter der RENS1204 verbunden. Die damals verwendeten Grammophone mit elektrischem Pick-Up hatten i.a. einen eingebauten Lautstärkeregler, sodaß der Regler im Verstärker entfallen konnte.

Der Netztransformator war für den Betrieb des "KV2" an unterschiedlichsten Netzspannungen vorgesehen: 110, 125, 150, 220 und 240 V.

Vom Netzeingang führte ein 500 pF Kondensator auf die Buchse "Netz - Antenne", die mit Hilfe einer Brücke mit der Buchse "Antenne" verbunden werden konnte. Das Verbindungskabel habe ich aufgetrennt, um mögliche Stromschlaggefährdung durch einen "lecken" Netz-Antennenkondensator auszuschließen.

Vergleicht man den "KV2" mit  anderen Sevecke Modellen, so wird klar, dass hier wirklich nur ein Kraftverstärker angeboten wurde, mit dem man notfalls auch noch den einen oder anderen starken Ortssender empfangen konnte. In früheren Jahren wurden solche Verstärker gerne in Tanzcafes und Ausflugslokalen für die Grammophonwiedergabe verwendet, wo es eher auf ausreichende Lautstärke als auf Klangqualität ankam. Die tanzenden Pärchen haben sich wahrscheinlich nicht besonders am Klirrfaktor gestört. Daher auch die abfällige Bezeichnung: "Tanzbodenverstärker".

Da die Wirkungsweise des Anodengleichrichters vielen Lesern weniger geläufig sein wird, als die des Audions, füge ich hier einen Ausschnitt aus H. Pitsch: "Lehrbuch der Funkempfangstechnik" an.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Eine ausführliche Erläuterung der Wirkungsweise des Anodengleichrichters am Beispiel des SABA 520W hat Hans. M. Knoll verfasst. Man fiindet sie unter diesem Link.

 


 

6     Der Aufbau des Kraftverstärkers "KV2"

 

6.1     Die Außenansicht des "KV2"

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Sowohl in der Gehäuseausführung als auch in den Abmessungen ähnelte der "KV2" dem bereits oben erwähnten 3-Röhren-Empfänger NE3, nur dass letzterer eine schwächere Audioendstufe mit der RES164 verwendete.


 

6.2     Die Bedienelemente  und Anschüsse des "KV2"

An der linken Seitenwand befindet sich das auf einer Hartgummiplatte aufgebaute Bedienfeld:

Der Umschalter "Grammo – Radio", die Bedienknöpfe für "Lautstärke" und "Abstimmung", sowie die Anschlussbuchsen für Antenne, Netz-Antenne, Erde und Grammophonanschluss (P):

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


An der rechten Seitenwand befinden sich links oben der Netzanschluss und rechts unten die Anschlüsse für Lautsprecher und die 220 V= Feld-Erregung elektrodynamischer Lautsprecher:

 

 

 

 

 

Das Gerät besaß keinen Netzschalter sondern wurde mit Hilfe eines Kabelschalters oder eines Heißgerätesteckers mit integriertem Netzschalter eingeschaltet. Siehe hierzu auch den Beitrag über "Netzschalter in Gleichstromradios".

 

 

 

 

Auch das oben gezeigte Gerät aus der BREKER Auktion verwendete einen Heißgerätestecker mit integriertem Schalter.

 

 

 

 

 


6.3     Chassisaufbauten

Einen besseren Überblick erhält man nach Demontage des Gehäusekäfigs:

 

 

 

 

 

 

 

 

 


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Demontiert man die obere Deckplatte (Nachbau aus Pertinax, da das Original fehlte) vom Netztransformator, so liegen der Heissgeräte-Netzanschluss (Bügeleisen-Anschluss), der Sicherungshalter und der Netzspannungswähler offen.

Klappt man die Montageplatte des Netzspannungswählers nach oben, sieht man den vom Netzeingang zur Buchse "Netz-Antenne" führenden kleinen Kondensator.

 

 

 

 

 

 

 

 

 


 

6.4     Die Verdrahtung

Bei einem Blick unter des Chassis fragt man sich, wie ein Gerät mit so wenigen Komponenten auskommen kann:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Außer den zwei GRAETZ-CARTER-Einstellreglern für Kathoden- und Schirmgitterspannung der RENS1204 erkennt man nur 3 Widerstände, einen 10 nF Glimmer-Kondensator und die zwei bereits oben in Abschnitt 3 unter dem Modell "NE3" erwähnten, auf Papperollen gewickelten  Drahtwiderstände.

Alle restlichen Kondensatoren sind im Sammelblock untergebracht.

