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Einstieg von Philips in den Radio- und Röhrenmarkt

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Rüdiger Walz
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22.May.20 18:04
 
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Einstieg von Philips in den Radio- und Röhrenmarkt  - speziell Deutschland.

Zusammenarbeit Philips - Lorenz 1927 – 1931

Einleitung

In der hier im Radiomuseum abgehandelten Philips Firmengeschichte kommt das Kapitel des Einstiegs von Philips als Glühlampenhersteller in den Radio- und Röhrenmarkt - speziell in Deutschland ein wenig zu kurz, daher nachfolgend einige Details dieser faszinierenden Geschichte. Sie basieren auf der am Ende genannten Literatur.

Die 1920er Jahre waren für die Radioindustrie nicht nur in Deutschland eine „Sturm und Drangzeit“ und es herrschte „Goldgräberstimmung“. Nach der Inflation und Einführung des Unterhaltungsrundfunks mit Eröffnung des ersten Senders in Berlin am 29.10.1923 und folgend in 1924/25 mit Eröffnung weiterer Sendegesellschaften entwickelte sich in Deutschland ein rasant wachsender Consumer-Markt. Das gleiche galt weltweit.

Der Markt für Unterhaltungsrundfunkgeräte war durch den Patentbesitz von Firmen, die sich bereits im Ersten Weltkrieg im kommerziellen Bereich elektrotechnisch und funktechnisch betätigt hatten limitiert. Die Schlüsselpatente erstreckten sich auf die Funktechnik und die Konstruktion von Elektronenröhren.  Zu diesen Firmen gehörten vor allem in Deutschland Telefunken (Mutterfirmen Siemens und AEG, Röhrenbau: Osram), Lorenz und Huth. In Frankreich war es Compagnie Générale de Télégraphie Sans Fil (CSF) und in USA die RCA (Radio Corporation of America, in die die American Marconi einfloss; Mutterfirma war General Electric). Gerade die Bildung der RCA in USA zeigt das hohe nationale Interesse der einzelnen Regierungen an einer Bündelung der Patente um optimale Funkstationen und Gerät ungehindert bauen und vertreiben zu können. In Großbritannien hatte Marconi die Schlüsselpatente inne. Die Firmen RCA, Marconi, CSF und Telefunken bildeten das sogenannte AEFG (America, England, France, Germany) Patentaustausch-Kartell für Elektronenröhren und hatten den Weltmarkt unter sich aufgeteilt.

Philips Eintritt in den Röhrenmarkt

Philips als Glühlampenhersteller hatte seit 1921 Anfragen zur Produktion von Elektronenröhren erhalten, hatte aber bald feststellen müssen, dass sie lediglich sub-Kontraktor bleiben würden und es ihnen nicht erlaubt sein würde Röhren selbst unter der Marke „Philips“ zu verkaufen. Andererseits stellte das Marketing einen stark wachsenden Bedarf und die Entwicklung eines neuen Marktes fest, der Philips eine Diversifizierung zusätzlich zu den Glühlampen erlauben würde.

Firmen wie Telefunken, CSF oder RCA waren vor allem Vertriebsfirmen, die Röhren und Funkgeräte bei ihren Mutterfirmen produzieren lassen mussten. Die Trennung von Verkauf, Entwicklung und Produktion in verschiedene Firmen bremsten den Erfolg im stark wachsenden und innovativen Rundfunkmarkt. Die Belieferung mit Röhren durch Philips ermöglichte diesen Firmen, sofern durch die Mutterfirmen erlaubt, eine gewisse Flexibilität ohne selbst in Produktionsanlagen oder Entwicklungslabors investieren zu müssen.

Philips schloss 1922 mit der AEFG einen Vertrag, der es Philips erlaubte, Röhren in den Niederlanden und niederländischen Kolonien gegen Zahlung einer Lizenzgebühr zu verkaufen. Außerdem verpflichtete sich die AEFG Röhren für den Verkauf in dieser Region von Philips zu beziehen.  Philips verpflichtete sich in Südamerika und Europe keine Röhren unter eigenem Namen zu vertreiben. 1922 umfasste der Kontrakt 100.000 Röhren pro Jahr. Ende 1922 produzierte Philips bereits 1000 Röhren pro Tag, bei damals 300 Arbeitstagen also rund mindestens 300.000 Stück/Jahr. Man arbeitete daran die Kapazität auf 3000 Stk./Tag zu erhöhen.

