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ora: ORADYNE S536 und L636, die ungleichen Zwillinge

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Harald Giese
Harald Giese
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29.Dec.18 13:37
 
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1.   Hintergrund

Nach dem kürzlichen Erscheinen meines Artikels "Oradyne S536 and L636, the unequal twins"  wurde ich gebeten, den Beitrag ins Deutsche zu übersetzen, um ihn einer breiteren Leserschaft zugänglich zu machen.

Mitte der achtziger Jahre erwarb ich auf dem Flohmarkt in Aix-en-Provence dieses ORA Radio, einen Superhet-Empfänger mit der Röhrenbestückung  AK2, AF3, ABC1, AL3, AZ1. Trotz akribischer Suche konnte ich weder auf der Rückwand noch im Innern des Gerätes einen Hinweis auf das Modell finden.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Erfahrene Sammler französischer Radiogeräte wissen natürlich, dass sich die Modellidentifikation bei Radios des französischen Herstellers O.R.A. (ORA, ORADYNE) als schwierige Aufgabe entpuppen kann. Dies trifft insbesondere auf Modelle zu, die ORA um 1935 auf den Markt brachte. Während dieser Zeit machte es sich das Unternehmen zur unschönen Angewohnheit, seine Radios weder durch einen entsprechenden Aufdruck auf der Rückwand, noch durch ein Typenschild auf dem Chassis zu identifizieren - was später zu allerlei Verwirrung bei den Radosammlern führte. 

Da das Internet zur Zeit meines Flohmarktfundes hinsichtlich alter Radios nur wenige zielführende Informationen zu bieten hatte, beschloss ich, das Gerät zu reinigen, ins Regal zu stellen und zu warten.

Dort schlummerte es die letzten 33 Jahre bis mich kürzlich ein Freund darum bat, nach seinem nicht funktionierenden ORA Radio zu schauen. Zu meiner Überraschung zeigte dieses Gerät große Ähnlichkeit mit meinem eigenen ORA, enthielt aber zusätzlich zu den in meinem Gerät vorhandenen Röhren AK2, AF3, ABC1, AL3, AZ1 noch eine AC2 und einige weitere Komponenten, die in meinem Gerät fehlten. So wurde nach 33 Jahren mein Interesse an diesen Gerät geweckt und ich beschloß, der Sache auf den Grund zu gehen.

Unglücklicherweise sind die im Internet vorhandenen Informationen zu ORA - Geräten auch heute noch recht spärlich, aber schließlich gelang es mir doch, eine Reihe von Modellen zu identifizieren, für die ORA das gleiche Gehäuse verwendet hatte:

"S536", "S537", "SU636", "L636" and "LU636"

Das Modell "S537" war mit PHILIPS Röhren der roten E-Serie bestückt, während es sich bei den Modellen "SU636"  and "LU636" um Allstromempfänger mit einer Mischbestückung von A- und C-Röhren handelte. Trotz gleichen Gehäuses schieden diese Modelle also wegen der abweichenden Röhrenbestückung aus, und so blieben für die beiden mir vorliegenden Geräte nur noch die Modelle "L636" and "S536" als mögliche Kandidaten übrig.

Vergleicht man das Gerät meines Freundes mit den Abbildungen in RMorg, so wird unmittelbar klar, dass es sich um einen "L636" handeln muss. Komplizierter war die Identifikation meines eigenen Gerätes, letzten Endes war aber klar, dass es sich hier nur um das Modell "S536" handeln konnte.

Hier zunächst die Beschreibung meines Gerätes:

 

2   ORA Modell "S536"

Wie bereits erwähnt, gibt die Rückwand meines ORA Empfängers keinerlei Auskunft darüber, um welches Modell es sich handeln könnte. Eine Skizze zeigt die Komponentenanordung auf dem Chassis einschließlich der Röhrenbestückung: AK2, AF3, ABC1, AL3, AZ1. Die AL3 war in meinem Gerät durch eine nahezu datenäquivalente  AL4 ersetzt worden.

Nach Entfernen der Rückwand erkennt man, dass das Chassislayout im wesentlichen mit der Rückwandskizze übereinstimmt.

Aber auch hier findet sich kein Typenschild - lediglich die übliche ovale ORADYNE Plakette und die eingeprägte Fabriknummer

 

 

 

 

 


Betrachtet man die Rückwandskizze aber etwas genauer, so stösst man auf überraschende Ungereimtheiten, die im folgenden Bild mit roten Rahmen versehen wurden.

