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Picho, der geheimnisvolle Berg bei Wilthen / Oberlausitz

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Forum » Radio- and technical History » Picture and tone processing / recording » Picho, der geheimnisvolle Berg bei Wilthen / Oberlausitz
           
Wolfgang Lill
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18.Sep.20 16:32
 
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Das Richtfunknetz der SED im ehemaligen Bezirk Dresden will ich weiter verfolgen.

Mein Ziel ist der Berggasthof  Picho- Baude, auf dem 499 m hohen Picho- Berg . Es gibt einen gemütlichen Wanderweg über den Pumphutsteig  oder wer es bequemer mag, kann auch mit dem Fahrzeug bis nach oben fahren. 

In unmittelbarer Nachbarschaft befindet sich eine leistungsstarke Amateurfunkstation. Großes Glück habe ich bei meinem Besuch, der DL5DSB, Frank Herold, ist gerade in der Station. 

Wir kommen ins Gespräch. Die Station wurde 2012 errichtet. 

Der große Mast, 26 m hoch, ist für die Relaisstation. Die ganz oben zu sehenden Antennen sind Empfangsantennen für digitales Amateurfernsehen (DATV)  im UHF- Band 434/2 MHz . 

Als nächstes kommt auch eine digitale Abstrahlung des Amateurfernsehens dazu, welche sogar mit handelsüblichem SAT- Empfängern empfangbar ist.  Wer es demnächst probieren möchte, die Frequenz ist 1291 MHz ( Bandbreite 6 MHz). 

Unter dem Rufzeichen DP5V ( Der Picho 500 m Vertikal ) kann mit einer Senderausgangsleistung bis 750 Watt gesendet werden.

Arbeitsplatz für Kurzwelle und UKW

Arbeitsplätze für UHF 

Diese Klubstation beteiligt sich an allen wichtigen Amateurwettkämpfen im Kurzwellen- VHF, UHF und SAF- Band.

( Hinweis: SAF- Band ist Mikrowelle;  ab 3GHz ).

Die Funkfreunde nutzen die regenerative Energie. Durch eine Photovoltaikanlage wird die Energie der Sonne in Batterien gespeichert und so die Anlage nahezu autark betrieben. 

Bei Netzausfall, was ja in einer Katastrophensituation durchaus wahrscheinlich sein könnte, kann die Amateurstation in jedem Falle weiterbetrieben werden. In solchen Fällen können die Amateurfunkstationen sicher einen sehr wichtigen Beitrag zur Weitergabe von Informationen leisten. 

Das war die Überraschung des Tages, mit dieser Begegnung hatte ich echt nicht gerechnet.

Aber das eigentliche Ziel war ja der A-Turm auf dem Picho. 

Wir stehen leider vor einem verschlossenen Tor. Die Einfriedung des A-Turmes ist noch aus der DDR gut erhalten. Der Turm selbst wurde 1959 für das Schmalbandnetz der SED errichtet von der SED- eigenen Baufirma "Fundament GmbH". Oben haben wir auf Stahlplatten stehend die Tragkonstruktionen für die Richtfunkspiegel und Antennenanlagen. Interessant ist die statisch- konstruktive Befestigungslösung der Antennenträger im Gebäude.

Wie kam es eigentlich zu einem solchen Netz ? Die Ereignisse des 17.Juni 1953 waren ausschlaggebend für die Entscheidung ein solches Richtfunknetz aufzubauen. An diesem Tage versammelten sich etwa 1,5 Millionen Menschen in der DDR und in Ostberlin und protestierten gegen die Ignoranz der DDR- Führung gegenüber der Arbeiterklasse. Wenn jetzt vom ZK der SED ein Telefonat angemeldet wurde, dann mußte das "Fräulein vom Amt" die Leitung schalten. Man erreichte in vielen Fällen an diesem Tage die untergeordneten Parteidienststellen nicht, weil möglicherweise das "Fräulein vom Amt" auf der Seite der Protestierenden stand und die Verbindung nicht herstellte. So konnten Maßnahmen nicht koordiniert werden. Durch sowjetische Truppen wurde der Aufstand dann niedergeschlagen . Die Folgen für sogenannte Provokateure waren dann schrecklich, viele Jahre Gefängnis, Zuchthaus oder sogar die Todesstrafe! Die Staatsmacht SED hatte auch erkannt, daß ein sicheres Netz für die Kommunikation aufgebaut werden muß.

Erste Anfänge waren bereits inform eines "Spinne- Netzwerkes" begonnen worden. Diese wurden mit Politbürobeschluß v 16.08.1955 integriert. Es wurde festgelegt, dieses Projekt weiter zu entwickeln und auszubauen, die eigentliche Geburtsstunde des RFN.