Dieser Kontrakt erlaubte es Philips aber auch in einigen Ländern unter eigenem Namen im Radiomarkt bekannt zu werden, zudem konnten sie durch die Massenproduktion von Röhren Knowhow sammeln und neue Entwicklungen voranbringen. Faszinierend sind die Patente von Philips aus den 1920er Jahren, die Röhrenproduktionsautomaten zeigen und das bekannteste Patent, das Philips vor allem auch beim Durchbruch im Markt half, war das Pentodenpatent von B.D.H. Tellegen. Dazu kam, dass in den Laboratorien von Philips eine verbesserte Methode der Glas-Metallverschmelzung für Senderöhren mit Hilfe von Eisen-Chrom Legierungen entwickelt wurde.

1922 war aber noch gekennzeichnet durch etliche Beschwerden über die Qualität der Röhren, vor allem aus Frankreich, was aber in 1923 behoben war.

Philips wollte aber selbst am Wachstum des Rundfunkmarktes teilhaben, daher war der Vertrag mit der AEFG mit seinem Verbot einer eigenen Vermarktung zwar ein Einstieg, aber langfristig hinderlich. Zudem gab es neben den großen Firmen zunehmend kleinere Radioproduzenten, die Bedarf an Elektronenröhren hatten. Andererseits wollte Philips seine Großkunden nicht verlieren. Behindernd kam hinzu, dass Philips mit diesen Firmen auch über das Glühlampenkartell Phoebus (u.a. RCA, General Electric (GE), Telefunken, AEG, Siemens, Osram und deren Verknüpfung mit weiteren elektrotechnischen und funktechnischen Firmen wie Marconi, GEC, Marconi-Osram Valve Co., CSF und Thomson Houston) verhandelte und verbunden war. Wie sagt man seinen wichtigsten Kunden, dass man nun zu ihnen in Wettbewerb treten möchte?

Der europäische Markt war zu dieser Zeit stark zergliedert. In jedem Land hatten Schlüsselfirmen die wichtigsten Patente, aber beileibe nicht in jedem Land reichten diese aus andere Produzenten von Röhren und Radios auszuschließen. Dazu kamen unterschiedliche Kartellgesetze und unterschiedliche Vereinigungen kleinerer Produzenten, wie z.B. der Verband der Funkindustrie (VDFI)  in Deutschland, der mit Telefunken schließlich die Bauerlaubnisverträge und damit verbundene Lizenzgebühren aushandelte. Zudem wurden in den meisten Ländern hohe Zölle auf funktechnische Importe von bis zu 30 % erhoben um die eigene Industrie zu schützen, da Funktechnik auch eine Schlüsselindustrie für die Landesverteidigung war. Nicht nur patentrechtliche und ökonomische Bedingungen hinderten den Handel, sondern auch nationalistische Aktionen wie „Buy British-made wireless sets“ in England, die durch die BBC lanciert wurde.

Philips begann 1924 Verhandlungen mit der Mullard Radio Valve Co., England, die gegen Marconi Wireless einen Röhrenpatentprozess gewonnen hatte und übernahm November 1924 50 % des Aktienkapitals und 1927 100 %. Erst 2006 wurde Mullard und andere ehemalige Röhrenfabriken der Philips in den Halbleiter-Konzern NXP-Semiconductors verkauft. (zur Geschichte von Mullard siehe auch Wikipedia).

In Frankeich begann die französische Philips Tochter „La Lampe Philips“ in offenen Wettbewerb zur Tochterfirma von CSF „La Radiotechnique“ zu treten. Der harte Wettbewerb und die Patentstreitigkeiten dauerten an bis 1931 die Firmen einen Vertrag schlossen.