  • Im oberen linken Teil steht der Schriftzug: "LAMPES DE POSITION", der besagt, dass hier am äußeren Skalenrahmen Lampen für die Anzeige des eingestellten Wellenbereichs vorhanden sein sollten.
  • Im oberen rechten Teil befand sich ein Schriftzug, der ausradiert wurde.
  • Ein weiterer gelöschter Aufdruck lag zwischen Elektrolytkondensator 8MF und dem ZF-Filter (Tr. MF.)

Bei genauerer Betrachtung erkennt man die ursprüngliche Beschriftung:

Der Schriftzug rechts oben lautete: "REGLAGE VISUEL", was bedeutet, dass hier am Skalenrahmen ein Abstimmanzeige-Instrument (Schattenzeiger) befestigt sein sollte.

Bei dem entfernten Aufdruck unter dem Elektrolytkondensator handelte es sich um einen Kreis mit der Inschrift AC2 - also eine Röhrenposition.

Wie man aber auf dem folgenden Bild erkennt, zeigt der Skalenrahmen in meinem Gerät keinerlei Spuren, die auf eine Befestigung der Wellenbereichslampen bzw. eines Schattenzeigers hindeuten würden.

Ein Bild des Wellenschalters zeigt, dass hier einige Lötösen offensichtlich für das Umschalten der Wellenbereichslampen vorgesehen, aber nie benutzt wurden.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das Fenster auf der von vorne gesehenen linken Seite der Zelluloid-Skalenscheibe, hinter dem der Schattenzeiger  sitzen sollte, zeigt lediglich das Firmenlogo ORA, die 4 kleinen runden Fenster auf der rechten Seite zeigen Kürzel der verschiedenen Wellenbereiche. Das Zelluloid der 4 runden Fensterflächen war ursprünglich unterschiedlich eingefärbt: OC (KW) ⇒ grün, PO (MW) ⇒ gelb, PU (Toabnehmer) ⇒ transparent, GO (LW) ⇒ rot. Heute kann man die ehemaligen Farben nur noch erahnen. Damit der Radiohörer nicht raten musste, welchen Wellenbereich er gerade eingestellt hatte, trug der Bedienknopf des Wellenschalters den Fensterfarben entsprechende Farbmarkierungen.


 

Die Chassisausstanzung, in der die Fassung der AC2 sitzen sollte, ist in meinem Gerär durch eine Aluminium-Blende verschlossen worden. Zu beachten ist hierbei, dass das Aluminiumblech mit den gleichen Nieten am Chassis befestigt wurde, wie die anderen Röhrenfassungen. Dies lässt den Schluss zu, dass es sich hier um keine nachträgliche Veränderung des Gerätes handelt, sondern um eine bereits in der Fertigung vorgenommene Modifikation.

 

Was wollen uns diese Dinge sagen? Offensichtlich hat die Firma ORA aus Gründen der Rationalisierung  für 2 sehr ähnliche Modelle nicht nur das gleiche Gehäuse, sondern auch das gleiche Chassis und die gleiche Rückwand verwendet:

Modell 1:

Das ist mein oben beschriebenes Sparmodell für den schmalen Geldbeutel, das Standard 5 Röhren Modell von 1936  ⇒  "S536", in dem alle für die grundsätzliche Funktion des Radios überflüssigen Komponenten weggelassen wurden. Fehlende Komponenten wurden durch ein eingenietetes Blech bzw. durch gelöschte  Beschriftung auf der Rückwand kaschiert.

und für

Modell 2:

Das Luxus' 6 Röhren Modell von 1936  ⇒ "L636" mit (i) Wellenbereichs-Anzeigelampen, (ii) einer Abstimmanzeige und (iii) einer zusätzlichen Triode AC2, welche wie später gezeigt wird, zur Ansteuerung des Schattenzeigers verwendet wird.

NB: Wie man in dieser Anzeige von 1936 sehen kann, verwendete ORA häufig den Kennbuchstaben "S" für die "abgemagerte" Standardversion eines Modells, und "L" für die Luxusversion mit diversen Extras.


Wie sah nun die Luxusversion "L636" aus? 