Hier aus dem Bundesarchiv die Karte des Bezirkes Dresden, Stand 15.01.1981 die Nummer 266 ist der A-Turm in Dresden-Gompitz, der direkt mit der SED Bezirksleitung in Verbindung stand. Hier waren übrigens rund um die Uhr Volkspolizisten sowie Technisches- und Bedienpersonal im Einsatz. In der Station Picho und Kottmar war nur ständige Polizeipräsenz. Hier nochmal ein Auszug aus diesem Plan.

Es gab also im ehemaligen Bezirk Dresden drei A- Stationen;

12A1, Dresden Gompitz mit Anschluß an die Bezirksleitung der SED und von da aus an alle SED- Kreisleitungen. 

12A2, der Picho als einer der wichtigsten Standorte . Die Richtfunkstrecke Dresden- Gompitz bis zum Picho war etwa 55 Km , die Weiterleitungsstrecke nach Cottbus (Standort bei Klein Osnig)      66 Km . 

12A3, der Kottmar war ebenfalls noch in dieser Kategorie zugeordnet.

Zurück zum Picho. Über diese Station waren per Richtfunk die SED Kreisleitungen Bischofswerda, Kamenz und Bautzen angeschlossen. Eingesetzt wurde die RVG 934 und bei den Kreisleitungen die RVG 924. Vor 1960 dürfte  eine andere Gerätetechnik älterer Bauart im Einsatz gewesen sein. dazu habe ich allerdings keinerlei Informationen.

Technische Kurzinformation;

Die RVG-934 wurde ab 1960 im RAFENA- Werk Radeberg produziert,  Frequenzbereich 2,7 GHz,           23 Fernsprechkanäle, dazu gehörte ein Multiplexer und 1 Demultiplexer. Eine Endstelle umfasst einen Modulator-, Demodulator- und UHF-Schrank.

Die RVG- 924 wurde ebenfalls ab 1960 bei den Kreisleitungen eingesetzt. Hersteller ebenfalls RAFENA- Werk Radeberg. Frequenzbereich 1,9 MHz, 12 Fernsprechkanäle. 

Ebenfalls war  eine Richtfunkstrecke vom Picho zur SED Kreisleitung Görlitz aufgebaut worden, die Spiegel sollen 2,5 m Durchmesser gehabt haben. Die Signale mußten über den Berg Czorneboh ( bei Hochkirch , 555 m hoch) hinweg, dies war das Hindernis. ..Aber es funktionierte ...

Später , ab 1964, beginnt die NVA ( Nationale Volksarmee der DDR) mit dem Aufbau eines eigenen Richtfunknetzes ( RFN) . Die für die Wehrkreiskommandos erforderlichen Kanäle konnten durch die Endstellen der Kreisleitungen bereitgestellt, Richtfunkstrecken mußten jedoch auch erweitert werden. 

Eine interessante Sache ist aus meiner Sicht die Zeitungsübertragung.1962 wurde auf Beschluß des ZK der SED damit begonnen, durch dezentralen Druck den Vertrieb der Tageszeitung "Neues Deutschland" ( Zentralorgan der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands) diese aktueller und effizienter  herzustellen.

Statt  jede Nacht über holprige DDR- Autobahnen zu fahren, wurden nun die einzelnen Seiten über Richtfunk übertragen und dezentral gedruckt. In Dresden in der ZENTRAG - Druckerei. Zur effektiven Datenübertragung wurden auch Importe aus der BRD eingesetzt, so z.B. ein Telebildsender der Firma "Hell".

 

Am 1.Januar 1984 erfolgte die kostenfreie Übergabe der SED- Anlage an die die Deutsche Post der DDR. Zuvor hatte man die Technik durch volltransistorisierte Anlagen ersetzt. Die NVA- Anlagentechnik verblieb bis Ende August 1990 als eigenes Netz in Betrieb.

Die Übertragungswege waren unsicher geworden, westliche Geheimdienste hatten sich eingeklinkt und Informationen gezogen, das System war in dieser Form technisch überholt.

Hier noch ein Luftbild vom Picho von 1988 mit den wichtigsten Strecken. Nach Cottbus und Dresden gingen jeweils drei Strecken.
21 Kanäle für die Partei, 2 Kanäle für die Zeitungsübertragung und 21 Kanäle für die NVA

(unbekannter Herausgeber)

Mit der "friedlichen Revolution" in der DDR kam es auch zu Beschädigungen und sogar Zerstörungen solcher Einrichtungen. Vom Picho ist dazu nichts bekannt. 

Springen wir in die Gegenwart. 

Nach wie vor geht Richtfunk über diesen Turm. Betreiber die Deutsche Telekom , Eigentümer des Grundstückes und der baulichen Anlagen ist die Deutsche Funkturm GmbH.

Hier ein aktuelles Foto vom September 2020. Rechts daneben sieht man einen Stahlfachwerkturm mit Container, welcher für die Telekom errichtet wurde. das D1- Netz hatte in der Region viele Funklöcher und die statisch mögliche Höhe des A- Turmes mit seinen Antennenträgern reichte nicht aus um diesen Plan zu realisieren. Deshalb wurde neu gebaut. Perspektivisch ist auch ein Rückbau des A- Turmes geplant.