Mit RCA schloss Philips bereits 1925 ein Patentaustauschabkommen, das die gegenseitige Nutzung von Patenten, Lizenzgebühren, Restriktionen in bestimmten Territorien etc. festlegte. RCA wollte mit dem Abkommen vor allen Dingen den amerikanischen Heimatmarkt vor der ambitionierten Expansionspolitik von Philips schützen. Vor allem wurde Philips in diesem Vertrag vom kommerziellen Radiotelegraphie und Radiotelefonie-Markt ausgeschlossen.

Zusätzlich transferierte Philips am 21.3.1925 alle Geschäfte in dem neuen Radiomarkt (Geräte und Röhren) auf eine separate Firma „NV Philips Radio“. Dies hatte mehrere Vorteile. Mögliche Patentprozesse würden nicht die Geschäftstätigkeit der ganzen Firma behindern, die Aktivitäten im Phoebus Glühlampenkartell könnten von anderen Vereinbarungen mit den Firmen separiert werden, die neben Glühlampen auch im Radiomarkt tätig waren und die neue Firma könnte sich besser mit optimierter Organisation und Struktur an die Gegebenheiten des Radiomarktes anpassen.

Philips im deutschen Röhren-Markt

Der Einstieg in den deutschen Markt war für Philips am schwierigsten. Neben Patentproblemen, Phoebus-Kartell-Vereinbarungen und Opposition von Telefunken hatte Philips keine Verkaufsorganisation in Deutschland im Gegensatz zu anderen Ländern, wo Philips bereits als Glühlampenfirma einen bekannten Namen hatte.

Der erste Schritt war eine Vereinbarung mit Telefunken. Nach zähen Verhandlungen verpflichtete sich Telefunken am 1.10.1925 einen bestimmten Prozentsatz seiner jährlichen Röhrenverkäufe von Philips (als Telefunkenröhren gelabelt) zu beziehen, je nach Absatzmenge bis zu 20 %. Dafür verpflichtete Philips sich für 10 Jahre keine Röhren im deutschen Markt direkt zu verkaufen oder zu bewerben. Telefunken hoffte damit den ehrgeizigen Konkurrenten erst einmal ruhig zu stellen. Ausnahme waren Gleichrichterröhren und einzelne Radiobauteile, die von der Deutschen Philips Gesellschaft GmbH vertrieben wurden.

Parallel dazu stieg Philips in den Röntgenröhrenmarkt ein. Da Philips zwischen 1922 und 1924 eine neue Röntgenröhre mit Metallkörper („Metalix“) entwickelt hatte, suchte sie entsprechende Partner für den Vertrieb dieser neuen Röhre in mehreren Ländern. Der Markt war konservativ, daher sollte es eine bereits etablierte Firma im Röntgenröhrengeschäft sein. Die Wahl für Deutschland fiel auf C.H.F. Müller, die 1865 in Hamburg  von dem Glasbläser Carl Heinrich Florenz Müller gegründet worden war und seit 1896 Röntgenröhren herstellte. Im Ersten Weltkrieg hatte C.H.F. Müller auch Elektronenröhren hergestellt. Seit 1909 gehörte die Firma dem Chemiker Max Liebermann und war 1924 in finanzielle Schwierigkeiten geraten. Philips lieh C.H.F. Müller 1.050.000 Reichsmark gegen Erhalt von 25 % des jährlichen Profits und mit der Option den Kredit in eine 50 %ige Beteiligung umzuwandeln und im Falle des Ausscheidens von Liebermann die Firma zu 100 % zu übernehmen.

April 1924 hatte Liebermann die Produktion von Elektronenröhren in eine separate Tochterfirma „Radio-Röhrenfabrik Hamburg (RRF)“ ausgegliedert. Siehe hier.  März 1925 wurde in einem Vertrag festgelegt, dass Philips gegen 50 % des Profits technische Unterstützung für RRF durch ihre Forschungslabors leisten würde.

Der Einstieg über C.H.F. Müller und RRF hatte für Philips mehrere Vorteile. C.H.F. Müller war bereits ein bekannter Name im Röntgenröhrenmarkt und besaß eigene Patente bzw. war durch eigene  Vorbenutzungrechte nicht von Patenten der AEG oder Siemens im Röntgenröhren und Elektronenröhrenbereich betroffen. Philips war allerdings mit der Zusammenarbeit vor allem auf dem Röntgenröhrenbereich nicht zufrieden und so kam es bereits am 4.5.1927 zu einer 100 % Übernahme aller Anteile an C.H.F. Müller und RRF.