Unten links im Bild erkennt man zwei teilweise mit Isolierschlauch überzogene Gewebe-Leitungen, die vom HV-Wickel des Netztransformators zu den Anoden der RGN2004 führen. Ursprünglich zweigten von diesen beiden Leitungen die üblichen Blockkondensatoren nach Masse ab. In meinem Gerät waren diese bereits durch moderne, zwischenzeitlich ebenfalls defekte Kondensatoren ausgetauscht worden. Da mir das ursprüngliche Aussehen dieser Kondensatoren nicht bekannt ist, habe ich bisher auf einen Ersatz durch zeitgemäße Bauteile verzichtet.


 

7      Reparaturarbeiten

 

7.1     Das Bedienfeld und der Eingangskreis

Im Fundzustand präsenterte sich das Bedienfeld meines "KV2" so:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es fehlte ein Bauelement und somit stellte sich die Frage, ob es sich hier um ein Potentionmeter für die Lautstärkeeinstellung bei Grammophonbetrieb oder um einen Antennen-Kopplungskondensator gehandelt haben könnte

Die vom Bedienfeld kommenden Drähte hingen in der Luft – ebenso die von der Chassisverdrahtung zum Bedienfeld führenden Leitungen. Wie im Bild oben skizziert, führte  die Antenne über den noch vorhandenen Drehkondensator und die Schwingkreis-Steckspule an Masse. Da über diesem Drehkondensator der Schriftzug "Abstimmung" stand, nahm ich zunächst an, dass die Abstimmung ursprünglich mit Hilfe eines Serien-Schwingkreises erfolgte, dessen Mittelpunkt auf das Steuergitter der RENS1204 führte.

Solche Serienabstimmung war in den Anfangsjahren der Radios durchaus nicht ungewöhnlich.

Manche frühen Empfänger verfügten über einen Umschalter, mit dessen Hlife man den Antenneneingang von "Serienkreis-Eingang" bei langen Antennen auf "Parallelkreis-Eingang" bei kurzen Antennen umschalten konnte.  Also rätselte ich eine Zeitlang, wie wohl die ursprüngliche Verdrahtung der Bedienplatte ausgesehen haben könnte.  

Dann kam mir der Zufall zu Hilfe. Wie oben erwähnt, bot das Auktionshaus Breker im Jahr 2005 einen Carl Sevecke "KV2" an, der zwar äußerlich meinem Gerät ähnelte, aber mit 4 anstatt nur 3 Röhren bestückt war.

Was mich an den von Breker zur Auktion eingestellten Bildern viel mehr interessierte, war ein Detail, das mir zuvor noch nicht aufgefallen war: Ein über den Drosseln liegender Haltebügel, der bei dem zur Auktion angeboteten Modell offensichtlich zur Halterung der Schwingkreis-Spule diente. So einen Bügel gab es auch in meinem "KV2".

Bei eingehender Betrachtung der Verdrahtung der Bedienplatte meines Gerätes fiel mir dann auch auf, dass es sich hier um keine professionele Arbeit gehandelt haben konnte. Am auffälligsten war aber die Tatsache, daß der Grammo – Radio-Kippschalter so verdrahtet war, dass er den Mittelpunkt des "angenommenen" Serienschwingkreises in der Stellung "Grammo" kontaktierte, der gegenüberliegende Kontakt des Schalters aber offen und offenbar auch nie kontaktiert war.

Offensichtlich hatte jemand einen neuen Schalter eingebaut, dessen Schaltwippe nicht gegensinnig zum Knebel umsprang sondern gleichsinnig. Der Schalter stand also in der Position "Grammo" wenn  eigentlich "Radio" gehört werden sollte, und umgekehrt.  Nach einigen weiteren. lustlosen  Verbindungsänderungen hatte der frühere Besitzer das Projekt dann offenbar aufgegeben und das Gerät landete vor dem Hühnerstall.

Ich habe den Schalter bei meinen Reparaturaktivitäten im Gerät belassen, einen zweiten Drehkondensator in die zuvor leere Position gesetzt und die Verdrahtung der Bedienplatte so geändert, das sie jetzt dem Schaltbild entspricht. So stellt sich die Rückseite der Bedienplatte jetzt dar:

 

 

 

 

 

 

 

 


 

7.2     Die Schwingkreisspule


Das Bild aus der oben genannten BREKER-Auktion zeigte eine kleine, vertikal auf dem Haltebügel der Drosselspulen stehende Bienenwabenspule. Um Induktivitätseinfluss und Streufeldverluste möglichst klein zu halten, hatte man sie fachmännisch korrekt so positioniert, dass ihr Streufeld nicht unnötig stark in die umgebenden metallischen Strukturen eingriff.