Die Arbeiten wurden 2016 durch die Berliner Firma MST – Montage, Straßen- und Tiefbau GmbH ausgeführt.

Der neu errichtete Stahlgittermast hat eine Höhe von 40 m , oben ist noch ein Rohrmast von 5,5 m Länge , also insgesamt 45,5 m.

Mit diesem Baukran wurden die Stahlbauteile montiert.

Leider habe ich bis jetzt kein besseres Foto, ich hoffe es aber noch austauschen zu können.

Um noch einmal zu dieser interessanten Situation Picho- Görlitz zurückzukommen. 

Ein Zeitzeuge schreibt mir und schickt das beigefügte Foto:  ...hier noch eine Aufnahme von der Erprobung der Richtfunkstrecke auf dem Czorneboh. Erst danach kam der Picho "auf den Plan".
Der Aufbau auf dem heute noch vorhandenen Steinturm ist komplett aus Holz! Das Foto dürfte etwa 1956 entstanden sein.

               

Und heute, am 25.September 2020, präsentiert sich der 23 m hohe, 1851 erbaute Steinturm immer noch als attraktiver Aussichtspunkt, jedoch ohne die damalige Holzkonstruktion. Von den damals errichteten technischen Anlagen ist bis auf ein paar zugewachsene Fundamentreste nichts mehr zu finden. 

 

Foto: Michael Schumann, vielen Dank !

Tja und wer zu Fuß gewandert ist vom Picho auf den Czorneboh, kann sich im Berggasthof bei Elmar Ladusch mit hausgemachten Speisen wieder für den Abstieg stärken. 

 

This article was edited 03.Oct.20 13:36 by Wolfgang Lill .

Wolfgang Lill
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03.Oct.20 18:29
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Ein Hauptproblem war die Übertragung zur SED Kreisleitung nach Görlitz. Auf dem 455 m hohen Rotstein bei Sohland /Spree wurde ein Übertragungsturm gebaut, der dann allerdings nur zeitweilig in Betrieb war (Nr. 269 )

Nach vielen Jahren ohne Nutzung ist er nun Vodafon- Sender.  Die Richtfunkverbindung vom Picho nach Görlitz hatte ich ja bereits beschrieben, es wurde dann doch nach vielen Versuchen vom Kottmar aus übertragen.

Das einzigste Relikt ist wohl nur noch die gekappte Stromversorgung aus DDR- Zeiten.

Wer einmal nach oben fährt kann natürlich das Berghotel "Rotstein" aufsuchen.

Unmittelbar daneben  lohnt sich der der Besuch einer im Oktober 2000 eingeweihten Aussichtsplattform welche über 101 Stufen zu erreichen ist. Auf 21 m Höhe aus hat man einen herrlichen Blick über die Oberlausitzer Berg-Landschaft bis hin ins Iser- und Riesengebirge.

This article was edited 03.Oct.20 20:05 by Wolfgang Lill .

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15.Oct.20 19:28
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Nochmal zurück zu den Richtfunkübertragungsgeräten.  Es gab dazu bereits mehrere Nachfragen. Ich habe deshalb mal zwei Originalprospekte der RAFENA- Werke Radeberg hier für Interessierte Funkfreunde kopiert. Deshalb auch nicht als Modell angelegt, weil diese unmittelbar zum Artikel gehören.

Die RVG 924 wurde eingesetzt bei den SED Kreisleitungen ( 8 Leitungen, 7 Sprachkanäle) 

Für die Nationale Volksarmeee, die Wehrkreiskommandos, wurden auch diese RVG 924 mit 12 Kanälen auf Anforderung hergestellt.

Schauen wir noch die RVG 934 an, diese war für die SED - Bezirksleitungen konzipiert. Ob diese, da es ja auf dem Prospekt steht, auch exportiert wurden, das habe ich noch nicht ermitteln können.

Mit dieser Anlage, die immerhin etwa 0,6 Tonnen Gewicht mitbrachte, konnte 23 Gespräche gleichzeitig geführt werden. 

Ein optisch viel schöneres Prospekt gab es dann für den Export; 934 B

Es wurde auch eine  RVG 934 C hergestellt  mit dieser wurden die Zeitungsseiten übertragen z.B. vom Neuen Deutschland , der Tribüne und später der Jungen Welt. Hier im Bezirk Dresden ging es an den Parteibetrieb Zentrag Druckerei beim Graphischen Großbetrieb Völkerfreundschaft in Dresden (existiert noch heute aber in anderer Rechtsform , druckt u.a. die Sächsische Zeitung und die Morgenpost) . 

Die importierten Gerät von der Firma HELL aus Kiel hieß DC300 , Trommelscanner. Diese sind jedoch bereits ausgesondert.

Foto mit DC300 aus einer Werbebroschüre der 80iger Jahre ( Autor unbekannt) 

This article was edited 16.Oct.20 15:13 by Wolfgang Lill .

  
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