1926 wurde für die bei der RRF gefertigten Röhren der Handelsname „VALVO“ und 1927 das VALVO-Zeichen eingeführt. (Siehe: Valvo Logos im Wandel der Zeit) Erst ab 1927 bürgerte sich umgangssprachlich der Name „Valvo Radioröhrenfabrik“  in der Öffentlichkeit ein, der offizielle Name blieb aber weiterhin Radioröhrenfabrik GmbH, Hamburg.

RRF hatte sich unter dem Manager Theodor Graf von Westarp seit 1924 allerdings gut entwickelt und war wesentlich flexibler, kommunikativer und innovativer als die Mutterfirma C.H.F. Müller. Man schätzt den Anteil von RRF in den 1920er Jahren am deutschen Röhrenmarkt auf 20 %, zusammen mit den Verkäufen von Philips-Röhren über Telefunken hatte Philips damit einen Anteil von ca.40 % (!) am deutschen Elektronenröhrenmarkt erarbeitet. Im europäischen Markt waren es 1930 sogar rund 56 %, gefolgt von Telefunken (23 %), britische Hersteller ohne Mullard (11 %), französische Produzenten (7 %), der Rest von 3 % wurde von Tungsram (HU), Schrack (AU) und Marelli (Italien) abgedeckt.

Philips im Radiomarkt

Seit 1925 hatte Philips begonnen Zubehör für den Radiomarkt zu produzieren wie Netzanoden, Lautsprecher, Übertrager und Gleichrichter. Die Vertriebsorganisation war gegenüber dem Einstieg in die Radioproduktion zurückhaltend. Man wollte seine großen Röhrenkunden nicht verärgern. Da die Patentsituation für Radioproduzenten oder Importe in jedem Land anders und im europäischen Markt recht komplex war, zögerte man in Eindhoven bis 1925 mit der Entscheidung und es dauerte bis 1927 bis eine Radio-Produktion begann. Auch hier ging man wieder den Weg eine Firma zu akquirieren, die bereits Erfahrungen mit der Radioproduktion und Vermarktung hatte.

Philips übernahm 27.7.1926 die Aktien der Nederlandsche Seintostellen Fabriek (NSF), die nicht sonderlich erfolgreich im Radiobereich war, aber über eine Lizenz für Patente von Marconi Wireless, England verfügte. Marconi hatte die Lizenz gegen Aktienanteile an NSF vergeben und es benötigte einige Verhandlungen, damit Philips auch nach Übernahme darüber verfügen konnte. Am 6.9.1927 wurde das erste Philips-Radio, der Typ 2501  (für AC, 2502 für DC), auf der Messe in Utrecht präsentiert. Er hatte zwei Kreise, eine Hf-Tetrode und als Endröhre eine Penthode. Damit hatte er für seine geringe Röhrenzahl damals eine bemerkenswerte Leistung. Anfangs wurde eine Hf-Tetrode C142 mit Kurzfadenheizung, eine Triode F215 (Audion) mit indirekter Heizung 2,5 V und eine Pentode D143, Kurzfadenröhre 1V direkt geheizt verwendet. Das eingebaute Netzteil mit Gleichrichter lieferte nur die Heizspannungen und Gittervorspannungen. Die Anodenspannungen lieferte das externe Netzteil Typ 372. Es war die Zeit des Übergangs von Batteriegeräten zu Netzgeräten, die Röhren sind aus heutiger Sicht exotisch und erfüllte noch nicht die Vision von Anton Philips eines „all-electric sets“, das im Gegensatz zu den bis dahin produzierten Radios für den Konsumenten einfach zu installieren und zu bedienen sein sollte. Das wurde erst mit dem 2511 und 2514 erreicht, die einfach nur an die Steckdose angeschlossen werden mussten.