 

3   ORA Modell "L636"


 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der eingestellte Wellenbereich ist PO = MW (2. Fenster von oben), die Blende des Schattenzeigers steht ungefähr mittig. Lesern die mehr über die Funktion und den Aufbau von Schattenzeigern und anderen Abstimmanzeige-Instrumenten wissen möchten, sei die sehr umfangreiche Abhandlung in RMorg empfohlen.

 

     "S536" Chassis von oben                                         "L636" Chassis von oben

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Eine Nahaufnahme des Skalenrahmens im "L636":


 Die Anzeigelampen für den eingestellten Wellenbereich             Der Schattenzeiger

Abgesehen von den Wellenbereichs-Anzeigelampen und dem Schattenzeiger unterscheiden sich die Chassis der beiden Modelle auch durch die Größe des verwendeten Lautsprechers:

  "S536"     Lautsprecher d = 21 cm                                      "L636"    Lautsprecher d = 24 cm        

 

Auch das nebenstehende Bild zeigt, dass für die Modelle "S536" und "L636" das gleiche Grundchassis verwendet wurde. In der Chassisvorderkante sieht man 2 Löcher, die im "L636" für die Lautsprecherbefestigung verwendet wurden, im "S536" aber unbenutzt sind.

 

 

 


 

4   Vergleich der Verdrahtung der ORA Modelle "S536" and "L636"

Das erste Bild zeigt einen Übersichtsvergleich der beiden Modelle.

              "S536"                                                                         "L636"

Abgesehen von geringfügigen Unterschieden in der Leitungsführung und der Anordnung mancher Bauelemente sowie der AC2 Fassung ist die Verdrahtung der beiden Modelle identisch. Das wird noch deutlicher in der folgenden Detailaufnahme.

                  "S536"                                                                              "L636"

Die folgenden 2 Bilder zeigen die einzigen Unterschiede in der Chassisverdrahtung:

                "S536"                                                                     "L636"

Im Fall des "L636" trägt die kleine Pertinax-Lötösenplatte neben der AC2 Position 2 Widerstände, die im "S536" fehlen (rot umrandet). Hierbei handelt es sich um den Kathodenwiderstand der AC2 in Höhe von 2 kΩ und ihren in Reihe mit dem Schattenzeiger geschalteten Anodenwiderstand von 60 kΩ. Details der Schaltung zeigt der folgende Abschnitt. 


 

5   Das Schaltbild

Das Schaltbild der beiden Geräte wurde nicht vollständig neu gezeichnet, sondern das des ORADYNE "R57" aus "Schémathèque toute la radio" als Vorlage verwendet und wo notwendig umgezeichnet.

Abgesehen von der Verwendung einer anderen Lautsprecher-Endröhre (AL1 im "R57" anstelle AL3 im "S536" und "L636") und einigen kleineren Unterschieden in Komponentenwerten und Verbindungen sind die Schaltbilder sehr ähnlich.

Das hier gezeigte Schaltbild gibt die Verdrahtung der beiden mir vorliegenden Geräte "S536" und "L636" wieder, wobei ich mir ziemlich sicher bin, dass diese nicht von Vorbesitzern modifiziert wurden.

Man sieht das typische Layout von Superhetgeräten um die Mitte der dreißiger Jahre mit einem Bandfilter-Eingang, einem Oktoden-Mischer, einer Regelpenthode im ZF-Verstärker, einer Duodiode/Triode im Demodulator/Nf-Vorverstärker und einer Lautsprecher-Penthode der neuesten Generation.

Das einzige Detail, in dem sich die Schaltungen von "S536" und "L636" unterscheiden, ist der Schattenzeiger mit seiner Steuerröhre AC2 und deren Beschaltung. Diese zusätzlich im "L636" vorhandenen Komponenten wurden im Schaltbild rot eingerahmt

Es existieren keinerlei Bauteile, mit deren Hilfe sich die Nullstellung bzw. die Ansprechempfindlichkeit des Schattenzeigers einstellen liesse. Bei Ersatz einer verbrauchten AC2 durch eine neue werden sich diese Parameter ändern, ohne dass man die Möglichkeit hat, hier etwas nachzujustieren. Offenbar hat man das Mitte der dreißiger Jahre als weniger wichtig angesehen, als die Tatsache, dass man überhaupt eine optische Abstimmhilfe hatte. 


Mein Dank geht an Dietmar Rudolph und Hans Knoll für wichtige Korrekturen und hilfreiche Kommentare.

This article was edited 02.Mar.20 14:23 by Harald Giese .

  
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