Dies ist bei der jetzigen Position der Aufnahme für die Schwingspule natürlich nicht mehr gewährleistet. Sie liegt knapp unterhalb der Gehäuseoberkante und der Streufluss greift in den Klappdeckel ein. So sollte man bei Radiobetrieb den Deckel öffnen.

Natürlich hätte man die ursprüngliche Spulenhalterung auf dem Drossel-Bügel rekostruieren können, wofür mir aber bisher der Enthusiasmus fehlte.

Als Schwingkreisspule habe ich die schon beim "TELEFUNKEN T1000 ARCOFAR" mit gutem Erfolg eingesetzte MW-Antennenspule des VE301 verwendet. Sie hat ungefähr die gleiche Größe wie die Spule auf dem Bild der BREKER-Auktion, besitzt eine Induktivität von ca. 220 µH (passend für das Überstreichen des MW - Bereichs mit einem 500 pF Drehko), drei Anzapfungen zur Induktivitätsvariation, bzw. Änderung der Antennenankopplung und kann leicht auf den Grundkörper eines Kristalldetektors geklebt werden.

Bei Bedarf kann die MW-Spule natürlich auch gegen eine VE301 LW-Spule ausgetauscht werden.


Nun kann man natürlich darüber streiten, ob die Eingangsschaltung wirklich so ausgesehen hat, aber ein Vergleich mit ähnlichen Modellen dieser Epoche lässt mich annehmen, dass ich nicht ganz falsch liege.


 

7.3      Drehwiderstände von GRAETZ - CARTER - Radio

Das zweite Mysterium neben der Verdrahtung der Bedienplatte dieses "KV2" waren die Regler für die Kathoden- und Schirmgitterspannung der RENS1204 von GRAETZ-CARTER-RADIO.

Im Fundzustand zeigte der 25 kΩ Regler in der Kathodenleitung einen Widerstandswert von ca. 40 kΩ, der 40 kΩ Regler für die Schirmgitterspannung aber sogar über 200 kΩ.

In der fälschlichen Annahme, es handele sich um ein Kontaktproblem zwischen der Widerstandswendel und den zu deren Kontaktierung verwendeten dünnen Kupferstreifen, habe ich die beiden Regler in Äthanol gebadet. Wie sich herausstellen sollte, eine falsche Entscheidung! Die Widerstandswerte lagen unmittelbar nach dem Reinigungsbad noch entschieden höher.

Nach anschließendem Trocknen sanken die Werte zwar wieder ab, blieben aber letzten Endes auf 31 kΩ (anstatt 25 kΩ) und 200 kΩ (anstatt 40 kΩ) stabil stehen.

Ich habe dieses Verhalten bisher nicht verstanden.

Als Anmerkung möchte ich aber hinzufügen, dass ich ein ähnliches Phänomen extremer Widerstandserhöhung bei einem 80 kΩ-Regler von GRAETZ-CARTER-RADIO schon in der Lautstärkeregelung des Plattenspielers meines "TELEFUNKEN T1000 Arcofar" beobachtet habe. Es scheint also kein Einzelfall zu sein.


 

7.4     Andere Reparaturarbeiten

Abgesehen von der Restauration der Bedienplatte wurden lediglich die Kondensatoren im Sammelblock erneuert.

Der lose Rost des stark korrodierten Blechgehäuses wurde etwas mit Stahlwolle abgeschliffen und danach mit Schellack eingerieben. Zwar hätte man das Gehäuse auch Sandstrahlen und mit Kräusellack oder ähnlichem neu lackieren können, aber ich wollte das Äußere nicht zu sehr schönen.


 

8      Jetziger Zustand

Der "KV2" ist zwar auch nach der Überarbeitung bzw. Instandsetzung kein Schmuckstück für die Sammlervitrine, aber trotzdem ein interessantes und seltenes Zeitzeugnis aus den Anfangsjahren der Radiogeräte für Netzanschluss.

Hergestellt wurde der Kraftverstärker mit Ortsempfänger "KV2" um 1929 von der Firma Carl Sevecke, die seit 1925 Inhaber der Telefunken Bauerlaubnis war, und deren Geräte von der Firma Max Braun vertrieben wurden. Im Radio - Adressbuch 1930/31 erschienen beide Firmen unter der gleichen Geschäftsadresse: Idsteiner Str. 91, Frankfurt a. M. In den Folgejahren wurde die Firma Carl Sevecke sukzessive von Max Braun übernommen. 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Bernhard Nagel danke ich für die Beisteuerung essentieller Informationen zu diesen Beitrag und für kritische Durchsicht.

Herrn Uwe Breker danke ich für die Erlaubnis zur Benutzung von Bildmaterial aus einer Breker - Auktion aus dem Jahr 2005.


Harald Giese

This article was edited 12.May.22 20:15 by Harald Giese .

  
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