Der Einstieg in den Radiobau gestaltete sich für Philips äußerst erfolgreich, man hatte mit dem Konzept eines Netzgeräts und den technischen Möglichkeiten der Tetroden, Pentoden und indirekt geheizten Röhren genau den richtigen Zeitpunkt getroffen. Massenproduktion erlaubt es für den Markt akzeptable Preise zu gestallten und die Geräte waren mit einem Verkauf von 51.653 Stück in 1928 ein voller Erfolg und erforderten bald eine Erweiterung der Produktionskapazitäten sowohl für Radios als auch für Röhren. Die Produktionsfläche in Eindhoven wuchs von 1926 von 130.845 qm um zusätzliche 150.000 qm bis 1930. Außerdem wurden acht neue Fabriken mit einer Gesamtfläche von 67.000 qm in Großbritannien, Deutschland, Polen Spanien, Belgien und Italien gebaut. Von 1927 bis 1930 wuchs das Personal in Eindhoven von rund 8000 auf 22.600. Gleichzeitig wurden in etlichen Ländern eigene Vertriebsfirmen aufgebaut, da Philips aufgrund der Beschränkungen im Phoebus Glühlampenkartell noch nicht unbedingt in jedem europäischen Land präsent war.

1930, als bereits der Konsolidierungsprozess in der Radioindustrie eingesetzt hatte, wurden in UK 650.000 (120 Firmen), in Deutschland 800.000 (36 Firmen) und in USA 3.800.000 (83 Firmen) Geräte produziert. Philips hatte mit in diesem Jahr verkauften 293.000 Geräten bereits einen signifikanten Anteil und gehörte damit mit zu den führenden Produzenten.

Die vorhergehenden Ausführungen zeigen, dass Philips in den 1920er Jahren eine klare Diversifikations-, Innovations-  und Expansionsstrategie hatte und diese auch konsequent mit Erfolg verfolgte. Fokus hier liegt zuerst einmal auf dem Radiomarkt, aber Philips hatte auch Pläne in den Markt für „alle elektrischen Consumer-Massenprodukte, wie Staubsauger, Toaster, Kühlschränke etc.“ einzusteigen (Verhandlungen mit General Electric 1928).

Philips im deutschen Radiomarkt

Deutschland war für den Philipskonzern  der viertgrößte Absatzmarkt, wobei dieser Rang fast ausschließlich auf Elektronenröhren beruhte. Glühlampen und Radiogeräte wurden aufgrund der Kartell- und Patentsituation gar nicht, beziehungsweise kaum verkauft. Anders sah die Situation in den Ländern Rang 1-3 aus. In Großbritannien (Nr. 1), Niederlande (Nr. 2) und Frankreich (Nr. 3) hatten alle drei Produktbereiche signifikante Umsätze in gleicher Größenordnung (Zahlen 1930). Man kann sich vorstellen, dass gerade der deutsche Radiogerätemarkt in den strategischen Fokus von Philips geriet.

Der deutsche Radiomarkt wurde aufgrund der Patentsituation von Telefunken dominiert. Ohne Bauerlaubnis konnte kein Geräteproduzent seine Produkte vermarkten. Lizenzzahlungen und Kontingente wurden vom Verband der Funkindustrie, VDFI, für seine Mitglieder ausgehandelt. Das Verhältnis von Philips und Telefunken kann aufgrund des Konkurrenzkampfes auf dem internationalen Markt als feindlich bezeichnet werden.

Wie oben erläutert hatte Philips im Mai 1927 die Radio Röhren Fabrik Hamburg (RRF) übernommen. Ursprünglich hatte Telefunkens Direktor Schapira RRF mündlich zugesagt Radiogeräte produzieren zu dürfen. Diese Zusage wurde nach der Übernahme durch Philips zurückgezogen, dennoch begann Philips in Hamburg im Laufe des Jahres 1928 Radiogeräte (RRF 1 entspricht dem Philips 2515) zusammenzubauen und präsentierte sie auf der Berliner Funkausstellung. Telefunken klagte gegen Philips und initiierte damit einen langen juristischer Streit von 1928 – 1931.

Als zweiten Schritt hatte Philips im Dezember 1928 signifikante Anteile von Lorenz übernommen. Lorenz hatte durch seinen Patentbesitz eine gute Position und war im Funkverband neben Telefunken ein wichtiger Lizenzgeber. Philips ging davon aus, dass Lorenz daher unbeschränkt Radios produzieren könne, die über die Deutsche Philips Gesellschaft (DPG) vertrieben werden könnten. Neben Telefunken war auch Siemens nicht erfreut über die Übernahme von Anteilen, da Lorenz auch im Telefoniebereich eine wichtige Rolle spielte. C.F. Siemens persönlich soll mehrfach versucht haben den Vertragsabschluss Philips-Lorenz zu verhindern, und Philips wurden große Summen zur Kompensation angeboten, trotzdem blieb Philips bei seiner Strategie für den deutschen Markt.

In Berlin Tempelhof wurde unter dem Ingenieur Th. Tromp eine Produktionsstraße aufgebaut. Hier wurden der „Paladin 5“ (= RRF 1 = Philips 2515), „Paladin 20“ (=Philips 2514) und der „Hochmeister“ (= Philips 2511) basierend auf Philips Design teilweise aus Bauteilen aus Eindhoven aufgebaut. Weiterhin produzierte Lorenz eigene Entwicklungen wie den "Ordensmeister" und "Völkerbund". Das erklärt die grundsätzlichen Unterschiede in der Konstruktion dieser Geräte. Die Geräte waren mit Philips Gleichrichterröhren bestückt und wurden ohne Röhren angeboten. Siehe Hier. Das folgende Bild zeigt die Prüfung des Paladin 5 im Lorenz Werk 1, Berlin-Treptow (aus Festschrift 50 Jahre Lorenz)

 

Telefunken verklagte die DPG wegen Patentverletzung und appellierte an das Schiedsgericht (des Funkverbandes ?) , dass Lorenz seine Belieferung der DPG einstellen müsse. Das Schiedsgericht stellte fest, dass Lorenz keine Geräte an die DPG liefern dürfe, die gleichzeitig Philips Design haben, zum festen Preis an DPG abgegeben werden und unter Philips Markennamen vertrieben werden. Philips versuchte diese drei gleichzeitigen Bedingungen zu umgehen, indem sie bestätigte, dass nicht alle drei Bedingungen erfüllt seien dadurch dass DPG die Gräte in Kommission von Lorenz bezog.

Um Ordnung in diese Konfusion zu bringen kündigte Telefunken den Lorenz – Telefunken Vertrag vom 1.2.1927, der ein Verbot des Röhrenbaus für Lorenz und die Erlaubnis Radiogeräte bis 10.000 Stück/Jahr zu bauen enthielt. Daraufhin protestierte Lorenz vor dem Schiedsgericht gegen die Kündigung des Kontraktes und bat gleichzeitig um Bestätigung des vorhergehenden Urteils. Außerdem klagte Lorenz vor dem Kartellgericht mit einem ähnlichen Anspruch. Nachdem das Schiedsgericht vergeblich versucht hatte einen Kompromiss auszuhandeln, wurde Telefunken verurteilt die Kündigung des Vertrages mit Lorenz zurückzunehmen, gleichzeitig durfte Lorenz aber Philips nicht mehr beliefern. Damit verlor die Beteiligung an Lorenz ihre Grundlage und Philips verkaufte die Anteile an die International Telegraph & Telephone Co. (ITT) am 5.5. 1930.

Der Rechtsstreit zwischen Lorenz/Philips vor dem Kartellgericht ging jedoch weiter. Lorenz war verpflichtet weiter die DPG zu unterstützen. Das Kartellgericht war der Meinung, dass telefunken ein unzulässiges Monopol aufbaute und gab am 16.3.1931 der DPG recht. Es bestand nun die Gefahr, dass Philips in weiteren Prozessen eine Kompensation von 7,5 Mio RM beanspruchen könnte gegen eine Risiko von 600.000 RM Prozesskosten. Das führte zur Kompromissbereitschaft auf Telefunken-Seite und mündete am 24.11.1931 in den „Gerätevertrag“ und „Röhrenvertrag“, die sehr aufwändig und kompliziert Lizenzen und Kontingente für Röhren und Geräte regelten.

Zusammengefasst war Philips vom 1.10.1935 an nun erlaubt Röhren unter dem eigenen Namen zu vertreiben und ab 1.9.1934 durfte Philips Radiogeräte in Deutschland unter eigenem Namen verkaufen.

In anderen Ländern erwarb Philips an Unternehmen der Radiobranche ebenfalls Anteile und ähnliche Kontrakte wurde abgeschlossen, deren Erläuterung aber hier zu weit führen würden. Abschließen muss festgestellt werden, dass Philips erfolgreich von einem „Niemand“ im Radiomarkt 1926 bis Anfang der 1930er Jahre zu einem „Global Player“ geworden war. Mit 200.000 Geräten 1929 und 670.000 Geräten in 1934 gehörte Philips zur Spitzengruppe der Geräteproduzenten und hatte damit ca. 18% des erreichbaren globalen Marktes (außer USA, Canada, Japan und Deutschland).

Literatur:

I.J. Blanken, The History of Philips Electronics N.V. Volume 3+4, European Library, Zaltbommel, 1999

Gustav Lucae, 40 Jahre Rundfunkwirtschaft in Deutschland 1923 – 1963, Eigenverlag der IGR (Interessengemeinschaft Rundfunkschutzrechte vorher Verband der Funkindustrie, VDFI)

Eric P. Wenaas, Radiola, The Golden Age of RCA, Sonoran Publishing, Chandler, Arizona 2007

Winfried B. Lerg, Die Entstehung des Rundfunk in Deutschland, Verlag Josef Knecht, Frankfurt/M. 2. Auflage 1970

Hans Bredow, Im Banne der Ätherwellen Band 1, Mundus Verlag Stuttgart, 1954

Lorenz Historie , ohne Namen (Siegfried Panzer ?), unveröffentlichtes Manuskript, 1979

50 Jahre Lorenz 1880 – 1930, Festschrift der C. Lorenz Aktiengesellschaft, Berlin. 1930

75 Jahre Lorenz 1880 – 1955, Festschrift der C. Lorenz Aktiengesellschaft, Stuttgart. 1955

Rüdiger Walz
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24.May.20 12:20

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Bereits Juni 1918 erschienen erste Röhren von Philips auf dem Markt. Propagiert wurden sie aber von der Nederlandse Radio-Industrie, NRI, einer Firma, die von dem bekannten holländischen Radio- und Rundfunkpionier  H.H.S. à Steringa Idzerda gegründet wurde.

Für NRI wurde eine Reihe von Röhren auf eher experimenteller Basis gebaut und mit dem Label „Philips-Ideezet“ vertrieben. (I.J. Blanken, History of Philips Vol.. 3)

Wie oben erwähnt stieg Philips ab 1922 in die Massenfertigung von Elektronenröhren für andere Firmen ein. Hier war es notwendig eine eigene Fertigungsstrasse für Elektronenröhren aufzubauen. Es standen Kontrakte zuerst über 5000 TM Röhren für die belgische Regierung und dann eine Abnahme von 5000 Röhren/Monat (!) durch Société Indépendabnte de Télégraphie sans Fil (SIF) im Raum. Der erste Kontakt für eine Lohnfertigung für SIF wurde am 24. August 1922 unterzeichnet.

Die folgende Liste (vielen Dank an E. Erb)  gibt einen Überblick über die frühen Philips-Ideezet Röhren .

Name

Maker

Year

User

Usage

Type

Base


A_Philips

Philips; E

1919

 

Detector

Gas Trio

Edison

B_Philips

Philips; E

1919

 

Detector

Gas Trio

Edison

C_Philips

Philips; E

1919

 

Detector

Gas Trio

Edison

Q_Philips

Philips; E

1921

  

Space Ch

Europe

B-I

Philips; E

1922

  

TRIODE (

Europe

B-II

Philips; E

1922

 

Universal

Triode,

Europe

B-III

Philips; E

1922

  

TRIODE (

Europe

C-I

Philips; E

1922

  

Gas Trio

Edison

F_Philips

Philips; E

1922

  

Triode,

Europe

X-ray_Philips

Philips; E

1922 ??

Industrial

 

X-ray tu

SPECIAL

  
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